Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Das G 9 erhält eine G 8-Überholspur

Donnerstag, 13. Dezember 2018
–  Von Miriam Zerbel –

Um „das G 8 im G 9“ ging es im Bericht des neuen Kultusministers Prof. Dr. Michael Piazolo im Landtag. Mit einer „Überholspur“ im neunjährigen Gymnasium soll es Schülern möglich sein, das Abitur auch in acht Jahren zu erreichen.

Individuelle Lernzeitverkürzung im neunjährigen Gymnasium hat Staatsminister Michael Piazolo (FREIE WÄHLER) das neue Konzept genannt, das er den Abgeordneten schon in der zweiten Sitzung des Bildungsausschusses vorstellte. Während das G 9 wieder mehr Zeit zum Lernen und für Hobbys bieten soll, haben die Gymnasiasten mit dem Überholspur-Konzept auch die Möglichkeit, ihre Lernzeit bis zum Abitur auf acht Jahre zu verkürzen. Das Angebot ist laut Minister Piazolo nicht ausschließlich für Hochbegabte gedacht. Auch Schülerinnen und Schüler, die beispielsweise ein Jahr ins Ausland gehen wollen, können daran teilnehmen.

Diese Wahl-Möglichkeit berücksichtigt nach Ansicht des Ministers für Bildung und Kultus die immer heterogener werdende Schülerschaft im Gymnasium. Zugleich versicherte Piazolo: „Wir denken immer vom G9 aus.“

Um das Überspringen einer Klasse zu ermöglichen, erhalten Schüler zwei Jahre lang in kleinen Gruppen, begleitet von einem Mentor und einem Fachlehrer, zwei Stunden pro Woche zusätzlichen Nachmittagsunterricht in Mathematik, Deutsch, einer Fremdsprache und im zweiten Jahr zusätzlich in einem Profilfach. Zudem müssen sie in einer „Studierzeit“ von rund zwei Stunden pro Woche zusätzliche Aufgaben selbständig bearbeiten.

Überholspur: Eltern entscheiden

Welche Mädchen und Buben überholen, sollen nach einer Beratung durch die Lehrer letztendlich die Eltern Ende der 8. Klasse entscheiden. Verpflichtend ist die Entscheidung nicht. Überholspur-Teilnehmer können auf den verkürzten Weg zum Abitur auch verzichten. „Beim Überholspur-Konzept werden Kompetenzen erworben“, sagte der Minister, „nicht alle Inhalte“. Übersprungen werden kann demnach dann die 11. Klasse, die künftig die Einführungsphase der Oberstufe bildet. Laut Piazolo bietet sich diese Klasse an, weil dort der Klassenverband aufgelöst wird.

Schulen sowie Lehrerinnen und Lehrer sollen mit Infopaketen des Ministeriums unterstützt werden. Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) und die Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen entwickeln ein Fortbildungskonzept. Zudem werden die Stunden für die Lehrer angerechnet. Der Start ist für 2021 vorgesehen.

Erarbeitet wurde das Konzept von der gesamten Schulfamilie, also den Vertretern von Lehrern, Eltern, Schülern und Direktoren zusammen mit dem Kultusministerium. Der Minister sprach von einem hochattraktiven und sinnvollen Angebot. „Es ist für die Eltern und Schüler machbar, für die Lehrer durchführbar und für die Direktoren organisierbar.“

Die Opposition lobte zwar den Grundgedanken des Konzepts, stellte aber auch viele kritische Fragen.  Zuspruch für die individuelle Förderung und den Mentorgedanken kam von den Grünen und aus der SPD. Die Sozialdemokratin Simone Strohmayr bezweifelte aber, dass mit zwei zusätzlichen Wochenstunden in der 9. und 10. Klasse, die Inhalte der um politische Bildung und digitale Lerninhalte aufgewerteten 11. Klasse zu vermitteln seien. Unklar sei auch die Finanzierung.

Die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel hätte sich mehr Bedenkzeit und ein gesamtpädagogisches Konzept gewünscht. Sie hakte ferner nach, ob ein Rechtsanspruch auf die individuelle Lernzeitverkürzung und die Profilfächer bestehe, selbst wenn nur wenige Schüler das Angebot wahrnähmen. Auch Matthias Fischbach (FDP) fragte nach Mindestteilnehmerzahlen und der Betreuungsrelation von Lehrern und Schülern in den Kleingruppen. Vor der Gefahr der Zweckentfremdung der Förderung als kostenlose Nachhilfe warnte der Ausschussvorsitzende Markus Bayerbach (AfD).
 
Für Aufsehen sorgte die stellvertretende Ausschussvorsitzende und frühere Realschul-Rektorin Eva Gottstein mit ihrer Bemerkung, Unterricht werde überbewertet. Minister Piazolo glättete die Wogen mit der Bemerkung, die Lehrer in Bayern machten einen tollen Job. Die CSU-Fraktion sieht den Schulminister mit der Überholspur auf dem richtigen Weg. So lobte der Abgeordnete Gerhard Waschler das Modell als tragfähig und pädagogisch berechtigt.

Flächendeckendes Modell für ganz Bayern

Auf Zahlen wollte sich Piazolo nicht festlegen. Die Gruppen sollten klein und überschaubar bleiben. In einem „Gymnasium der vielen Möglichkeiten“ hofft er auf eine „nachhaltige Zahl von Schülern in der Überholspur“, die flächendeckend in ganz Bayern, unabhängig von der Größe des Gymnasiums angeboten und 2019 auf den Weg gebracht werden sollte. Der Schulminister gab aber auch zu: „Wir wissen nicht, wie viele Schüler das Modell wahrnehmen.“


 

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