Bayerischer Landtag

Ansprache zum Jahreswechsel 2004/2005 von Landtagspräsident Alois Glück

Mittwoch, 29. Dezember 2004
Achtung: Sperrfrist: 29.12.04, 24:00 Uhr !!!
Frei zur Verwendung für alle Ausgaben am 30.12.04

Diese Ansprache wird ausgestrahlt: im Bayerischen Fernsehen, am 30.12.04, 18:55 Uhr, sowie im BR-Hörfunk, Programm Bayern-1, am 1.1.2005, 20:05 Uhr. Hier die Ansprache im Wortlaut:


„Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger!

Am Ende dieses Jahres sind wir mit den Folgen einer unvorstellbaren Naturkatastrophe konfrontiert. Die Bilder der Verwüstungen, des kaum fassbaren und unermesslichen Leides erschüttern uns. Unsere Anteilnahme gilt allen Opfern dieser Katastrophe und ihren Angehörigen.

Sie gilt natürlich besonders unseren davon betroffenen Landsleuten. Wir trauern mit den Familien und Freunden der Toten, wir hoffen mit allen, die um Vermisste bangen. In Solidarität helfen wir mit Spenden für die Hilfsaktionen und für den Wiederaufbau. Unser Dank gilt den Hilfsmannschaften, die in die zerstörten Gebiete geflogen sind.

Liebe Mitbürger!

Es fällt momentan schwer, sich von diesen Gedanken zu lösen, doch auch bei uns stehen wir vor Herausforderungen, die freilich ganz anderer Art sind.

Wir gehen auf den Jahreswechsel zu und fragen uns: Was wird das neue Jahr wohl bringen? Viele blicken mit Skepsis und Sorgen in die Zukunft. Vor kurzem erzählte mir ein Freund, dass er bei Einstellungsgesprächen die Bewerber fragt: „Was haben Sie in letzter Zeit Positives gesehen oder erlebt?“ Meistens bleiben die Menschen dann verlegen stumm.

Viele plagen Sorgen wie: Ist mein Arbeitsplatz sicher? Finde ich wieder eine Arbeitsstelle? Wie entwickelt sich das mit den Renten und Pensionen? Welche Zukunft haben unsere Kinder, unsere Enkel?

Aber – es ist auch eine große Gefahr, dass wir so auf die tatsächlichen Probleme oder befürchteten Entwicklungen fixiert sind, dass wir günstige Entwicklungen, positive Beispiele, dass wir Chancen nicht mehr sehen.

In meiner Weihnachtspost fand ich einen Text, der die unterschiedlichen Einstellungen beschreibt, mit denen Menschen Situationen und Aufgaben sehen und angehen.

Der Mutige sieht für jedes Problem eine Lösung.
Der Ängstliche sieht für jede Lösung ein Problem.
Der Mutige sagt: „Es mag schwierig sein, aber es ist möglich. “
Der Ängstliche sagt: „Es ist vielleicht möglich, aber es ist zu schwierig.“

Liebe Mitbürger!

Gemeinsam müssen wir einen neuen Aufbruch wagen. Die Ängstlichen erleiden die Zukunft. Die mutigen Realisten gestalten die Zukunft.

Unsere künftige Entwicklung, die Chancen unserer Kinder und Enkel, die Qualität unseres Sozialstaats und vieles mehr, hängen von unserer Leistungskraft ab. Warum sollte es uns nicht möglich sein, was die Aufbaugeneration nach den Zerstörungen des Krieges geschafft hat – Deutschland in das Spitzenfeld der wirtschaftlich führenden Länder zu bringen.

Ich bin sicher: Wir haben die Voraussetzungen, dass wir die Aufgaben unserer Zeit so gut bewältigen wie die Aufbaugeneration, wie andere Völker und Nationen.

Dies erreichen wir aber nicht mit einer Ellenbogen-Gesellschaft. Vielmehr müssen wir in allen Lebensbereichen auch eine neue Sozialkultur entwickeln.

Wo nur noch das Nützliche regiert, wird es unmenschlich. Wir können im überheizten Wohlstandszimmer innerlich erfrieren, wenn wir keine menschliche Zuwendung erleben, wenn niemand sich für uns interessiert. Das ist in diesen Tagen für viele Menschen auch eine besonders schmerzliche Erfahrung. Ohne erlebte und gelebte menschliche Solidarität ist Alles letztlich nichts wert. Gelebtes Miteinander ist der Schlüssel zur menschlichen Welt. Keiner lebt für sich allein. Auch nicht der scheinbar Starke. Deshalb möchte ich noch einen anderen Text aus meiner Weihnachtspost weitergeben.

„Niemand ist so arm, dass er nicht eine Bereicherung für andere sein könnte – und niemand ist so reich, dass er nicht durch andere eine Bereicherung erfahren könnte“. Ja, wir brauchen uns gegenseitig.

Wir brauchen eine neue Leistungskultur und ebenso eine neu belebte Sozialkultur. Das ist mehr als der organisierte Sozialstaat – in dem wir gleichzeitig über immer mehr soziale Kälte klagen. Unser Leitbild soll die solidarische Leistungsgesellschaft sein. Die Verbindung von Leistung und Solidarität. Das ist die Alternative zur kalten Ellenbogen-Gesellschaft.

Die solidarische Leistungsgesellschaft wird Wirklichkeit durch Menschen, die Initiativen entwickeln, sich engagieren und Verantwortung übernehmen. Damit wird unser Land leistungsfähiger und menschlicher.

Einen wichtigen Beitrag dazu erbringen alle, die sich für andere Menschen einsetzen, die sich in Gemeinschaften, in Vereinen, in der Kommunalpolitik, in der Vielfalt des Ehrenamts und bürgerschaftlichen Engagements einbringen. Dafür danke ich allen!

Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger!

Ich grüße Sie herzlich aus dem Bayerischen Landtag und wünsche Ihnen für das neue Jahr vor allem Gottes Segen.

Ich wünsche Ihnen für die Wegstrecke des kommenden Jahres viel Freude bei Ihren Aufgaben, Kraft und Ausdauer, wenn es anstrengend wird, und vor allem gute und verlässliche Wegbegleiter.

Mit freundlichen Grüßen
Josef Hasler
Stv. <?xml:namespace prefix = st1 /???>Pressesprecher

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