Bayerischer Landtag

KZ-Überlebende zu Besuch im Bayerischen Landtag

Donnerstag, 6. Mai 2010
Barbara Stamm: „Gemeinsam gegen das Vergessen arbeiten“

München. 14 Überlebende des KZ Dachau waren heute Gäste des Bayerischen Landtags. Präsidentin Barbara Stamm dankte den Männern, die zwischen 83 und 87 Jahre alt sind und aus der früheren Sowjetunion kommen, dass sie die mühevolle Reise in die Vergangenheit auf sich genommen haben, während ihres Aufenthaltes in Schulen gehen und sich jungen Leuten als Zeitzeugen zur Verfügung stellen. „“Es ist unser gemeinsamer Auftrag, gegen das Vergessen zu arbeiten“, betonte Barbara Stamm, die den bewegenden Lebensgeschichten der ehe-maligen KZ-Häftlinge aufmerksam zuhörte.

Nikolaj Gorbenko aus der Ukraine ist nach 65 Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland. „Ich bin hierher gekommen, um meine Kindheit noch einmal zu sehen“, beschrieb er den Grund für seine Reise. Erst vor ein paar Wochen habe er die Einladung nach Dachau erhalten, wo er drei Jahre lang die Hölle erlebt hat. Diesmal ist alles ganz anders: „Selbst in meiner größten Fantasie habe ich mir nicht ausmalen können, was mich hier für ein Empfang erwartet“, freute sich der 87-jährige Mann.

Beim Mittagessen mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm stand immer wieder einer der Gäste auf und schilderte seine ganz persönliche Lebensgeschichte: Petr Ipatjewitsch Aleksejenko aus Weißrussland war 15 Jahre alt, als ihn die Nationalsozialisten aus seinem kleinen Dorf verschleppten. Er musste bei einem Bauern in Deutschland Zwangsarbeit leisten. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch brachte ihn die SS in das Konzentrationslager Dachau. Ein Lagerarzt führte an ihm grauenvolle medizinische Versuche durch. Trotz des Leids, das Petr Ipatjewitsch Aleksejenko erlebt hat, kehrt er immer wieder nach Dachau zurück.

Mehr als 250 ehemaligen Häftlingen aus der früheren Sowjetunion hat die Stiftung Bayerische Gedenkstätten seit 1992 nach dem Wegfall des Eisernen Vorhangs bisher die Reise nach Bayern ermöglicht. „Ich werde dafür sorgen, dass auch in Zukunft genug Geld da ist, damit sie immer wieder kommen können“, versicherte der Landtagsabgeordnete Karl Freller, der an der Spitze der Stiftung steht: „Wir möchten in Bayern alles tun, damit die Opfer nicht vergessen werden und sich die furchtbaren Ereignisse nicht wiederholen.“

Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Mitglied in der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, hat den Empfang im Bayerischen Landtag für Überlebende des KZ Dachau bereits zur Tradition gemacht. Ihren Besuch wertete sie als „beispielhaftes Zeichen gegen das Vergessen und für die Versöhnung.“ Stamm setzt vor allem auf die persönliche Begegnung von jungen Leuten mit den ehemaligen Häftlingen, wie sie der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau möglich macht. „Der Freistaat Bayern und sein Parlament unterstützen und fördern ganz bewusst, dass viele Schulklassen aus dem In- und Ausland die KZ-Gedenkstätten besuchen können. Für die Jüngeren sind das Orte, an denen sie bleibende Lehren aus der Vergangenheit ziehen können“, betonte die Landtagspräsidentin.

Nicole Schneider, die Geschäftsführerin des Fördervereins für Internationale Jugendbegeg-nung und Gedenkstättenarbeit in Dachau, berichtete, dass auch diesmal wieder Interviews mit den ehemaligen Häftlingen aufgezeichnet werden, um deren Lebensgeschichten für die Zukunft zu dokumentieren. Beim Besuch im Landtag war auch der Münchner Ernst Grube dabei, der als Kind einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters am Ende des Krieges nach Theresienstadt deportiert worden war. „Heute am 6. Mai vor fast genau 65 Jahren haben sich dort die Tore geöffnet“, erinnerte sich Grube, der stellvertretender Vorsitzender der Lagerge-meinschaft Dachau ist und sich in zahlreichen Initiativen gegen das Vergessen engagiert. „Wir müssen das tun. Es gibt ja nicht mehr viele, die das erlebt haben“, sagte er. /hw

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