Bayerischer Landtag

Bayerischer Landtag feiert 20 Jahre deutsche Einheit

Mittwoch, 29. September 2010
– Von Katja Helmö –

„Ich lasse mir durch niemanden und durch nichts meine täglich neue Freude darüber nehmen, dass wir wieder in einem Land in Freiheit und Frieden vereint sind“, betonte der frühere deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher im Plenarsaal des Maximilianeums. Dr. Sándor Peisch, der damalige ungarische Vize-Botschafter, erinnerte in der Feierstunde an die Rolle, die sein Land 1989 bei der Grenzöffnung spielte.

Repräsentanten aus Politik und Staatsverwaltung, Kirchen und dem konsularischen Korps, aber auch Schülerinnen und Schüler aus Wunsiedel und Weiden, die nach 1990 in der Grenzregion geboren sind und das geteilte Deutschland selbst nie erlebt haben, nahmen an der Feierstunde teil.

„Das ganze Deutschland in Europa“ – das war die Überschrift und der Bogen, den Hans-Dietrich Genscher in seiner mit großem Applaus bedachten Festrede spannte. Dabei stellte er klar: „Die Lasten, die wir jetzt in Solidarität zu tragen haben, sind Erblasten von 40 Jahren sozialistischer Politik.“

Stunde der Freiheit

Niemals in ihrer Geschichte seien sich die Völker Europas so einig und in ihren Gefühlen und ihren Sehnsüchten so nah gewesen wie in den Jahren 1989 und 1990. „Damals wurde Europa neu begründet“, sagte Genscher mit Blick auf die Ereignisse, die schließlich zum Fall des Eisernen Vorhangs geführt hatten. „Die Menschen in Prag und in Warschau wussten, wenn die Tore der deutschen Botschaften sich öffnen, dann ist auch die Stunde der Freiheit für die Tschechen, die Slowaken und die Polen gekommen.“

Der 83-jährige frühere Außenminister bedankte sich im Maximilianeum bei Dr. Sandor Peisch, dem früheren Botschafter der Republik Ungarn in Deutschland, für Ungarns Unterstützung bei der Wiedervereinigung: „Wir Deutschen werden dem tapferen ungarischen Volk niemals vergessen, was es damals gewagt und was es getan hat“, so Genscher.

Am 2. Mai 1989 hatte Ungarn mit dem Abbau des Grenzzauns zu Österreich begonnen. In den Wochen danach versuchten viele DDR-Bürger, trotz der noch bestehenden Grenzkontrollen, über Ungarn in die Bundesrepublik zu fliehen. Als die Fluchtwelle immer größer wurde, beschloss die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Nemeth und Außenminister Horn, den DDR-Bürgern die freie Ausreise zu erlauben. Ungarn ließ die ostdeutschen Menschen in die Freiheit, nach Westen gehen – „trotz der in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen, trotz des starken politischen Drucks seitens der DDR und anderer orthodoxen Kräfte“, berichtete Sandor Peisch, der in der damaligen ungarischen Botschaft in Bonn diese Entwicklung hautnah miterlebt hatte. „Es war eine Heldentat.“ Und: „Es war eine Sternstunde der deutsch-ungarischen Beziehungen“, so Peisch.

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .“

Die Massenfluchtbewegung über Ungarn, die Kraft und gleichzeitig die Verzweiflung der Menschen in der Prager Botschaft, hatten der Mauer den ersten schweren Schlag versetzt: „Die Mauer öffnete sich für einen Spalt, sie konnte danach nicht mehr ganz geschlossen werden“, berichtete Genscher. Der damalige Außenminister hatte am 30. September 1989 um 18.58 Uhr auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag vor mehreren tausend DDR-Bürgern den berühmten Halbsatz gesprochen: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . .“ – Weiter kam er nicht, denn die restlichen Worte waren im Jubel der ausreisewilligen DDR-Bürger untergegangen.

„Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich diese Bilder im Fernsehen sehen“, bekannte Landtagspräsidentin Barbara Stamm in ihrer Begrüßungsrede und unterstrich: „20 Jahre deutsche Einheit sind ein Geschenk und eine Leistung, die wir nicht hoch genug schätzen können." Die Menschen im Osten und Westen seien sich näher gekommen, hätten gemeinsam eine große Gemeinschaftsleistung vollbracht. Den Ostdeutschen sei dabei viel Flexibilität und Anpassungsfähigkeit im Alltagsleben abverlangt worden, während die Westdeutschen den „Aufbau Ost“ mit viel Solidarität unterstützt hätten. „Das wiedervereinigte Deutschland lebt in Frieden und Eintracht mit seinen europäischen Nachbarn und Freunden“, nannte Stamm das wichtigste Ergebnis.

 

 

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