Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Experten begutachten die Mittelschule

Donnerstag, 20. Oktober 2016
– Von Eva Spessa –

In einer mehrstündigen Expertenanhörung informierten sich die Abgeordneten des Bildungsausschusses über die Situation der Mittelschule. Vor sechs Jahren war diese Schulart als Weiterentwicklung der Hauptschule in Bayern eingeführt worden.

Die Mittelschule, so die einhellige Meinung der sieben eingeladenen Experten, hat einen wichtigen Platz im bayerischen Schulsystem. Die Bedeutung einer Schule stehe im Zusammenhang mit den Abschlüssen, so etwa Franz-Josef Bruckbauer, Leiter der Mittelschule am Gotziger Platz in München: Die Möglichkeit verschiedener mittlerer Abschlüsse sei durchaus attraktiv und werde auch von Schülerinnen und Schülern anderer Schularten genutzt. In Erlangen hingegen stehe die Mittelschule vor allem bei den Eltern nicht allzu hoch im Ansehen, berichtete Helmut Klemm, Leiter der dortigen Eichendorffschule. Man sei hier sehr aufs Gymnasium fixiert: „Wir haben ein hohes Übertrittsfieber und eine hohe Durchfallquote – wir nennen das die ‚Erlanger Krankheit’.“ Dem Ruf der Mittelschule als ‚Restschule’ setzt er ein pädagogisches Konzept entgegen, das stärker vom Kind aus denkt: Der Lehrer wird über die reine Wissensvermittlung hinaus zum Begleiter und Coach seiner Schüler. Die große Bedeutung der Mittelschule spiegelt sich allein schon in der Schülerzahl wider, erklärte Ministerialrat Helmut Krück, Leiter des Referats III.2 „Mittelschule“ im Kultusministerium: „Wir sprechen hier von rund 200.000 Schülerinnen und Schülern, das ist ein Anteil von etwa 30 Prozent.“

Tatsächlich sei die Mittelschule eine ‚Muss-Schule’ – aus Sicht der Schüler wie auch aus Sicht der Schule selbst, betonte Peter Wummel, Leiter der staatlichen Mittelschule Eduard Spranger in München: Für die Schüler gebe es selten Alternativen, und auch die Schule kann Schüler nicht einfach ablehnen. Aber bei allen Herausforderungen, zum Beispiel durch schwierige soziale und familiäre Hintergründe eines großen Teils der Schüler, biete die Schule auch viele Chancen. Besonders herausgehoben wurde hier die Berufsorientierung: Für das Handwerk sei die Mittelschule nach wie vor ein wichtiger Partner, bestätigte Christian Gohlisch, Leiter der Hauptabteilung Berufsbildung der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Auch bei Berufen mit einer als besonders anspruchsvoll geltenden Ausbildung sei der Anteil der Mittelschüler hoch, ebenso wie bei der Meisterprüfung, wo mehr als die Hälfte der Prüflinge aus der Mittelschule kommen: „Die Mittelschule eröffnet Perspektiven nach Eignung und Neigung.“ Ebenfalls positiv bewerteten die Experten unter anderem die Möglichkeiten der individuellen Förderung und die Flexibilität der einzelnen Schulen in vielen Gestaltungsaspekten.

Den richtigen organisatorischen Rahmen für die Anforderungen an die Mittelschule bilde die Ganztagsschule – ob jedoch in gebundener oder flexibler Form, darüber gingen die Meinungen auseinander. Einigkeit herrschte wiederum, was die zumindest stellenweise Wirksamkeit vorhandener Unterstützungssysteme betrifft: Die Schulsozialarbeiter zum Beispiel seien ein wahrer Segen, so Bruckbauer. Als mögliche Perspektive nannte Klemm das Konzept Gemeinschaftsschule, also das gemeinsame Lernen bis zum Ende der Mittelstufe ohne Aufteilung in verschiedene Schularten, dafür mit individueller Förderung – sie biete die Chance für die Kinder, Gemeinschaft zu lernen.

Die beiden Themen Integration und Inklusion finden in Mittelschulen in besonderem Maße statt, da waren sich die Experten ebenfalls einig. Die Möglichkeiten der individuellen Förderung seien vielfältig, so Krück, die Sprachförderung zurzeit angesichts der Anzahl an Flüchtlingskindern jedoch eine Herausforderung. In Sachen Inklusion habe man an seiner Schule mit Partnerklassen gute Erfahrungen gemacht, berichtete Bruckbauer, plädierte jedoch dafür, verschiedene Modelle zuzulassen. Keine Schulart inkludiere wie die Mittelschule – mit einigen Arten der Behinderung seien sie jedoch überfordert, räumte Wummel ein: Hier seien die Förderschulen die bessere Wahl. Allgemein befürwortete er die Unterscheidung verschiedener Schularten, wichtig wäre allerdings der Ausbau von Schnittstellen. „Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden“, zitierte Prof. Dr. Klaus Zierer vom Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Augsburg den entsprechenden Gesetzestext. Die Mittelschule als Weiterentwicklung aus der Hauptschule habe sich hier als Erfolgsmodell in einer ungeheuer vielfältigen Schullandschaft erwiesen, stellte er fest. Nun ginge es an die Weiterentwicklung der Weiterentwicklung, damit die Mittelschule nicht nur reagieren sondern auch proaktiv gesellschaftliche Veränderungen anschieben könne.


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