Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Experten sprechen über Mobbing an Schulen

Mobbing | iStock.com/Ridofranz

24. Oktober 2019
–  Von Miriam Zerbel –

Wie groß ist das Ausmaß von Mobbing an Schulen? Wie gehen Lehrkräfte damit um? Was ist nötig, um die Prävention zu stärken? Diesen Fragen stellte sich eine Runde von Fachleuten im Bildungsausschuss. Ihre Empfehlungen: mehr Zeit für Lehrer und Schüler sowie flächendeckende verbindliche Anti-Mobbing-Konzepte an jeder Schule.

In der Experten-Anhörung des Ausschusses für Bildung und Kultus zum Thema „Mobbing an Schulen“ wurde klar: Fast an jeder Schule gibt es Mobbing, ganz gleich welche Schulart. „Von Mobbing sind drei bis fünf Prozent aller Schülerinnen und Schüler betroffen“, konkretisierte Jörg Breitweg von der Aktion Jugendschutz in Bayern. „Das ist im Schnitt ein Kind pro Klasse.“ Dabei hat das Phänomen viele Facetten. Es reicht von Hänseleien über Ausgrenzung und Erpressung bis zu körperlicher Gewalt und beginnt nicht erst in der Schule.

Durch die Digitalisierung dauere die Belastung für die Opfer 24 Stunden täglich, warnte Tobias Dippold, Beratungsrektor an der staatlichen Realschule Memmingen. „Wer im Internet gemobbt wird, gerät schneller in eine Ohnmachtsposition, in eine Opferposition, als wenn das nur im Klassenzimmer passiert.“ Soziale Medien wirkten somit als Beschleuniger und Verstärker. Die Bedrohungskulisse hat sich demnach geändert, es gibt keine Schutzräume für die Betroffenen mehr.

Mobbing funktioniert nur mithilfe von Unterstützern

Cybermobbing ist nach Einschätzung der Experten kaum vom Mobbing in der Schule zu trennen. So bezifferte Professorin Mechthild Schäfer vom Department für Psychologie der Ludwig- Maximilians-Universität München den Anteil von Cybermobbing unter den betroffenen Schülerinnen und Schülern auf 80 Prozent. Weil es vor allem in der Pubertät als cool gelte, Regeln zu übertreten, funktioniere in diesem Alter Mobbing so gut. Ganz gleich, was in den vergangenen Jahren getan worden sei, die Zahl der Opfer liege unverändert bei drei bis fünf Prozent.

Schäfer zufolge geht es dabei immer um ein Macht-Missverhältnis. „Macht hat man nicht“, so die Professorin, „sie wird einem zugestanden“. Die Täter nutzten schlicht die Gelegenheit. „Mobbing ist ein gruppendynamischer Prozess, in dem es nicht nur Täter und Opfer gibt, sondern auch Unterstützer und Nichts-Tuer“, ergänzte Beratungsrektor Dippold. Die Eltern mehr in die Verantwortung zu nehmen, forderte Breitweg von der Aktion Jugendschutz, denn Mobbing zerstöre das gesamte Familiensystem.

Was soll Schule leisten?

Nach Ansicht von Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, muss zunächst geklärt werden, was der Auftrag von Schule sein soll. Sie verwies darauf, dass vielen Lehrern die Expertise fehle und sie deshalb Unterstützung brauchten, ab einem gewissen Punkt die Verantwortung aber auch an externe Fachleute abgeben müssten. Dieser Forderung schloss sich auch Dippold an, der auf das Projekt „Lebensraum Schule ohne Mobbing“ verwies, in dem Multiplikatoren entsprechend geschult werden. Dieses Angebot sei aber noch zu unbekannt und werde nur wenig abgerufen. Lehrer-Schulungen im Classroom-Management verlangte Beratungslehrerin Claudia Höhendinger, um emotionales sowie soziales Lernen zu verbessern und Lehrer handlungskompetent zu machen. Auf Peer-Education setzt Gregory Grund vom Mentorenprogramm Digitale Helden in Frankfurt. Grund will die Jugendlichen mit einbeziehen und gemeinsam mit ihnen eine Lösung finden. Den Erfahrungen der Fachleute zufolge suchen Mobbing-Opfer häufig so spät externe Hilfe, dass die Situation schon verfestigt ist und nur noch schwer veränderbar.

Einig waren sich die Experten, dass einerseits zeitliche Ressourcen fehlen, andererseits die Lehrer gestärkt werden müssten und ihnen Handlungskompetenz vermittelt werden müsse. Der Ausschuss-Vorsitzende Markus Bayerbach (AfD) warnte allerdings davor, alles den Lehrern aufzubürden und ermunterte, zugleich auch auf externe Hilfe zu setzen.

Die Frage der Grünen-Abgeordneten Gabriele Triebel, ob es sinnvoll sei, eine verpflichtende Struktur in der Schule zu implementieren, bejahte die Mehrzahl der Experten. Dr. Simone Strohmeyer (SPD) regte an, Druck aus den Schulen zu nehmen, damit mehr Zeit für das Miteinander in der Klasse bleibe.

Ursachenbekämpfung ist komplex

Die aktive Betreuung durch Schulpsychologen beschäftigte Matthias Fischbach von der FDP. Auf seine Frage reagierte Beratungslehrerin Höhendinger mit konkreten Vorschlägen. Ideal seien ein Betreuungslehrer und ein Schulpsychologe an jeder Schule sowie eine Anrechnungsstunde pro 120 Schüler.

Konzise Vorschläge, wie die Ursachen von Mobbing bekämpft werden könnten, forderte der CSU-Abgeordnete Professor Gerhard Waschler. Die konnten die Experten nicht liefern. „Das würden wir uns wünschen für die Kinder, aber so einfach ist das leider nicht“, sagte Fleischmann. Die Schule der Zukunft benötige ganzheitliche Bildung mit Herz, Kopf und Hand, so die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Dazu brauche es Haltung, Raum und Zeit. Zum Abschluss resümierte die stellvertretende Ausschuss-Vorsitzende Eva Gottstein (FREIE WÄHLER): „Wir brauchen mehr Zeit und mehr Persönlichkeit.“


Seitenanfang