Bayerischer Landtag

02.03.2005 - Akademiegespräch: Dr. Helga Hirsch "Flucht und Vertreibung - Erinnerung und Gegenwart"

Akademiegespräch: Dr. Helga Hirsch

02.03.2005

Flucht und Vertreibung – Erinnerung und Gegenwart

Die neue Debatte um die Vertreibung sei ein Gewinn, sagt der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler, denn sie wirke "befreiend", weil ein abgesunkenes Stück kollektiver Lebensgeschichte "ruhig besprochen werden" könne. Ein Blick auf deutsche Diskussionen, aber auch auf Reaktionen in Nachbarstaaten zeigt jedoch, dass dieses "Besprechen" sich durchaus nicht nur ruhig, sondern bisweilen auch hoch emotional vollzieht.

Wir sind noch immer auf der Suche nach angemessenen Wegen, mit der Vergangenheit umzugehen, die sich nicht ungeschehen machen lässt. Gibt es bewusstere Weisen historischer Erinnerung, die aufklärend und verbindend wirken? Helga Hirsch meint, dass die Anknüpfung an das individuelle Erleben dazu verhelfen könnte, zumal die Westverschiebung Polens auch dort viele Menschen entwurzelt hat. Hypotheken, die in jener Zeit entstanden sind, übertragen sich erfahrungsgemäß auch auf die zweite und dritte Generation. Deren Zukunft wegen ist es wichtig, bittere Wahrheiten nicht zu beschweigen, sondern auszusprechen - in Ruhe und in Respekt vor unterschiedlichen Erfahrungen sowie in der Hoffnung auf eine europäische Zukunft, in der ethnische und nationale Kriterien möglichst nicht mehr ausgrenzend gegen Zugehörige anderer Ethnien und Nationen instrumentalisiert werden.

Dies wäre in der Tat ein Gewinn von historischer Dimension.

Begrüßung

Alois Glück
Präsident des Bayerischen Landtags

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Seit Juli 1996 gibt es die Vortragsreihe „Akademiegespräche im Bayerischen Landtag“ in Kooperation mit der „Akademie für politische Bildung’’. Heute wird diese Reihe fortgesetzt, und ich begrüße Sie alle sehr herzlich, auch im Namen des Akademiedirektors Herrn Prof. Dr. Heinrich Oberreuter.

Meine Damen und Herren, das Jahr 2005 ist ein Gedenkjahr. Ich habe am 27. Januar im Rahmen der Plenarsitzung eine kurze Ansprache zum „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“ gehalten. Wir haben Ende April eine Veranstaltung gemeinsam mit der Staatsregierung zum „60. Jahrestag der Befreiung der bayerischen Konzentrationslager“. Wir haben am 8. Mai das Thema „Kriegsende“, und ich glaube, es ist besonders wichtig, dass wir mit diesen Daten, mit diesen Punkten in unserer Geschichte sehr sensibel, intensiv und differenziert argumentierend umgehen. Nicht zuletzt deshalb ist dies wichtig, weil zu solchen Gedenktagen mit ihrer inneren Spannung viele ein zwiespältiges Verhältnis und insbesondere, wie ich auch spüre, jüngere Menschen häufig überhaupt keinen Zugang mehr haben, mit dem Ergebnis, dass diese Tage womöglich eine emotionale Ausbeutung durch diejenigen erfahren, die aus einem bestimmten rechten politischen Blickwinkel versuchen, daraus Nutzen zu ziehen. Das Gedenken in Deutschland steht im Spannungsfeld von Trauer um die eigenen Opfer und den Verbrechen des Nazi-Regimes, denen wir uns stellen und stellen müssen.

