Bayerischer Landtag

Anhörung des Umweltausschusses im Bayerischen Landtag am 5.7.2012

Dienstag, 3. Juli 2012

Anhörung des Ausschusses
für Umwelt und Gesundheit

zum Thema „Auswirkungen nichtionisierender elektromagnetischer Strahlung
unterhalb der Grenzwerte der 26. BImSchV auf Lebewesen“

am Donnerstag, 5. Juli 2012,
9.15 Uhr im Senatssaal

Journalisten sind zu dieser Anhörung herzlich eingeladen.

Fragenkatalog

A. Technologie des gepulsten Mobilfunks (hochfrequente nicht ionisierende elektromagnetische Strahlung)
Begrifflichkeiten zu Hochfrequenz, Niederfrequenz, Ausbreitung, Pulsung, Absorptionsrate (SAR-Wert), thermische und athermische Eigenschaften

1. Wie ist die kumulative Belastung zahlreicher und permanenter Funknetze und Frequenzen zu beurteilen?
2. Welche verwendete und geplante Frequenzen werden aus physikalischer Sicht als besonders gefährlich vermutet?
3. Sind gepulste Hochfrequenzsignale biologisch wirksamer als ungepulste? Wenn ja, welche Puls-Frequenzen sind biologisch besonders wirksam?
4. Sind die physikalischen Eigenschaften der Mobilfunkstrahlung mit denen vergleichbar, die beim Militär in neuen Mikrowellen-Waffensystemen zum Einsatz kommen?
5. Wie lässt sich die SAR-Kennzeichnung von Handys durchsetzen?

B. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zu biologischen Wirkungen nicht ionisie-render elektromagnetischer Strahlung
Veränderungen in Zellen, DNS-Brüche, oxydativer Stress

1. Gibt es gesicherte Studien, die Wirkungen von nicht ionisierender elektromagnetischer Strahlung auf biologische Strukturen unterhalb der Grenzwerte nachweisen?
2. Gibt es Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien bezüglich des Effektes von gepulstem versus nichtgepulsten elektromagnetischen Feldern (EMF)?

C. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zu gesundheitlichen Gefahren
Befindlichkeitsstörungen, Elektrosensibilität, Zellveränderungen, Tumore, Leukämie, Baumschäden, Missbildungen, Totgeburten

1. Welche Anforderungen an die Qualität von Studien und welche Bewertungskriterien legt die SSK ihren Empfehlungen im Bereich nichtionisierende Strahlung zu Grunde?
2. Gibt es gesicherte Studien, die ein gesundheitliches Schädigungspotential von nicht ionisierender elektromagnetischer Strahlung auf der Basis biologischer Wirkungen unterhalb der geltenden Grenzwerte nachweisen?
3. Gibt es Forschungsaktivitäten in Bayern, die den passiven Schutz vor elektromagnetischer Strahlung zum Inhalt haben?
4. Welche Forschungsarbeiten gibt es, die das Ziel verfolgen die elektromagnetische Strahlung der Mobilfunkstationen, der DECT-Telefone oder der Handys zu minimieren?
5. Gibt es gesicherte Studien, die eine Schädigung von Spermien durch normale Handynutzung nachweisen?
6. Gibt es gesicherte Studien, die nachweisen, dass verschiedene Krankheitssymptome im nahen Umkreis um Mobilfunksender gehäuft auftreten und die Krebsrate steigt?
7. Gibt es gesicherte Studien, die nachweisen, dass EMF unterhalb der Grenzwerte bei Menschen, Tieren und Pflanzen biologische Veränderungen hervorrufen und in der Folge für eine Schädigung des Gesundheitszustandes verantwortlich sind?
8. Welche Strategien zu einer besseren Sensibilisierung und Information über das Themas Elektrosmog (Handys, DECT, WLAN) in der Bevölkerung sind erforderlich? Welche werden verfolgt?
9. Welche aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es zur Schädigung von Pflanzen, Tieren und Menschen durch elektromagnetische Felder?
10. Welche Anreizsysteme zur Minimierung der Strahlenbelastung, z.B. sendeleistungsabhängige Mobilfunksteuer, sind umsetzbar und wo liegen die Prioritäten?
11. Inwieweit wird Elektrosensibilität medizinisch anerkannt, welche Schutzmaßnahmen sieht der Staat für solchen Personen vor und wie werden diese Personen entschädigt?
12. Wieviel % der deutschen Bevölkerung ist durch EMF gesundheitlich beeinträchtigt und welche Vorsorgemaßnahmen(z.B. Konzepte zur Einrichtung von funkfreien Zonen) müssen daher eingeleitet werden ?
13. Wäre es sinnvoll, ein Leukämie,- Tumor,- Missbildungs- und Totgeburtenregister aufzubauen, das Zusammenhänge zwischen diesen Krankheiten und Mobilfunkstrahlung zweifelsfrei aufzeigt?
14. Sind die Aussagen des Bundesamtes für Strahlenschutz bei einer Anhörung im Bayer. Landtag am 7.12.2006 heute noch gültig, dass es nicht sinnvoll ist, Kinder und Jugendliche den Strahlenbelastungen durch WLAN auszusetzen, weil Fragen nach altersabhängiger Ener-gieaufnahme und Energieverteilung im Kopf noch nicht ausreichend beantwortet sind?
15. Sollen Schulen bzw. Bildungseinrichtungen aus gesundheitlichen Gründen im Sinne des Vorsorgegedankens auf kabelgebundene Netzwerke zurück greifen?
16. Wie soll der Beschluss des Ständigen Ausschusses des Europarates vom 27.5.2011, der eine Reduzierung der Strahlenbelastung durch elektromagnetische Strahlen insbes. für Kinder und Jugendliche fordert, im Sinne des Vorsorgegedankens konkret in Bayern umgesetzt werden?
17. Wie sind die Bestrebungen von Bildungspolitikern auf möglichst flächendeckende Einrichtung von digitalen Klassenzimmern aus gesundheitlicher Sicht zu beurteilen?
18. Sollte die Öffentlichkeitsarbeit der Landesregierung im Hinblick auf die stärkere Berücksichtigung eines Vorsorgegedankens bezüglich des Gesundheitsschutzes erweitert bzw. verbessert werden?

