Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Anhörung zum Bildungsangebot für schulpflichtige Flüchtlinge und Asylbewerber in Bayern

Donnerstag, 11. Juni 2015
– Von Jan Dermietzel –

Vor welchen Herausforderungen stehen Schulen und ihre öffentlichen Träger in Bayern angesichts der wachsenden Zahl eintreffender Flüchtlinge? Und wie begegnet man diesen Herausforderungen am besten? Um sich einen Überblick über die aktuelle Lage zu verschaffen, haben die Abgeordneten des Bildungsausschusses jetzt Experten angehört.

Mit der Zahl der Flüchtlinge und Asylbewerber wächst auch die Zahl der Schülerinnen und Schüler in Bayern. „Im Herbst ist sie besonders hoch“, sagte Muhittin Arslan, Lehrer an der Mittelschule Zirndorf und Mitarbeiter am Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung in München. Mit dem vorhandenen Unterrichtsmaterial ist Arslan zufrieden. Erfolgsentscheidend sei im Unterricht aber weniger das Material als der Lehrer. Arslan wünscht sich ein größeres Fortbildungsangebot für sich und seine Kollegen: „Wir müssen unser Know-how erweitern, wie man pädagogisch am besten vorgeht.“ Denn die Lehrer kämpften nicht nur damit, dass viele Flüchtlingskinder die deutsche Sprache oft schlecht bis kaum beherrschen. Sie hätten es auch in vielen Fällen mit schwer traumatisierten Jugendlichen zu tun, die auf besondere Betreuung angewiesen sind.

Es gebe in Bayern bereits viele gute Ansätze, um der Situation Herr zu werden, warf Johannes Sommerer ein, Leiter der Staatlichen Berufsschule Dachau. „Aber wir müssen uns weiterentwickeln.“ Auch Sommerer forderte mehr Fortbildung für die Lehrer. Neben neuen Formen der Methodik und Didaktik seien viele Lehrer angesichts der vielfältigen Flüchtlingsschicksale „menschlich-emotional sehr herausgefordert“. Hier sei psychologische Hilfe nötig, um die Lehrer im Berufsalltag nicht alleine zu lassen. Dies gelte auch für die Schüler, erklärte Brigitte Hirler, Rektorin der Grundschule am Theodor-Heuss-Platz in München. Sie wünschte sich kleinere Klassen und mehr pädagogische Kräfte, um sich gerade um die sehr jungen traumatisierten Kinder besser kümmern zu können.

Gudula Gnann, ehemalige Schulamtsdirektorin in Augsburg, legte den Abgeordneten dar, mit welchen Problemen die Verwaltung häufig zu kämpfen hat. Es sei mangels Zeugnissen und Sprachkenntnissen oft schwierig, die Schüler richtig einzustufen: „Welche Vorbildung ist vorhanden? Welche Schulen haben die Flüchtlinge besucht, bevor sie nach Deutschland kamen?“ Hinzu kommt: Wer in der Heimat ein Gymnasium besucht habe und dann in Bayern auf die Mittelschule gehen müsse, sei schnell frustriert. „Entscheidender ist, dass wir das Potenzial der jungen Leute nicht ausschöpfen“, warnte Gnann.
„Zum großen Teil ohnmächtig und machtlos“ fühlt sich Professor Jörg Roche vom Institut für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seien die Flüchtlinge einmal in Deutschland angekommen, könne  man nur versuchen, die Probleme zu lindern und „Reparaturarbeit zu leisten“.  Um das Flüchtlingsproblem an der Wurzel zu packen, müsse man aber die Herkunftsländer gehen: „Die Ursachen für die Flucht beruhen in den meisten Fällen weder auf Religion noch auf Ethnizität, sondern auf wirtschaftlichen Zuständen.“ Roche forderte mehr Stabilität und Verbindlichkeit beim Aufenthaltsrecht und erhielt Unterstützung von Hermann Köhler, Mitglied im Schulausschuss des Bayerischen Städtetags: „Wir brauchen eine frühe Entscheidung, ob der Schulunterricht in eine Ausbildung münden kann oder nicht. Viele Schüler sind vor allem durch diese Unsicherheit gehandicapt.“

Dass die wachsende Zahl der Flüchtlinge auch zu spürbar höheren Ausgaben der öffentlichen Hand führt, erläuterte Michael Graß vom Bayerischen Landkreistag. Als Sachaufwandsträger für die Berufsschulen müssen die Landkreise zum Beispiel zusätzliche Unterrichtsräume bereitstellen oder anmieten. Der Preis für einen Container für eine Klasse liege leicht bei 100.000 Euro. Und dass all dies sehr rasch, oft binnen 14 Tagen, zu besorgen sei, bringe täglich alle Mitarbeiter in Schwierigkeiten, die sich ans Vergaberecht halten müssen.

Otto Lederer (CSU) wies auf die Bedeutung der deutschen Sprache hin, um das weitere Leben in Deutschland erfolgreich gestalten zu können: „Wie erreichen wir, dass die Jugendlichen schnellstmöglich Deutsch lernen?“ Ausschussvorsitzender Martin Güll (SPD) fragte, ob die wachsende Zahl der Schüler dazu führen könnte, dass die vielen arbeitslosen Deutschlehrer in Bayern eine Stelle finden. Thomas Gehring (Bündnis 90/Die Grünen) forderte mehr Clearingstellen im Freistaat. Solche Einrichtungen stehen Kindern zur Seite, die ohne Begleitung von Sorgeberechtigten in Deutschland eintreffen. Die Clearingstelle erspart jungen Menschen die Aufnahme in die großen Gemeinschaftsunterkünfte für Asylsuchende, klärt Flucht-Hintergründe und sucht nach Angehörigen.
Damit Jugendliche schneller Deutsch lernen, müssten neben den Deutschlehrern auch die anderen Fachlehrer „sprachsensibel“ unterrichten, forderte Jörg Roche. Nötig sei hier ein Weiterbildungsangebot an alle mit Flüchtlingskindern konfrontierten Lehrer. Voraussetzung für gelungene Integration sei zudem, dass man den Jugendlichen nicht nur ihre neue Heimat Deutschland näherbringe. „Wir sollten uns mit dem kulturellen Reichtum beschäftigen, den die jungen Leute mitbringen. Den können wir nutzen – im übrigen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich.“ Hier gebe es bereits zahlreiche gute Erfahrungen, berichtete Roche „aus eigenem Erleben: zum Beispiel an der Deutsch-Jordanischen Hochschule in Amman“.

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