Zu den besonders dramatischen Ereignissen dieser Zeit zählten Flucht und Vertreibung der Deutschen. Ein Thema, das eine Zeitlang eher verdrängt wurde, vielleicht weil viele Vertriebene zunächst einfach damit befasst waren, hier ihre eigene Existenz zu sichern und aufzubauen, denn aufs Ganze gesehen ist die Integration der Vertriebenen sehr gut gelungen. Die Vertriebenen haben einen großen Anteil am Wiederaufbau Deutschlands und in besonderer Weise auch am Wiederaufbau Bayerns. Wahrscheinlich brauchten auch viele Opfer Jahrzehnte, um diese traumatischen Erfahrungen verarbeiten zu können und selbst überhaupt darüber reden zu können. Andererseits, die Ära der Zeitzeugen neigt sich dem Ende zu. Deswegen ist es in jeder Beziehung wichtig, dass wir uns mit all diesen Facetten auseinandersetzen, und dem dient auch der heutige Abend. Herr Prof. Oberreuter hat das Thema und insbesondere die Referentin ausgewählt. Ich darf Sie, sehr geehrte Frau Dr. Helga Hirsch, sehr herzlich bei uns begrüßen und Ihnen herzlich danken, dass Sie den Termin übernommen haben. Für die weitere Vorstellung und Einführung hat nun Herr Prof. Oberreuter das Wort.

Einführung

Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Oberreuter
Akademie für Politische Bildung Tutzing/Universität Passau

Herr Präsident, Frau Vizepräsidentin, liebe Frau Hirsch, meine Damen und Herren!

Flucht und Vertreibung sind historische Ereignisse wie andere historische Ereignisse auch. Und auch für dieses Ereignis gilt, wie für alles Historische: Selektive Wahrnehmung oder erst recht Tabuisierung führen nicht zur Erkenntnis. Angesichts des ganzen Schreckensszenarios der Zeitgeschichte bedrängt uns immer wieder die Frage: Wie holen wir diese bedeutende Vergangenheit in unsere Gegenwart herein? Denn Verdrängen und Vergessen sind nicht erlaubt. Im Wandel der Generationen sind jedoch historische Nähe, unmittelbare Erfahrung und unmittelbare Betroffenheit fast schon verloren gegangen.

Was den Nationalsozialismus betrifft, so ist die Überzeugung allgemein, dass es unabdingbar sei, sich beständig mit diesem totalitären System, mit Genozid und Terror auseinanderzusetzen. Diese Auseinandersetzung nicht zu scheuen, hat der Bundesrepublik über die Jahrzehnte durchaus auch wieder Achtung und Legitimität verliehen. Jedermann weiß, wie überschattet die deutsche Geschichte ist. Als Friedrich Meinecke, der große Historiker, 1946 der „deutschen Katastrophe“, wie er das Ganze nannte, nachspürte, warf er die Frage auf, ob man denn je vollkommen verstehen könne, was sich in jenen 12 Jahren des Dritten Reichs an Ungeheuerlichem ereignet habe. Diese Frage bewegt uns auch heute noch. Wo die Humanität zertreten worden ist, weigern wir uns im Grunde zu verstehen, was an Erkenntnis so offen vor uns liegt. Theodor Heuss hat 1949 dafür den Begriff „Kollektivscham“ geprägt.

Ich würde übrigens allen Politikern, die sich zum 60. Jahrestag äußern wollen, dringend empfehlen, diese Rede von Theodor Heuss nachzulesen. Sie ist gültig, und es hat in der Geschichte der Bundesrepublik keine bessere Rede gegeben zu diesem Ereignis – eine Rede, in der er „Kollektivschuld“ und „Kollektivscham“ voneinander abgrenzte und, wie ich finde, präzise und gültig für überschaubare Zeiten.

Wir empfinden diese „Kollektivscham“ auch heute noch, und wir fühlen uns verpflichtet, sie der nachwachsenden Generation weiterzugeben. Dieser Transfer, meine Damen und Herren, wird nicht gelingen, wenn die Geschichtserzählung nicht vollständig ist. Natürlich müssen wir zwischen Ursachen und Folgen zu unterscheiden wissen. Aber alle Tatsachen müssen auf den Tisch, allein schon um der gemeinsamen europäischen Zukunftsperspektive Willen.

