Bayerischer Landtag

Abgeordnete diskutieren mit Experten über die Auswirkungen von Antibiotikaresistenzen

Mitglieder des Gesundheits-, Landwirtschafts- und Umweltausschusses bei der Expertenanhörung am 23. Februar 2016 im Konferenzsaal. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Dienstag, 23. Februar 2016
– Von David Lohmann –

Über 18 Millionen Deutsche werden jedes Jahr in Krankenhäusern behandelt. Dabei werden insbesondere im ambulanten Bereich zu viele Antibiotika eingesetzt – speziell bei Atemwegs- und Harnwegsinfekten. Das hat weitreichende Folgen: Immer mehr Mikroorganismen entwickeln die Fähigkeit, der antibakteriellen Behandlung zu widerstehen. Vor diesem Hintergrund fand im Landtag eine gemeinsame Expertenanhörung des Gesundheits-, Landwirtschafts- und Umweltausschusses statt. Ziel war es herauszufinden, welche Maßnahmen gegen die zunehmenden Antibiotikaresistenzen ergriffen werden müssen, wie die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Kathrin Sonnenholzner (SPD) zu Beginn erklärte.

Für den Präsidenten des Berliner Robert-Koch-Instituts Prof. Dr. Lothar H. Wieler hilft gegen die multiresistenten Erreger ein gezielter, wenn möglich restriktiver Einsatz von Antibiotika. „Dafür muss das Arzt-Patienten-Verhältnis verbessert werden“, erklärte er. Studien hätten gezeigt, dass Patienten gar nicht so häufig Antibiotika verschrieben bekommen wollen wie Ärzte glauben. Außerdem ließe sich die Verschreibungshäufigkeit senken, wenn der Einsatz schriftlich begründet werden müsse.

Zum anderen müssten laut Wieler in Krankenhäusern das Thema Hygiene in der Ausbildung stärker in den Vordergrund gerückt und mehr Hygienefachkräfte sowie mehr Pflegepersonal eingestellt werden. „Untersuchungen haben gezeigt, dass bei einem Personalschlüssel von 1:1 wie in den Niederlanden oder der Schweiz deutlich weniger Infektionen auftreten als bei einem Personalschlüssel von 1:3 wie in Deutschland“, ergänzte Prof. Dr. Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg.

Der Präsident des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel wies darauf hin, dass jeder Mensch 1,5 Kilogramm Bakterien in sich trägt. Da sich die Deutschen im Schnitt zwei- bis dreimal pro Jahr mit einem Antibiotikum behandeln lassen, gehe „der Erwerb einer Resistenz deutlich schneller als der Verlust“, erläuterte er. Ein weiterer Grund für die zunehmende Resistenz seien neben Desinfektionsmitteln in Krankenhäusern Antibiotika-Rückstände in Pflanzen, Tieren und der Umwelt wie zum Beispiel in Kläranlagen.

Die Abgeordnete Rosi Steinberger (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierte speziell die Pharmaindustrie, die seit den 70er-Jahren kaum neuen Wirkstoffe gegen multiresistente Keime entwickelt habe. Der Grund: „Die Erforschung ist für Unternehmen nicht mehr lukrativ“, klagte die Abgeordnete und sprach von einem „Versagen des Marktes“. Um Neuentwicklungen voranzutreiben, forderte Wieler die Politik auf, Anreize zu schaffen, etwa den Patentrechtsschutz zu verlängern oder neue Antibiotika schneller zuzulassen.

Antibiotika – „ein Auslaufmodell“

Prof. Dr. Johannes Hübner vom Klinikum der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hingegen betonte, dass Antibiotika für die Pharmaindustrie längst ein Auslaufmodell seien und stattdessen an Impfstoffen geforscht werde. „Dadurch können Patienten mit einem Gesundheitsrisiko gezielt prophylaktisch geschützt werden“, betonte er. Die Hürden für eine Zulassung seien allerdings sehr hoch, weil die Studien sehr aufwändig und teuer seien.

Uneinig waren sich die Experten, welche Rolle die Tiermedizin bei der Resistenzentwicklung spielt. „Durch unser Minimierungsprogramm wurde der Einsatz von Antibiotika seit 2011 um 27,4 Prozent minimiert“, unterstrich der Pfeffenhausener Tierarzt Dr. Thomas Grätz. Statt nur auf die Nutztierhaltung zu schauen, sollte der Fokus lieber auf die Humanmedizin gerichtet werden, pflichtete Eric Beißwenger (CSU) ihm bei. „1700 Tonnen Antibiotika in der Tierhaltung sind immer noch zu viel“, widersprach Wieler. Außerdem habe die Dosierung nur abgenommen, weil die Mittel immer wirksamer würden.

Prof. Dr. Thomas Heberer vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Braunschweig verlangte eine bessere Ausbildung für Tiermediziner und verpflichtende Schulungen. „Wir gehen von einem disziplinenübergreifenden 'One Health'-Konzept aus, der Mensch, Tier, Umwelt und Gesundheit nicht trennt“, verdeutlichte er.

Die Abgeordnete Ruth Müller (SPD) forderte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) dazu auf, eine Aufklärungskampagne für den richtigen Einsatz gegen Resistenzen aufzulegen. „So wird das Bewusstsein geschärft“, versicherte die Abgeordnete. Dr. Karl Vetter (FREIE WÄHLER) verlangte, Ärzten bei der Visite aus Hygienegründen das Händeschütteln und Tragen von langen Arztkitteln zu untersagen. Immerhin seien die Vorschriften aber schon besser als während seiner Arztausbildung. „Damals“, berichtete der Abgeordnete, „hat der Chefarzt im OP noch Zigarre geraucht.“

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