Bayerischer Landtag

Das Team der Parlamentsstenografen

Oktober 2009
- Von Anna Schmid -

Die Kunst der Kurzschrift ist selten geworden. Die wenigsten jungen Menschen beherrschen sie heute noch, weil das Fach Stenografie aus den Lehrplänen der Schulen weitgehend verschwunden ist. Im Bayerischen Landtag sind die Dienste der Parlamentsstenografinnen und Parlamentsstenografen nach wie vor unverzichtbar: Die Schnellschreiber protokollieren die Plenar-, Ausschuss- und andere Gremiensitzungen.

Das Team der Schnellschreiber im Plenarsaal des Bayerischen Landtags | Foto: Rolf Poss
Das Team der Schnellschreiber im Plenarsaal des Bayerischen Landtags | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Wenn sich Alfred Vogel aus seinem Büro auf den Weg zur Plenarsitzung macht, benutzt er niemals den Lift. Zu groß ist die Gefahr, dass der Aufzug steckenbleibt, und er den Sitzungssaal nicht mehr rechtzeitig erreicht. Er ist einer von elf Stenografinnen und Stenografen im Bayerischen Landtag. Aufmerksam protokollieren er und seine Kollegen, was in den Plenar- und Ausschusssitzungen vor sich geht.

Weil diese Arbeit höchste Konzentration erfordert, wechseln sich die Parlamentsstenografen während der Plenarsitzungen alle zehn Minuten ab. Der Tausch muss reibungslos über die Bühne gehen, damit später alles, was im Saal passiert, lückenlos im Protokoll steht: der Inhalt der Reden ebenso wie Zwischenrufe, Beifallsbekundungen oder Missfallensäußerungen.

450 Silben in der Minute

Behände lässt Vogel seinen Füller über das türkisblau linierte Papier gleiten und setzt filigrane Striche und Punkte aufs Blatt. Mehr als 450 Silben in der Minute kann ein schneller Stenograf zu Papier bringen. Wer in der alltäglich gebrauchten Langschrift schreibt, schafft nur etwa 30 bis 40. Die Schnellschrift funktioniert mit Zeichen, Kürzeln und Abkürzungen, die zum Beispiel Silben oder häufig vorkommende Wörter beschreiben.

Ein Parlamentsstenograf muss nicht nur schnell schreiben können, sondern braucht auch eine fundierte Allgemeinbildung. Schließlich hat er keine Zeit, während der Debatte über die richtige Schreibweise von Eigennamen oder Fachbegriffen nachzudenken. „Man muss über den Beratungsgegenstand informiert sein – egal, ob es sich dabei zum Beispiel um Atomenergie, Sozialgesetzgebung oder um die Milchquote handelt“, sagt Gerald Petrzik, der Leiter des Stenografischen Dienstes.

Alfred Vogel spricht den Inhalt seines Stenogramms auf ein Diktiergerät. | Foto: Rolf Poss
Alfred Vogel spricht den Inhalt seines Stenogramms auf ein Diktiergerät. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Als seine Ablöse da ist, macht sich Vogel sofort auf den Weg in sein Büro, um dort den Inhalt seines Stenogramms auf ein Diktiergerät zu sprechen. Eine Schreibkraft tippt den diktierten Text in den Computer. Anders als die Ausschussprotokolle, die den Mitgliedern der Ausschüsse als Arbeitsgrundlage dienen und nur intern zugänglich sind, sind die Plenarprotokolle öffentlich. Alle Plenarprotokolle sind nach der Autorisierung durch die Redner auf der Landtagshomepage des Bayerischen Landtags www.bayern.landtag unter dem Menüpunkt „Dokumente“ abrufbar.

Noch kann die Arbeit der Stenografen nicht durch Technik ersetzt werden. Es gibt zwar Computerprogramme, die das gesprochene Wort per Spracherkennung sofort verschriftlichen. Für die Anforderungen im Maximilianeum, wo man sie kurz nach der Jahrtausendwende ausprobiert hat, reichen sie aber noch nicht aus. Der Korrekturaufwand sei viel zu hoch gewesen, erzählt Petrzik. Jedes Wort mussten die Stenografen noch einmal auf Richtigkeit überprüfen. Für die vielen Fachbegriffe und Eigennamen, die in den Debatten fallen, habe der Wortschatz der Software nicht ausgereicht. Vogel erzählt von kuriosen Computerfehlern, die er von Kollegen in anderen Bundesländern gehört und gesammelt hat:  So habe die Software aus der „Saarstahl AG“ die Saustall AG gemacht, oder aus der „gelebten Ökumene“ die „Geliebte Chomeinis“.

Zwar lassen die Stenografinnen und Stenografen während der Sitzungen vorsichtshalber noch ein Tonband mitlaufen, aber Menschen mit Block und Stift seien noch immer zuverlässiger als die störanfällige Technik, sagt Petrzik. Er ist seit 33 Jahren im Dienst und meint: „Wir leben in einer spannenden Zeit. Wie die technische Entwicklung künftig verläuft, bleibt abzuwarten. Aber ich denke, Stenograf bleibt ein Beruf mit Zukunft.“

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