Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Mehrheit lehnt Gesetzentwurf zur Gemeinschaftsschule ab

Donnerstag, 27. Oktober 2011
– Von Katja Helmö –

Während die Übertrittszahlen an Gymnasien und Realschulen weiter steigen, kämpfen – gerade in ländlichen Räumen – Hauptschulen und ganze Schulstandorte mit rückläufigen Schülerzahlen. Mit Blick auf diesen Trend, aber auch angesichts gestiegener Anforderungen an ein inklusives Bildungssystem, möchte die SPD-Landtagsfraktion eine neue Schulart im bestehenden Schulsystem etablieren: die „Gemeinschaftsschule“. Der dazu von der SPD eingereichte Gesetzentwurf wurde am 27. Oktober 2011 in der Sitzung des Bildungsausschusses federführend beraten, allerdings mehrheitlich mit den Stimmen der beiden Regierungsfraktionen CSU und FDP abgelehnt. Die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen unterstützte den Gesetzentwurf, die FREIEN WÄHLER enthielten sich der Stimme.

Nach dem SPD-Konzept soll die Gemeinschaftsschule eine ergänzende Ganztags-Schulart sein, die alle Schularten vereint und nach der zehnten Klasse gemäß den Richtlinien der Kultusministerkonferenz entweder den Hauptschulabschluss oder den Mittleren Schulabschluss ermöglicht. Wenn bestimmte Leistungsanforderungen erfüllt sind, soll der an der Gemeinschaftsschule erworbene mittlere Schulabschluss auch zum Besuch der gymnasialen Oberstufe (Sekundarstufe II) berechtigen.

Eine Aufteilung der Schülerinnen und Schüler in Schularten ist an der Gemeinschaftsschule nicht vorgesehen. Damit, so Martin Güll (SPD), Vorsitzender des Bildungsausschusses, würden Übertrittsregularien und Leistungsdruck wegfallen. Jeder Schüler erhalte ein passgenaues Lernangebot, bei welchem das Kind und nicht das System im Mittelpunkt stehe. „Wir dürfen die Chance auf längeres gemeinsames Lernen, das in den meisten europäischen Ländern und vielen Bundesländern längst Standard ist, nicht vergeben“, betonte Güll.

Ein ergänzendes Angebot im bestehenden dreigliedrigen Schulsystem forderte auch Thomas Gehring (Bündnis 90/ Die Grünen). Es gehe darum, neue integrative Lösungen zu finden, bei denen Kinder wohnortnah ein gutes umfangreiches Schulangebot erhielten. Gehring kritisierte den Übertrittsdruck in der vierten Klasse, der durch das gegliederte Schulsystem zustande kommt und das Sortieren der Schüler nach Schularten. Dieses sei nicht nachhaltig und funktioniere nicht, weil leistungshomogene Gruppen immer schwieriger zu bilden seien. „Wir brauchen stattdessen eine Pädagogik, die von der Unterschiedlichkeit der Kinder ausgeht und individuell fördert“, argumentierte Gehring.

Grundsätzlich positiv bewerteten auch die FREIEN WÄHLER das SPD-Konzept, gerade mit Blick auf den ländlichen Raum, wo viele Hauptschulen geschlossen würden. „Bevor wir Bilanz ziehen, möchten wir aber noch abwarten, wie die Pilotprojekte zur Gemeinschaftsschule laufen“, sagte Prof. Dr. Michael Piazolo.

Keine Verbesserungen durch eine zusätzliche Schulform sahen die Vertreter der beiden Regierungsfraktionen CSU und FDP. „Wir lehnen den Gesetzentwurf ab, weil wir keinen Bedarf für eine neue Schulart in Bayern haben“, erklärte Eduard Nöth (CSU). Ziel müsse es weiterhin sein, für jedes Kind die richtige Schule zu finden und nicht die gleiche Schule für alle aufzumachen, so Nöth. Der Gesetzentwurf der SPD-Fraktion sei letztlich der Versuch, alte Schulstrukturdebatten wieder zu beleben, konstatierte Georg Eisenreich, der bildungspolitische Sprecher der CSU-Fraktion. Mit der Gemeinschaftsschule würden Hoffnungen geweckt, die diese nicht halten könne. Es sei gar nicht möglich, in einer Mikroschule die differenzierten Angebote des bestehenden Schulsystems abzubilden. Die Gemeinschaftsschule sei deshalb weder eine Antwort auf die demographische Entwicklung noch ein Beitrag zur Verbesserung der Bildungsqualität.

Qualitätseinbußen beim Unterricht in Gemeinschaftsschulen befürchtet auch die FDP: „Wenn den Lehrkräften Schülerinnen und Schülern unterschiedlichsten Könnens, vom Hochbegabten bis zum Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, zugewiesen werden und sie nicht dafür vorbereitet sind, dann wird die Qualität des Unterrichts sinken, ob man will oder nicht“, zeigte sich die bildungspolitische Sprecherin Renate Will überzeugt. Sie stellte dem SPD-Konzept der Gemeinschaftsschule das liberale Konzept der Kooperationsschule aus Realschule und Haupt-/Mittelschule unter einem Dach gegenüber, durch das das bayerische Schulsystem bereits flexibler und durchlässiger geworden sei.

Seitenanfang