Bayerischer Landtag

Landtagspräsident Alois Glück gedenkt im Plenum der Widerstandskämpfer des 20. Juli

Dienstag, 20. Juli 2004

München – Zu Beginn der heutigen Plenarsitzung hat Landtagspräsident Alois Glück die Widerstandskämpfer des 20.Juli 1944 geehrt. Zum 60. Jahrestag des fehlgeschlagenen Attentats auf Hitler hielt Glück folgende Gedenkansprache

(es gilt das gesprochene Wort):

„Der 20. Juli 1944, der Tag, an dem Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Versuch unternahm, Adolf Hitler durch einen Sprengstoffanschlag zu töten, ist zum Symboltag geworden für den deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Bayerische Landtag gedenkt deshalb heute voller Hochachtung der Frauen und Männer, die sich dem verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus verweigerten und ihre persönliche Freiheit, ihre Gesundheit und ihr Leben dafür opferten, um auf dessen Sturz hinzuarbeiten.

Es waren nicht sehr viele Menschen, die diesen Opfermut aufbrachten, aber sie stammten aus allen Schichten des deutschen Volkes und aus allen deutschen Regionen. Auch ihre Motive dafür, Widerstand zu leisten, waren jeweils unterschiedlich, aber einig waren sie in dem Bestreben, sich dem Unrecht nicht zu beugen und dadurch die Menschlichkeit in Deutschland zu bewahren.

Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass der Weg in den Widerstand für den einzelnen oft lang und windungsreich war. Auch viele „Männer des 20. Juli“ waren zunächst Anhänger Hitlers und ließen sich von dessen scheinbaren Erfolgen blenden. Entscheidend ist jedoch, dass sie vor den vielen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, von denen sie Kenntnis bekamen, die Augen nicht verschlossen. Sie wagten es umzudenken und stellten schließlich ihre Gewissensentscheidung über alle sonstigen Bedenken und Anfechtungen.

Peter Graf Yorck erklärte beim Verhör durch die geheime Staatspolizei: „Die nationalsozialistischen Auffassungen vom Recht, die Ausrottungsmaßnahmen gegen das Judentum und das Vorgehen, das wir teilweise in den besetzten Gebieten an den Tag legten“, dazu die militärische Lage, hätten bei ihm und bei Graf Stauffenberg zum Bruch mit der Staatsmacht geführt.

Dieser Wandlungsprozess verdient höchsten Respekt auch deshalb, weil dafür mehr Mut nötig war, als wir uns das heute vorstellen können:

Die Nationalsozialisten hatten von Beginn ihrer Herrschaft über Deutschland an keinerlei Hemmungen, Regimegegner mit blankem Terror zum Schweigen zu bringen. Die in der Bevölkerung zirkulierenden Berichte darüber, was in den Konzentrationslagern und

Gefängnissen mit den Gefangenen geschah, ließen viele oppositionelle Regungen im Keim ersticken.

Dieser Angst vor Gefangenschaft, Folter und Tod ging aber voran die Angst vor dem Mitmenschen. Das Regime konnte seine Macht nicht nur mithilfe seiner Überwachungsorgane ausbauen und sichern, sondern vor allem auch, weil viele Menschen nur allzu gerne bereit waren, ihre Mitmenschen zu denunzieren. Dabei bewahrheitete sich der Satz Kurt Schumachers, der bereits 1932 im Reichstag die nationalsozialistische Agitation als einen „dauernden Appell an den inneren Schweinehund im Menschen“ entlarvt hatte.

Da man nicht wissen konnte, wem man seine wahren Gedanken über das Regime anvertrauen durfte, fühlten sich viele Regimegegner in der Heimat, im Freundeskreis, ja sogar in der eigenen Familie einsam. Über diese „Einsamkeit des Widerstands“ hat vor einigen Tagen hier im Landtag der letzte Lebende der Widerstandsgruppe, Philipp Freiherr von Boeselager, eindrucksvoll referiert.

Zwei Antworten von Freiherr v. Boeselager auf Anfragen aus der Zuhörerschaft gehen mir übrigens besonders nach: Freiherr v. Boeselager schilderte die Entwicklung im Nationalsozialismus, den Abbau der Arbeitslosigkeit und fragte dann: „Wie würde die Mehrheit der Bevölkerung heute auf einen Politiker reagieren, der die Arbeitslosigkeit rasch und drastisch abbauen würde, wenngleich er in anderer Weise vielfach den Rechtsstaat verletzt?“ Es lohnt sich darüber nach zu denken.

