Bayerischer Landtag

Landtagspräsident Alois Glück: Erklärung im Plenum zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2005

Donnerstag, 27. Januar 2005

"Heute begehen wir den „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“. Ich begrüße dazu Herrn Harald Eckert, den Vorsitzenden des Vereins „Christliche Freunde Israels“, der von einigen Mitgliedern des Vereins begleitet wird.Auch möchte ich schon jetzt darauf hinweisen, dass am 27. April eine gemeinsame Veranstaltung des Bayerischen Landtags und der Bayerischen Staatsregierung im Herkulessaal der Münchner Residenz anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager in Bayern sein wird. Der heutige Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus steht am Beginn eines Jahres, in dem es viele Anlässe gibt, der Ereignisse des Jahres 1945 zu gedenken. Wie gehen wir mit diesen schmerzlichen Gedenktagen, genauer, mit dieser schmerzlichen Wirklichkeit um?

Dies sorgfältig zu bedenken ist wichtig, damit nicht gerade in diesem Jahr diejenigen Resonanz und Zustimmung erhalten, die im Wachhalten der Erinnerung eine ständige Demütigung der Deutschen sehen, die Unsicherheiten im Umgang mit diesem schmerzlichen Teil unserer Geschichte, Verletzungen durch pauschale Urteile, politisch ausnutzen.

Dazu eine Anmerkung, die die Aufgabe nicht ausreichend beschreibt, die Anstoß für eine gründliche und tiefer gehende Reflexion sein soll. Für ein Volk gilt, was für den einzelnen Menschen wichtig ist: Wer die Kraft hat, zu den Schattenseiten seiner Person zu stehen, jeder hat solche, zu vielleicht auch schwerwiegenden Fehlern, wer den Mut hat, sich damit auseinanderzusetzen, der wird daraus neue Kraft gewinnen, eine Souveränität, die die Schuld in das Ganze seines Lebens einordnet. Damit wird die Schuld angenommen als Wirklichkeit, aber sie wird sein weiteres Leben nicht dominieren.

Schuld, Vergangenheit, Neubeginn, Negatives und Positives werden eine Einheit. Und noch einen weiteren Aspekt, ja einen Ankerpunkt dieser Diskussion will ich nennen. Es gibt keine - womöglich fortwirkende - Kollektivschuld der Deutschen, nirgendwo in der Welt ein „Tätervolk“, erst recht nicht eine daraus abgeleitete Schuld des Einzelnen. Es gibt jedoch gemeinsame und bindende Verpflichtungen aus unserer Geschichte, ihren Tiefen und ihren Höhen. Lassen Sie uns gerade in diesem Jahr schmerzlicher Gedenktage eine solche Souveränität entwickeln und leben.

Vor 60 Jahren erlebte die Welt den Abschluss der dunkelsten Phase der deutschen Geschichte: Der von den Nationalsozialisten verbrecherisch heraufbeschworene Zweite Weltkrieg ging zu Ende. Mit dem Ende des Krieges wurden die Ver­heerungen, die derZweite Weltkrieg angerichtet hatte, in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar: 55 Millionen Opfer waren weltweit zu be­klagen, wobei die Zivilbevölkerung in einem bis dahin nicht bekannten Ausmaß betroffen war. Mit Entsetzen und Abscheu erfuhr die Welt von den Konzentrationslagern: 6 Millionen Menschen waren dort grausam umgebracht worden, und diejenigen, die diese Hölle überlebten, waren für ihr Leben körperlich und psychisch gezeichnet. Auschwitz, an dessen Befreiung der heutige Tag er­innert, ist zum Synonym geworden für das menschen­verachtende System des National­sozialismus.

Immer wieder gibt es in unserem Land heftige Diskussionen, weil der Holocaust mit anderen schrecklichen Ereignissen verglichen wird. Die Absicht ist dabei meistens, die einmalige Dimension des Holocaust durch Verweis auf andere Massentötungen zu relativieren. Dies findet durchaus seinen Anklang, wie man in Gesprächen häufig feststellen muss. Warum kann man z.B. die Opfer des Terrors von Stalin mit den Ermordeten durch die Nazis nicht vergleichen, womöglich gegenrechnen? Hier hilft nicht einfach empörte Zurückweisung. Präzise Argumentation ist notwendig. Worin besteht die Einmaligkeit, die Einmaligkeit des Holocaust, warum sind Vergleiche falsch? Der Kieler Historiker Michael Salewski hat kürzlich die Einzigartigkeit des Holocaust sehr eindrucksvoll begründet.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 25. Januar schreibt er (ich zitiere):

