Bayerischer Landtag

Kultusminister spricht über das G9, digitale Klassenzimmer und die Werteinitiative

Donnerstag, 20. September 2018
– Von Miriam Zerbel –

Mehr Zeit für die bayerischen Gymnasiasten, um zu lernen: Nach hartnäckiger Kritik am achtjährigen Gymnasium kehrt der Freistaat mit den fünften und sechsten Klassen zum G9 zurück. Im Bildungsausschuss berichtete Staatsminister Bernd Sibler auch über die Lehrer- und Unterrichtsversorgung und weitere bildungspolitische Schwerpunktthemen.

Gut gelaunt präsentierte der Staatsminister für Unterricht und Kultus die aktuellen Zahlen zum beginnenden Schuljahr. „Sie erleben einen entspannten Minister“, rief Sibler den Abgeordneten zu. Befeuert von positiven Medienberichten über die Bildungspolitik in Bayern verwies der Minister auf 4300 frisch verbeamtete neue Lehrer und Lehrerinnen im Freistaat. 3450 von ihnen folgen Beamten, die in den Ruhestand gingen, 850 Pädagogen sind für neue Aufgaben und Verbesserungen eingestellt, wie beispielsweise digitale Klassen oder mobile Reserven, also Lehrkräfte die einspringen, wenn andere krank werden.

Koordinierungsstelle im Kultusministerium


Multiprofessionelle Teams, in denen Lehrer, Sozialarbeiter und Schulpsychologen zusammenarbeiten, sollen zur Entlastung beitragen ebenso wie weitere 150 Schulverwaltungskräfte. „Die einhellige Rückmeldung aus den Schulen ist: Die Situation ist heuer gut“, sagte der Minister. Im Ministerium wurde eine Koordinierungsstelle eingerichtet, mit eigener Telefonnummer und Mailadresse, damit schnell geholfen werden kann, „wenn es draußen brennt“. Aktuell fällt an bayerischen Schulen 1,6 Prozent des Unterrichts ersatzlos aus.

92 Prozent der Lehrer sind verbeamtet, drei Prozent unbefristet, fünf Prozent befristet angestellt. Sibler möchte auch langjährig befristet angestellten Lehrern eine Perspektive auf den Beamtenstatus ermöglichen. Der Minister wies ausdrücklich darauf hin, dass Lehrer, die einen Jahresvertrag haben, die Ferien bezahlt bekommen. Anders sehe das aus, wenn der Vertrag über einen kürzeren Zeitraum abgeschlossen sei. Sibler sagte aber zu, sich um das Thema weiter zu kümmern.

„Technik dient Pädagogik“

Im neunjährigen Gymnasium falle deutlich weniger Nachmittagsunterricht an, so dass bis in die 8., teilweise sogar 9. Klasse ein Verzicht darauf möglich sei, so Sibler. Die Stundentafeln liegen seit Sommer vor. Dabei wird mehr Wert auf Informatik und die historisch-politische Bildung gelegt sowie auf die Hauptfächer. Ende September sollen laut Kultusminister die Lehrpläne für die 7. bis 10. Klasse vorliegen.

Um die Klassenzimmer zu digitalisieren, gibt es seit dem 10. Juli ein Förderprogramm und 212 Millionen Euro rückwirkend zum März des Jahres für Whiteboards, Schul-Clouds oder Dokumentenkameras. „Entscheidend dabei ist: Technik dient der Pädagogik“, bekräftigte der Minister. Durch die Digitalisierung würden die Lehrer noch wichtiger, weil sie über die nötigen methodisch-didaktischen Kompetenzen verfügten. Entsprechend sollen die Lehrkräfte auch fortgebildet werden.

Sibler erklärte, neben der Vermittlung von Wissen und Können sei ihm die Bildung von Herz und Charakter sehr wichtig. Darauf gründet die Werteinitiative, die zu einem besseren Sozialklima beitragen soll. Ein Beispiel dafür sind sogenannte „Werte-Botschafter“. Beginnend in Oberfranken, Niederbayern und Schwaben sollen Acht- und Neuntklässler zu Werte-Botschaftern ausgebildet werden, als Vorbilder und Mitgestalter der Werteinitiative.

Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es seit Schuljahresbeginn 530 ganztägige Deutschklassen, 350 davon an Mittelschulen, 180 an Grundschulen, in denen durchschnittlich 13 bis 20 Schüler die deutsche Sprache erlernen. Dabei geht es neben Wertekunde auch um Alphabetisierung, nicht ausschließlich für Flüchtlinge, sondern zum Beispiel auch für bulgarische Kinder, die nur das kyrillische Alphabet kennen. Dafür ist jeweils zunächst ein Jahr vorgesehen.

Kritik an fehlender Anschlussgarantie

Dass das Betreuungsverhältnis von Schülern und Lehrern teilweise weit über dem Durchschnittswert liege und die Belastungen für Lehrer enorm gestiegen seien, kritisierte für die SPD der Ausschuss-Vorsitzende Martin Güll. Michael Piazolo von den FREIEN WÄHLERN missfiel die nach seinen Worten hohe Zahl der Befristungen bei den Lehrerstellen sowie in der Ganztagsbetreuung die fehlende Anschlussgarantie. „Das große Problem für viele ist: Sie haben einen Betreuungsplatz im Kindergarten, dann kommen die Kinder in die Grundschule und die Betreuung ist nicht sichergestellt, dann kippt das gesamte Familienmodell der Arbeit.“ Die Einzelmodelle des Ministeriums stießen bei Thomas Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) zwar durchaus auf Zustimmung, aber die Aufgabe müsse sein, für Nachhaltigkeit  zu sorgen und Innovationen allen Schülern und Lehrern zugänglich zu machen, „so dass man nicht nur einzelne Orchideen hat, sondern eine schöne Blumenwiese in der Schullandschaft.“



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