Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Mitglieder erkunden Lernlandschaften am Gymnasium in Oettingen

Donnerstag, 1. März 2012
– Von Anna Schmid –

Drei Mädchen sitzen bequem mit ihren Arbeitsmappen auf den Knien auf einem niedrigen Sofa am Eingang, drei Klassenkameraden liegen daneben auf dem dunkelgrauen Teppichboden, und ein Junge hat einen der dreieckigen, beweglichen Schreibtische an den Computer in der Ecke gezogen und zum Sitzplatz umfunktioniert. In den Zimmern gibt es keine Türen und die Wände sind aus Glas. Die Fünft- und Sechstklässler am Albrecht-Ernst-Gymnasium im schwäbischen Oettingen arbeiten nicht in gewöhnlichen Klassenzimmern, sondern in „Lernlandschaften“. Dort können sie sich frei bewegen und zum Lernen niederlassen, wo und wie es ihnen gefällt.

Um zu sehen, wie ein unkonventionelles Gymnasium in Zeiten des G8 funktionieren kann, hat sich der Bildungsausschuss vor Ort ein Bild gemacht und seine aktuelle Sitzung in die Räume des Gymnasiums verlegt.

Den Stoff sollen sich die Kinder dort selbstständig und eigenverantwortlich erarbeiten – und dabei Spaß haben. „Das funktioniert“, sagt der stellvertretende Schulleiter Günther Schmalisch: „Ich müsste jetzt eigentlich im Unterricht sein, aber ich weiß, dass meine Schüler auch ohne mich arbeiten.“ Wenn zum Beispiel im Unterricht das Jugendbuch „Die Vorstadtkrokodile“ gelesen wird, das von Jugendlichen im Ruhrpott handelt, dann werden Gruppen gebildet, die sich mit Themen rund um das Buch beschäftigen. Wer interessiert sich für was? Wo trifft der Unterrichtsstoff auf die Lebenswirklichkeit der Schüler? Fünftklässler, die sich fürs Thema „Ruhrpott“ interessieren, hätten sich zum Beispiel zuerst nicht gefunden, erklärte Schmalisch. Aber über das Thema Fußball und Orte wie die Glückauf-Kampfbahn in Gelesenkirchen sei das Interesse der Kinder fürs Thema erwacht.

„Die Ansprüche ans Gymnasium verändern sich, weil die Gesellschaft sich verändert“, so Walter Gremm vom Kultusministerium. Er legte dem Ausschuss einen Bericht über die Entwicklung des bayerischen Gymnasiums seit 2004 vor und zog eine positive Bilanz. Das Konzept des „G8“ enthalte nicht nur die Verkürzung der Schulzeit, sondern auch die Neuausrichtung des Gymnasiums mit individueller Förderung und nachhaltigem Lernen. Im Ländervergleich 2009 belegten Bayerns G8-Schüler in drei von fünf Kategorien den ersten Platz, und in keinem anderen Bundesland beginnen so viele Abiturienten ein Studium wie in Bayern.

„Die Schülerschaft am Gymnasium werde immer gemischter“, sagte der stellvertretende Ausschussvorsitzende Georg Eisenreich (CSU). Es gehöre deshalb zu den Kernaufgaben einer Schule, das individuelle Lernen, das sich jedem Kind und seinen Eigenheiten einzeln widmet, zu fördern.

„Man sieht, dass man viel mehr machen kann, als man denkt“, sagte Renate Will (FDP). Ihr gefalle das Konzept, sagte sie, doch sie wollte auch wissen, wie man es in Oettingen schafft, auch die faulen Schüler zu motivieren. Faulheit habe immer einen Grund, machte Schmalisch klar. Man müsse nur herausfinden, was mit dem Schüler los sei oder was ihn interessiert. „Lehrer fragen viel zu selten, warum ein Schüler keinen Bock hat.“

„Ich glaube, dass so etwas möglich ist, wenn es vor Ort gewollt ist“, sagte Margit Wild (SPD) über das Schulkonzept. Der Ausschussvorsitzende Martin Güll (SPD) wollte wissen, wie am AEG mit leistungsschwächeren Kindern umgegangen werde. Die Kinder haben mehr Zeit um zu lernen, und wenn es doch einmal nicht passt, dann könne man auch freiwillig zurücktreten, antwortete die Schulleiterin Claudia Langer.

„Das Beispiel Oettingen zeigt, dass auch staatliche Schulen innovativ sein können, wenn sich Schulleitung und Sachaufwandsträger gemeinsam auf den Weg machen“, sagte Günter Felbinger (FREIE WÄHLER).

Die Einführung des G8 sei nicht pädagogisch motiviert gewesen, kritisierte Thomas Gehring (Bündnis 90/Die Grünen). So manche erziehungswissenschaftliche Innovation sei wohl erst aus der Not heraus entstanden, betonte er.

Fragen zur Schule und Fragen zum Bericht gab es viele. So viele, dass sie in der knappen Zeit nicht zu beantworten waren und sich Gremm bereit erklärte, eine Woche später noch einmal zur weiteren Aussprache in den Ausschuss zu kommen.

Seitenanfang