Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Anhörung zur Weiterentwicklung des Gymnasiums in Bayern

5. Juni 2014
– Von Jan Dermietzel –

In welche Richtung sollen sich die Gymnasien weiterentwickeln? Soll Bayern das achtjährige Gymnasium (G8) beibehalten oder wieder das neunjährige (G9) einführen, das mit der 13. Klasse endet? Oder G8 und G9 parallel? 13 Experten aus Theorie und Praxis hatte der Bildungsausschuss in den Landtag eingeladen. „Auf diese Anhörung schaut heute die ganze Fachwelt“, eröffnete  Ausschussvorsitzender Martin Güll (SPD) die dreistündige Sitzung. Die Fachleute waren keineswegs alle einer Meinung. Eine Mehrheit sprach sich dafür aus, das bestehende G8 beizubehalten, dabei aber mehr Freiraum für individuelle Bedürfnisse zu schaffen.

Ob G8 oder G9 der richtige Weg zum Abitur sei, sei die falsche Frage, „viel wichtiger ist die individuelle Förderung der Schüler,“ stellte Barbara Mathea fest, Leiterin der Abteilung Gymnasien im Bildungsministerium von Rheinland-Pfalz. Dort gibt es rund 150 Gymnasien, 19 davon bieten das G8 mit einem Ganztagsangebot an, was unter anderem dazu führt, „dass wir weitgehend auf Hausaufgaben verzichten. Daran müssen sich die Eltern erst gewöhnen“, so Mathea. So wie man sich an eine falsche Schuhgröße nie richtig gewöhnen könne, so sei es auch falsch, alle Schüler mit G8 oder G9 über einen Kamm zu scheren, erläuterte die Neurowissenschaftlerin Dr. Katrin Hille von der Universität Ulm. „Unser Schulsystem kommt aus einer Zeit, in der wir das Fließband ganz toll fanden“, kritisierte Hille. Schüler bräuchten mehr Freiraum und mehr Wahlmöglichkeiten auf dem Weg zum Abitur. Ob ihr bewusst sei, dass es in Bayern 18 unterschiedliche Wege zur Hochschulreife gebe, fragte Dr. Ute Eiling-Hütig (CSU). In Neuseeland, wo ihr Sohn zur Schule gegangen sei, antwortete Hille, gebe es so viele Wege zum Abitur wie Schüler. Das wichtigste, was man sich am Gymnasium aneignen könne, sei das selbstgesteuerte Lernen, denn das entscheide mehr noch als die Intelligenz über den beruflichen Erfolg eines Menschen.

An wirtschaftlichen Erfolgen war auch Dr. Christof Prechtl interessiert, der als Bildungsexperte der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft die Arbeitgebersicht schilderte. Prechtl warb mit Verve dafür, das bestehende G8 in Bayern beizubehalten und nicht zum vor zehn Jahren abgeschafften G9 zurückzukehren. Ein solcher Change-Prozess würde zu viel Kraft kosten. „Kraft, Zeit und Mittel, die wir lieber in die weitere Optimierung des G8 stecken sollten“. Auch der für Gymnasien zuständige Landesschülersprecher Julian Fick bekannte, die Rückkehr zum G9 sei „kein Allheilmittel“. Er beklagte jedoch, wie rasant der Stoff am G8 durchgenommen werde. Schüler lernten größtenteils für die Prüfungen, an Allgemeinwissen bleibe später wenig übrig – auch weil die Zeit fehle, im Unterricht auf aktuelle politische Ereignisse einzugehen. Fick forderte, das G9 wieder als Basis und das G8 als zusätzliche Möglichkeit anzubieten.

Das sah Rainer Kleybolte von der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern wiederum anders. Wer sich „entspannteres Lernen“ wünsche, könne den Weg über Realschule und Berufsoberschule zur Hochschulreife wählen: „Die Rückkehr zum G9 ist das falsche Signal.“ Dem stimmte auch Dieter Brückner zu von der Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Bayerischen Gymnasien: „Wir sehen keinen Zwang zu einem erneuten Systemwechsel.“ Was aber auch immer nun reformiert würde, so Brückner, solle „bitte nicht im Hauruckverfahren“ geschehen. Nicht nur die Schüler seien individuell, auch die Schulen in Bayern. Auf dem Land seien sie ganz anderen Herausforderungen ausgesetzt als in den Städten.