Von dem jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber stammt das Wort: „Erinnerung ist die Quelle für Versöhnung“. Das gilt aus meiner Sicht für alle Völker. Die Deutschen haben Wind gesät und Sturm geerntet, wie Bartozewski zu Recht gesagt hat. Diese Tatsache aber des Säens von Wind und Erntens von Sturm setzt die moralischen und rechtlichen Kriterien zur Beurteilung von Untaten nicht außer Kraft. Unrecht bleibt Unrecht, es verändert sich nicht, indem es seine Adressaten wechselt. Auch menschliches Leid ist unabhängig von nationalen Zugehörigkeiten. Die rechtlichen und ethischen Maßstäbe sind für alle gleich. Keine Untat rechtfertigt eine andere. Psychologisch verständliche Vergeltung, um Hans Maier zu zitieren, dispensiert nicht vom Recht. Ideologien, meine Damen und Herren, dispensieren sowieso nicht davon. Im Grunde ist, wenn ich es recht sehe, die Respektierung des Rechts die große irreversible Erkenntnis aus dieser zeitgeschichtlichen Leidensgeschichte.

Wenn wir in die Zukunft blicken, können wir das nicht, ohne die Lehren der Vergangenheit zu berücksichtigen. Die Erfahrungen sind nun einmal individuell und sie sind unterschiedlich. Europa war schon immer charakterisiert durch Gemeinsamkeiten und Differenzierungen. Das wird so bleiben, und erst recht historisch lässt sich mit Peter Glotz daran zweifeln, ich zitiere: „ob die großen Erzählungen der einzelnen Nationen in einer einzigen europäischen Erzählung aufgehoben werden können.“ Folglich hat die komplette Erzählung der eigenen Geschichte samt ihrer zutreffenden Interpretation nichts mit Aufrechnen, nichts mit Relativierung und nichts mit gedanklichem Oberflächenkräuseln zu tun. Wer zu so etwas neigte, diskriminierte sich selbst. Aber, wenn Recht „Recht“ ist und Leid „Leid“, und wenn Ursachen und Folgen auseinander gehalten werden, dann konnten sich auch die Deutschen immer schon auch an ihre eigenen negativen Erfahrungen erinnern, an Bombenkrieg, an Flucht und Vertreibung. Und es hätte eigentlich nicht erst der durch Günter Grass erteilten literarischen Freigabe bedurft, um diese Diskussion zu führen, wobei es diese Diskussionen natürlich in der Nähe zum historischen Ereignis durchaus gegeben hat. Aber, wenn wir in eine Interpretationsphase eintreten, in der – ich will jetzt nicht missverstanden werden – ein Volk als „Tätervolk“ definiert wird, so als ob es in diesem Volk nichts anderes als „Täter“ gegeben hätte, dann wird es sehr schwer, in einer geschichtspolitischen Auseinandersetzung auch von den Opfern in diesem Volk zu sprechen. Und das ist ein bisschen das Szenario, in dem wir seit eineinhalb bis zwei Jahrzehnten leben und in dem es wichtig ist, unter Rückbesinnung auf die individuellen Erfahrungen von Menschen und auch unter Rückbesinnung auf die ganze Geschichte, auch diesen Teil der deutschen Erfahrungen in die Diskussion mit einzubringen - in aller Bescheidenheit und, ich wiederhole, in aller Erkenntnis der Tatsache, was Ursache und was Wirkung ist, aber eben auch in Respekt vor Moral und Recht.

Ich freue mich außerordentlich, dass wir den Kontext, den der Herr Präsident und ich zu umschreiben versucht haben, mit Helga Hirsch heute Abend hier behandeln dürfen. Der Herr Präsident hat mir die Aufgabe zugeschrieben, sie vorzustellen. Das ist eine sehr einfache Aufgabe. Frau Hirsch ist eine geschätzte Korrespondentin der „Zeit“ in Polen gewesen über lange Zeit. Sie hat sich mittlerweile als freie Mitarbeiterin wichtiger anderer Publikationsorgane in Berlin etabliert. Sie hat sich spätestens mit ihrem Buch über Flucht und Vertreibung zeitgeschichtlichen Gegenständen zugewandt, was aber für ihre Vorläuferpublikationen auch schon gilt. Und sie arbeitet weiter an diesen Fragestellungen und ist weiter intensiv interessiert an Gespräch und Auseinandersetzung mit Zeitzeugen und an dem Versuch, das, was aus diesen Gesprächen sich entwickelt, fruchtbar zu machen für die publizistische und eben auch für die wissenschaftliche Einordnung. Ich bedanke mich sehr, dass Sie aus dem hohen Norden in den kalten tiefen Süden gekommen sind, und ich freue mich immer, wenn ich als Nichtparlamentarier in einem Parlament jemandem das Wort erteilen darf. Ich erteile es Ihnen!