D. EMF-Vorsorgekonzept und Grenzwerte der 26. BImSchV
Grundlagen der Bundesimmissionsschutzverordnung, Grenzwertdefinition, kumulierte Strahlenbelastung, internationale Grenzwerte, Empfehlungen, Warnungen/Entwarnungen

1. Ist es technisch möglich, mit Feldstärken unterhalb des vorgeschriebenen Grenzwertes eine mobile Kommunikation ohne einen Verlust der Daten-/Sprachqualität aufrecht zu erhalten? Wenn ja, wie hoch sind dabei die minimalen Strahlenwerte?
2. Wie sind die Grenzwerte der 26. BImSchV bezüglich der internationalen und nationalen Empfehlungen von Expertenkommissionen einzuordnen. Welche Vorsorgemaßnahmen werden bereits umgesetzt?
3. Schützen die Grenzwerte der 26. BImSchV Lebewesen im Sinne eines vorbeugenden Verbraucher- bzw. Gesundheitsschutzes? Wenn nein, welche Änderungen sind einzuleiten?
4. Inwieweit schützen die aktuellen Grenzwerte besondere Personengruppen wie Kinder, Jugendliche, Schwangere, Kranke bzw. alte Personen?
5. Wie wird die Einhaltung der Grenzwerte der 26. BImSchV überprüft und was zeigen die Auswertungen dieser Ergebnisse. Welche weiteren bundesweiten Messprogramme gibt es im Bereich nichtionisierender Strahlung und zu welchen Ergebnissen kommen diese?
6. Wie werden Warnungen vor den gesundheitlichen Gefahren von EMF und Empfehlungen von WHO, EU-Parlament, EU-Rat hierzu in Bayern berücksichtigt (z.B.. fordert der Ausschuss Umwelt des Europarates vom 6.5.2011 ein grundsätzliches Umsteuern in der Mobilfunkpoli-tik)?
7. Wie werden Warnungen vor den gesundheitlichen Gefahren von EMF und Empfehlungen von WHO, EU-Parlament, EU-Rat hierzu in Bayern berücksichtigt?
8. Womit begründet (z.B. bei Antworten auf schriftliche Anfragen von Abgeordneten) die Staatsregierung ihre Feststellung: „Auf Basis bisheriger Forschungsergebnisse ist keine Studie bekannt, die nach anerkannten wissenschaftlichen Kriterien eine gesundheitliche Beein-trächtigung bei Einhaltung der Grenzwerte belegen würde“?
9. Wie sind die Mobilfunkgrenzwerte in Deutschland im internationalen Vergleich zu beurteilen ? Welche Auswirkungen hätte ein Absenken der Grenzwerte und wäre es sinnvoll einheitliche Grenzwerte zumindest in der EU fest zulegen?
10. Welche Länder haben Mobilfunk-Grenzwerte die unter der 26.BImSchV liegen und welche Erfahrungen zur Stabilität des Funknetzes wurden dort gemacht?
11. Sind Pilotversuche wie zum Beispiel in Frankreich 2010 zur Reduzierung der elektromagnetischen Strahlung bzw. richtigen Einordnung der bestehenden Grenzwerte und Weiterentwicklung der Grenzwertdiskussion auch in Bayern sinnvoll und notwendig?

