Bayerischer Landtag

Innenausschuss: Rettungsdienst in Bayern auf dem Prüfstand

Mittwoch, 27. Juni 2018
–Von Jürgen Umlauft –

Nach Einschätzung der Verantwortlichen für den Rettungsdienst in Bayern sind die Einsatzkräfte und die dahinter stehende Organisation trotz steigender Fallzahlen und häufig überfüllter Notfallambulanzen für die aktuellen Herausforderungen gerüstet. „Der bayerische Rettungsdienst ist mit Sicherheit nicht auf Kante genäht. Wir sind sehr schlagkräftig und beispielgebend für Deutschland“, erklärte Paul Justice, Geschäftsleiter des Zweckverbandes Rettungswesen in Würzburg, bei einer Expertenanhörung im Innenausschuss. Laut Stephan Nickl, Vorsitzender des Rettungsdienstausschusses Bayern, ist der Rettungsdienst im Freistaat technisch hervorragend ausgerüstet und personell professionell ausgebildet. Die steigende Zahl an Einsätzen und Probleme bei der Nachwuchsgewinnung zeigten aber vorhandenen Handlungsdruck. „Die Kante rückt seit Jahren näher“, sagte Nickl.

Kritischer äußerte sich Lorenz Ganterer von der Gewerkschaft Verdi zur Lage. „Das Kostüm ist schon sehr eng“, stellte er fest und verwies auf die wachsende Belastung für die Mitarbeiter. Diese klagten über kaum mehr planbare Freizeit durch Wochenenddienste, Bereitschaften und Überstunden. Die Belastung dokumentiere sich in einem höheren Krankenstand und einer steigenden Zahl an Aussteigern weit vor der Pensionsgrenze. Mit ehrenamtliche Helfern ließen sich diese Lücken nicht schließen, warnte Ganterer. Man brauche entweder mehr Personal oder ein Herangehen an die Ursachen für das Ansteigen der Einsatzzahlen – immerhin knapp 50 Prozent plus im Verlauf der vergangenen zehn Jahre.

 

Statistische fundierte Daten über die Gründe dieses Anstiegs konnten die Experten nicht vorlegen. Die Erfahrung zeige aber, dass etwa ein Viertel der zusätzliche Rettungseinsätze auf den Zuwachs an älteren Menschen in Bayern zurückgehe, hieß es. Auffällig sei zudem, dass immer mehr Bürger selbst wegen Bagatellen Notrufe absetzten. In etwa 70 Prozent der Einsätze werde eigentlich kein Notarzt gebraucht, berichtete der Sprecher der in Bayern tätigen Notärzte, Michael Schroth. Als mögliche Ursachen nannten die Experten die zunehmende Zahl an Single-Haushalten, in denen sonst von Familienmitgliedern abgedeckte Hilfsleistungen entfielen, aber auch die Verunsicherung durch falsch interpretierte Informationen aus dem Internet.

 

Als zunehmend problematisch erweise sich zudem das Fehlen von Ärzten auf dem Land und die Schließung kleinerer Kliniken. Die sinkende Verfügbarkeit von Hausärzten und wohnortnahen Krankenhäusern führe zu einer höheren Inanspruchnahme der Rettungsdienste, die dadurch für ihre Einsätze immer größere Entfernungen zurücklegen müssten, notierte der Landkreistag in einer Stellungnahme. Außerdem beklagten die Rettungsdienstler die geänderte Anspruchshaltung der Bevölkerung. Vor allem abends und am Wochenende würden sich viele Bürger nicht mehr an den kassenärztlichen Notdienst wenden, sondern selbst wegen Kleinigkeiten den Rettungsdienst oder die Notfallambulanzen in Krankenhäusern bemühen. Hier forderten die Experten klare gesetzliche Regelungen. „Immer mehr Rettungsdienst löst dieses grundsätzliche Problem nicht“, sagte der für Notfallmedizin am Uni-Klinikum München zuständige Stephan Prückner.

 

Der SPD-Abgeordnete Harry Scheuenstuhl sah sich bestätigt, dass beim Rettungsdienst in Bayern „nicht alles in Ordnung ist“. Die hauptamtlichen Mitarbeiter seien überlastet, aufgrund neuer Herausforderungen fehle es an Personal und Einsatzfahrzeugen. Jürgen Mistol (BÜNDNIS90/DIE GRÜNEN) hielt die Strukturen für „im Grundsatz passend“, doch gebe es wegen der gesellschaftlichen Veränderungen Handlungsbedarf auch für die Politik. „Es darf nicht sein, dass alles beim Rettungsdienst abgeladen wird, was andere nicht mehr leisten können“, betonte Mistol. Joachim Hanisch (FREIE WÄHLER) erkannte Ansatzpunkte beim Anspruchsdenken der Bürger und bei der Sicherung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum. Zufrieden zeigte sich Norbert Dünkel (CSU). Die Anhörung habe gezeigt, dass der Rettungsdienst in Bayern „hervorragend aufgestellt“ und ein „Vorbild für ganz Deutschland“ sei.

 

 

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