Vortrag

Flucht und Vertreibung – Erinnerung und Gegenwart

Dr. Helga Hirsch (Freie Publizistin in Berlin)

Ich gehöre zu der Generation und zu den politischen Kreisen, die Herr Prof. Oberreuter eben kritisiert hat. Ich komme aus der ‚Linken’ und habe selber einen Weg des Umdenkens in Bezug auf das Thema hinter mir, über den ich heute referieren möchte. Insofern ist das, was ich heute sage, auch ein Teil meiner eigenen Biographie.

I.

Im Rückblick ist das 20. Jahrhundert vielfach als das Jahrhundert der Völkermorde und Vertreibungen bezeichnet worden. An seinem Beginn standen der Genozid der Armenier durch die Türken (1915), an seinem Ende die „ethnischen Säuberungen“ in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Bisher haben sich Wissenschaftler und Medien allerdings noch nicht einmal auf einheitliche Bezeichnungen geeinigt. Für die Armenier handelt es sich bei der Tötung ihrer Landsleute zu Beginn des Jahrhunderts um einen gezielten Völkermord, für die Türken hingegen um das unbeabsichtigte Nebenprodukt von Deportationen. Deutsche sehen in den Ereignissen 1944-47 zweifelsfrei Vertreibungen, Polen hingegen eher (Zwangs)Aussiedlungen und Tschechen nur einen Bevölkerungs-„Abschub“ (odsun). Polen und Tschechen stoßen sich an dem angeblich zu emotional aufgeladenen Terminus „Vertreibung“ – ihrer Meinung nach gehöre er in die Zeit des Kalten Krieges; die öffentliche Meinung in Deutschland hingegen reibt sich an solchen sterilen Begriffen wie „Transfer“ oder „ethnische Säuberung“ – sie erlauben nicht mal eine Unterscheidung der Brutalität von Maßnahmen. In der Rechtssprache der Bundesrepublik hat sich im Laufe der Zeit der Begriff „Vertriebene“ als Oberbegriff für Flüchtlinge und Vertriebene durchgesetzt: So in den Paragraphen 11 und 301 des Lastenausgleichsgesetz und später im Bundesvertriebenengesetz. Der Begriff „Flüchtling“ findet hingegen seit den Fünfziger- und Sechzigerjahren Anwendung für die Sowjetzonenflüchtlinge; heute werden so entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention die ausländischen Flüchtlinge bezeichnet.

Nun sind, seitdem Geschichte festgehalten wird, auch immer Angriffe stärkerer auf schwächere Völker überliefert, die mit der Ausrottung oder Vertreibung der schwächeren endeten. Im 19. und 20. Jahrhundert hat sich dieses Phänomen durch die Entstehung des Nationalismus und der Nationalstaaten allerdings entscheidend verändert. Die alten Reiche des 19. Jahrhunderts – Österreich-Ungarn, das Osmanische und das Zaren-Reich, auch Preußen-Deutschland – hatten ihre Legitimität aus den Loyalitäten ihrer Untertanen gegenüber der jeweiligen Dynastie bezogen und nicht aus der Zugehörigkeit der Bürger zu einem bestimmten Volk, zu einer bestimmten Ethnie. Im alten Österreich-Ungarn konnte jemand Jude sein und Deutsch sprechen – doch mit einem ungarischen Pass besaß er dieselben Rechte wie ein Ungar. Mit der Durchsetzung der Idee des Nationalstaats aber wurden jene Bürger bevorzugt, die der staatstragenden, der Titular-Nation angehörten. Und da die mitteleuropäische Landkarte nur ganz wenige ethnisch homogene Territorien kannte, waren Konflikte vorprogrammiert.