„Nicht die Rassenfrage war der Kern des entstehenden Antisemitismus, sondern die viel entscheidendere Frage nach dem Mensch- oder Nichtmenschsein der Juden. Die gängigen Metaphern, mit denen die Juden von den Antisemiten belegt wurden, hätten aufmerken lassen müssen: „Parasiten“, „fauler Schimmel“, „Ungeziefer“, „Läuse“, „Ratten“. Das ergibt nur dann einen Sinn, wenn den so Stigmatisierten das Menschsein prinzipiell abgesprochen wurde. Damit ist eigentlich schon erklärt, warum es zum Holocaust kam, vielleicht sogar kommen musste. Denn wer hätte Skrupel, Bazillen, Ungeziefer, Schimmel zu vernichten - möglichst hygienisch? ….
Der Holocaust ist also keineswegs ein Derivat des Rassismus. Die Juden wurden nicht vernichtet, weil sie einer minderen Rasse angehörten, sondern weil sie überhaupt keiner menschlichen Rasse angehörten. Das ergibt sich logisch aus dem Umstand, dass der Nationalsozialismus zwar zwischen „höheren“ und „niederen“ Rassen unterscheiden zu können glaubte, die „niederen“, „minderwertigen“ in eine Art von Sklaverei zu zwingen sich bemühte, nicht aber mit dem Ziel, sie physisch auszurotten. In den Plänen für die neue Ostsiedlung wurde es greifbar: die germanischen Herrenmenschen sollten über Heere von slawischen Untermenschen gebieten. Systematisch auszurotten waren sie aber nicht, und dies schon aus einem banalen Grund: Die minderwertigen Rassen hatten die minderwertigen Tätigkeiten zu leisten ….
Mit Ausnahme der [so genannten] „Zigeuner“, denen die Menschlichkeit ebenfalls abgesprochen wurde, gab es keine Menschengruppe, die aus rein rassischen Gründen der physischen Vernichtung überantwortet werden sollte. Aus diesem Grunde ist es unzulässig, den Rassismus, den es ja keineswegs nur in Deutschland gab, mit dem Holocaust zu vermengen. Der Holocaust speist sich nicht aus der Rassendiskussion des 19. Jahrhunderts, sondern ist Folge des Postulats von der Nichtmenschlichkeit der Juden.“

Ein solcher Zivilisationsbruch ist wohl einzigartig in der Menschheitsgeschichte. Diese geschichtliche Wirklichkeit zeigt das Ausmaß des Skandals der NPD im Sächsischen Landtag. Es geht dabei um mehr als den absichtsvollen, aber aus den gerade dargelegten Gründen falschen Vergleich des Holocaust mit der schrecklichen Bombardierung von Dresden. Wer den Toten das Gedenken und die Ehrerbietung verweigert, macht sich die Geisteshaltung der Nazis zu eigen, verweigert den Respekt des Menschen zu anderen Menschen - weil sie für ihn keine Menschen sind. Das ist nicht nur ein politischer Skandal, das ist ein tiefer Kulturbruch, eine Verweigerung gegenüber den Grundlagen der menschlichen Zivilisation; das ist die eigentliche Dimension des Skandals. Damit müssen wir uns mit sachlicher Kompetenz, mit Überzeugungskraft und mit Leidenschaft auseinandersetzen, gegen diesen Ungeist kämpfen.

Die Anzahl der Zeitzeugen wird immer kleiner, die Aufgabe des Erinnerns fällt nun den Nach­geborenen zu, die die NS-Zeit nur aus den Erzählungen der Eltern und Großeltern und aus geschichtlichen Dokumentationen kennen. Der Gefahr, dass das Gedenken aufgrund der immer größeren zeitlichen Distanz zum bloßen Ritual wird, entgehen wir wohl am ehesten dann, wenn wir uns weiterhin um eine aktive Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bemühen. Unter aktiver Auseinandersetzung verstehe ich vor allem die Aufgabe, politische und gesellschaftliche Ent­wicklungen der Gegenwart aufmerksam zu verfolgen und daraus entsprechende Schlüsse zu ziehen. Der heutige Gedenktag erhält dann einen ihm ange­messenen Sinn, wenn wir nicht nur trauernd zurück­blicken, sondern wenn wir das Gedenken auch als Auf­trag begreifen für unser eigenes Handeln.

Orientierung bietet dabei das Vorbild von Menschen, die es während der Herrschaft des Nationalsozialismus wagten, sich der Gewalt und der Unmenschlichkeit ent­gegenzustellen. Noch 1945 wurden viele von ihnen hin­gerichtet, weshalb wir auch ihrer heuer in besonderem Maße gedenken. Viele sind bekannt, aber es gab auch Tausende, die wir heute nicht mehr kennen. Sie ließen sich nicht verführen von der groß­mäuligen Nazi-Propa­ganda und sie waren mutig genug, sich nicht der Gewalt zu beugen und lieber zu sterben, als der Sache der Unmenschen zu dienen.

Auch das zähle ich zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Erbe unserer Geschichte: uns immer wieder dieser großartigen Menschen zu erinnern, die mit ihrem Leben bewiesen haben, dass auch in dunkler Zeit das Licht der Menschlichkeit nicht verlöscht. Wir wollen uns bemühen, dieses Licht weiter in die Zukunft zu tragen.

Meine Damen und Herren, ich darf Sie nun bitten, sich zum ehrenden Gedenken an alle Menschen, die der Tyrannei und den barbarischen Verbrechen der Natio­nalsozialisten zum Opfer gefallen sind, von Ihren Plätzen zu erheben.

(Gedenkminute)

Ich danke Ihnen."

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