Bayerischer Landtag

Neujahrsansprache von Landtagspräsident Alois Glück im Bayerischen Fernsehen

Dienstag, 30. Dezember 2003

Ein bewegtes Jahr geht zu Ende. Wie geht es weiter? Diese Frage beschäftigt viele am Ende dieses Jahres noch mehr als am Anfang. Alle empfinden wir eindringlicher, sehen wir klarer: Tiefgreifende Veränderungen sind notwendig, damit wir eine gute Zukunft haben. Über die notwendigen Reformen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit unseres Landes wird intensiv debattiert. Dabei bin ich sicher: Wir brauchen nicht pessimistisch sein. Wir können in der Spitzengruppe des Wohlstands bleiben, wenn wir jetzt richtig handeln. Ich will mich einer anderen Frage zuwenden: Was müssen wir tun, damit wir in Bayern auch morgen und übermorgen diese besondere Lebensqualität haben. Was prägt diese besondere Lebensqualität? Es ist die Lebendigkeit des Gemeinschaftslebens, der sozialen Beziehungen, die Kultur in der Spanne von Tradition und Moderne, es ist die Vielfalt und der Reiz der Kulturlandschaften, die Qualität des Lebens in unseren Dörfern und Städten. Bayern hat vor allem deshalb diese besondere Lebensqualität, weil wir auch in Deutschland eine Region des lebendigeren Gemeinschaftslebens, des bürgerschaftlichen Engagements sind.

Dies zu erhalten und zu fördern, ist vor allem unsere gemeinsame Aufgabe. Fast jeder kann dazu etwas beitragen. Etwa, indem er sich für andere Menschen, in Gemeinschaften und Vereinen, für Projekte im Rahmen seiner Möglichkeiten engagiert. Und wer selbst nicht handeln kann, kann eines bestimmt: Aktiven und Engagierten sagen, wie wichtig ihr Engagement für uns alle ist, ihnen Dank und Anerkennung geben und sie damit ermutigen. Häufig erkennen wir den Wert erst, wenn wir den Verlust beklagen. Deshalb lade ich Sie zu einem Gedankenexperiment ein: Versuchen Sie einmal, sich das Leben an Ihrem Ort vorzustellen, ohne all das, was freiwillig engagierte Menschen einbringen. Doch eigentlich unvorstellbar. Wenn dem so ist, dann lasst uns danach handeln!

Die Veränderung der Altersstruktur beschäftigt uns zunehmend. Diesen Wandel müssen wir im Dialog der Generationen gemeinsam gestalten. Dabei haben wir nicht zu viele ältere Menschen – wir haben zu wenige Kinder. Mir ist in den letzten Jahren bei den schulpolitischen und familienpolitischen Debatten aufgefallen, dass wir kaum diskutieren, kaum fragen: Was brauchen Kinder für ihre Entwicklung? Wir sehen fast alles nur durch die Brille der Erwachsenen, unsere Blickwinkel und Interessen. Wir müssen die Lebenssituation von Kindern und Familien zu der nationalen Gemeinschaftsaufgabe gestalten. Als Teil unseres Denkens und Handelns in allen Lebensbereichen. Ich will es mit einem Vergleich verdeutlichen: Wenn wir heute ein Projekt planen, im Gemeinderat über ein Baugebiet beraten, denken wir lange vor den förmlichen Verfahren und den Prüfungen: Ist das Vorhaben auch umweltverträglich? Wenn wir es in den nächsten Jahren schaffen, genauso selbstverständlich zu bedenken: Wie wirkt sich das Vorhaben für Kinder, für Familien aus, haben wir den Durchbruch für mehr Kinder und Familien, für mehr Lebensfreude und mehr Zukunft für unser Land geschafft. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe, unsere gemeinsame Chance.

Ich wünsche Ihnen persönlich für das kommende Jahr Gesundheit, Freude und Erfolg in Ihren Aufgaben, Kraft und Ausdauer in schwierigen Wegstrecken; dazu gute, verlässliche Wegbegleiter. Gemeinsam wünsche ich uns den Mut zu einem neuen Aufbruch, zu einer neuen Leistungskultur und zu gelebter Solidarität. Dann werden uns die Veränderungen nicht bedrohen, nicht zum Abbau unserer Lebensqualität führen, sondern zu einer Gesellschaft, die menschlicher und leistungsfähiger ist. Wir haben es gemeinsam in der Hand.

Mit freundlichen Grüßen

Josef Hasler

Stellv. Pressesprecher

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