Bayerischer Landtag

Energiekommission: Mitglieder diskutieren mit Experten zum Thema „Mobilität“

Donnerstag, 24. Januar 2013
– Von Katja Helmö –

Verbrenner, Voll-Hybrid, Plug-in-Hybrid, batterieelektrisches oder Wasserstoff-Brennstoffzellen Fahrzeug – mit welcher Antriebstechnologie werden Automobile im Jahr 2030 in Deutschland unterwegs sein? Welche politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Trends werden die „Mobilitätswende“ weiter vorantreiben? Und: Welche Ideen für Mobilitätskonzepte gibt es? Experten aus Industrie, Forschung, Entwicklung und Wissenschaft gaben zu diesen Themen am 24. Januar 2013 vor der Energiekommission des Landtags Einblicke in ihre Arbeit und wagten Prognosen. Einigkeit bestand bei den Sachverständigen darin, dass der Prozess der Mobilitätswende kurz- und mittelfristig wohl „Technologie offen“ beschritten werden müsse und es dabei einen Mix an parallelen, technischen Optionen gibt. In einem Markt, den derzeit noch keiner so richtig kennt, gelte es offen zu sein, zu lernen und auszuprobieren“, erklärte Dr. Thomas Becker von der BMW AG.

Am bayerischen Gesamtenergieverbrauch hat der Verkehr einen Anteil von gut einem Drittel. Das Thema „Mobilität“ sei somit ein wichtiger Aspekt der Energiewende, hob Kommissionsvorsitzender Tobias Reiß zum Auftakt des Expertengesprächs hervor, an dem auch Fachreferenten aus den Fraktionsgeschäftsstellen teilnahmen.

Zu den konkreten Maßnahmen, wie Energie im Verkehrssektor gespart und damit Teibhausgasemissionen gesenkt werden können, gehört aus Sicht der Bayern Innovativ GmbH die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene: „Bei einer Steigerung um 5 Prozent des Bahnanteils ergäbe sich eine CO2-Einsparung von 15.000 Tonnen pro Jahr“, rechnete Geschäftsführer Prof. Dr. Werner Klaffke vor. Für die geschätzten 44 Millionen PKW in Deutschland im Jahre 2030 erwartet er, dass sich gegenüber 2010 der Dieselmotor-Anteil verdoppeln, der Ottomotor-Anteil um ein Drittel reduzieren und andere Antriebsarten sich versiebenfachen werden. Erdgas und Elektroantriebe stünden dabei nebeneinander. Prof. Klaffke unterstrich, dass es auch bei der Neuentwicklung von Verbrennungsmotoren noch ein großes Verbesserungspotential hinsichtlich Energieverbrauch und damit CO2-Ausstoß gebe – etwa durch die Elektrifizierung von Aggregaten, die Rekuperation von Bewegungsenergie oder durch den Einbau elektrischer Turbolader. „Elektromobilität wird neben den verbesserten klassischen Antrieben eine Komponente des Mobilitätswandels darstellen“, so der Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH.

Elektrifizierung – eine „existentielle Frage“

Übereinstimmend wiesen alle Experten darauf hin, dass die Wirkungsgrade hinsichtlich der Umwandlung in Bewegungsenergie bei Elektromotoren deutlich höher (>90 Prozent) als bei Verbrennungsmotoren (Ottomotor: 35 bis 38 Prozent; Dieselmotor: 60 Prozent) ausfallen. Nicht nur deshalb werde „Elektrizität zum maßgeblichen Energieträger“, wie Dr. Ulrich Buenger von der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH postulierte. Der Wissenschaftler verwies auch auf den Zusammenhang, wonach die Produktion von Strom in Zukunft immer effizienter, die Produktion von Kraftstoff hingegen immer aufwändiger werde. Die Elektrifizierung sei hinsichtlich Effizienz und CO2-Einsparungen für BMW eine „existentielle Frage“, hob auch Dr. Thomas Becker hervor.

Dr. Wolfgang Schade vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe skizzierte ein Szenario, wonach künftig kleine, leichte batterieelektrische Fahrzeuge für den urbanen und regionalen Verkehr, Wasserstoff-Brennstoffzellen Fahrzeuge für größere Fahrzeugklassen und den Langstreckenverkehr sowie methan-betriebene Fahrzeuge als Übergangstechnologie für preissensible Kunden zum Einsatz kommen könnten. Diese Entwicklung sei allerdings davon abhängig, welche Fortschritte bei der Energiedichte von Batterien erzielt werden und wie sich die Kosten für Hochleistungsbatterien und Brennstoffzellen in Zukunft weiter entwickeln.

Innovative Mobilitätsdienstleistungen

Nicht aus technischer, sondern aus sozialwissenschaftlicher Sicht beleuchtete Dr. Weert Canzler, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die Möglichkeiten einer vernetzten Elektromobilität – etwa bei der integrierten Nutzung von ÖPNV und Elektrofahrzeugen. Über einen Anbieter, eine Plattform oder eine „Mobilitätskarte“ könnten unterschiedliche Verkehrsangebote ausgewählt werden: die Zeitkarte für den Nahverkehr, das virtuelle Ticket für den Bahnfernverkehr, der Zugang zum öffentlichen Leihfahrrad, der Zugangscode zum Leihauto oder der Taxi-Gutschein für den Notfall. Die Transaktionskosten einer kombinierten Verkehrsmittelnutzung würden dadurch sinken. Man müsse sich nicht mehr in jeden Verkehrsträger hineindenken und seine Bedienung oder gar seine Tarife durchschauen, erklärte Canzler. Je einfacher die Alternativen zum privaten PKW gestaltet seien, etwa über Apps auf dem Smartphone, umso größer sei die Chance, dass sich daraus Alltagsroutinen entwickeln, führte der Sozialwissenschaftler aus.

Auch einige Autodienstleister, so Weert Canzler, experimentierten bereits mit integrierten Mobilitätsdienstleistungen, wie Daimler mit seinem Kurzzeitvermietangebot „Car2go“ oder BMW mit seinem „drive now“-Angebot, bei dem über ein soziales Netzwerk das Mitfahrportal „flinc“ genutzt werde könne. Carsharing sei auch ein Weg, um Kunden den Einstieg in die Elektromobilität zu erleichtern, erklärte dazu Dr. Thomas Becker von BMW.

Automobile Sozialisation ändert sich

Der BMW-Vertreter, der im Landtag auch stellvertretend für Audi das Wort ergriff, zeigte in seinem Vortrag Makro-Trends auf, die den Mobilitätswandel vorantreiben –darunter Urbanisierung, Ressourcenverknappung, Vorgaben aus der Politik wie Emissionsgrenzwerte sowie geänderte Kundenwünsche. Die Kunden setzten heute auf eine höhere Nachhaltigkeit, unterstrich Dr. Becker. Einen anderen sozialen Trend, der die Autoindustrie allerdings weniger freuen dürfte, hatte zuvor der Sozialwissenschaftler Dr. Weert Canzler aufgezeigt. Danach stehe das Auto – gerade bei jungen Menschen – vor seiner „Entemotionalisierung“. Statt PKW würden Internet und Mobiltelefonie heute zunehmend eine Prestigefunktion übernehmen.

Die Mitglieder der Energiekommission werden über die Stellungsnahmen der Experten, die zum Teil auch in schriftlicher Form vorliegen (siehe rechte Spalte), in den nächsten Wochen beraten. In der Sitzung am 7. März 2013 soll dazu dann ein Fazit verabschiedet werden.

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