Bayerischer Landtag

Landwirtschaftsausschuss: Expertenanhörung zur Nutztierhaltung

Mittwoch, 20. Juni 2012
– Von Eva Spessa –

Zehn Vertreter verschiedener Interessensgruppen informierten den Landwirtschaftsausschuss am 20. Juni 2012 in einer Anhörung zum Thema „Tierhaltungsformen in der Zukunft“. Dabei gingen die Meinungen der Experten zu den Fragen teilweise weit auseinander.

Rund 75 Prozent der Einnahmen der Landwirtschaft Bayerns kämen aus der Tierhaltung, betonte der Ausschussvorsitzende Albert Füracker (CSU) und unterstrich damit die Bedeutung dieses Erwerbszweigs für die bayerischen Bauern. Die eingeladenen Experten hatten vorab eine Liste mit mehr als 50 Fragen zu verschiedenen Aspekten des Themas erhalten, darunter die Bewertung der aktuellen Situation, die Einstellung der Gesellschaft und der Verbraucher zur Tierhaltung, die Verbesserung des Tierwohls mit entsprechenden Zertifizierungssystemen und nicht zuletzt den Einsatz von Medikamenten in der Nutztierhaltung.

Große Fortschritte
Auf die entsprechende Frage hin räumten alle Experten mehr oder weniger große Fortschritte bei der Tierhaltung in den letzten 50 Jahren ein. Prof. Dr. Bernhard Hörning vom Fachgebiet Ökologische Tierhaltung der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde (FH) wies jedoch auch darauf hin, dass in Bayern die meisten Nutztiere in wenig oder nicht tiergerechten Haltungssystemen gehalten werden. So habe Bayern beispielsweise den bundesweit höchsten Anteil an Anbindehaltung bei Rindern und rund 87 Prozent aller Mastschweine würden ohne Einstreu gehalten.

Beim Thema Gesellschaft und Verbraucher waren sich die Experten ebenfalls einig: Die Öffentlichkeit sei unzureichend über die moderne Tierhaltung informiert. Es sei allerdings schwierig, dem Verbraucher wissenschaftliche Erkenntnisse nahezubringen, so Uwe Gottwald vom Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V. Die allgemeine Diskussion sei sehr emotional, stellte Jochen Dettmer von NEULAND e.V. fest: Die Tierhaltung habe sich in den letzten 50 Jahren stark verbessert, dennoch nehme die öffentliche Meinung das Gegenteil an. Ein Problem, so Prof. Dr. Dr. h.c. Alois Heissenhuber vom Lehrstuhl für Wirtschaftslehre der Landwirtschaft der TU München-Weihenstephan, sei unter anderem das idyllische Bild, das die Lebensmittelindustrie bewusst transportiere und das dann hart mit der Realität kollidiere. „Tierhalter brauchen die Akzeptanz der Gesellschaft“, erklärte Stephan Neher, Vorsitzender der Erzeugergemeinschaft Franken-Schwaben Tierische Veredelung w.V. und der Ringgemeinschaft Bayern – von der Tierhaltung zu leben sei ohnehin nicht einfach.

Label für tiergerechtere Haltung
Ein Zertifizierungssystem für eine tiergerechtere Haltung bewerten die Experten unterschiedlich: Insbesondere Dr. Heinz Schweer vom Nahrungsmittelkonzern VION GmbH sieht ein solches Label als Chance für den Markt: Auf diese Weise könne man die Verbraucher direkt ansprechen, die auch bereit seien, für mehr Tierschutz einen höheren Preis zu bezahlen – und es böte die Möglichkeit, konventionelle Betriebe „abzuholen“. Hier sei die Wirtschaft gefordert, Angebote zu machen, damit sich etwas bewege. Isabella Timm-Guri vom Bauernverband hingegen warnte vor dem Diskriminierungspotenzial eines solchen Labels. Vorstellbar sei aus ihrer Sicht allerdings, über ein EU-weites Prüfsystem nach Art der Health-Claims-Verordnung sicherzustellen, dass über den gesetzlich geregelten Tierschutz hinausgehende Standards für höheren Tierkomfort eingehalten werden. Darüber hinaus habe man mit dem staatlichen Siegel „Geprüfte Qualität – Bayern“ bereits ein Qualitätssicherungs- und Herkunftssystem mit einem guten Ruf. Dr. Kay-Uwe Götz von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft sieht in einem privatwirtschaftlichen Tierschutzlabel einen ersten wichtigen Schritt, das Marktpotenzial dafür sei vorhanden. Die Erfahrung mit Geflügel zeige jedoch, dass der Verbraucher teilweise offenbar auch nicht hinsehen will.

Bestandsgröße und Betreuung
„Medikamente werden strategisch eingesetzt und nicht mehr nur zur Heilung“, erklärte Tierarzt Dr. Rupert Ebner zum Thema Tierarzneimittel. Industrielle Tierhaltung profitiere von billigen Medikamenten, mit deren Hilfe ein hoher Ertrag erzielt werden könne. Den von ihm postulierten Zusammenhang zwischen Bestandsgröße und Krankheitsdruck in der Tierhaltung sehen andere Experten jedoch nicht: „Entscheidend ist nicht die Größe, sondern das Management“, erklärte Landwirt Georg Sachsenhauser und unterstrich das vitale Interesse der Bauern an der Gesundheit ihrer Tiere. Prof. Heissenhuber wiederum wies auf die Bedeutung der Bestandsdichte im Unterschied zur Bestandsgröße für die Tiergesundheit hin. Dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermedizin für die Entwicklung multiresistenter Keime eine Rolle spielt, wurde allgemein eingeräumt, die Tragweite jedoch unterschiedlich bewertet. Zur Perspektive im Hinblick auf Haltungssysteme, Bestandsgrößen und Betriebsmanagement traf Prof. Heissenhuber eine klare Aussage: „Das System muss dem Tier angepasst werden, nicht das Tier dem System.“

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