Bayerischer Landtag

Energiekommission: Mitglieder diskutieren mit Experten über Ausbau der Stromnetze

Donnerstag, 8. Dezember 2011
– Von Eva Spessa –

In ihrer vierten Sitzung hat die Ende September gebildete Kommission zur parlamentarischen Begleitung der Energiewende in Bayern Experten zum Ausbau der Stromnetze befragt. Bei der Energiewende seien leistungsfähige Netze von entscheidender Bedeutung, betonte der Vorsitzende der Kommission Tobias Reiß (CSU). Die Nutzung erneuerbarer Energien hat die Bedingungen für alle Netzbetreiber verändert – beispielsweise die im Norden Deutschlands erzeugte Windenergie, die angesichts des höheren Bedarfs in den Süden transportiert werden muss.

Dabei ist zurzeit noch unklar, wie viele Übertragungsnetzkilometer – also Fernleitungen – tatsächlich benötigt werden: In der Netzstudie II seines Instituts aus dem Jahr 2007 habe man je nach verwendeter Technik einen Bedarf von 1600 bis 4500 Kilometern neu zu bauender Übertragungsleitungen errechnet, erklärte Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur in Berlin. Davon seien bislang 120 Kilometer realisiert. Das neue Netzausbaubeschleunigungsgesetz (NABEG) jedoch würde den Ausbau voraussichtlich deutlich vorantreiben. Dr. Heinrich Gartmair, Leiter Asset Management des Übertragungsnetzbetreibers TenneT TSO, verwies auf die vielen Faktoren, von denen das notwendige Ausmaß des Ausbaus abhinge, wie etwa die Veränderungen in der Erzeugerstruktur, die Entwicklung neuer Speichermöglichkeiten und die europäische Marktsituation.

Fehlende Koordination des Netzausbaus
Die fehlende Koordination des Netzausbaus, da waren sich die Experten einig, habe die Situation bislang oft erheblich erschwert. Diese Aufgabe soll zukünftig die Bundesnetzagentur übernehmen. Hier wünschten sich die Experten weitgehende Kompetenzen für die Behörde. Bis Mitte 2012 sollen die Übertragungsnetzbetreiber der Bundesnetzagentur einen Netzentwicklungsplan für die nächsten zehn Jahre vorlegen. Problematisch sei hier allerdings, dass man unterschiedliche Szenarien zugrunde lege – welches gelte dann letztlich? Eine größere Akzeptanz der Ausbaumaßnahmen erhofft sich Gartmair durch die Einbindung der Bürgerinnen und Bürger.

Eine entscheidend Rolle beim Ausbau des Übertragungsnetzes, also der Fernleitungen, spielen auch die verfügbaren Technologien: Die traditionellen 380 kV-Freileitungen seien nicht ausreichend, erklärte Dr. Uwe Macharey vom Büro für Energiewirtschaft und technische Planung. Alle anderen Technologien, seien es Hochtemperaturseile oder Kupferkabel, Gleich- oder Drehstromübertragung, hätten unterschiedliche Vor- und Nachteile, allerdings seien die vorhandenen Systemkomponenten in keinem der Fälle kompatibel und müssten entsprechend angepasst werden. Sinnvoll sei zusammen mit weiteren Maßnahmen ein auf das vorhandene Netz aufgesetztes sogenanntes Overlaynetz, wofür aber noch einige Entwicklungsarbeit notwendig sei. Grundsätzlich empfehle er zum Vorantreiben der Energiewende eine Kombination aus Netzausbau, Speicherung und vor allem auch Einspeisemanagement: Mit wenig Abregeln sei unter Umständen viel Ausbau unnötig. Das Abregeln, das heißt die vorübergehende Drosselung der Einspeisung ins Netz, ist heute ausschließlich bei einer akuten Gefährdung der Systemsicherheit erlaubt und erfordert aufwendige Nachweise über die Notwendigkeit der Maßnahme.

Aus Sicht der Stromversorger, die unter anderem für das Verteilernetz und die Anbindung auch von kleineren Photovoltaik- oder Windkraftanlagen verantwortlich sind, findet die Energiewende längst statt – allerdings unter erschwerten Bedingungen. Erneuerbare Energien seien keine Nische mehr, so Dr. Egon Westphal, Vorstandsmitglied bei E.ON Bayern. Mittlerweile gäbe es beispielsweise fast 200.000 Photovoltaikanlagen allein im Freistaat. Zurzeit sei man jedoch gezwungen, relativ unkoordiniert quasi eine Menge Nebenstraßen zu bauen, ohne die Autobahn in den Blick nehmen zu können. Durch die mangelnde Koordination entstünden hohe Kosten, erklärte auch Dr. Markus Litpher, Vorstandsmitglied der Lechwerke. Darüber hinaus wäre es sinnvoll, so beide Vorstände, den Regulierungsrahmen anzupassen, problematische Definitionen zu überdenken und beispielsweise auch Forschungs- und Entwicklungsleistungen zu berücksichtigen. Auch für die Stromversorger wäre insbesondere angesichts der stark „flackernden“ Stromerzeugung durch Photovoltaikanlagen die Möglichkeit, bei drohender Überlastung der Netze ohne große Umstände abregeln zu können, eine enorme Erleichterung. Im Hinblick auf die gesellschaftliche Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen bemühe man sich um größtmögliche Transparenz, wünsche sich hier jedoch auch klarere Unterstützung seitens der Politik.

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