Bayerischer Landtag

Bildungsausschuss: Wissenschaftlicher Beirat Inklusion informiert über Ergebnisse des Begleitforschungsprojekts inklusive Schulentwicklung (B!S)

Donnerstag, 30. Juni 2016
– Von Jan Dermietzel –

Wenn Bildungspolitiker von „Inklusion“ sprechen, ist damit immer die Frage gemeint, inwieweit Schülerinnen und Schüler mit geistiger oder körperlicher Behinderung in den regulären Unterricht für Schüler ohne Behinderung einbezogen werden können. Wie gut klappt das in Bayern? Wo muss man noch nachbessern? Der Wissenschaftliche Beirat Inklusion hat hierzu im Schuljahr 2013/14 im Freistaat 62 Grund- und Mittelschulen besucht, den inklusiven Unterricht beobachtet und Lehrer sowie Schulleiter interviewt. Über Analyseergebnisse und Schlussfolgerungen haben die vier Professoren des Wissenschaftlichen Beirats jetzt dem Ausschuss für Bildung und Kultus berichtet.

Prof. Dr. Reinhard Lelgemann vom Lehrstuhl Körperbehindertenpädagogik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg wies darauf hin, dass Schulleitungen Inklusion generell nicht ablehnten, sondern sich vielmehr mehr Unterstützung wünschten, vor allem höhere Stundenkontingente und mehr Fachpersonal. Prof. Dr. Joachim Kahlert vom Lehrstuhl Grundschulpädagogik und -didaktik an der LMU München erläuterte den Abgeordneten das Grundverständnis inklusiven Unterrichts nach dem Motto „Normalität gestalten, Vielfalt strukturieren“: Der Unterricht solle so ablaufen, dass die Schüler die Vielfalt des Lebens „so normal wie möglich erleben“. Der Beirat habe beobachten können, dass Lehrkräfte in der Regel hierbei über ein sehr breites Methodenspektrum verfügen, „aber natürlich erfordert Inklusion einen erhöhten Aufwand an Unterrichtsvorbereitung“, so Kahlert.

Zu den positiven Erfahrungen mit inklusivem Unterricht zählen Lehrer, dass sie ein Stück weit entlastet werden, wenn Lehrer allgemeiner Schulen und Lehrkräfte für Sonderschulpädagogik eine Klasse gemeinsam unterrichten. „Viele wünschen sich aber im Vorfeld mehr Zeit für Absprachen und Vorbereitung“, erläuterte Prof. Dr. Erhard Fischer vom Lehrstuhl Geistigbehindertenpädagogik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Dabei wünschten sich reguläre Lehrkräfte generell eher weniger gemeinsamen Unterricht, um ihren Stoff schneller vermitteln zu können. „Sonderschulpädagogen wollen aber keine Nachhilfelehrer für ihre Schützlinge sein, sondern gemeinsam unterrichten“, so Fischer.

Der Politik empfahl der Wissenschaftliche Beirat, den weiteren Ausbau wohnortnaher inklusiver Schulangebote zu ermöglichen und die Inklusion fester in der Lehreraus- und fortbildung zu verankern. Eine weitere Herausforderung sei der Datenschutz. „Viele Eltern trauen sich nicht, den Förderbedarf ihrer Kinder offen anzusprechen“, so Lelgemann. An das Kultusministerium wandte sich der Beirat mit der Bitte, Lehrer zu entlasten und die erhöhten Anforderungen inklusiven Unterrichts mit sogenannten Anerkennungsstunden auszugleichen und die Inklusion auch an weiterführenden Schulen wie etwa dem Gymnasium auszubauen. Die Schulleiter hingegen seien gefordert, die Stundenpläne kooperationsfreundlicher zu gestalten, ihre Wertschätzung für die Inklusion mehr zu zeigen und die Eltern in den Schulentwicklungsprozess stärker einzubeziehen. Lehrkräfte für allgemeine Schulen und Sonderpädagogik sollten mehr darauf achten, sich auf Augenhöhe zu begegnen, empfahl Prof. Dr. Ulrich Heimlich vom Lehrstuhl Lernbehindertenpädagogik an der LMU München.

Fraktionsübergreifend dankten die Abgeordneten dem Wissenschaftlichen Beirat. Norbert Dünkel (CSU) wies darauf hin, dass im Freistaat pro Jahr 100 neue Planstellen Inklusion hinzukämen. Laut Thomas Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) tragen Untersuchungen wie diese dazu bei, dass sich Sonderschullehrkräfte „weniger alleingelassen fühlen“. Margit Wild (SPD) sieht noch „eine Menge Handlungsbedarf: Wir müssten schon viel weiter sein.“ Vor allem die Qualität der Lehrerausbildung müsse steigen und die Zahl der für Inklusion zur Verfügung stehenden Stunden. Günther Felbinger (FREIE WÄHLER) forderte den Wissenschaftlichen Beirat auf, seine Empfehlungen stärker zu priorisieren und an Erfolgsaussichten auszurichten.

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