Bayerischer Landtag

Sozial- und Wirtschaftsausschuss: Experten beleuchten die „Care Ökonomie“

22. Mai 2014
– Von Anna Schmid –

Wer andere Menschen pflegt oder betreut, ist meist weiblich und bekommt für seine Tätigkeit wenig oder gar kein Geld. Bei einer gemeinsamen Anhörung des Wirtschafts- und des Sozialausschusses zum Thema „Auf dem Weg zu einer geschlechtergerechteren Wirtschaft – Care Ökonomie“ sprachen Experten darüber, wie sich das in Zukunft ändern könnte.

„Care-Arbeit wird sowohl als Lohnarbeit, als auch als selbstständige Arbeit, als ,ehrenamtliche‘ Gratisarbeit oder im eigenen Haushalt verrichtet“, erklärte Sozialwissenschaftlerin Dr. Gisela Notz. In privaten Haushalten seien es meist Frauen, die sich privat und unentgeltlich um Pflegebedürftige kümmerten. Eine ideelle Aufwertung der Arbeit sei nicht ausreichend, weil sie so in ihre alten Rollen zurückgedrängt würden. Eine angemessene Entlohnung fehle in allen Bereichen der Care-Arbeit.

Solange es Konkurrenz zwischen unbezahlter und bezahlter Arbeit stehe, sinke die Bereitschaft, letztere leistungsgerecht zu bezahlen, sagte Hannelore Buls, Vorsitzende des Deutschen Frauenrates. „Ein alter Mann wird sich fragen, warum er zehn Euro für das Einnähen eines Reißverschlusses beim Schneider bezahlen soll, wenn seine Tochter das umsonst macht.“

Der Pflegeberuf müsse auch für Männer attraktiver werden, verlangte Adelheid Susanne Esslinger, Professorin für Health Care Management an der Hochschule Fulda. Dann würden mehr Männer eine Ausbildung in diesem Bereich beginnen und in den Beruf gehen, in dem mehr Männer gebraucht würden. „Ich weiß, das ist diskussionswürdig, aber warum denken wir nicht über eine Männerquote nach?“, fragte sie.

Bürgerschaftliches Engagement – nur ein Teil der Lösung

Mit der Betriebswirtschaftslehre für Sozialunternehmen beschäftigt sich Professor Klaus Schellberg an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg. Die Wirtschaftlichkeit der Pflege sei überlebenswichtig für den Sozialstaat, betonte er. Weil der künftige Pflegebedarf in einer alternden Gesellschaft hoch sei, könne bürgerschaftliches Engagement nur ein Teil der Lösung sein. Im Bereich der Care-Ökonomie entfielen allein 200.000 Arbeitsplätze in Bayern auf den Bereich Pflege- und Altenhilfe, nicht mit eingerechnet sei die medizinische Versorgung in Krankenhäusern. Über die Zahl der Pflegeleistungen in den Familien gebe es keine Statistiken.

Der Zugang zu akademischen Abschlüssen sollte leichter werden, auch das könne zur Attraktivität des Berufes beitragen, sagte Jürgen Härlein, Professor für Pflegewissenschaft an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Viele Pflegekräfte gingen nach der Ausbildung in die Schweiz oder nach Skandinavien, wo sie bessere Bedingungen vorfinden.
Elfriede Kerschel von der IHK München und Oberbayern warnte vor einem Fachkräftemangel in den Pflegeberufen. Bei den nicht-erwerbstätigen Frauen liege ein enormes Potential, sagte sie. Sie forderte eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine Abkehr vom Bild der „Rabenmutter“. Mütter und Väter sollen erwerbstätig sein können, wenn sie es wollen.

„Der größte Pflegedienst in Deutschland ist die Familie“, sagte Wilfried Mück, Geschäftsführer der Freien Wohlfahrtspflege. Auch er forderte, den Beruf attraktiver zu machen. „Wenn die erste Soap-Opera im Pflegeheim spielt, dann ist das Thema in der Gesellschaft angekommen“, sagte er.
Der Abgeordnete Markus Blume (CSU) will das Thema stärker im öffentlichen Diskurs verankern: „Wir müssen darüber mit derselben Leidenschaft reden wie etwa über die Rentenreform“, sagte er. Sein Fraktionskollege Herman Imhof forderte, sich parteiübergreifend mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Tarifvertrag für soziale Berufe?

Angelika Weikert (SPD) sagte, alle Experten hätten deutlich gemacht, dass der Pflegeberuf aufgewertet und besser bezahlt werden müsse. Gerechte Löhne gebe es nicht. Die Lösung könne ein Tarifvertrag für soziale Berufe sein.
Christine Kamm (Bündnis 90/Die Grünen) merkte an, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im sozialen Bereich leichter zu verwirklichen sei als in den Naturwissenschaften. Kerstin Celina warnte, unbezahlte Care-Arbeit führe später zu Altersarmut.

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