Indem die Pariser Vorortverträge 1919/20 den Selbstbestimmungswünschen der Völker Rechnung trugen, erfüllten sie zwar die Träume von 60 Millionen, die nun mit Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Lettland usw. eigene Staaten erhielten, aber gleichzeitig wurden 25 Millionen zu Minderheiten. Deren Rechte zu schützen, erwies sich der Völkerbund trotz anfänglicher Erfolge letztlich zu schwach.

Die Pariser Friedenskonferenz war noch stolz darauf, der Idee der ethnischen Homogenisierung von Nationalstaaten nicht nachgegeben und stattdessen einen Minderheitenschutz eingeführt zu haben, der religiösen und nationalen Minderheiten ermöglichen sollte, dort zu bleiben, wo sie lebten. Aber bereits der Vertrag von Lausanne 1923, abgeschlossen zwischen der Türkei und den Siegern des Ersten Weltkriegs, durchbrach dieses System, indem er dem – teilweise bereits zwangsmäßig erfolgten – „Austausch“ von 1,3 Millionen griechisch-orthodoxen Bürgern der Türkei gegen 430.000 muslimische Bürger aus Griechenland internationale Legitimität verlieh. Was zunächst als Ausnahme erschien, wurde bald die Regel: „Bevölkerungsaustausch“ oder „Bevölkerungstransfer“ wurden zunehmend als friedensstiftende Maßnahmen akzeptiert: Nicht allein bei Hitler und Stalin, auch bei Churchill, Beneš, dem polnischen Nationaldemokraten Dmowski und dem späteren slowakischen Ministerpräsidenten Tiso. Die ethnische „Entmischung“, urteilt der Historiker Hans Lemberg, sollte „geradezu communis opinio unter den Regierenden und ihren Staatsapparaten werden“.

Bis in die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde die Politik der Homogenisierung von Nationalstaaten vor allem mit Zwangsassimilierung und Verdrängung von religiösen und nationalen Minderheiten betrieben. Ein Beispiel sind die Gebiete, die Deutschland nach 1918 an Polen verlor. Dort fand einerseits eine repressive Politik, andererseits eine Verdrängung der deutschen Minderheit statt, in dem ein Stichdatum genannt wurde: Wer vor diesem Zeitraum nicht auf diesem Gebiet gelebt hatte, musste es wieder verlassen. Die Vernichtung ganzer Volksgruppen bildete aber damals nicht das Ziel der Maßnahmen. Erst Hitler hat zur Schaffung des „Lebensraums“ in einem bisher nicht gekannten Ausmaß Aussiedlungen und Umsiedlungen und darüber hinaus die gezielte Vernichtung von „rassisch unwertem“ Leben betrieben. Der „Generalplan Ost“ von 1941 sah die Verschiebung der deutschen ‚Volkstumsgrenze’ 1000 Kilometer ostwärts und die dazu notwendige Deportation von 30 Millionen „rassisch unerwünschten“ Polen, Ukrainern, Russen und Juden vor.

Der Anschluss Österreichs und die Übernahme des Sudetenlandes bildeten insofern nur den Auftakt für die Bildung eines pangermanischen Reiches. Nach der Besetzung Polens wurden die eingegliederten Gebiete um Posen, der so genannte Reichsgau ‚Wartheland’, zum neuen Siedlungsgebiet von Deutschen aus dem Baltikum, Wolhynien, Bessarabien und der Bukowina erklärt, und es gab noch einen kleinen Raum um Zamosc, wo zum Beispiel der spätere Bundespräsident Köhler mit seiner Familie angesiedelt wurde. Die Polen und Juden, die in diesen Gebieten lebten, wurden ins Generalgouvernement abgeschoben oder teilweise vernichtet.

Hitlers Politik schien die Befürchtungen jener Polen und Tschechen zu bestätigen, die bereits in der Zwischenkriegszeit in ihren deutschen Staatsbürgern eine „fünfte Kolonne“, also eher ein Sicherheitsrisiko denn loyale Staatsbürger gesehen hatten: Mit umso größerem Nachdruck wollten diese Politiker nach dem Krieg eine ethnische Homogenisierung fortsetzen, die ihnen bei der Staatsgründung 1918 nicht gelungen war. In Polen bildeten immerhin die ukrainische, jüdische, deutsche und weißrussische Minderheit bis zu Kriegsausbruch 1939 ein Drittel der Gesamtbevölkerung; in der Tschechoslowakei stellten die Deutschen etwa 23 % und die Ungarn etwa 10 %.

