Bayerischer Landtag

Fachgespräch mit Experten zum Thema „ehemalige Heimkinder“

Donnerstag, 6. Juni 2013
– Von Edwin Raithel –

Sie wurden geschlagen und missbraucht – jetzt sollen ehemalige Heimkinder aus einem 120-Millionen-Fonds von Bund, Ländern, Kommunen und den beiden christlichen Kirchen entschädigt werden. Ist dies nur eine „billige Abspeisung“ und was kann der Bayerische Landtag tun? Darüber diskutierten im Sozialpolitischen Ausschuss am 6. Juni Abgeordnete mit den Betroffenen und Vertretern von Kirchen, Universitäten, Jugendämtern, Kliniken und vom Zentrum Bayern Familie und Soziales.

Nach Petitionen an den Bayerischen Landtag hatte sich der Sozialausschuss bereits vor einem Jahr, am 6. Juni 2012, mittels einer Anhörung mit dem Anliegen der Heimkinder in Bayern beschäftigt. Dieses Thema sei über die Fraktionsgrenzen hinaus behandelt worden, betonte nun die Ausschussvorsitzende Brigitte Meyer. Als Beispiel nannte sie gemeinsame Anträge aller Fraktionen. Meyer: „Auch ist der Wunsch nach einem 'Runden Tisch' laut geworden. Welche Erwartungen haben die ehemaligen Heimkinder?“

Sonja Djurovic (Niddatal) ist „wütend über die Heimerziehung der 50er Jahre, da Vieles unter den Tisch gekehrt wird“. Diese Menschen litten noch immer von den Folgen der Demütigungen, Schikanen und Prügelattacken in den Heimen – viele seien traumatisiert. Richard Sucker aus Nürnberg prangerte die „Kinder-Zwangsarbeit“ in den Heimen an: „Wer nicht arbeitete, wurde verprügelt“, berichtete er. Sucker sprach sich für eine bessere Familienzusammenführung aus, da er selbst sechs Jahre gebraucht habe, um seine Familie zu finden. Seine inzwischen verstorbene Mutter konnte er nur noch am Grab im Thüringer Wald besuchen. Sucker: „Ich hasse Heime bis zum Tod, deshalb wollen wir auch keine Altenheime.“ Diskriminierend und entblößend sei es, um an das Geld aus dem Fonds zu kommen. Sucker: „Wir werden in eine 10 000-Euro-Schublade gesteckt. Wir haben unser Leben so einschränken müssen, vor allem die Kirche ist daran schuld, dass wir uns dies nicht gefallen lassen müssen. Die Kirchen haben uns kaputt gemacht – die sollen jetzt für uns einspringen."

Durch den Fonds sei eine Breite an Hilfestellung gekommen und man bemühe sich, eine Stigmatisierung zu vermeiden. Der Fonds habe sich positiv entwickelt. Für Kinderarbeit gebe es aber keine Ausgleichszahlung, entgegnete Stefan Rösler, der Leiter der regionalen Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder in Bayern.

Folgeschäden-Ausgleichsfonds – Betroffene können ihre Anträge bis Ende 2014

Die Fonds-Heimerziehung richten sich an ehemalige Heimkinder der Bundesrepublik, die im Zeitraum zwischen 1949 und 1975 Unrecht erfahren haben. Die Folgeschäden-Ausgleichsfonds sollen zur Erleichterung und Verbesserung der momentanen Lebenssituation beitragen. Etwa 10 000 Euro soll jedes ehemalige Heimkind erhalten. Betroffene können ihre Anträge bis Ende 2014 stellen.

„Dies darf nicht der letzte Zeitpunkt sein, darauf sollte der Freistaat Bayern hinwirken," betonte der CSU-Abgeordnete Hermann Imhoff. Sein Fraktionskollege Joachim Unterländer sprach sich für eine Anlaufstelle aus, die den ehemaligen Heimkindern Hilfe leisten sollte, zum Beispiel bei der Frage „Wie lebe ich im Alter?“. Die Kirchen sollten den vorhandenen Fonds aufstocken und die Fristen sollten verlängert werden, meinte Bartholomäus Brieler von der Katholischen Jungendfürsorge der Erzdiözese München.

Gelder, die aus dem Fonds übrig bleiben, sollten für die Projekte „Selbsthilfe im Alter“ und „Betreutes Wohnen verwendet werden, damit die ehemaligen Heimkinder „nicht wieder in Heime kommen“, so Djurovic. Sie wies auch darauf hin, was es bedeute, wenn zum Beispiel eine Therapie länger als zwei Jahre dauere: „Die 10 000 Euro aus dem Fonds sind dann schnell weg und man lässt die ehemaligen Heimkinder im Regen stehen." Darauf entgegenete Renate Ackermann von Bündnis 90/Die Grünen, dass die Krankenkassen bei Therapien einspringen würden. Auch könne der Freistaat Bayern vieles nicht ändern, da es sich beim Fonds um eine Bundesentscheidung handle.

Die Ausschussvorsitzende Brigitte Meyer (FDP) sprach sich für eine Entstigmatisierung der ehemaligen Heimkinder durch mehr Öffentlichkeitsarbeit aus, um das Selbstwertgefühl dieser Menschen zu unterstützen. Sie sagte den ehemaligen Heimkindern zu, all die angesprochenen Forderungen an den Lenkungsausschuss weiterzuleiten, interfraktionell alle Punkte aufzulisten und noch vor der Sommerpause des Bayerischen Landtags die ehemaligen Heimkinder wieder zu informieren.

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