Bayerischer Landtag

Innenausschuss: Anhörung zur Lage gewaltbereiter Radikalisierung bei jungen Menschen

Mittwoch, 21. Oktober 2015
Von Jan Dermietzel

„Warum radikalisieren sich junge Menschen in Freiheit?“, fragte Dr. Florian Herrmann (CSU). Der  Vorsitzende des Ausschusses für Kommunale Fragen, Innere Sicherheit und Sport eröffnete damit eine Anhörung, in der sich die Abgeordneten mit Experten darüber austauschten, was junge Menschen in Deutschland dazu bewegt, sich radikalen Bewegungen wie den Salafisten anzuschließen. Und darüber, was Politik und Gesellschaft dagegen unternehmen können. Eine schwierige Frage.

Es sei nicht ein Faktor, sondern „immer zahlreiche Faktoren, die im Zusammenspiel zur Radikalisierung führen“, erklärte Dominik Irani vom Bayerischen Landeskriminalamt. Bewegungen wie dem Salafismus gelinge es, Menschen „massiv zu emotionalisieren“. Mehr als 7000 Salafisten lebten in Deutschland, ergänzte Ali Oumghar vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz. Heranwachsende hätten mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, für die der Salafismus „einfache Lösungen“ biete. Als Salafist sehe man sich nicht mehr als Türke oder Deutscher, sondern primär „als Teil der weltweit unterdrückten Gemeinschaft der Muslime“.

Es gibt in Deutschland mittlerweile zahlreiche Beratungsstellen für betroffene Angehörige oder für Salafisten, die aus der Bewegung aussteigen wollen. „Vor allem viele Angehörige melden sich bei uns“, sagte Florian Endres von der Clearinstelle Präventionskooperation des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Die Familie klage dann darüber, dass Sohn oder Tochter muslimische Feiertage nicht mehr gemeinsam begehen wollten, dass sie Ausreisepläne hegten oder, im Fall der Tochter, „davon träumen, Zweit- oder Drittfrau eines Dschihadisten zu werden“.

Oft könne der Imam radikalisierten Jugendlichen in seiner Gemeinde in Deutschland argumentativ wenig entgegensetzen . „Imame werden theologisch ausgebildet, aber nicht ausreichend seelsorgerisch“, beklagte Mohamed Abu El-Qomsan, Landesbeauftragter für Bayern des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Muslimische Jugendliche litten häufig unter „versteckter Diskriminierung im Alltag und einer fehlenden Perspektive“. Hier müsse man ansetzen, um dem Salafismus entgegenzutreten.

Bei Claudia Dantschke von der „Hayat Beratungsstelle Deradikalisierung“ in Berlin melden sich zu 70 Prozent die Mütter von betroffenen Jugendlichen. „Sie kommen sowohl aus heilen als auch aus gebrochenen Familien“. Was die Jugendlichen, auch die wirtschaftlich gut situierten, am Salafismus anziehe, sind nach Dantschkes Beobachtungen vor allem die „egalitären Strukturen“. Es zähle nicht, aus welcher Familie man komme und welches Einkommen die Eltern hätten. Während die Gesellschaft ständig Menschen nach Herkunft und Hintergrund selektiere, verzichteten die Salafisten komplett darauf: „Es zählt einzig und allein das private Verhalten. Wer sich den Normen seiner salafistischen Gruppe unterwirft, gehört dazu.“ Dr. Bettina Wuttig vom Berliner Verein ufuq.de verwies ergänzend auf Videos, die der islamistische Prediger Pierre Vogel verbreite. Vogel locke mit Geborgenheit, mit Beziehungen, aber auch mit Abenteuer. Das ziehe junge Menschen „in unserer zunehmend bindungslosen Gesellschaft“ an.

„Salafismus ist ein globales Phänomen, für das wir auch hier und heute wieder versuchen, regionale Gründe zu finden. Das funktioniert nicht“, warf Dr. Marwan Abou Taam ein vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Der Salafismus versuche seit dem 9. Jahrhundert, aus Krisen in und zwischen Nationalstaaten machtpolitischen Profit zu schlagen. Rechtsprofessor Dr. Mathias Rohe, Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, warnte davor, den Salafisten durch zu viel Aktivismus in die Hände zu spielen. „Wir müssen wachsam sein, aber wir dürfen nicht zu früh eingreifen.“ Es sei nicht verboten, in der Fußgängerzone den Koran zu verteilen. Wer solche Aktionen unterbinden wolle, wirke mit am Narrativ der weltwelt Unterdrückten. Auch Thomas Mücke vom Violence Prevention Network in Berlin warnte davor, mit Blick auf junge Muslime zu pauschal zu denken. „Nicht jeder, der nach Syrien ausreist, ist voller Hass oder radikalisiert. Nicht jeder, der von dort zurückkommt, ist eine Gefahr für uns.“

 

Seitenanfang