Schon 1942 beschloss das tschechische Exilparlament in London auf Drängen von Edvard Beneš den „Transfer“ der Deutschen bei Kriegsende; und die polnische Exilregierung in London verfocht in Fortführung nationalkonservativer Positionen seit Anfang des Jahrhunderts eine Ausdehnung der polnischen Westgrenze bis zur Oder und eine Aussiedlung der Deutschen.

Weder Churchill noch Roosevelt waren diesem „Bevölkerungstransfer“ grundsätzlich abgeneigt. In seiner Rede vor dem British House of Commons vom 15. Dezember 1944 sagte Churchill: „Die Vertreibung ist – soweit wir es zu überschauen vermögen – das befriedigendste und dauerhafteste Mittel. Es wird keine Mischung der Bevölkerung geben, wodurch endlose Unannehmlichkeiten entstehen wie im Fall von Elsass-Lothringen. Es wird gründlich aufgeräumt.“ Ähnlich hatte sich Präsident Roosevelt im Frühjahr 1943 gegenüber dem britischen Außenminister Eden geäußert: „Wir wollen Vorkehrungen treffen, um die Preußen aus Ostpreußen auf die gleiche Weise zu entfernen, wie die Griechen nach dem letzten Krieg aus der Türkei entfernt wurden.“ Spätestens seit der Konferenz von Teheran im November 1943 war Churchill und Roosevelt klar, dass Stalin die polnischen Ostgebiete bis hin zur Curzon-Linie beanspruchte und Polen für die „wahrscheinlichen Verluste im Osten“ – immerhin einem Drittel des Landes – entschädigt werden müsste. Seitdem war die Westverschiebung Polens im Prinzip eine beschlossene Sache; nur der Grenzverlauf wurde erst auf der Konferenz von Potsdam im August 1945 endgültig an Oder und westlicher Neiße festgelegt. USA und Großbritannien erklärten sich außerdem einverstanden, die „früher deutschen Gebiete“ östlich von Oder und Neiße unter polnische und das nördliche Ostpreußen unter sowjetische Verwaltung zu stellen. Die endgültige Regelung der Grenzfrage sollte allerdings einer Friedenskonferenz vorbehalten bleiben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Zusammensetzung der Bevölkerung also einerseits durch die Vernichtung der Juden, andererseits durch ethnische Säuberung einschneidend verändert. In Polen war der Anteil der Minderheiten von 32 % auf drei und in der Tschechoslowakei von 33 auf 15 gefallen: beide Staaten waren ethnisch weitgehend homogen geworden. Es gibt nun im Nachhinein Leute, die zu fragen wagen, ob aus Schlechtem nicht auch Gutes kommen kann und ob wir uns das, was Jugoslawien später passiert ist, durch diese gewaltsamen Vertreibungen in Mitteleuropa erspart haben.

II.

Insgesamt etwa 14 Millionen flohen oder wurden vertrieben, etwa 2 Millionen von ihnen kamen um, von den verbleibenden gut 12 Millionen kamen 4,5 Millionen in der SBZ und 7,9 Millionen in den Westzonen unter. Etwa jeder fünfte Deutsche in dem um seine Ostgebiete verkleinerten Deutschland war somit ein Flüchtling, das heißt vor der Front geflohen, oder Vertriebener, das heißt später aus den Gebieten, besonders aus Schlesien, vertrieben. Erst hatten die alliierten Siegermächte diesen Zustand herbeigeführt, nun fürchteten sie seine Folgen. Damit sich die Heimatvertriebenen nicht um nationalistische und revanchistische Forderungen zusammenschließen konnten, wurden sie zunächst gezielt weit verstreut in ländlichen Gebieten angesiedelt: Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bayern, auch Mecklenburg, also auch in der SBZ. Erst später wurden diese Belastungen durch Umsiedlungen gerechter verteilt.

