Bayerischer Landtag

Festakt in Passau: Landtag feierte 25 Jahre Grenzöffnung Ungarn-Österreich

Mehr als 200 Gäste nahmen an der Festveranstaltung des Bayerischen Landtags im Großen Rathaussaal der Stadt Passau teil. | Foto: Rolf Poss
Mehr als 200 Gäste nahmen an der Festveranstaltung des Bayerischen Landtags im Großen Rathaussaal der Stadt Passau teil. | Foto: Rolf Poss

 

12. September 2014
– Von Katja Helmö und Anton Preis –

Vor 25 Jahren blickte die Welt auf die Stadt und den Landkreis Passau: Nachdem Ungarn in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 den damaligen Eisernen Vorhang geöffnet hatte, kamen Tausende ausreisewillige DDR-Bürgerinnen und -Bürger über die ungarische und österreichische Grenze nach Ostbayern. Mit einem Festakt in Passau würdigte der Bayerische Landtag das historische Ereignis. Verantwortliche aus der Politik, Helferinnen und Helfer und Menschen, für die Ostbayern damals „Tor zur Freiheit“ wurde, gingen dabei gemeinsam auf Spurensuche: „Ohne die Ereignisse vor 25 Jahren würden wir heute nicht in einem wiedervereinigten, friedlichen Deutschland und in einem vereinigten Europa leben“, sagte Landtagspräsidentin Barbara Stamm. 

Der Festakt des Bayerischen Landtags in Passau wurde am Freitag ab 11.30 Uhr live vom Bayerischen Rundfunk – sowohl Fernsehen als auch Hörfunk – übertragen.

Zeitzeugen unter sich (v.li.): Gerhard Meyer, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Dr. Christian Günther, Cornelia Hellermann und Reiner Kunze beim Festakt. | Foto: Rolf Poss
Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags, hat die historischen Tage in Stadt und Landkreis Passau als damalige Staatssekretärin persönlich miterlebt. | Foto: Rolf Poss
Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags, hat die historischen Tage in Stadt und Landkreis Passau als damalige Staatssekretärin persönlich miterlebt. | Foto: Rolf Poss
In der 1. Reihe (v.l.) Minister Zoltán Balog aus Ungarn, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Oberbürgermeister Jürgen Dupper, Landrat Franz Meyer, Bundesminister a. D. Dr. Theo Waigel und Altlandrat Hanns Dorfner. | Foto: Rolf Poss
In der 1. Reihe (v.l.) Minister Zoltán Balog aus Ungarn, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Oberbürgermeister Jürgen Dupper, Landrat Franz Meyer, Bundesminister a. D. Dr. Theo Waigel und Altlandrat Hanns Dorfner. | Foto: Rolf Poss

„Ein Wunder und ein großes Glück“

Mit der Öffnung der Grenze zwischen Ungarn und Österreich setzte im Spätsommer 1989 eine weltpolitische Entwicklung ein, die die innerdeutsche Mauer ins Wanken und den Eisernen Vorhang schließlich zu Fall brachte: „Egal, ob an den Fernsehgeräten oder vor Ort. Wir haben den Atem angehalten, wir hatten Gänsehaut, und schließlich sind Tränen der Freude geflossen“, erinnerte sich Barbara Stamm, die als bayerische Staatssekretärin die dramatischen Tage der Grenzöffnung in Stadt und Landkreis Passau im September 1989 persönlich miterlebt hat. Dass damals alles einen guten und friedlichen Verlauf nahm, ist aus ihrer Sicht „ein Wunder und ein großes Glück“.

Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper betonte in seiner Festansprache die weit zurückreichenden politischen Verbindungen zwischen Ungarn und Bayern. „Der Sommer 1989 war eine Zeit, an dem die Welt den Atem anzuhalten schien“, erklärte er und blickte auf die Entwicklung von Grenzöffnung bis hin zur Erfolgsgeschichte Deutsche Einheit zurück.

Franz Meyer, Landrat des Landkreises Passau unterstrich: „Es war der erste kleine Spalt im Eisernen Vorhang, der sich dank des Mutes der ungarischen Regierung aufgetan hat.“ Ein Vierteljahrhundert sei es nun her, dass Menschen gezeigt haben, welche Macht das Wort Freiheit habe.

