Bayerischer Landtag

Innenausschuss: Expertenanhörung zur Schwimmfähigkeit von Kindern und Jugendlichen

In vielen Kommunen fehlen Einrichtungen oder Kapazitäten für das Schwimmtraining von Grundschulkindern | © dpa

21. Februar 2018
– Von David Lohmann –

Laut Studien kann jedes zweite Kind unter zehn Jahren nicht schwimmen. Doch stimmt das wirklich? Das wollte der Innenausschuss auf Antrag von BÜNDNIS 90/Die GRÜNEN mit einem Expertengespräch im Landtag herausfinden. Sicher ist: Um die Schwimmfähigkeit von Kindern und Jugendlichen ist es in Bayern schlecht bestellt.

Die Rate der Nichtschwimmer unter 18 Jahren variiert je nach Studie zwischen 30 und 50 Prozent. Das hängt zum einen damit zusammen, ob lediglich die Eltern befragt oder ob echte Schwimmtests durchgeführt wurden, erklärte Dr. Joachim Werner von der Fakultät für Sport und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München. „Zum anderen gibt es bisher keine eindeutige Definition von Schwimmfähigkeit“, erklärte er.

Das ‘Seepferdchen’ genügt nicht

„Nur weil ein Kind das ‘Seepferdchen’ hat, kann es noch lange nicht schwimmen“, bestätigte Dr. Georg Leipold vom Bayerischen Landesverband der Kinder- und Jugendärzte. Das Problem sei, dass es in 20 Prozent der Schulen in Bayern keine Schwimmmöglichkeiten gebe – das treffe besonders Kinder mit niedrigem sozialen Status und Migrationshintergrund. Leipold wies allerdings darauf hin, dass die meisten Kinder beim Baden verunglücken, bevor sie überhaupt schwimmen können. „Die Ursache ist überwiegend mangelnde Aufsicht der Eltern.“

Für Patrick Sinzinger von der Deutschen-Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hängt das geringe Risikobewusstsein der Eltern auch mit dem mangelnden Schwimmunterricht zusammen. Er beklagte außerdem, dass es in anderen Bundesländern weniger Badetote als in Bayern gebe – „weil dort konsequent an jeder Schule Schwimmen unterrichtet wird“. In Bayern gebe es hingegen selbst für den DLRG-Schwimmunterricht zu wenige Bäder. Neulich sei Sinzinger für das Schwimmtraining mit Fünf- bis Sechsjährigen ein Zeitslot von 21 bis 22 Uhr angeboten worden.

Ingo Roeske, Vizevorsitzender der Wasserwacht-Bayern, machte vor allem das Schwimmbadsterben für die mangelnde Schwimmfähigkeit verantwortlich: „Seit 2005 wurden 43 Schwimmbäder geschlossen, 200 sind sanierungsbedürftig und 44 von der Schließung bedroht“, erklärte er. Manche hätten auch mangels Bademeister permanent geschlossen. Roeske plädierte dafür, auch dann Schwimmbäder für die Bevölkerung zu bauen, wenn sie womöglich dauerhaft defizitär sind. „Jeder Bürger sollte in 20 bis 30 Minuten ein Schwimmbad erreichen können.“

Unterstützung bekam Roeske von der Präsidentin des Bayerischen Sportlehrerverbands, Barbara Roth: „Bei Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen fragen wir doch auch nicht, ob wir uns das leisten können“, sagte sie. Es könne nicht sein, dass Grundschüler wie etwa im Münchner Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg mit 100.000 Einwohnern kein Schwimmbad haben. Roth sprach sich dafür aus, Schwimmen wie in Frankreich zum festen Bestandteil des jährlichen Zeugnisses zu machen.

Manfred Ländner (CSU) lehnte Roths Vorschlag in der anschließenden Aussprache ab. „Da würden wir ein Riesenfass aufmachen“, erklärte er. Ländner sah die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern Schwimmen beizubringen. Und für den Schwimmbadbau sei der Freistaat nicht verantwortlich, da dies in die kommunale Selbstverwaltung falle.

Eva Gottstein (FREIE WÄHLER) sah nicht die Kommunen, sondern die Staatsregierung in der Verantwortung. Sie verwies darauf, dass auch Fahrradfahren an Schulen unterrichtet werde – „dafür stellen wir sogar Polizeibeamte zur Verfügung“. Die Abgeordnete sprach sich dafür aus, Modellprojekte anderer Bundesländer zu diesem Thema genauer anzuschauen.

Harry Scheuenstuhl (SPD) bemängelte, dass die kommunalen Spitzenverbände trotz Einladung nicht zum Expertengespräch erschienen sind. Auch könne es nicht sein, dass der DLRG Grundschullehrern von Mitgliedsbeiträgen die Schwimmausbildung finanzieren müsse. „Das sollte vom Freistaat Bayern bezahlt werden.“

Jürgen Mistol (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) konstatierte einen „eklatanten Mangel“ an Hallenbädern und Schulschwimmbädern in Bayern. Jetzt müsse dringend festgestellt werden, wo unterversorgte Gebiete sind. „Selbst im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan der Staatsregierung wird doch die Bedeutung von Schwimmen betont“, sagte der Abgeordnete.

Seitenanfang