Bayerischer Landtag

Ansprache zum Jahreswechsel von Landtagspräsidentin Barbara Stamm

Dienstag, 30. Dezember 2008

Die Ansprache wird ausgestrahlt im Bayerischen Fernsehen am Dienstag, 30.12.2008 ab 18.53 Uhr sowie im BR-Hörfunk, Programm Bayern 1, am Dienstag, 30.12.2008 um 20.05 Uhr.

Hier die Ansprache im Wortlaut:
Guten Abend, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer!

Sicher können viele von Ihnen bei Ihrer ganz persönlichen Jahresbilanz auf schöne Ereignisse zurückblicken, wie die Geburt eines Kindes in der Familie, eine Hochzeit, gute Begegnungen mit Freunden, eine bestandene Prüfung oder eine erfolgreiche Bewerbung – darauf können Sie mit Recht stolz sein und daraus können Sie Kraft schöpfen für die anstehenden Aufgaben.

Das Jahr 2008 war für viele Menschen in Bayern aber auch ein sorgenvolles Jahr. Wirtschafts- und Bankenkrise, hohe Energiepreise, Stellenabbau in einigen Branchen – alle diese Hiobsbotschaften haben wir konkret in unserem Alltag, in unserem Familien- und Freundeskreis erfahren. Wie soll ich die nächste Gasrechnung bezahlen? Ist mein Erspartes bei den Banken noch sicher? Bin ich von der nächsten Kündigungswelle in meiner Firma betroffen? Dahinter stehen Zweifel und Ängste von Menschen, deren Vertrauen in eine sichere Zukunft für ihre Familien und ihre Kinder tief erschüttert ist.

In diesem Jahr ist einiges ins Wanken geraten, was über Jahrzehnte getragen hat. Die wichtigsten Erkenntnisse für uns sind: Wir können die Globalisierung nicht dem ungezügelten Kräftespiel des Marktes, vor allem nicht den teilweise maßlosen Spekulationen auf den Finanzmärkten überlassen. Das setzt die Existenzen vieler Menschen und ganzer Wirtschafts- und Finanzsysteme aufs Spiel. Und am Ende sind es wiederum der Staat, die Steuerzahler und die Solidargemeinschaft, die dafür einzustehen haben. Mehr denn je brauchen wir den Ordnungsrahmen, der für den Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft steht. Sicherlich: Die Rahmenbedingungen haben sich in den sechs Jahrzehnten erheblich verändert, insbesondere die demographische Entwicklung, die Ressourcenverteilung, das Weltwirtschaftsgefüge und die Migration. „Sozial“ hat heute eine andere Bedeutung als damals – aber noch immer steht der Mensch mit seiner ihm eigenen Menschenwürde im Mittelpunkt allen Handelns. Statt mehr Transferleistungen muss unser Tun an Maßstäben wie Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Subsidiarität und Solidarität gemessen werden.

Nur so schaffen wir Vertrauen und Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger. Das sind wir vor allem den Kindern und Enkeln schuldig, die einen Anspruch auf verlässliche Starthilfen für eine gesicherte Zukunft haben.

Kinder und Jugendliche, die in der Zukunft bestehen wollen, brauchen keinen weltweiten Bildungsvergleich, sondern bei sich daheim Schulen und Pädagogen, die ihre Stärken unterstützen und ihre Schwächen mindern helfen. Die Sozialpolitik des 21. Jahrhunderts ist die Bildungspolitik. Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung, unabhängig von Einkommen, Herkunft und Bildung der Eltern. Denn jedes Kind hat seine eigenen Fähigkeiten, die wir dringend brauchen.

Wichtiger denn je sind in diesen Zeiten Überschaubarkeit und Orientierung geworden, die Sehnsucht nach dem prägenden Einfluss von Werten und Leitbildern ist immer wieder zu spüren. Diese Maßstäbe werden uns nicht in die Wiege gelegt. Sie werden gelebt und erlernt in den Familien, im Freundeskreis, in den Schulen, in den Vereinen – überall dort, wo Menschen zusammen sind: Hinschauen, wo Hilfe gebraucht wird; Trösten, wo Leid geschehen ist; Zuhören, wo gesprochen wird; Widersprechen, wo die Menschenwürde mit Füßen getreten wird - nur das hält eine Gesellschaft zusammen, weil diese Haltung verlässlicher als Zahlen und Börsenkurse ist und weil sie Wurzeln schlägt für ein festes Fundament, das auch in schwierigen Situationen trägt.

Denn die Auswirkungen der Krisen in diesem Jahr werden wir auch noch im neuen Jahr spüren. Wie wir damit umgehen, wird ein Prüfstein für uns alle sein – für die Politik und die Wirtschaft, für Manager und Mitarbeiter, für die ganze Gesellschaft.

Das gelingt am besten mit einem verlässlichen Kompass, der die Richtung in diesen stürmischen Zeiten vorgibt und den Blick für das Wesentliche in unserem Zusammenleben frei gibt. Wenn wir uns immer wieder jener Werte vergewissern, die eine menschliche Kultur im christlichen Sinne ausmachen, bin ich voller Hoffnung für die Zukunft.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
ich wünsche Ihnen für das Jahr 2009 Zuversicht, Kraft und Erfolg bei den anstehenden Aufgaben und Gottes Segen, vor allem denjenigen, die von Krankheit oder anderen persönlichen Rückschlägen betroffen sind.

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