Moderatorin Heidi Wolf im Gespräch mit (v.l.) den Zeitzeugen Dr. Theo Waigel, Dr. Christian Günther, Hanns Dorfner, Gerhard Meyer und Hans Gschwendtner. | Foto: Rolf Poss
Moderatorin Heidi Wolf im Gespräch mit (v.l.) den Zeitzeugen Dr. Theo Waigel, Dr. Christian Günther, Hanns Dorfner, Gerhard Meyer und Hans Gschwendtner. | Foto: Rolf Poss
Fulminanter Auftakt und nachdenklich stimmender Ausklang: The Cabale Trio unter der Leitung von Basil H. E. Coleman, Generalmusikdirektor des Fürstbischöflichen Opernhauses Passau, umrahmte den Festakt musikalisch. | Foto: Rolf Poss
Fulminanter Auftakt und nachdenklich stimmender Ausklang: The Cabale Trio unter der Leitung von Basil H. E. Coleman, Generalmusikdirektor des Fürstbischöflichen Opernhauses Passau, umrahmte den Festakt musikalisch. | Foto: Rolf Poss
Prof. Dr. Dr. Heinrich Oberreuter, Dr. Theo Waigel, Cornelia Hellermann und Zoltán Balog (v.l.) ordneten die Geschehnisse von 1989 in den gesamteuropäischen Kontext ein. | Foto: Rolf Poss
Prof. Dr. Dr. Heinrich Oberreuter, Dr. Theo Waigel, Cornelia Hellermann und Zoltán Balog (v.l.) ordneten die Geschehnisse von 1989 in den gesamteuropäischen Kontext ein. | Foto: Rolf Poss
Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Passau. | Foto: Rolf Poss
Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Passau. | Foto: Rolf Poss
Ein weiterer emotionaler Höhepunkt: Der Auftritt des Schriftstellers Reiner Kunze. | Foto: Rolf Poss
Ein weiterer emotionaler Höhepunkt: Der Auftritt des Schriftstellers Reiner Kunze. | Foto: Rolf Poss
Mit elf gelben Rosen bedankte sich Zeitzeugin Cornelia Hellermann in ungarischer Sprache bei Minister Zoltán Balog für Ungarns Hilfe 1989. | Foto: Rolf Poss
Mit elf gelben Rosen bedankte sich Zeitzeugin Cornelia Hellermann in ungarischer Sprache bei Minister Zoltán Balog für Ungarns Hilfe 1989. | Foto: Rolf Poss

„Größter Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg“

Für die Hilfs- und Einsatzkräfte vor Ort bedeutete die Versorgung der mehr als 10.000 DDR-Flüchtlinge eine enorme Kraftanstrengung. Über Tausend Hilfskräfte aus dem BRK-Kreisverband Passau sowie viele weitere Helferinnen und Helfer des THW, der Feuerwehren, des Malteser Hilfsdiensts und der Caritas, der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), der Polizei und des Zolls waren in Schichtdiensten rund um die Uhr im Einsatz, um die Übersiedler in den fünf Erstaufnahmestellen des Landkreises und der Stadt zu versorgen. 50.000 Essensportionen, unzählige Lunchpakete und Wärmedecken wurden ausgeteilt sowie 6334 Begrüßungsgelder in Höhe von 50 DM pro registriertem Neuankömmling ausgezahlt. „Es war der größte Einsatz seit dem Zweiten Weltkrieg“, berichtete der damalige BRK-Einsatzleiter Bernhard Pappenberger, der die gesamte Infrastruktur federführend koordinierte – vom Aufbau der Zelte, der sanitären Anlagen, Elektroinstallationen und Feldbetten bis hin zur Verpflegung und medizinischen Versorgung.

