Bayerischer Landtag

Erklärung des Landtagspräsidenten Glück vor der Vollversammlung des Bayer. Landtags am 27.01.2004 aus Anlass des „Gedenktages für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Völkermordes“

Dienstag, 27. Januar 2004

"Heute vor 59 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Der frühere Bundespräsident Prof. Roman Herzog hat dieses Ereignis 1996 zum Anlass genommen, den 27. Januar zum "Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Völkermordes" zu erklären.

Das Ziel ist, die Erinnerung wach zu halten an diese Gewaltherrschaft und ihre Folgen. Nicht als Reduzierung unserer Geschichte auf dieses schwärzeste Kapitel, nicht als Fixierung darauf.

Das Ziel ist eine Erinnerung, aus der Wachsamkeit und Verpflichtung wächst.

Erinnerung, die uns Vergangenheit und Gegenwart besser verstehen lässt.

Erinnerung gegenüber den Verfolgten und Getöteten,

aber auch als Wachsamkeit gegenüber Terror und Verfolgung, Rassenwahn, Wachsamkeit heute und für die Zukunft.

Es gibt keine Kollektivschuld und kein "Tätervolk", es gibt aus dem Geschehen heraus allerdings eine gemeinsame, kollektive Verpflichtung.

Das Geschehene kann auch nicht relativiert werden durch Vergleiche oder Verrechnungen mit anderen schrecklichen Ereignissen und Verbrechen, bei anderen Völkern.

Dieser Gedenktag ist wie andere in der Gefahr eine Pflichtübung zu werden, die uns immer weniger wirklich berührt. Zumal das Geschehene nicht nur zeitlich immer weiter weg ist, es ist, so wie es tatsächlich war, ja tatsächlich unvorstellbar. Selbst Berichte über das Geschehene und Erlebte erreichen uns nur bedingt.

Etwas anderes wird dies, wenn der Bericht mit einem konkreten Menschen verbunden ist, den wir kennen.

In einer Sitzung des Rundfunkrates gab mir 1999 der Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, Otto Schwerdt, ein Büchlein mit dem Titel "Als Gott und die Welt schliefen". Ich hatte vom Inhalt dieses Taschenbüchleins keine Ahnung und Vorstellung.

Als ich nach einiger Zeit das Buch zu lesen begann, erfuhr ich erstmals, dass dieser liebenswürdige, immer freundliche Mann, mit dem ich nun schon einige Jahre im selben Gremium bin, in Auschwitz und in der Folge in weiteren Vernichtungslagern war und Unvorstellbares erlebt hat.

Der Bericht war damit nicht mehr allgemein, sondern all’ diese geschilderten Erlebnisse mit diesem konkreten Menschen verbunden – und sie erhielten damit eine andere Konkretheit, Eindringlichkeit.

Prof. Dr. Eberhard Dünninger schreibt im Vorwort:

"Es gibt inzwischen viele Mahnmale für die Verfolgten und Ermordeten, Zeichen der Erinnerung an den Holocaust in aller Welt. Dies sind die Orte, von denen wir schweigsam aber auch betroffen und verändert zurückkehren. Auch die Aufzeichnungen von Otto Schwerdt lassen uns verstummen. Sein Bericht ist ebenfalls ein Mahnzeichen, ein "Feld der Erinnerung", auf das er uns mit einer beeindruckenden seelischen Kraft führt…

Wer von uns möchte ermessen, wie viel seelische Kraft es braucht, um als Opfer an die Orte des Grauens zurückzukehren, wie viel Mut und Tapferkeit, um als Opfer über das unermessliche Leiden und das mörderische Handeln der Täter zu sprechen, zu schreiben. Auch Otto Schwerdt fällt dies nicht leicht und doch hat er es getan."

Ein kleiner Auszug aus diesem Buch soll uns aus dem Allgemeinen in das Konkrete führen.

Otto Schwerdt schildert die Ankunft in Auschwitz-Birkenau:

"…Der Zug bleibt stehen. Die, die noch leben, geben jetzt keinen Laut von sich. Es ist unerträglich ruhig. Ich höre nur noch das schwere Atmen der anderen. Wo sind wir, und was wird mit uns geschehen? Diese Frage hämmert in meinem Kopf. Die Angst wird immer größer. Ich sehne mich nach meiner Mutter.

