Bayerischer Landtag

Kommunalausschuss hört Experten zu Nahversorgung in ländlichen Regionen

Mittwoch, 25. April 2018
– Von Miriam Zerbel –

In Bayern gibt es immer weniger Lebensmittelgeschäfte auf dem Land, die immer schwieriger zu erreichen sind. Diesem Rückgang im lokalen Lebensmitteleinzelhandel in den Randgebieten jenseits großer Metropolen versucht die Politik entgegenzusteuern. Mit welchen Maßnahmen die örtliche Nahversorgung gestärkt werden kann, um ländliche Regionen für Familien und Unternehmen attraktiv zu halten, erklärten Fachleute im Kommunalausschuss.

Mit einem detaillierten Fragenkatalog an die Experten aus Wissenschaft und von Verbänden erkundigten sich die Ausschussmitglieder nach der Bedeutung der wohnortnahen Versorgung durch den Lebensmitteleinzelhandel, Apotheken, Banken oder Drogerien. Nach der Analyse des Ist-Zustandes ging es um Möglichkeiten und Optionen des Freistaates landesplanerisch Einfluss die bestehende Situation zu nehmen sowie mit welchen Parametern sie verbessert werden kann. Die Sachverständigen zeigten auf, wie Läden und Dienstleister im ländlichen Raum gestärkt und unterstützt werden können.

„Wachse oder weiche“

In den vergangenen Jahren hat ein Strukturwandel stattgefunden, so die Fachleute übereinstimmend, der dazu geführt hat, dass immer mehr kleine, lokale Läden aufgeben mussten zugunsten immer größerer, dezentraler Vollsortimenter. Häufig seien die Menschen deshalb gezwungen, mit dem Auto zu fahren, um einzukaufen. Nach Berechnungen der Universität Bayreuth müssen in Bayern mehr als eine Million Menschen mehr als drei Kilometer zum nächsten Lebensmittelladen zurücklegen, um sich mit Waren des täglichen Bedarfs zu versorgen.

Wie Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung, berichtete, sind davon nicht nur strukturschwache Randgebiete, sondern selbst suburbane Bereiche betroffen, die sich ansonsten dynamisch entwickeln wie beispielsweise das Gebiet zwischen Regensburg und München. Der Rückzug der Lebensmittelläden aus dem Inneren des Dorfes und die Ansiedlung auf der „grünen Wiese“ führe zum Aussterben der Ortskerne, zu Zersiedelung und Flächenverbrauch. Auch Franz Xaver Peteranderl, der Präsident des Bayerischen Handwerkskammertags, unterstrich, es herrsche ein Verdrängungsprinzip des „wachse oder weiche“. Ferner bewirkten strengere bürokratische und hygienische Anforderungen sowie ein erhöhter Verwaltungsaufwand einen Rückgang des Lebensmittelhandwerks.

„Mensch zur Ware oder Ware zum Mensch?“

Nach Ansicht von Professorin Diane Ahrens von der Technischen Hochschule Deggendorf ist der Zugang zu den Lebensmittelläden der zentrale Punkt. Ahrens  
fragte deshalb: „Wollen wir den Mensch zur Ware bringen, oder die Ware zum Mensch?“. Neben der Versorgung bieten die Läden im Dorf zudem soziale Treffpunkte, Gelegenheit für die Dorfbewohner zum „Ratschen“, was wichtig für den Zusammenhalt der dörflichen Gemeinschaft ist. Um diese Möglichkeit zu erhalten oder wiederherzustellen verwies Dr. Olaf Heinrich, Bezirkstagspräsident von Niederbayern, auf bürgerschaftlich organisierte Dorfläden. Wenn sich viele Dorfbewohner daran beteiligten, werde nicht nur die wohnortnahe Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs gesichert, sondern es auch entstünden auch dringend benötigte Begegnungsräume. Heinrich, der zugleich erster Bürgermeister
der Stadt Freyung ist, appellierte deshalb an die Ausschussmitglieder weniger in Infrastruktur, mehr in Köpfe zu investieren und die Menschen auf dem Dorf zu begleiten.

Deutschlandweit die meisten Dorfläden gibt es in Bayern. 170 solcher Läden mit Bürgerbeteiligung existieren bereits, die allerdings den Rückgang im ländlichen Lebensmitteleinzelhandel nicht ausgleichen können, wie Wolfgang Gröll zugab.

Der Vorstand der Bundesvereinigung multifunktionaler Dorfläden, unterstrich jedoch, dass es in Dorfläden nicht ausschließlich um Lebensmittel gehe. Dienstleistungen wie Bargeldauszahlungen, Paket- oder Rezeptannahmen, kleine Tagescafes oder Flexiräume für Vereinstreffen und ähnliches machten diese Institutionen zu multifunktionalen Zentren. Der Online-Handel mit Lebensmitteln nimmt derzeit eine Nischenfunktion ein. Die Beiträge, die Digitalisierung und E-Commerce zur Verbesserung der wohnortnahen Versorgung künftig leisten können, schätzten die Fachleute als eher untergeordnet ein.

„Handel ist Wandel“

Als einziger der Experten sah der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Bayern, Wolfgang Puff, die Nahversorgung im Freistaat gut gesichert. Unter dem Stichwort „Handel ist Wandel“ erläuterte Puff, wie die Entwicklung der Bevölkerung im ländlichen Raum das Angebot des Handels bestimme. Faktoren wie die Mobilität der Bevölkerung und die Erwartung der Verbraucher an das Angebot des Handels, über die Planungshoheit der Kommunen bis hin zur Nachfolgeproblematik beeinflussten die Entwicklung. Nur Konzepte, die betriebswirtschaftlich sinnvoll sind und auf eine breite Akzeptanz der Kunden stoßen, können laut Puff erfolgreich sein. Er forderte die Realitäten des Strukturwandels anzuerkennen und nicht in Träumereien zu verfallen.
 
Mehr Selbstbewusstsein von den Kommunen wünschte sich Malte Obal von der Initiative Nahversorgt. Deren Verwaltungen könnten durchaus Entwicklungen in Gang setzen, die ländliche Räume als Wirtschafts- und Wohnstandort stärkt. Diesem Wunsch schloss sich auch Bezirkstagspräsident Heinrich an: Die Kommunen könnten viel beeinflussen und müssten ihre Verantwortung wahrnehmen, auch in interkommunaler Kooperation. Dazu kam Unterstützung von Unternehmensberater Obal, und den Professoren Ahrens sowie Miosga, die zudem forderten, der Staat müsse die Gemeinden auch finanziell und personell entsprechend ausstatten. Nur so könnten die Kommunen handlungsfähig sein. Unternehmensberater Gröll wurde noch konkreter. Es sei mehr Rechtssicherheit bei der Gründung von Dorfläden nötig, denn es gebe Probleme bei der Förderung, weil ein originärer Gründer nicht benennbar sei.

 

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