Am Ende der Kräfte, aber unendlich erleichtert

Neben politischen Akteuren – darunter der ehemalige Bundesminister Dr. Theo Waigel und der ungarische Minister Zoltán Balog, der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper und der Passauer Landrat Franz Meyer sowie Altlandrat Hanns Dorfner und Vilshofens Altbürgermeister Hans Gschwendtner – berichten bei der Festveranstaltung im Großen Rathaussaal auch ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger von ihrer Flucht nach Bayern. Zu Wort kamen unter anderem Gerhard Meyer, der in den frühen Morgenstunden des 11. September 1989 als erster DDR-Bürger in Suben bei Passau die österreichisch-bayerische Grenze erreichte. Der gebürtige Ostberliner hatte mit seinem Toyota Corolla auf den Autobahnen in Österreich das Gaspedal durchgetreten und alle Trabis und Wartburgs überholt. „Tausend Menschen lagen sich in den Armen und haben sich gedrückt“, erinnerte sich Meyer und war überwältigt von den Emotionen und Erinnerungen an damals. Es sei für die Ausreisenden keineswegs sicher gewesen, ob sie nicht wieder zurückgeschickt würden in die DDR. Zum Glück war es anders und schon das Grundgesetz habe die Weichen gestellt für die Einheit.

„Wir dachten uns damals alle: Hoffentlich geht das gut“, erinnerte sich Theo Waigel an diese Zeit von 1989. „Es gab damals eine große Verantwortungsgemeinschaft unter Politikern West- und Osteuropas. Das wichtigste in all den schwierigen Stunden war, dass keiner den Kopf verloren und geschossen hat. Wir haben ein Riesenglück gehabt“, so der damalige Bundesfinanzminister.

Hanns Dorfner, damals stellvertretender Landrat des Landkreises Passau, erinnerte sich daran, wie schnell  damals Unterkünfte geschaffen werden mussten. „Es war ein einmaliges Erlebnis zu sehen, wie viele Ehrenamtliche damals zusammengeholfen haben“, zeigte sich Dorfner noch heute beeindruckt.

Hans Gschwendtner, damals Bürgermeister von Vilshofen, unterstrich: „Ich empfinde heute Dankbarkeit und ein bisschen Wehmut. Ich bin stolz auf die Bevölkerung und die Ehrenamtlichen.“ Zugleich betonte er, dass auch heute noch um Demokratie gekämpft werden müsse, wenn man beispielsweise die Beteiligungen an Wahlen anschaue.

Dr. Christian Günther kam am 11. September 1989 mit seiner Familie über das Flüchtlingslager „Csilleberc“ in Budapest nach Ostbayern – unendlich erleichtert, weil er davor in der Tschechoslowakei keine Papiere für den Transit erhalten hatte. Ein ungarischer Konsul in Prag verhalf ihm schließlich zur Ausreise in den Westen. „Die Erlebnisse in der DDR haben mich dazu geführt, dass ich Hilfe bei den Freunden in Ungarn gesucht habe“, erzählte Günther und schilderte seinen Weg nach Ungarn, der für ihn als Arzt sehr steinig gewesen war. Die DDR nämlich wollte diese Berufsgruppen um jeden Preis im Land halten.

Ebenfalls am 11. September 1989 passierte Cornelia Hellermann aus Zwickau in Passau die Grenze zum Freistaat. Bayern wurde für sie zum Sprungbrett, um in den USA ein neues Leben zu beginnen. Cornelia Hellermann lebt heute in Houston/Texas. Sie freute sich besonders über die Hilfsbereitschaft der Bürger in Bayern auf all den verschiedenen Stationen, die sie im Freistaat kennengelernt hatten. Zugleich bedauerte sie, dass nach fast einem Vierteljahrhundert Deutsche Einheit immer noch zwischen Ost und West unterschieden würde. „Ich fühle mich als Sächsin und Europäerin. Dieses mittelalterliche Klein-Klein-Denken beunruhigt mich ein bisschen“, so Hellermann.

„1989 war ein annus mirabilis für Europa“

Der ungarische Minister Zoltán Balog war damals als Seelsorger in Ungarn unter den DDR-Bürgern. „Großes Vertrauen, aber auch großes Misstrauen herrschte damals“, erinnerte er sich. Denn es waren auch Agenten der DDR-Staatssicherheit unter den vermeintlichen Ausreisewilligen. Auch er betonte die lange Tradition der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Bayern und Ungarn.

