Bayerischer Landtag

Sozialausschuss: Sachverständige fordern psychologische Stelle in Erstaufnahmeeinrichtungen

Donnerstag, 7. Februar 2013
– Von Edwin Raithel –

Eine Expertengruppe im Sozialausschuss des Landtags war sich einig: Etwa 40 Prozent der Asylbewerber in Bayern hat posttraumatische Belastungsstörungen. Zu diesem Ergebnis kommen Psychologen der Universität München und des Klinikums Nürnberg-Nord nach einem Pilotprojekt mit 300 Probanden. In der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf bei Nürnberg seien 80 Prozent der Asylbewerber psychisch erkrankt und davon hätten 60 Prozent posttraumatische Belastungsstörungen. An zweiter Stelle rangierten depressive Erkrankungen. In der Sammelunterkunft in München, wo über 50 Prozent der Asylbewerber aus Afghanistan stammen, hätten 41,6 Prozent posttraumatische Störungen und die anderen, ähnlich wie in Zirndorf, Depressionen. Die Sachverständigen Dr. Günter Niklewski, Chefarzt für Psychosomatik und psychotherapeutische Medizin am Klinikum Nürnberg-Nord, und Dr. Markos Maragkos von der Universität München forderten deshalb in der Sitzung des Landtagsausschusses für Soziales, Familie und Arbeit am 7. Februar eine psychologische Stelle in den Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber. Ein längerer Aufenthalt in den Sammelunterkünften potenziere die Krankheit, so die Experten.

Am 18. Juli letzten Jahres hatte das Plenum des Landtags auf Antrag der FDP-Abgeordneten Brigitte Meyer (Vorsitzende des Sozialausschusses) von der Staatsregierung einen Bericht zur Früherkennung posttraumatischer Belastungsstörungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylbewerber gefordert. Dabei sollten die Evaluationsergebnisse der beiden Diagnosestellen in München und Zirndorf dargestellt werden. Auch wurde gefragt, ob die Staatsregierung die Arbeit dieser Stellen weiterführen wird und in welcher Höhe Haushaltsmittel veranschlagt werden.

Der Vertreter der Staatsregierung, Leitender Ministerialrat Dr. Hans Dick, erklärte in der Ausschusssitzung am 7. Februar: „Es besteht ein Bedarf an Angeboten – erster Schritt in Zirndorf, zweiter Schritt in München." Dies führte zu einer heftigen Diskussion im Ausschuss. Die SPD-Abgeordnete Angelika Weikert betonte, dass es in Zirndorf mit 500 bis 800 Asylbewerbern nur einen Allgemeinarzt gebe. „Dies ist viel zu wenig. Wir brauchen dort eine psychologische Verstärkung und auch mehr Ärzte in der Frauen- und Kinderheilkunde", so Weikert. Die Grünen-Abgeordnete Maria Scharfenberg sprach von einer „Katastrophe“ und der SPD-Abgeordnete Hans-Ulrich Pfaffmann betonte: „Der Hilferuf ist nicht zu überhören, wie viele Jahre soll es in München dauern, wenn dies nur als zweiter Schritt angegangen wird.“ Auch die Ausschussvorsitzende Brigitte Meyer mahnte an, den Zeitrahmen und die Haushaltsmittel zu benennen.

Der Vertreter der Staatsregierung verwies darauf, dass vergaberechtliche Vorgaben zu beachten seien und erst geklärt werden müssten. Ob man eine öffentliche Ausschreibung braucht, könne er nicht beantworten und auch nicht über den konkreten Zeitpunkt sprechen. Haushaltsmittel für eine Pauschalvergütung seien allerdings vorhanden. Der Regierungsvertreter sagte eine Prüfung der Forderungen von CSU und FREIEN WÄHLERN nach konkreten Schritten bei der Dolmetscherproblematik zu. Das Expertenteam der Uni München und des Klinikums Nürnberg-Nord verlangte nämlich eine Schulung der Dolmetscher, da viele von diesen selbst psychisch belastet seien.

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