E. Objektivität von Wissenschaft, Politik, Verwaltung und Medien im Interessenskonflikt zwischen Profit und Vernunft
Studien werden diskreditiert, Wissenschaftler der Fälschung bezichtigt, durch die Industrie finanzierte Studien und Werbekampagnen bereiten das Feld für Akzeptanz des Mobilfunks, Behörden und Politik arbeiten mit der Industrie zusammen, Parteispenden sichern das politische Umfeld

1. Wie ist die Aussage von Prof. Bernhard, Mitglied der Strahlenschutzkommission von 1997 in Hinblick auf die Bedeutung des Vorsorgegedankens zu beurteilen: "Zweifelsfrei verstanden haben wir bei den hochfrequenten Feldern nur die thermische Wirkung, und nur auf dieser Basis können wir derzeit Grenzwerte festlegen. Es gibt darüber hinaus Hinweise auf krebsfördernde Wirkungen und Störungen der Zellmembran." … "Wenn man die Grenzwerte reduziert, dann macht man die Wirtschaft kaputt, dann wird der Standort Deutschland gefährdet."
2. Wird von Politik und Wirtschaft ein gesundheitlicher Kollateralschaden durch Mobilfunktechnologien in unbekannter Größe akzeptiert, um der Wirtschaft nicht zu schaden?
3. Müssen die immensen Versteigerungsgewinne des Staates bei der Vergabe neuer Kommunikationsfrequenzen in Zusammenhang mit einer Rücksichtnahme des Staates gegenüber den wirtschaftlichen Interessen der Mobilfunkindustrie gebracht werden?
4. Die mobilfunkkritische Reflex-Studie von Prof. Adlkofer wurde in der Vergangenheit durch Fälschungsvorwürfe diskreditiert. Die Vorwürfe haben sich jedoch nicht bestätigt. Im Gegenteil: Es hat sich herausgestellt, dass in diesem Zusammenhang von der Industrie unzulässiger Einfluss auf die Wissenschaft genommen wurde, um die angebliche Unschädlichkeit des Mobilfunks herauszustellen. Wie ist der Stand der Dinge?
5. Werden die Ergebnisse der Reflex-Studie von den Behörden inzwischen entsprechend gewürdigt oder noch immer negiert?
6. Gibt es inzwischen Bestrebungen, das Deutsche Mobilfunk-Forschungsprogramm zur Festigung der Reflex-Ergebnisse um weitere relevante Studien zu erweitern?
7. Wie ist die Unabhängigkeit der Wissenschaft bei Mobilfunkstudien heute gewährleistet?
8. Warum wurde die sog. „Rinderstudie“, die signifikante Hinweise auf gesundheitliche Schädigungen von Tieren brachte, bisher nicht weitergeführt?
9. Warum wurden die sorgfältig recherchierten Berichte der Landwirte Sturzenegger und Hoppe über gehäuft auftretende Missbildungen und Totgeburten bisher nicht wissenschaftlich weiter verfolgt?
10. Wie ist die ursprüngliche Geheimhaltung beim Aufbau des TETRA-Behördenfunks mit der angeblich gesundheitlich unschädlichen Technologie in Einklang zu bringen?
11. Inwieweit beeinflusst die Mobilfunkindustrie durch Ko-Finanzierung das deutsche Mobil-funkforschungsprogramm? Wurden aufgrund dieser Einflussnahme Studienvorschläge deswegen direkt oder indirekt abgelehnt oder inhaltlich gesteuert?

F. Mobilfunk versus Grund-/Menschenrechte
Mobilfunk aus juristischer Sicht. Wie vereinbart sich die unfreiwillige Bestrahlung mit dem Recht auf Unversehrtheit der Wohnung und dem Recht auf Selbstbestimmung?

1. In welchem Maße beeinflussen Mobilfunksendeanlagen den Marktwert des Grundstücks auf dem sie gebaut wurden bzw. umliegenden Grundstücke?
2. Gibt es Fälle von Mieteinbußen (z.B. durch Mietkürzungen) im Umfeld von Mobilfunkmasten/Sendeanlagen? Wenn ja, wie werden diese juristisch behandelt?
3. Welche Möglichkeiten sind generell und im Einzelfall denkbar, unfreiwillige Bestrahlung auf juristischem Weg zu verhindern?
4. Wie ist die Frage des Schadenersatzes im nachgewiesenen Schadensfall zu beurteilen, wenn sich Mobilfunkbetreiber und Behörden stets auf die derzeitigen Grenzwerte und deren Einhaltung berufen?
5. Wer haftet für alle bereits erfolgten und zukünftigen Schadenfälle, in denen sich die gegenwärtig geltenden Grenzwerte nachträglich als unzureichend für die gesundheitliche Vorsorge erweisen?
6. Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es auf privaten Grundstücken „mobilfunkfreie Gebiete“ einzurichten?

Expertenverzeichnis
(Stand 3.7.2012)

Dr. Jutta Brix
Dr. Evi Vogel,
Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Gesundheit, München
Dr. med. Joachim Mutter, Konstanz
Bernd Irmfrid Budzinski, Richter am VG a.D., Freiburg
Josef Opitz, Bundesnetzagentur, Referat EMVU, Mainz
Prof. Dr. Caroline Herr, Geschäftsstelle der Strahlenschutzkommission, Bonn
Dr.-Ing. Martin H. Virnich, Ingenieurbüro für Baubiologie und Umweltmesstechnik - ibu – , Mönchengladbach
Dr. rer. nat. Ulrich Warnke, Universität des Saarlandes, Saarbrücken
Bernd Rainer Müller, Ingenieurbüro für Arbeitsschutz und Messtechnik, Lage
Dr. Gunde Ziegelberger, Bundesamt für Strahlenschutz, Salzgitter

Seitenanfang