Bayerischer Landtag

„Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“: Erklärung von Landtagspräsidentin Barbara Stamm am 27. Januar 2009 im Plenum

Dienstag, 27. Januar 2009
„Heute vor 64 Jahren befreiten sowjetische Soldaten die Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Die dort gefundenen Spuren und Dokumente einer unvorstellbaren, planmäßigen Tötungsmaschinerie sind ein unauslöschliches Zeugnis für die von Deutschen begangenen barbarischen Verbrechen an Juden, an Angehörigen anderer Volksgruppen und an Personen, die dem Nationalsozialismus Widerstand leisteten und deswegen verfolgt wurden.

Auf Initiative des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog wurde vor dreizehn Jahren aus dem Befreiungstag der offizielle deutsche Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Zehn Jahre später erklärten die Vereinten Nationen diesen Tag zum Internationalen Gedenktag und setzten damit ein unmissverständliches Zeichen für eine grenzüberschreitende Erinnerungsarbeit. Denn uns alle verbindet und leitet in unserem Handeln die gemeinsame Überzeugung mit dem Ziel „nie wieder Auschwitz, nie wieder Krieg“.

Nach wie vor sind wir fassungslos ob der bitteren Erkenntnis aus der Geschichte, wozu Menschen fähig sind, wie es zum Holocaust kommen konnte, warum jeder Maßstab für Recht und Unrecht verloren ging.
Deshalb ist es besonders bestürzend, wenn Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft wieder um sich greifen und auf dem gefährlichen Nährboden von Ignoranz und Gleichgültigkeit gedeihen können. Wir sollten doch längst begriffen haben, dass es notwendig ist, für die Werte der Zivilisation einzustehen und sie zu verteidigen – und das immerwährend.

Roman Herzog fragte sich in seiner Rede anlässlich des ersten Gedenktages, ob Erinnerung Zukunft haben kann, vor allem ob die Auseinandersetzung gerade der jungen Generation mit der Vergangenheit und den notwendigen Konsequenzen möglich sein wird. Ich bin zuversichtlich, dass trotz des zunehmenden zeitlichen Abstands jede Generation ihren Weg und ihre Art des Erinnerns findet und finden wird.

Wichtig ist, dass wir die Rahmenbedingungen dafür setzen; mit „wir“ meine ich alle die, die in der Verantwortung stehen: im Elternhaus, in den Schulen, in den Bildungsinstitutionen des politischen und vorpolitischen Raums, in den politischen Funktionen. Gedenktage alleine reichen nicht aus. Genauso vielfältig wie die Formen des Erinnerns sein können, sollte die Auseinandersetzung mit den damaligen Geschehnissen sein. Die Weitergabe von authentischen Erfahrungen in Lesungen und Gesprächen sind ebenso wichtig wie die Besuche der Gedenkstätten. Von den über 180 Gedenkstätten in Deutschland sind über die Hälfte nicht nur ständig geöffnet, sondern bieten auch eine Vielfalt an pädagogischen Programmen an. Auch in den Schulen werden bemerkenswerte Projekte durchgeführt. Beispielhaft nenne ich an dieser Stelle eine Initiative des Ostendorf-Gymnasiums in Neumarkt in der Oberpfalz, bei dem Schülerinnen und Schüler nach einer langen und sorgfältigen Spurensuche vieles über das jüdische Leben damals in ihrer Heimat herausgefunden und zu einem sehenswerten Musical verarbeitet haben.

Unverzichtbar und in besonderer Weise bereichernd ist für die jüngere Generation die Erfahrung der lebendigen jüdischen Gemeinden in unserem Land. Über sechs Jahrzehnte nach der Shoa sind sie ein selbstverständlicher Teil unserer Gemeinschaft und gestalten aktiv unser gesellschaftliches, religiöses und kulturelles Leben mit. Das ist ein großer Vertrauensbeweis der jüdischen Bürgerinnen und Bürger in das demokratische und freiheitliche Wertesystem dieses Landes. Darüber hinaus ist es eine greifbare Chance für uns alle und besonders für die Jüngeren, mehr über die Kultur und die Geschichte des Judentums zu erfahren.
Denn das Wissen um das Eigene und um das Fremde ist die wirkungsvollste Prävention gegen Beliebigkeit und dumpfe Ausgrenzungsmechanismen. Zugleich ist es eine Antriebsfeder dafür, nicht nur den Wert von Freiheit und Demokratie zu begreifen, sondern auch für ihn einzutreten, damit jeder Ansatz von Rassenwahn und Unmenschlichkeit im Keim erstickt wird.

In diesem Sinne gedenken wir heute der Opfer, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg gefordert haben, aber auch derjenigen, die sich mit Zivilcourage gegen die Barbarei gewandt haben.

Ich bitte Sie, sich zu einer Gedenkminute von Ihren Plätzen zu erheben.
Ich danke Ihnen.“

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