Heinrich Oberreuter ordnete im Rahmen des Podiumsgesprächs die Geschehnisse von vor 25 Jahren in den gesamteuropäischen Kontext ein. „1989 war ein annus mirabilis für Europa“, sagte Oberreuter. Die europaweite Durchsetzung von Menschenrechten und Freiheit, die 200 Jahre nach der französischen Revolution 1989 in Europa erfolgt sei, dürfe nicht gefährdet werden. Angesichts der aktuellen Bedrohungen für den Frieden in Osteuropa erklärte er: „Wir dürfen uns den kalten Krieg zwischen Demokratie und Anti-Demokratie nicht aufnötigen lassen.“

Schriftsteller Reiner Kunze, der bereits in den 1970er Jahren von der DDR nach Bayern in den Landkreis Passau übersiedelte, war bei den Gesprächsrunden im Großen Rathaussaal der Dreiflüssestadt ebenfalls als Zeitzeuge mit von der Partie. Er und seine Frau Elisabeth unterstützten in einem Container des Roten Kreuzes die Einsatz- und Hilfskräfte bei der Registratur, waren erste Ansprechpartner für die erschöpften, aber meist überglücklichen Flüchtlinge. „Wir haben damals nicht geglaubt, dass die Grenze offen war. Als es doch so war, sind wir in Aktion getreten“, erzählte Kunze.

Die Gesprächsrunden mit den Zeitzeugen moderierte Heidi Wolf vom Bayerischen Rundfunk. Für die musikalische Umrahmung der Festveranstaltung sorgte das Ensemble „The Cabale Trio“ unter der Leitung von Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman, Fürstbischöfliches Opernhaus Passau. Zur Aufführung kamen unter anderem Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm (2.v.r.) und Landrat Franz Meyer (rechts) beim Rundgang durch die Ausstellung in Vilshofen "25 Jahre Tor zur Freiheit". | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm (2.v.r.) und Landrat Franz Meyer (rechts) beim Rundgang durch die Ausstellung in Vilshofen "25 Jahre Tor zur Freiheit". | Foto: Rolf Poss
Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Vilshofen an der Donau mit der Landtagspräsidentin (v.l.): MdL Bernhard Roos, MdL Walter Taubeneder, Landrat Franz Meyer, Altbürgermeister Hans Gschwendtner, Bürgermeister Florian Gams und Altlandrat Hanns Dorfner. | Foto: Rolf Poss
Eintrag in das Goldene Buch der Stadt Vilshofen an der Donau mit der Landtagspräsidentin (v.l.): MdL Bernhard Roos, MdL Walter Taubeneder, Landrat Franz Meyer, Altbürgermeister Hans Gschwendtner, Bürgermeister Florian Gams und Altlandrat Hanns Dorfner. | Foto: Rolf Poss
Die Teilnehmer der Vernissage in der Vilshofener Innenstadt: Zu der Ausstellung gehört auch ein knallbunter Trabi. | Foto: Rolf Poss
Die Teilnehmer der Vernissage in der Vilshofener Innenstadt: Zu der Ausstellung gehört auch ein knallbunter Trabi. | Foto: Rolf Poss

Ausstellung erinnert an Zeltstadt in Vilshofen

Im Vorfeld der Passauer Festveranstaltung eröffneten Landtagspräsidentin Barbara Stamm und der Passauer Landrat Franz Meyer in Vilshofen gemeinsam die Ausstellung „25 Jahre Tor zur Freiheit“. Auf dem Berger-Parkplatz der Donaustadt befand sich mit 1600 Feldbetten das damals größte Zeltlager in Niederbayern. Gezeigt werden Fotos, Dokumente, Erinnerungsstücke und Alltagsgegenstände, die das Lagerleben auf dem Berger-Parkplatz wieder lebendig werden lassen. Die Ausstellung – darunter auch ein knallbunter Trabi – ist bis einschließlich 28. September 2014, jeweils Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr in der Vilshofener Rathausgalerie zu sehen.

Foto: Stadtarchiv Passau
Foto: Stadtarchiv Passau
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Fotoarchiv Stadt Passau
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