Zunächst war der Aufbau eigener Interessenverbände auch in den Westzonen untersagt, dann begünstigte der einsetzende Kalte Krieg die Zulassung von Vertriebenenorganisationen. So kam es ab 1948 zu verschiedenen Vereinsbildungen, die schließlich im November 1951 mit der Gründung des „Bundes der Vertriebenen – BdV“ ihren Abschluss fanden.

Das Bedürfnis der Vertriebenen nach einer eigenständigen politischen Vertretung war allerdings nur von kurzer Dauer. Zwar hatte der vom ehemaligen SS-Sturmbannführer Waldemar Kraft gegründete „Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten“ – BHE – bei seiner ersten Landtagswahl in Schleswig-Holstein im Juli 1950 überraschend 23,4 % erreicht. Doch schon bei den Bundestagswahlen 1953 erhielt er nur noch 5,9 %, bei der Wahl 1957 schrumpfte sein Anteil auf 4,6 % bundesweit. Damit war der BHE, von Adenauer vorher noch als Koalitionspartner in die Regierung geholt, nicht einmal mehr im Parlament vertreten. Wesentlich verantwortlich an dieser Entwicklung dürften die wirtschaftlichen und sozialen Eingliederungsmaßnahmen für die Flüchtlinge gewesen sein.

Am Nachhaltigsten erwies sich das Soforthilfegesetz vom August 1949 und – als sein Nachfolger – das Lastenausgleichsgesetz von 1952. Das Lastenausgleichsgesetz – und daran möchte ich ausdrücklich erinnern, weil wir das oft nicht mehr im Bewusstsein haben – hatte einen Doppelcharakter und war nicht als reine Entschädigung gedacht. Es sollte primär eine Hilfe sein zur Eingliederung und gemessen werden an der subjektiven Bedürftigkeit zum aktuellen damaligen Zeitpunkt und nicht an der Höhe des Verlustes in der Heimat. Die Gelder für Vermögensschäden wurden also als teilweise Abgeltung, nicht aber als vollständige Entschädigungszahlung verstanden. Insofern sind – rein juristisch – die Vertriebenen nicht vollständig für den Verlust ihres Eigentums entschädigt worden. Daraus ergeben sich bis heute juristische Komplikationen, denn Bundeskanzler Schröder konnte bei den Feierlichkeiten im Jahr 2004 anlässlich des Warschauer Aufstandes nur für den Staat sprechen, als er erklärte, dass Deutschland keine Forderungen mehr gegenüber Polen habe. Die Individualforderungen bleiben davon unberührt.

Trotz der eben nicht vollständigen Entschädigung gelten die Vertriebenen spätestens seit 1970 integriert: zu einem Zeitpunkt, als auch Vertriebene eine Wohnung oder ein Haus hatten, ein Auto besaßen und sich einmal im Jahr Urlaub leisten konnten. 1970 galt allgemein als Wendepunkt: Die spezifischen Benachteiligungen waren beseitigt und die Vertriebenen gerieten wie die übrige Gesellschaft in den Sog des allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturwandels. Dem Stolz von Politikern – „Wir haben sie integriert!“ – entsprach der Stolz der Betroffenen: „Wir haben es geschafft!“

Die Flüchtlinge in der Sowjetisch Besetzten Zone wurden hingegen bereits nach gut einem Jahr zwangsassimiliert. Jede eigenständige Organisierung war verboten. Flucht und Vertreibung wurden aus der Zeitgeschichte gestrichen und sie öffentlich zu erinnern, war verboten. Zu leicht hätten Groll, Wut, Hass, Vorbehalte gegen die Sowjetunion und die neuen „Bruderländer“ Polen, Tschechoslowakei auftauchen können. Auf Anordnung der Sowjetischen Militäradministration wurde schon ab 1945 offiziell nur noch von „Umsiedlern“ gesprochen.

