Bayerischer Landtag
Eva Lell moderierte die Gesprächsrunde mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Innenminister Joachim und der Integrationsbeauftragten der Staatsregierung, Mechthilde Wittmann. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Gute Stimmung herrschte im vollbesetzten Senatssaal. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Deutsch-Türkin Düzen Tekkal, Journalistin und Kriegsberichterstatterin hielt einen Impulsvortrag. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Preisverleihung am 16. Mai 2018 um 18 Uhr im Landtag

16. Mai 2018

- Von Isabel Winklbauer -

MÜNCHEN.        Zum ersten Mal seit 2012 gab es in diesem Jahr gleich drei Integrationspreise: Aus den Händen von Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Staatsminister des Inneren Joachim Herrmann und der Integrationsbeauftragten Mechthilde Wittmann nahmen drei Organisationen die Ehrung entgegen, die sich um die Integration von Flüchtlingen besonders praxisnah verdient gemacht haben.  „Startklar für Ausbildung und Beruf – Integration in den Arbeitsmarkt“ lautete diesmal das Motto des Preises.

Ein Ziel, das der erste Gewinner auf kluge Weise erfüllt: das Rote Kreuz in Landsberg. Dessen Mitarbeiter bilden Geflüchtete als Trauma-Ersthelfer aus. Denn oft haben jene, die in Deutschland Zuflucht suchen, in ihren Heimatländern oder auf dem Weg nach Europa Dinge erlebt, die sie so sehr belasten, dass sie nur schwer in den bayerischen Alltag hineinfinden. Rund 40 bis 50 Prozent der in Landsberg ankommenden Flüchtlinge leiden an posttraumatischen Belastungsstörungen, erfuhren die Zuschauer im bis auf den letzten Platz gefüllten Senatssaal. „Sobald sie aber in ihrer Muttersprache mit einem unserer Trauma-Ersthelfer über das Erlebte reden können, ist schon ein großer Schritt getan“, erklärte Marianne Asam, die Leiterin des ausgezeichneten BRK-Teams. Die Gespräche auf Arabisch, Farsi und vielen anderen Sprachen, die die BRK-Helfer führten, dauerten deshalb immer so lange, wie die Betroffenen wollten, es gebe keine zeitliche Begrenzung. Wie fast alle Flüchtlingshelfer im Freistaat arbeiten allerdings auch die Trauma-Ersthelfer, die ja selbst Flüchtlinge sind oder waren, ehrenamtlich. Das Preisgeld von 3000 Euro will das BRK Landsberg daher für deren Fahrtkosten und kleine Aufwandsentschädigungen verwenden.

Beispielhaftes Engagement


„Unsere Arbeit sollte eigentlich die von Institutionen sein, nicht ehrenamtlich. Zum Beispiel die der Jobcenter“, gab Marlies Eller zu denken, die Koordinatorin des zweiten Siegers, des Puchheimer Helferkreises Learn 4 Work. Die Puchheimer bieten Hausaufgabenbetreuung, PC-Kurse und Hilfe bei Behördengängen für Kinder und Jugendliche. Dabei ermitteln sie sorgfältig den individuellen Förderbedarf und achten als eine von wenigen Organisationen auch auf die mathematische Bildung der Geflüchteten, die oft nicht auf dem Stand derjenigen von bayerischen Schülern ist. „Dieses Engagement ist beispielhaft“, lobte Laudator Bernhard Rieger vom Bayerischen Integrationsrat. 2000 Euro erhielt Learn4work, dessen Träger die Berufsintegrationskommission BIK-Schulen und Ausbildung ist.

Hilfe zur Selbsthilfe

Der dritte Preis, dotiert mit 1000 Euro, ging an den Münchner Verein Stay Welcome, den das Unternehmen Netlight ins Leben gerufen hat. Er bietet mit drei hauptverantwortlichen Damen und rund 50 Ehrenamtlichen Hilfe zur Selbsthilfe auf dem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt: Workshops, Mentoring-Programme, Hilfe bei der Behördenkommunikation und Beratung von Betrieben, die Flüchtlinge einstellen. „Den ganzen Prozess der Arbeitswelt gibt es hier aus einer Hand“, begeisterte sich Laudator Klaus Meisel, Professor an der Universität Marburg und Geschäftsführer der Münchner Volkshochschule. Anja Schmidt, eine der drei Leiterinnen von Stay Welcome, danke mit den Worten: „Obwohl oder vielleicht gerade wegen unserer Differenzen mit der CSU und ihrer Asylpolitik freuen wir uns sehr, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird.“

