Bayerischer Landtag

Kein Kind wie das andere

Donnerstag, 16. Februar 2017

– Von Ina Friedl –

München. Ein Lehrer unterrichtet nicht einfach eine Klasse, sondern 30 verschiedene Schülerinnen und Schüler. Auf den Stühlen sitzen Mädchen und Jungs, lernstarke und lernschwache Kinder, frühreife und unreife Kinder, Kinder aus verschiedensten Kulturen und Herkunftsländern, behinderte Kinder, Kinder mit sozialen und emotionalen Auffälligkeiten, Autisten und ADHS-Kinder. Die Heterogenität im Klassenzimmer nimmt zu und mit ihr die Herausforderung, jedem Schüler gerecht zu werden. Die Lehrkräfte sind längst auf Hilfe angewiesen: Auf Schulpsychologen oder Jugendsozialarbeiter zum Beispiel.  Das Kultusministerium weiß um den Bedarf an zusätzlichen Kräften, Fortbildungen und Schwerpunktsetzung in der universitären Ausbildung. Der Bildungsausschuss schaut sich die Angebote genauer an. 

"Hilfe muss beim Schüler ankommen"

Dem Bildungsausschuss liegt ein Bericht zum Thema Heterogenität im Klassenzimmer vor. Geschrieben hat ihn das Kultusministerium. Zusätzlich ist Ministerialrätin Tanja Götz zu Gast in der Ausschusssitzung. Sie leitet am Kultusministerium die Stabstelle Inklusion und weiß, dass die Lehrkräfte Unterstützung bei der Bewältigung aller Herausforderungen brauchen. Ein Zweit-Lehrer ist dabei aber keine Lösung. „Das ist nicht leistbar“, sagt Tanja Götz. Aber die Ressourcen müssten sich besser vernetzen, um bei Bedarf zur Stelle zu sein. Ressourcen – das sind beispielsweise Schulpsychologen, Jugendsozialarbeiter, der mobile Sonderpädagogische Dienst oder die externen Schulbegleiter. Sie alle stehen zur Unterstützung bereit – Jahr für Jahr in einer größeren Anzahl, wie Götz berichtet. Der Ausschussvorsitzende Martin Güll (SPD) sagt, es wäre ganz klar, dass nicht für alle 80.000 Klassen des Freistaates ein Zweit-Lehrer angestellt werden könne. Er lobt das Bestreben der Staatsregierung nach mehr Personal, nach mehr Fortbildungen und nach einer angepassten Ausbildung, bemängelt aber, dass die Umsetzung hinterherhinke: „Jetzt muss die zweite Phase kommen. In der Theorie sind wir auf einem guten Weg. Die Hilfe muss jetzt aber auch bei dem einzelnen Schüler ankommen“.
Seine Ansicht findet Zustimmung auch bei den anderen Fraktionen im Ausschuss. Norbert Dünkel (CSU) sagt, man sei auf einem guten Weg, aber eben auch noch auf dem Weg und noch nicht angekommen. Auch für ihn ist die Kommunikation zwischen allen  Beteiligten sehr wichtig, damit die Hilfe auch da ankommt, wo sie gebraucht wird. Um adäquat helfen zu können, müsse aber bei auffälligen Schülern die ganze Familie in den Fokus der Betrachtung gerückt werden. Meist lägen die Ursachen für die Schwierigkeiten in der Familie begründet: zu wenig Wertevermittlung, zu viel Medienkonsum und oft schlicht und einfach mangelnde Erziehungskompetenz. Damit in der Schule möglichst viel verpasste Erziehungsarbeit geleistet werden kann, spricht Dünkel sich für eine Personalaufstockung, einen Ausbau des Ganztags und für eine verstärkte Aus- und Fortbildung von Sonderpädagogen aus. Sein Ausschusskollege Günther Felbinger von den FREIEN WÄHLERN hält die Einbeziehung von Sonderpädagogen ebenfalls für sinnvoll und fragt, ob es nicht besondere Anreize für Lehramtsstudenten geben könnte, eine Erweiterung um das Fach Sonderpädagogik zu wählen.

Heterogenität kann eine Chance sein

Auch wenn Frau Götz viel Lob für ihren Bericht und ihre Bestrebungen erhält, ganz ohne Kritik geht sie nicht aus der Sitzung. Margit Wild (SPD) sagt, der Bericht enthalte zwar schöne Worte, wie: Eine an den individuellen Bedürfnissen ausgerichtete Bildungsbegleitung erfolgt durch multiprofessionelles Zusammenwirken verschiedener Fachlichkeiten und Bildungseinrichtungen. Fakt sei aber, dass es diese Multiprofessionellen Teams, von den hier die Rede ist, an lange nicht allen Schulen gebe. Thomas Gehring (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN), fordert mehr Tempo bei der Anpassung universitärer Lehrinhalte. Schon im Jahr 2010 gab es einen Antrag aller Landtags-Fraktionen zu einem solchen Modul. Erst jetzt – sieben Jahre später – laufen Gespräche zwischen dem Kultusministerium und den Universitäten. Ein recht langsamer Fortschritt, wie Gehring meint.
Trotz immenser Herausforderungen, denen sich Lehrkräfte und das gesamte Schulsystem angesichts steigender Heterogenität in den Klassenzimmern gegenüber gestellt sehen, im Ausschuss hält sich die Meinung: Zunehmende Heterogenität muss keine Bremse sein. Sie kann auch als Chance verstanden werden. Oder wie es im Bericht formuliert ist: Diversität ist eine Bereicherung und Bildungschance.

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