Bayerischer Landtag

Ausschuss für Gesundheit und Pflege: Anhörung zum Thema „Häusliche Pflege“

Pflege zu Hause | © dpa

Dienstag, 27. Oktober 2015
– Von David Lohmann –

Wie können Menschen besser unterstützt werden, die Angehörige pflegen und gleichzeitig ihrer Erwerbsarbeit nachgehen? Diese Frage diskutierte der Ausschuss für Gesundheit und Pflege mit Experten im Rahmen der Anhörung „Häusliche Pflege“ im Maximilianeum. „Das ist wegen der demographischen Entwicklung und der Bundesgesetzgebung ein brisantes Thema“, unterstrich die Ausschussvorsitzende Kathrin Sonnenholzner (SPD).  

„70 Prozent der Pflegenden in Bayern sind weiblich“, erklärte Prof. Dr. Elmar Gräßel von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Erlangen. Seiner Meinung nach wird der Bedarf an häuslicher Pflege weiter steigen, weil die chronischen Erkrankungen zunehmen werden. „Um die Versorgung zu Hause statt im Pflegeheim zu gewährleisten, brauchen wir daher einen Mix aus professioneller Unterstützung und privater Pflege“, erläutete er.

90 Prozent der Pflegenden sind Angehörige, der Rest Freunde oder Nachbarn. „Diese Grundlage wird von der Politik viel zu oft als selbstverständlich hingenommen“, kritisierte Brigitte Bührlen von der WIR! Stiftung pflegender Angehöriger. Sie forderte daher, dieser Gruppe einen Status zuzuerkennen und sie finanziell zu unterstützen. Die einzige Alternative zur persönlichen Pflege sei sonst neben dem Heim der „graue Markt“.

„Es gibt praktisch keinen Haushalt mehr ohne Unterstützung einer osteuropäischen Haushaltshilfe“, glaubt die Präsidentin der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, Prof. Dr. Barbara Städtler-Mach. Daher müssten für diese Gruppe die Fragen der Anstellungsverhältnisse und Sozialversicherungen überdacht werden. Ausschussvorsitzende Sonnenholzner stellte fest, dass dieses Thema so umfänglich sei, dass es eine separate Befassung verdiene.

Dr. Marliese Biederbeck vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe Südost beklagte einen gravierenden Mangel beim Fachpersonal. „Wir müssen dringend die Attraktivität des Pflegeberufs verbessern“, mahnte sie. Darüber hinaus sei Deutschland weit weg von einer professionellen Pflegeinfrastruktur, wie es sie beispielsweise in skandinavischen Ländern gebe.

„Defizite finanzieller und personeller Art“ sah der Geschäftsführer der Freien Wohlfahrtspflege Bayern, Wilfried Mück. Aktuell stünden den 75.000 bayerischen Pflegebedürftigen zwar in der Theorie sechs Pflegedienste pro Landkreis zur Verfügung. „Vor allem auf dem flachen Land wird aber zu wenig ambulant gepflegt“, erläuterte er und nannte die hohen Kosten durch die langen Anfahrtswege als Grund.

Ehrenamtliche fachkundig begleiten und unterstützen

„Es gibt ein starkes Stadt-Land-Gefälle bei der Versorgung“, bestätigte ebenso Dr. Katharina Bürger von der Alzheimer Gesellschaft München e.V. Viele Bürgerinnen und Bürger würden sich zwar gerne ehrenamtlich engagieren, aber es gebe nicht nur auf dem Land zu wenige Fachkräfte, um die Ehrenamtlichen fachkundig begleiten und unterstützen zu könnenn. Lisa Distler von der Nürnberger Agentur zum Aufbau- und Ausbau niedrigschwelliger Betreuungsangebote erkennt bereits einen „Unmut“ innerhalb der Pflegekräfte, weil die Politik sie nicht unterstütze.

Die stellvertretende Geschäftsführerin des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung in Bayern, Dr. Ottilie Randzio, bemängelte die fehlende Koordinierung. „Eine Stelle sollte den Hut aufhaben, sonst verfolgt jede Berufsgruppe eigene Interessen“, konkretisierte sie. Auch die Pflegeberatung würde zu wenig genutzt, weil es zu wenig Stützpunkte gebe und Bürger nichts von ihrem Anspruch wüssten.
Diese Erfahrungen hat auch die Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassen, Alexandra Krist, von der AOK Bayern gemacht: „Angehörige holen sich Informationen zuerst über das Internet, dann über das Telefon und erst spät persönlich.“ Im Freistaat gebe es gute und vielfältige Angebote – es hapere lediglich an der Vernetzung. Sie wünschte sich, dass Pflegende einen eigenen Berater bekommen.

Kornelia Schmid von der Aktion „Pflege am Boden“ kennt alle diese Probleme nur zu gut. Erst musste die Mutter dreier Kinder ihren an Krebs erkrankten Vater, jetzt ihren an Multiple Sklerose erkrankten Mann pflegen. Bei neuen Ideen und Lösungen dürfe es jetzt vonseiten der Politik keine Grenzen geben, verlangte sie. „Die Grenzen“, betonte allerdings Sonnenholzner, „setzt der Finanzminister“.

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