Sportvereine als Chance

Warum der Eingang in die Arbeitswelt für Flüchtlinge mit Bleiberecht so wichtig ist, erklärte die Integrationsbeauftragte Mechthilde Wittmann. „Im Arbeitsleben geht es darum, Leistung zu bringen und miteinander umzugehen, das sind zwei wichtige Katalysatoren für Integration. Außerdem können Geflüchtete hier zeigen, was sie können.“ In einer Gesprächsrunde zu dritt mit Wittmann zeigten dann Innenminister Joachim Herrmann und Landtagspräsidentin Barbara Stamm auf, welche Aspekte bei diesem Ziel jedoch noch der Arbeit bedürfen. Herrmann identifizierte Sportvereine als Feld, auf dem Flüchtlinge noch viel zu wenig in die hiesige Lebensart finden. Stamm wiederum sieht die deutsche Sprache als nicht zu unterschätzende Hürde und berichtete von einem Auszubildenden aus Afghanistan, der im Landtag arbeitet. „Trotz seiner hervorragenden Zeugnisse gibt es an den sprachlichen Kenntnissen noch einiges zu befördern“, sagte sie. „Wir helfen ihm in unserer Landtagsfamilie alle zusammen, dass er es schafft.“

„Migranten wollen Möglichkeiten haben“

Vor der Preisverleihung hörten die Zuschauer außerdem einen Impulsvortrag der Fernsehjournalistin, Autorin und Kriegsberichterstatterin Düzen Tekkal. Die Deutschtürkin betrachtet die Integration von Flüchtlingen als Aufgabe der Solidargemeinschaft um den einzelnen Menschen herum: Lehrer, Kollegen, Chefs, Nachbarn und insbesondere auch die eigene Familie der Geflüchteten seien gleichermaßen gefordert, um einem Menschen den Weg in den Arbeitsmarkt zu bahnen. „Meine Mutter zum Beispiel konnte nicht lesen und schreiben“, erzählte sie aus ihrer eigenen Biografie, „doch sie wusste sehr gut, wohin sie mich schicken musste, damit ich es lerne.“ Im Zuge des Gemeinschaftswerks der gelungenen Integration sollten Helfer aber nicht nur das Grundgesetz vermitteln, meinte Tekkal, sondern auch einen gesunden Verfassungspatriotismus, um ihm dem ungesunden Patriotismus der Extremisten und der ewig Gestrigen entgegenzusetzen. „Migranten wollen Möglichkeiten haben“, schloss sie, „und unsere Aufgabe ist es, diese Möglichkeiten vorbei an Populismus und Extremismus zielsicher zu eröffnen.“

Der erste Preis (Preisgeld 3000 Euro) geht an das Trauma-Ersthelfertraining für Geflüchtete, Landsberg am Lech. Träger ist das Bayerisches Rotes Kreuz, KV Landsberg am Lech. Ziel ist die psychologische Unterstützung Geflüchteter bei der Bewältigung von Traumata durch Ausbildung muttersprachlicher Trauma-Ersthelfer/innen. Seit 2016 haben rund 30 Personen die Ausbildung absolviert.  Trauma-Bewältigung ist eine Voraussetzung für einen erfolgreichen Einstieg in Ausbildung und Arbeitsmarkt. Den Betroffenen soll in akuten Belastungssituationen die Möglichkeit gegeben werden, in ihrer jeweiligen Muttersprache erklärt zu bekommen, was mit ihnen geschieht und sie zu motivieren ihre Situation zu begreifen und zu bewältigen.

Der zweite Preis (Preisgeld 2000 Euro) geht an Learn4Work – Geflüchtete finden ihren Weg in den Arbeitsmarkt, Puchheim. Trägerin ist Marlies Eller (Koordinatorin von BIK-Schulen und Ausbildung. Durch Betreuung junger Geflüchteter wird die gezielte Förderung an Schulen oder in der Ausbildung ermöglicht. Grundlage ist die Ermittlung des individuellen Förderbedarfs. Sowohl Stärken als auch eventuell vorhandene Handicaps oder vorliegende Traumata sollen so erfasst werden, um anschließend die passende Schule, den angemessenen Ausbildungsplatz oder Einrichtung zu vermitteln und weiter zu begleiten.

Der dritte Preis (Preisgeld 1000 Euro) geht an StayWelcome e. V., München. Trägerin ist Margaux Metze. Die intensive Vorbereitung der Bewerber durch Workshops, Mentoring-Programme, und anderer Maßnahmen ermöglicht den Einstieg von geflüchteten Menschen ins Berufsleben. Die Betriebe werden nach der Anstellung der Geflüchteten bei der Überwindung bürokratischer Hürden unterstützt.

 

Der Asylchor Bergkirchen umrahmte die Preisverleihung musikalisch mit der "Never Gonna Give Up-Band". | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
Gruppenbild mit allen Preisträgerinnen und Preisträgern. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag
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