Bayerischer Landtag

Podiumsdiskussion „25 Jahre Deutsche Einheit“ – „Wir brauchen ein elftes Gebot: Du sollst Dich erinnern!“

Dienstag, 29. September 2015
– Von Jan Dermietzel –

Mit Fernsehbildern aus der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 eröffnete Moderator Sigmund Gottlieb beim Bürgerfest zu „25 Jahre Deutsche Einheit“ eine Podiumsdiskussion mit dem ehemaligen Kanzlerberater Horst Teltschik, dem letzten DDR-Außenminister Markus Meckel, der Journalistin und langjährigen Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz, der Bürgerrechtlerin Freya Klier sowie Günther von Lojewski, dem früheren Intendanten des Senders Freies Berlin (SFB).

Podiumsdiskussion, moderiert von BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb, mit (v.l.) Günther von Lojewski, Gabriele Krone-Schmalz, Freya Klier, Horst Teltschik und Markus Meckel. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Schnell war man sich auf dem Podium einig, dass der 3. Oktober 1990 nicht ohne den 9. November 1989 denkbar sei. Horst Teltschik erinnerte daran, wie er diesen Abend, an dem sich die Tore der Berliner Mauer öffneten, mit Bundeskanzler Helmut Kohl auf einem Staatsbesuch in Warschau verbracht hatte: „Es war damals fast unmöglich, aus dem Ostblock in den Westen zu telefonieren. Wir hatten Gerüchte gehört, dass sich irgendetwas abspielt in Berlin.“ Günther von Lojewski hatte fast alle seine SFB-Reporter und Übertragungswagen mit auf Kohls Staatsbesuch nach Warschau geschickt und stand am 9. November zunächst vor einem Personalproblem. Die laufende Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks habe an diesem Abend aber „dazu beigetragen, dass die Mauer gefallen ist“, gab sich Lojewski überzeugt. Markus Meckel nahm dies zum Anlass, unter großem Beifall des Publikums darauf hinzuweisen, es seien vor allem die DDR-Bürger selbst gewesen, die die Mauer zum Einsturz gebracht hätten. Dass all dies aber überhaupt möglich war und nicht blutig niedergeschlagen wurde, verdanke man Michail Gorbatschow, ergänzte Gabriele Krone-Schmalz. Der damalige mächtige Mann der Sowjetunion habe mit Perestroika und Glasnost erst die Grundlage geschaffen, auf der die DDR-Bürger die friedliche Revolution hätten wagen können. Für Horst Teltschik bleibt die deutsche Wiedervereinigung auch ein großer Glücksfall, „denn es ist kein einziger Schuss gefallen“. Noch im Januar 1990, wenige Wochen vor den ersten freien Wahlen in der DDR, habe man in Moskau diskutiert, ob die Sowjetunion nicht doch militärisch eingreifen solle – dies habe ihm viele Jahre später einmal der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse erzählt, berichtete Teltschik. Neben Helmut Kohl sei es dann vor allem US-Präsident George H. Bush gewesen, der zu den Treibern der Wiedervereinigung gehört habe, merkte Krone-Schmalz an. Deutschlands europäische Nachbarn seien nach zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert zunächst sehr zögerlich gewesen, die beiden deutschen Staaten wiederzuvereinigen.

Sigmund Gottlieb und Freya Klier | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Gabriele Krone-Schmalz | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Markus Meckel | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Günther von Lojewski | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Horst Teltschik, Sigmund Gottlieb, Barbara Stamm | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Vollbesetzter Senatssaal während der Podiumsdiskussion | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Was erzählen wir unseren Kindern?

Ob denn irgendjemand der Meinung sei, die deutsche Einheit sei nicht gelungen, fragte am Ende Sigmund Gottlieb. Es ginge zwar nicht allen Menschen in Deutschland wirtschaftlich gleich gut, antwortete Teltschik, das sei aber auch innerhalb des Westens nie der Fall gewesen. „In einem aber sind alle Deutschen gleichberechtigt: Sie haben Meinungsfreiheit, sie haben Redefreiheit, Pressefreiheit und Reisefreiheit.“ Meckel vermisst daher auch unter den ehemaligen DDR-Bürgern „einen gewissen Stolz darauf, sich all dies selber erkämpft zu haben“. Auch Freya Klier beklagte, dass die Menschen „viel zu schnell vergessen“. Sie forderte ein elftes Gebot: „Du sollst Dich erinnern“. Jahrestage wie das 25-jährige Jubiläum der Deutschen Einheit sollten viele Menschen zum Anlass nehmen, nicht nur zu fragen „wo wollen wir hin? Sondern auch: Wo kommen wir her? Und was erzählen wir davon unseren Kindern?“

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