An den vorderen Waggons schieben sie die Türen auf. Durch die Waggonwand gedämpft – Schreie, Weinen, Gebrüll. Ich höre Stimmen, die ich nie mehr vergessen werde. Unsere Tür wird aufgerissen. Plötzlich ist alles ganz laut.

"Raus, raus!", schreien die SS-Männer. "Schneller!" Sie ziehen uns aus den Waggons, Häftlinge in gestreiften Kleidern und mit rasierten Köpfen helfen der SS, uns nach draußen zu treiben. Ihre Gesichter sind grau und leer. Was haben sie hier schon alles gesehen und erlebt, dass sie so mechanisch, ja fast teilnahmslos mit uns umgehen? Es ist, als würden sie durch uns hindurch sehen. Sie nehmen uns nicht wahr.

Mit der letzten Kraft springe ich aus dem Waggon. Zurück bleiben die Toten. Wie Vieh, das auf dem Transport zum Schlachthof verendet ist, liegen die Körper auf dem Boden des Güterwaggons.

Gebrüll und hektische Stimmen. "Hier stehen bleiben!" Wir stehen an der Rampe von Auschwitz-Birkenau. Wir stehen da. Verlassen.

Ein SS-Arzt geht musternd an uns vorbei. Dann dreht er sich um und stellt sich vor uns hin. Jetzt müssen wir langsam an ihm vorbeigehen. Bei jedem einzelnen zeigt er mit dem Finger nach rechts oder nach links. Das ist die erste Selektion.

Ältere Menschen, zierlich und schwach Aussehende, Mütter mit Kindern schickt er auf die linke Seite. Junge, noch kräftig aussehende Menschen auf die rechte Seite, nach Frauen und Männern getrennt. Die kahlköpfigen Häftlinge tragen die toten Leiber aus den Waggons und legen sie neben die linke Menschenreihe auf den Boden. Plötzlich ist es mir klar. Links bedeutet Tod, rechts Leben. Rechts Arbeitslager, links Gas…."

Wenig später schreibt Otto Schwerdt:

"…Nackt stehe ich vor ihnen. Die Nazis haben mir alles genommen, was mir lieb und wichtig war. Meine Familie, meine Freunde, meine Menschenwürde. Was können sie mir noch antun? Langsam wir mir klar, welchen Weg ich zu gehen versuche. Ich muss lernen, mit dem Leid und den Grausamkeiten umzugehen, die ich täglich sehen und auch erleben werde. Meine Seele darf daran nicht zerbrechen. Ich muss sie schützen. Wenn mein Körper und mein Geist aufgeben wollen, soll sie mich wieder zurückholen. Jeden Tag muss ich versuchen, den nächsten durchzustehen. Ich weiß noch nicht, was mich hier in Auschwitz erwarten wird. Ich weiß nicht, ob ich überleben werde,

aber ich sollte es wenigstens versuchen…"

In der Folge schildert Otto Schwert den Alltag in dieser unvorstellbaren Welt der Grausamkeit, der Entmenschlichung. Wir erleben Untiefen des Menschen im Existenzkampf, aber auch Zeichen der Menschlichkeit in dieser Hölle. Der Bericht ist auch eine Lektion über unvorstellbare Abgründe des Menschen.

Otto Schwerdt überlebt zusammen mit seinem Vater den Holocaust. Seine Mutter, seine Schwester und sein Bruder werden von den Nationalsozialisten ermordet.

Dieser konkrete Bezug zu einem Leben soll uns helfen, die Unverbindlichkeit des Allgemeinen zu überwinden.

Mit größtem Respekt sehe ich, wie er und andere Leidensgenossen, die den Holocaust überlebt haben, im Aufbau unseres Gemeinwesens mitarbeiten. Ohne Hass die Erinnerung wach halten und gleichzeitig Brücken schlagen.

Dafür danke ich herzlich."

Mit freundlichen Grüßen
Kurt Müller
Pressesprecher

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