Und eine andere Antwort hat mich auch sehr nachdenklich gemacht: Auf die Frage, wie er, der alles riskierende Widerstandskämpfer, nach dem Krieg es empfunden hat, wenn ehemalige Nazis wieder in Ämter kamen, war seine Antwort: „Darüber habe ich nicht lange nachgedacht. Ich war, wie alle anderen, voll damit beschäftigt, musste alle meine Kräfte darauf konzentrieren, mir eine neue Existenz aufzubauen und die Not zu überwinden.“

Wohl angesichts der Erfahrungen der Irrtümer und Fehleinschätzungen auch derer, die dann im Widerstand später alles riskiert haben, ist Herr v. Boeselager außerordentlich vorsichtig im Urteil. Dieses gibt mir zu denken mit Blick auf diejenigen, die im sicheren Abstand der Zeit und ihrer sicheren Lebensverhältnisse heute häufig sehr rasch und hart ihre Urteile über Menschen im Nationalsozialismus formulieren.

Die Erfolgschancen, nach mehreren gescheiterten Versuchen, setzten die Akteure selbst auf maximal 50 %. Sie mussten davon ausgehen, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung ihr Handeln nicht verstand, auch viele im Widerstand aus Gewissensgründen die Tötung des Tyrannen nicht bejahen. Vom eigenen Volk, womöglich auch bei einem Gelingen, als Verräter abgestempelt zu werden, von den Alliierten nicht verstanden und ignoriert, das war ihre Situation. Trotzdem sind sie ihrem Gewissen gefolgt.

Peter Graf Yorck schrieb in seinem Abschiedsbrief vor der Hinrichtung: „Vielleicht kommt doch einmal die Zeit, wo man eine andere Würdigung für unsere Haltung findet, wo man nicht als Lump, sondern als Mahnender und Patriot gewertet wird.“

Es ist beschämend, aber wahr, dass die Widerstandskämpfer auch nach dem Ende der Hitler-Tyrannei von den Deutschen lange nicht gewürdigt, sondern vielfach als Verräter diffamiert wurden, obwohl die Untaten des Regimes hinlänglich bekannt waren. Besonders verwerflich ist dabei die Tatsache, dass es sich dabei nicht nur um dumpfe Ressentiments Ewig-Gestriger handelte, sondern dass auch staatliche Stellen dieser Geschichtsdeutung Vorschub leisteten: So erhielt beispielsweise die Witwe des Blutrichters Roland Freisler, zu Beginn der 50er Jahre eine großzügige Rente zugesprochen, während die Hinterbliebenen der Menschen, die Freisler zum Opfer gefallen waren, jahrelang um ihr Recht streiten mussten und häufig leer ausgingen.

Heute ist diese Missachtung in Deutschland Gott sei Dank überwunden, und den Männern und Frauen des Widerstands wird die verdiente Würdigung zuteil.

Aber wir müssen darauf achten, mit der Zeit nicht in bloße Gedenkrituale zu verfallen, sondern uns diesem wichtigen Thema immer wieder ernsthaft und aufrichtig zu stellen. Das ist ein mitunter schmerzlicher Prozess, denn wenn man sich mit dem Widerstand gegen Unrecht und Gewalt beschäftigt, dann stellt sich automatisch auch die Frage nach persönlichem Versagen und individueller Schuld.

Das Gedenken an den 20. Juli 1944 und an den Widerstand gegen Hitler bleibt eine stete Mahnung auch an uns, gegen Willkür und Diskriminierung, gegen Terror und Diktatur rechtzeitig aufzustehen, die Stimme zu erheben und für die Freiheit und das Recht einzutreten.

Der Historiker Prof. Joachim Fest schrieb diese Tage: „Tatsächlich haben wir uns, weil es den 20. Juli und andere Widerstandsaktionen gab, offener und selbstbewusster der Geschichte jener Jahre stellen können. Das wird von vielen nicht gesehen. Im Gegenteil werden unausgesetzt neue Vorwürfe laut. Der Widerstand, der dazu beitrug, dem Land schon bald nach dem Ende des Hitlerregimes die Rückkehr in die Welt zu erleichtern, ist nach wie vor ein verweigertes Vermächtnis. Ihm den Rang zu geben, der ihm gebührt, bleibt eine noch zu leistende Aufgabe.“

Dieses Gedenken im Bayerischen Landtag soll dazu ein kleiner Baustein sein. Dabei gedenken wir nicht nur der Männer des militärischen Widerstands, wir gedenken aller Frauen und Männer, die in den verschiedensten Aktivitäten des Widerstands ihr Leben riskiert und verloren haben. Ich bitte Sie ihrer zu Ehren um eine Gedenkminute.“

Alois Glück, MdL, Präsident des Bayerischen Landtags

Mit freundlichen Grüßen

Axel Stehle, Pressesprecher

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