Bayerischer Landtag

Wissenschaftsausschuss spricht mit Experten zu Karrierewegen an Hochschulen

Mittwoch, 19. Oktober 2016
– Von Miriam Zerbel –

Befristete Beschäftigung, Teilzeit, unsichere Zukunftsaussichten: Eine Karriere als Wissenschaftler ist riskant und kaum zu planen. Wie die Arbeitsbedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses konkret aussehen und wie verlässliche Karriereperspektiven für qualifizierte Forscher geschaffen werden können, darüber sprach der Ausschuss mit Fachleuten von Universitäten und Hochschulen.

In einem Fachgespräch mit deren Präsidenten und Vorsitzenden sowie einem Gewerkschaftsvertreter fragten die Abgeordneten vor allem nach der Finanzierung, den Personalentwicklungskonzepten und dem Ausbau des Wissenschaftsmanagements sowieder Struktur des wissenschaftlichen Mittelbaus. Im Zentrum der Überlegungen standen dabei sogenannte Tenure-Track-Professuren. Demnach erhalten Promovierte die Chance auf eine Lebenszeitprofessur, allerdings nicht zwangsläufig, sondern erst nach einer befristeten Bewährungszeit. Hintergrund ist die Initiative des Bundes, 1000 zusätzliche Tenure-Track-Professuren zu fördern.

Auf großes Erstaunen seitens der Abgeordneten trafen die Erläuterungen der Fachleute, wonach die Stellen mitnichten ausfinanziert seien. Die Vorsitzende der Universität Bayern erklärte vielmehr, dass der Bund lediglich 16 bis 17 Prozent der Aufwendungen für eine Tenure-Track-Lebenszeitstelle biete. „Was ist denn mit den restlichen mehr als 80 Prozent“, fragte Professorin Sabine Doering-Manteuffel. „Wir sind daran interessiert, dass diese Stellen weiterfinanziert werden auf W3-Ebene.“
Von den bundesweit 1000 Stellen entfallen demnach 148 auf Bayern mit einem Durchschnittsvolumen von 118.000 Euro. „Nicht ausreichend“, befand die Wissenschaftlerin, „um echte Perspektiven zu schaffen“ und bat die Abgeordneten um Unterstützung.

„Rauf oder raus“

Dass die TU München den Tenure-Track als echten Karriereweg verstehen will, betonte deren Präsident Professor Dr. Wolfgang A. Herrmann. Mit allen Konsequenzen. „Rauf oder raus“, fasste Herrmann die Alternativen zum Ende der Bewährungszeit zusammen. Bei der TU beginnt dieser neue Weg zur Professur mit der Besoldungsgruppe W2. „Alles andere wäre in München unanständig“, sagte Herrmann und verwies zugleich auf das Gegenbeispiel Berlin, wo W1 Standard sei. Mittlerweile habe die TU 70 junge Leute auf diesen Weg berufen. Herrmann verspricht sich davon auch eine Ent-Hierarchisierung des Systems und hofft auf einen Kulturwandel an den Universitäten. „Die guten jungen Leute können aufsteigen, sind Professoren und keine Abhängigen und Anhängsel.“ Von 2012 bis 2020 schafft die TU Herrmann zufolge 100 neue Professorenstellen. Für die Verstetigung der Tenure-Tracks auf W3Stellen hofft der TU-Präsident auf den Freistaat.

Die langfristige Finanzierung der neuen Professorenstellen brennt allen Hochschulen auf den Nägeln. Professor Stefan Leible, Präsident der Universität Bayreuth, warnte vor einer Kanibalisierung. „Die 148 neuen Professorenstellen in Bayern führen dazu, dass wir mindestens 396 Stellen weniger im akademischen Mittelbau haben“, warnte Leible. Auch die Uni Bayreuth bietet Tenure Track-Modelle an, die beispielsweise mehr Sicherheit bieten als an der TU. Das gebiete schon die Konkurrenzsituation zu solch großen Universitäten wie denen in München, sagte Leible, der darin eine Profilierungsmöglichkeit für kleinere Hochschulen sieht. Die Offenheit für Tenure-Track-Optionen sei zudem je nach Fach sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Für die bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist es nach wie vor schwierig, qualifizierte Kollegen zu finden. Es sei nötig, entsprechend attraktive Karrierewege für den Nachwuchs zu schaffen, forderte Professor Walter Schober, stellvertretender Vorsitzender von Hochschule Bayern.

Transparenz und Evaluation

Verlässliche Karrierewege lassen sich nach Ansicht von Dr. Andreas Keller, dem stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, GEW, durch ganz konkrete Kriterien erreichen: Mehr Transparenz, welche Leistungen erbracht werden müssen, Erreichbarkeit der Ziele und am Ende eine unabhängige Evaluation. Keller, der auch Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung ist, forderte, anders als das an der TU gehandhabt wird, dass der Tenure Track möglichst früh nach der Promotion ansetzt. Damit das Modell eine nachhaltige Wirkung entfalte, sei die Hilfe des Freistaats erforderlich. In einem Tenure Track für Fachhochschulen sieht Keller eine Chance, Praxis und Theorie noch besser zu verschränken.

Der stellvertretende Vorsitzende Oliver Jörg (CSU) zog aus den Erläuterungen das Fazit, den Universitäten „Luft zum Atmen“ zu lassen. „Wenn der Tenure Track attraktiv sein soll, dann muss es Chancen für unterschiedliche Modelle geben.“ Dass die neuen Karrierewege für junge Forscher den Mittelbau in Mitleidenschaft ziehen sorgte fraktionsübergreifend für Unmut. Das sei nicht Zweck der Förderung, unterstrichen sowohl der Ausschussvorsitzende Professor Michael Piazolo von den FREIEN WÄHLERN als auch der SPD-Abgeordnete Georg Rosenthal. Die Frage von Rosi Steinberger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) nach einer möglichen Perspektive für Forscher im Wissenschaftsmanagement, bejahten die Fachleute. Dieser Bereich werde künftig immer wichtiger ebenso wie eine systematische Personalentwicklung.

Sachverständige im Überblick:

 

Hochschulverbände:
Prof. Dr. Sabine Doering-Manteuffel
(Präsidentin der Universität Augsburg, Vorsitzende von Universität Bayern)

Herrn Prof. Dr. Walter Schober
(Präsident Technische Hochschule Ingolstadt,
stellvertretender Vorsitzender von Hochschule Bayern)


Hochschulen mit Tenure-Track-Erfahrung:

Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann
(Präsident der TU München)

Prof. Dr. Stefan Leible
(Präsident der Universität Bayreuth)


Gewerkschaften
Dr. Andreas Keller
(Stellvertretender GEW-Vorsitzender/ Leiter des Organisationsbereichs Hochschule und Forschung)

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