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04.05.2010 - Barbara Stamm: Erklärung zum 65. Jahrestag der Befreiung der Konzentrationslager in Dachau und Flossenbürg
Verehrte Kolleginnen und Kollegen,meine Damen und Herren!
Vor wenigen Tagen jährte sich zum 65. Mal die Befreiung der Konzentrationslager in Flossenbürg und in Dachau.
Am 23. April 1945 befreiten amerikanische Truppen die 1.500 verbliebenen schwer kranken Häftlinge in Flossenbürg. Sechs Tage später erlebten dann auch die 32.000 Überlebenden in Dachau das Ende von Hunger, Erniedrigung, Folter und Todesangst.
Einer von ihnen war der in München geborene französische Historiker Joseph Rovan. Er beschrieb später in seinem Buch „Geschichten aus Dachau“ die überwältigende Freude, als plötzlich am Nachmittag ein Jeep in dem nun weit geöffneten Eingangstor des Konzentrationslagers stand.
Mit bewegenden Worten gibt Rovan seine Empfindungen wieder, als ihm und seinen Kameraden endlich die Freiheit geschenkt wurde (ich zitiere):
„Jetzt, da es keinen Grund mehr gab, Angst zu haben, spürte ich eine große Leere in mir, eine abgrundtiefe Erschöpfung, aus der ich, wie mir schien, nie mehr würde auftauchen können. Ich ließ den Lärm, die Freudenschreie, den Trubel, das Stöhnen der Kranken und das Röcheln der Sterbenden hinter mir, begab mich in die Kapelle und ließ mich in der Dunkelheit nieder, die mir im Licht einiger weniger Kerzen noch undurchdringlicher schien. Ich setzte mich und atmete langsam durch, um meinen Herzschlag zu beruhigen. Ich glaube nicht, dass ich wirklich gebetet habe, ich habe auch an nichts Bestimmtes gedacht. Ich lauschte einfach in die Stille hinein, die nach und nach die Leere durchdrang. Es war wie ein kurzer Augenblick der Gnade.“
Beim Lesen dieser Worte können wir vielleicht etwas von dem erahnen, was die Befreiung damals für die Häftlinge bedeutet haben muss. Je länger jedoch die Gräueltaten zurückliegen, die sich in den Jahren zuvor hinter den Mauern und Zäunen der Konzentrationslager ereignet haben, umso mehr drohen sie aus dem Blick zu verschwinden. Gerade deshalb müssen wir jedem einzelnen Opfer sein Gesicht und seinen Namen zurückgeben, damit die Erinnerung an ihr Schicksal nicht in Vergessenheit gerät. Der Bayerische Landtag leistet dazu auf verschiedene Weise seinen Beitrag.
Ich nenne einige Beispiele:
Seit drei Jahren erinnern eine Gedenktafel und eine umfassende Dokumentation im Kreuzgang an die Parlamentarierinnen und Parlamentarier, die 1933 im Bayerischen Landtag mutig gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt haben und durch das NS-Regime verfolgt und in Konzentrationslagern gequält wurden.
Neben dem Gedenkplatz steht heute und an den kommenden drei Tagen das Kunstwerk „Die goldene Stahlblume“. Es ist ein Symbol der Bitte um Vergebung, eine Ehrenbezeugung für die ermordeten, unschuldigen Menschen, aber auch ein Zeichen der Versöhnung und des Neubeginns. Die Schöpferin dieses eindrucksvollen Exponats ist die Künstlerin Barbara Alfen, die ich auf der Besuchertribüne begrüßen darf. Ich danke Ihnen, Frau Alfen, sehr herzlich, dass Sie uns Ihr Kunstwerk vorübergehend zur Verfügung stellen.
Des Weiteren werde ich übermorgen eine Gruppe ehemaliger Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau im Bayerischen Landtag zu einem Empfang und einem gemeinsamen Essen begrüßen. Diese Geste ist mir besonders wichtig, denn ich meine, es gehört sich, dass das oberste Verfassungsorgan den letzten Augenzeugen von damals seine Achtung und seinen Respekt erweist.
Ich habe unlängst in einem Gespräch mit dem Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Herrn Kollegen Karl Freller, sowie Vertretern der bayerischen KZ-Gedenkstätten erörtert, wie wir künftig die Veranstaltungen zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar gestalten wollen. Wir waren uns einig, dass wir die Gedenkfeiern in Zukunft gemeinsam mit der Stiftung durchführen wollen, und wir werden uns überlegen, wie wir dabei auch die Gedenkstätten besser mit einbeziehen können.
Die Stiftung hat – wie Sie wissen – die KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg übernommen und pflegt sie als Mahnmale gegen das Vergessen, als Orte des Erinnerns und Gedenkens, aber auch als Lernorte besonders für die junge Generation. Der Landtag hat schon vor Jahren die Weichen dafür gestellt, dass die Fahrten von Schulklassen zu den bayerischen KZ-Gedenkstätten Zuschüsse erhalten.
Es ist ganz besonders wichtig, dass vor allem die jungen Menschen erfahren, wie es damals tatsächlich war, damit sie nicht heute auf die verführerischen Parolen von extremistischen Gruppen hereinfallen.
Wir wollen und müssen die Erinnerung an das Geschehene bewahren und weitergeben. Das schulden wir unseren Kindern und Enkeln, damit sie das Grauen der Vergangenheit nicht noch einmal erleben müssen.
Wir schulden es aber auch den Überlebenden von damals. Einer von ihnen ist Herr Jack Terry, der Sprecher des Internationalen Flossenbürg Komitees, den wir 2009 mit der Verfassungsmedaille in Silber ausgezeichnet haben. Wie sehr für ihn das Vergangene immer noch präsent ist, hat er einmal so ausgedrückt (ich zitiere): „Als ich zum 50. Jahrestag der Befreiung nach Flossenbürg zurückkehrte, träumte ich in der ersten Nacht hier von meinem Vater. Das heißt, das alles begleitet einen immer. Wenn ich deshalb davon spreche, dass das Konzentrationslager Flossenbürg befreit wurde, achte ich sehr darauf, nicht zu sagen, dass ich befreit wurde. Weil ich niemals von den Erfahrungen und den Verlusten befreit werden kann. Sie sind immer gegenwärtig.“
In diesem Sinne darf ich Sie nun bitten, sich zum ehrenden Gedenken an alle Menschen, die der Willkür und der Gewalt des Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, und zu Ehren der Überlebenden von Ihren Plätzen zu erheben.
Ich danke Ihnen.

















