Bayerischer Landtag

Kinderkommission: Fachgespräch zum Thema „Krisenintervention“

Donnerstag, 13. Juli 2017
– Von Anna Schmid –

Ein Unfall ist passiert. Wochen danach hat das Kind Alpträume, kann das Geschehene nicht vergessen. Der Kinderarzt sagt den Eltern: „Mit Ihrem Kind ist alles in Ordnung." Die Erziehungsberatungsstelle sagt ihnen: „Sie machen alles richtig“. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie sagt: „Ihr Kind ist kein Fall für uns“. In solchen und ähnlichen Fällen steht die Aetas Kinderstiftung Betroffenen zur Seite.

Nach einem traumatischen Erlebnis sind die Mitarbeiter – Ärzte, Psychologen und Sozialpädagogen – für die Kinder da. Sie sind aber auch Ansprechpartner für Lehrer oder Erzieher, die nach einem schrecklichen Ereignis nicht wissen, wie sie richtig damit umgehen können. Viele Probleme kämen erst zwei bis drei Wochen nach dem traumatischen Ereignis, so Simon Finkeldei, stellvertretender fachlicher Leiter der Organisation.

Auf Initiative der stellvertretenden Ausschussvorsitzenden Doris Rauscher waren Vertreter der Aetas Kinderstiftung in den Landtag zum Fachgespräch „Krisenintervention bei Kindern“ gekommen und berichteten von ihrer Arbeit. 1300 Menschen aus dem Raum München hat die Organisation im letzten Jahr betreut. Sie unterstütze die Kinder nach dem Tod eines Elternteils oder auch nach dem Amoklauf in München vor einem Jahr. „Die Kinder sind nicht krank“, betonte Simon Finkeldei. „Sie haben etwas Schlimmes erlebt.“

Die Kinderstiftung Aetas ist aus dem Krisen-Interventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologen, kurz KIBBS, hervorgegangen. Kommt es an Schulen zu einem Krisenfall, leisten die Psychologen von KIBBS notfallpsychologische Unterstützung, schätzen ein, wie groß die Gefährdung im Falle einer Gewaltdrohung ist oder betreuen Schüler, Eltern und Lehrer nach einem traumatisierenden Vorfall. Die Betreuungsdauer richte sich nach dem Bedarf, sagte Landeskoordinator Hans-Joachim Röthlein. Nach dem Amoklauf in Ansbach sei die Betreuung sechs Monate lang sehr intensiv gewesen und auch danach weitergegangen. Wichtig sei die Schule als Ort der Stabilisierung – anders als früher, als man Schüler nach Hause geschickt habe, wenn etwas passiert sei.

„KIBBS leistet akute Hilfe, Aetas setzt dann in der zweiten Phase an“, konkretisierte die Vorsitzende der Kinderkommission, Tanja Schorer-Dremel (CSU). Es sei ihr ein Anliegen zu betonen, dass beide Institutionen hochprofessionell arbeiteten.

„Seelische Wundversorgung“

„Sie machen seelische Wundversorgung“; sagte Gabi Schmidt (FREIE WÄHLER). In ihrer Heimat seien 1998 zwei Familien vom Zugunglück in Eschede betroffen gewesen. Die Kinder waren unterschiedlich alt in verschiedenen Schulen und Kindergärten. „Wir konnten das damals schlecht bewältigen“, erzählte sie. Sie wünsche sich, dass die Polizei, die die Familien benachrichtigt, fragt, auf welche Schulen oder in welche Kindergärten die Kinder gehen, damit Lehrer und Erzieher dort rechtzeitig reagieren können.
In Eichstätt, wo Grundschullehrerin Susanne Alberti unterrichtet, werden die Schulen sofort über das Schulamt informiert, auch am Wochenende, sagte die Lehrerin. Im kleinen Rahmen könne man sich dann mit der Klassenleitung abstimmen, wie mit der Situation umzugehen sei. An ihrer Schule leitet Alberti ein schulinternes Kriseninterventionsteam. Ein Schulpsychologe ist an der Schule und im Zweifelsfall schnell erreichbar. Fortbildungen oder die Unterstützung von Profis, etwa von KIBBS, wären wünschenswert, sagte die Lehrerin.
„Wir müssen keine Psychologen sein“, sagte Tanja Schorer-Dremel, selbst Grundschullehrerin. Wichtig sei, sich für die Kinder zu öffnen und nicht, sich vor ihnen zu verschließen. Schon kleine Handlungen könnten helfen. „Das kann eine Gedenkecke oder ein Gesprächskreis sein. Und man braucht auch den Alltag.“

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