Bayerischer Landtag

Der politische Aschermittwoch – Rückblick auf die Anfänge

 

Dienstag, 4. März 2014
– Von Dr. Peter Jakob Kock –

Seit jeher hat bayerische Politik ein Zuhause auch im Bierkeller. Der jährliche Höhepunkt  von Wirtshausspektakel samt Politikfolklore ist der Aschermittwoch in Niederbayern. An der der Zeitenwende von Fasching und Fastenzeit kommt von dort Kunde, wie Bayerns Parteien die Welt sehen, im Freistaat, auf nationaler und internationaler Ebene. Heuer treffen sich die Grünen wieder in Landshut, die FREIEN WÄHLER erneut in Deggendorf und, inzwischen Tradition, die Sozialdemokraten in Vilshofen sowie die CSU-Anhänger in Passau.

Der Aschermittwoch in Vilshofen hat durch seine Verbindung mit den Viehmärkten eine jahrhundertealte Tradition. Die Bauern nutzten den Feiertag zum Handel, zum geselligen Beisammensein bei Bier und Brotzeit, und natürlich zum Diskutieren. Richtig politisch wurde es erst 1919, als am 5. März, elf Tage nach der Ermordung von Ministerpräsident Eisner, der Bayerische Bauernbund in Vilshofen zu einer „Großen Volksversammlung“ im Wieninger-Saal aufrief. Das war der Auftakt für jährliche Veranstaltungen, bei denen sich nicht nur der radikale Bauernbund, sondern bald auch der konservative Christliche Bauernverein zu Wort meldete. Mit dem Auftreten der Bayerischen Volkspartei l932 wurde Vilshofen zur politischen Bühne für ganz Bayern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die junge Bayernpartei die Tradition fort, die am Aschermittwoch 1946 in Vilshofen ihren Ortsverband gründete. Bayernweit Beachtung fand der Politische Aschermittwoch des Jahres 1953, mit dem seine „moderne“ Geschichte beginnt. Für die Bayernpartei, die 1950 stimmenmäßig die CSU überflügelt hatte, sprach ihr Vorsitzender Josef Baumgartner im überfüllten Konzertsaal. Sein Kontrahent war der 37-jährige Franz Josef Strauß, stellvertretender CSU-Vorsitzender, der vor 400 Gästen im Wolferstetter Keller auftrat. In den Folgejahren war der Politische Aschermittwoch stets der Tag der erbitterten Abrechnung zwischen Bayernpartei und CSU, die ja beide in Altbayern
um die Gunst der ländlichen konservativen Wählerschaft buhlten. Das jährliche Duell zwischen dem „Baumgartner Bepperl“ und dem CSU-Jungstar und Bundesminister Strauß wurde auch deshalb legendär, weil bei den Auftritten Parteiboten zwischen dem Wolferstetter Keller und dem „Capitol“, dem Bayernpartei-Lager, Kraftsprüche des jeweiligen Gegners zur Munitionierung des eigenen Redners überbrachten. Erst der Niedergang der Bayernpartei, beschleunigt durch die „Spielbankenaffäre“, machte in den sechziger Jahren dem Spektakel ein Ende.

Für Jahre war der Politische Aschermittwoch in Vilshofen dann von der CSU dominiert. Der Wolferstetter Keller mit seinen maximal 2500 Plätzen wurde bald zu klein. Deshalb zog die CSU 1975 nach Passau in die „Nibelungenhalle“, die rund 7000 Personen fasste und den Rahmen für eine volksfestähnliche Aufführung samt entsprechender Medienpräsenz bot. Hauptredner war stets, von einem einzigen Jahr abgesehen, bis zu seinem Tode 1988 Franz Josef Strauß, dessen Passauer Reden bundesweit widerhallten. So nannte er etwa Bundeskanzler Willy Brandt einen „zum Messias herausgeputzten Pseudopropheten“ und forderte, „weg mit den roten Deppen“, während vor der Halle mit Transparenten wie „Wehret den Anfängen – Stoppt Strauss!“ demonstriert wurde.

Die bayerischen Sozialdemokraten gingen bis Anfang der siebziger Jahre der Konfrontation mit der CSU aus dem Weg und veranstalteten ihre Kundgebungen immer am ersten Fastensonntag. Nach dem Umzug der CSU ergriff der SPD-Bundestagsabgeordnete Max Gerstl die Initiative zur Fortsetzung der „Vilshofener Tradition“. Seither organisiert der SPD-Ortsverband den Politischen Aschermittwoch im Wolferstetter Keller, 1975 noch „leidlich besetzt“, ein Jahr später mit dem Hauptredner Hans-Jochen Vogel aber bis auf den letzten Platz voll. Seit dem Abriss der Nibelungenhalle findet das Aschermittwochtreffen der CSU in der Dreiländerhalle in Passau-Kohlbruck statt. Geschmack am Politischen Aschermittwoch finden inzwischen praktisch alle Parteien Bayerns, selbst außerhalb des Freistaats gibt es derartige Veranstaltungen.

 

 

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