Michael Schwägerl vom Bayerischen Philologenverband trat resoluter auf und forderte die Rückkehr zum G9. Das sei die bessere Lösung als ein „lehrplanentkerntes“ G8. Schwägerl warnte davor, G8 und G9 flächendeckend parallel anzubieten: „Ein Abitur der zwei Geschwindigkeiten schafft unzählige Organisationsprobleme. Damit kommen unsere Gymnasien nicht zur Ruhe.“ Schulleiter Frank Haubitz vom sächsischen Gymnasium Klotzsche warb hingegen für ein G8 mit Ganztagsangebot. Seit 24 Jahren seien seine Schüler von 7.40 bis 15.30 Uhr an der Schule. Bildung brauche Zeit und Ruhe, das sei allein am Vormittag nicht zu leisten und auch nur mit motivierten Lehrern und Schülern. Klotzsche habe mit jahrgangsübergreifenden Projekten gute Erfahrungen gemacht, in denen Zehntklässler teils eigenverantwortlich den Unterricht übernehmen. Der Behauptung, G8-Abiturienten seien häufig zu jung und unreif, sich an ihrem Studienort ohne elterliche Hilfe zurechtzufinden, trat Haubitz entgegen: „Meine Schüler sind manchmal eher überreif.“

Am Firstwaldgymnasium im baden-württembergischen Mössingen kann man unter dem Motto „Abitur im eigenen Takt“ entscheiden, ob man die Oberstufe in zwei oder drei Jahren durchläuft. „Ob Sie im Studium vier oder fünf Jahre brauchen, ist für den beruflichen Erfolg weniger entscheidend. Warum sind wir bei der Oberstufe so unflexibel?“, fragte Firstwald-Projektleiter Friedemann Stöffler. Die Freiherr-vom-Stein-Schule im hessischen Fulda bietet G8 und G9 parallel an. Schulleiter Helmut Sämann outete sich als anfänglicher G8-Skeptiker. Gymnasiale Bildung diene nicht allein den ökonomischen Bedürfnissen der Wirtschaft. Im übrigen hätten sich viele Argumente für die G8-Einführung überholt. Der Wehrdienst sei abgeschafft, die Lebensarbeitszeit verlängere sich. Dennoch habe er festgestellt, so Sämann, dass sich der Lehrplan ohne Schaden entlasten ließe. „Den Zitronensäurezyklus können Sie auswendig lernen. Aber er hat null Bildungsgehalt.“

Dr. Grit im Brahm, Juniorprofessorin für Unterrichtsentwicklung von der Ruhr-Universität Bochum, referierte, zwischen G8- und G9-Absolventen ließen sich derzeit keine messbaren Unterschiede feststellen. Das etwas weniger fordernde G9 sei allerdings offener für Schüler ohne akademischen Hintergrund und fördere die Durchlässigkeit des Bildungssystems. Professor Manfred Prenzel, Lehrstuhlinhaber an der Fakultät School of Education der Technischen Universität München, warb für das G8. Der intensivere Unterricht vermittle beherrschbareres Fachwissen. Das G9 nach zehn Jahren G8 jetzt wieder parallel anzubieten, werde hingegen nur zu Stress an der Schule führen.
Dass sich das Gymnasium mit Zusatzangeboten zunehmend in den Nachmittag ausdehne, sei auf dem Land nicht immer populär, gerade bei Vereinsvorsitzenden, erläuterte Schulleiter Edgar Nama aus Simbach am Inn. Er warb dafür, den Ganztag am Gymnasium zunehmend anzubieten, ihn aber nicht bayernweit verpflichtend zu machen. Ob die hohe Stundenzahl nicht bereits in der Schule zum Burn-out führen könne, sorgte sich Günther Felbinger (FREIE WÄHLER). Auch Thomas Gehring (Bündnis 90/Die Grünen) empfindet das bayerische  Gymnasium als „sehr rigide“ und wünschte sich „mehr Flexibilität“ an den Schulen im Freistaat.

Das ganztägige Gymnasium, erläuterte Barbara Mathea, sei nur dann sinnvoll, wenn es über das Pauschalangebot „vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung“ hinausgehe. Vielmehr müsse es bereits vormittags Zeit für Entspannung geben und dafür auch am Nachmittag Unterrichtseinheiten. So „rhythmisiert“, wie es im Fachjargon heißt, seien der Tag ebenso wie der Lernstoff für die Schüler leichter zu schaffen. Dabei müsse allen Beteiligten klar sein, dass das G8 nicht die Sparvariante gegenüber dem G9 sei: „Das G8 kostet richtig Geld. Aber es ist gut angelegt.“

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