Bayerischer Landtag

86 Jahre nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten - Vizepräsident Freller: „Unsere Gedenkstätten sind bedeutsamer denn je“

Erster Landtagsvizepräsident Karl Freller bei der Gedenkfeier 2017 in Leitmeritz, einem Außenlager von Flossenbürg | Bildarchiv Bayerischer Landtag

Donnerstag, 17. Januar 2018

Gemeinsam mit der Stiftung Bayerische Gedenkstätten veranstaltet der Landtag am 23. Januar einen Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Anlass ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, der international am 27. Januar begangen wird. Im Vorfeld des Holocaust-Gedenktages führte die Redaktion ein Interview mit dem Ersten Landtagsvizepräsidenten Karl Freller, der seit 2007 Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist.

Herr Erster Vizepräsident, der Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, relativierte vergangenes Jahr die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland als „Vogelschiss“. Was war Ihr erster Eindruck, als Sie davon hörten?
„Dass diese Aussage inakzeptabel und geschichtsverwehrend ist, muss ich nicht erklären. Herr Gauland verhöhnt damit alle Opfer, auch Deutsche. Für mich ist sowas keine Rhetorik, sondern eine Bagatellisierung des Nationalsozialismus.“

Bundesaußenminister Maas (SPD) sagte neulich, dass er wegen Auschwitz in die Politik gegangen sei. Wie ist diese Aussage jungen Menschen vermittelbar, für die die Nazizeit sehr lange zurückliegt und eventuell andere Themen virulenter sind?
„Max Mannheimer pflegte jungen Menschen zu sagen, dass sie keine Schuld haben an dem was war. Aber eine große Verantwortung für das, was passiert. Ich sehe einige Alarmsignale im Land. Meinungsterror und Menschenverachtung werden wieder eine ernstzunehmende Gefahr. Wir haben inzwischen die 4. Generation nach dem Krieg. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten liegt 86 Jahre zurück. Nur wer Gefahren kennt, kann sie bekämpfen. Spätestens hier wird klar, dass unsere Gedenkstätten bedeutsamer sind denn je. Denn die Konzentrationslager standen mit ihrer Grausamkeit und Brutalität am Ende jener Kette, die mit Meinungsterror und Menschenverachtung begann und von einer zu schwachen Demokratie kaum gebremst zur systematischen Vernichtung von Millionen von unschuldiger Menschen führte. Die Wehrhaftigkeit der Demokratie hängt vom Engagement aller Demokraten ab.“

Im Januar 1934 wurden per Gesetz alle Landesparlamente ersatzlos aufgelöst. Im Januar ´46 ließ die Militärregierung wieder landesweit Parteien zu. Weitere 10 Jahre später kamen Sie in Schwabach zur Welt. Was hätten Sie anders gemacht in der Aufarbeitung der NS-Zeit über die Jahrzehnte bis heute?
„Schwierige Frage. Sie ist ähnlich kompliziert wie die Frage: „Wie hätten Sie sich damals verhalten?“. Die Beantwortung ist für mich nur glaubwürdig aus der Zeit heraus. Manche machen sich die Beantwortung zu leicht. Deutschland lag in Schutt und Asche. In der Zeit des Aufbaus fand sich nicht der Raum für Aufarbeitung. Existenzsicherung war wichtiger. Für mich hat eine Instanz klar versagt: die Justiz. Das ist bis heute eine Schande für Deutschland. Offenkundige Täter wurden nicht konsequent und hart verfolgt. Die Gesellschaft war bis in die sechziger Jahre hinein sprachlos. Ich sehe das begründet im schlechten Gewissen „dabei gewesen zu sein“.

An welches Gespräch mit einem Holocaust-Überlebenden erinnern Sie sich besonders gut?
„Ich pflege einen sehr engen und auch privaten Kontakt zu einer Reihe von Zeitzeugen und ihren Familien. Ich ziehe daraus eine extreme Motivation für meine politische Arbeit.“

Christentum und Nationalsozialismus – wie erklären Sie sich die geschichtlich belegte Schnittmenge und damit die Vereinbarkeit zwischen Kirchen- und Parteimitgliedschaften in der Nazi-Zeit?
„Was wir nicht vergessen dürfen: Es gab auch zahlreiche Opfer und überzeugten Widerstand aus der Kirche! Aber leider hatten sich auch etliche Mitglieder der Kirche mit dem NS-Regime zumindest arrangiert oder es sogar aktiv unterstützt. Für mich als Christ ist das nicht nachvollziehbar. Spätestens Anfang der dreißiger Jahre hätte jedem klar sein müssen, dass der Zug ins Verderben fährt. Ich begrüße, dass die Kirche inzwischen zu ihrer Vergangenheit steht.“

Sie sind Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten. Welche Rolle wird die Stiftung in Zukunft spielen?
„Wir wollen authentische Orte als Mahnmale sichern. Diese Lernorte wollen wir für die Zukunft in optimaler Weise präsentieren und Besuchern so viel Einblick wie erdenklich ermöglichen. Wir erleben eine hohe Zunahme an Besuchern in unseren Gedenkstätten. Ich sehe dringend Optimierungsbedarf in puncto Ausstellungen. Und wir brauchen mehr Platz für Vor- sowie Nachbereitung der Gruppenführungen. Insbesondere bei Schulklassen und ihren Lehrern. Die Lehrerfortbildung müssen wir stärken.“


Interview: Kathrin Alte und Simon Wimmer
    

 

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