Der Verzicht auf die deutschen Ostgebiete ist den deutschen Kommunisten allerdings nicht leicht gefallen. Zwar hatte Walter Ulbricht auf einer Funktionärskonferenz der KPD Groß-Berlins am 25. Juni 1945 ausgeführt: „Der Nazismus, der ausgezogen war, ein Weltreich zu erobern, hat es nicht nur fertig gebracht, das Haus anderer Völker zu verwüsten und die eigene Heimat zu zerstören, sondern er hat obendrein die Gebiete östlich der Oder verspielt. Wenn Nazismus und Militarismus vernichtet und demokratische Verhältnisse hergestellt sind, dann wird das deutsche Volk auch in seinen enger gewordenen Grenzen leben können.“ Doch SED-Chef Wilhelm Pieck, ein gebürtiger Gubener, warb bei den Gemeindewahlen im Herbst 1946 noch mit einer Revision der Oder-Neiße-Grenze: „Wir werden alles tun, damit bei den Alliierten die Grenzfragen nachgeprüft und eine ernste Korrektur an der jetzt bestehenden Verwaltung der Ostgrenze vorgenommen wird.“

Seit Januar 1947 allerdings schwenkte die SED-Führungsmannschaft nach einem Besuch in Moskau auf den sowjetischen Kurs ein – kurz danach wurde das Thema tabuisiert. Am 6. Juni 1950 unterzeichneten Ostberlin und Warschau die Deklaration über die „Grenzmarkierung an Oder und Neiße“, ein Ereignis, das sowohl in der DDR wie in Polen große Aufmerksamkeit erfuhr. Wer danach die Grenze in Frage stellte, hatte mit schweren Parteistrafen und auch juristischer Verfolgung zu rechnen.

Vielen Vertriebenen in der DDR hat die gänzliche Tabuisierung ihrer Vergangenheit die Trauerarbeit erschwert. Nicht einmal ihre kulturelle Identität konnten sie in die Aufnahmegesellschaft einbringen. Als 1989 die Mauer fiel, strömten daher, wenn auch nur kurzfristig, Zehntausende Schlesier, Pommern oder Ostpreußen in die Versammlungen der Vertriebenenverbände. Es bestand ein starker Nachholbedarf, über die verlorene Heimat zu reden und Verwandte, Bekannte, Freunde aus den alten Heimatdörfern, die im Westen gelandet waren, zu treffen. Viele Vertriebene hatten aber bereits lange vorher die Konsequenzen gezogen: Von den gut vier Millionen Vertriebenen in der DDR hatten sich bereits bis zum Mauerbau 1961 fast eine Million über die grüne Grenze in den Westen abgesetzt.

Um die finanzielle Ungleichheit in der Unterstützung der Vertriebenen in Ost und West zumindest etwas zu mindern, erhielten die Vertriebenen in der DDR nach der Wiedervereinigung eine einmalige Pauschalsumme von 4000 DM. Das war eine Sonderregelung; auf sie wurde das Lastenausgleichsgesetz nicht mehr angewandt.

III.

Seit Mitte der Achtzigerjahre mehren sich die Stimmen in der sozialhistorischen Forschung, die den Integrationsprozess der Vertriebenen nicht mehr uneingeschränkt positiv beurteilen. Zu schnell mussten die bedrückenden Erfahrungen ins Private oder in die abgeschlossenen Kreise von Vertriebenenverbänden gedrängt werden. Denn die Einheimischen, so erinnern sich „Zugereiste“ bis heute, waren kaum noch hilfsbereit, als sich die Flüchtlinge nicht als vorübergehende Gäste, sondern als zukünftige Mitbewohner herausstellten. Trotz gemeinsamer Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, mit Bombenkrieg, Niederlage, mit kollektiver Beschuldigung und Entnazifizierung, entwickelten sich zwei „Schicksalsgemeinschaften“, voneinander getrennt durch eine regelrechte Opferkonkurrenz: Den einen, die „alles“ verloren hatten, wurde von den anderen vorgerechnet, dass sie, die doch auch evakuiert und ausgebombt worden seien, außer der Heimat auch alles verloren hätten. „Schwer nachvollziehbar schien dabei oft für die einen“, sagt der Migrationsforscher Bade, „dass für die anderen Heimatverlust durch Lastenausgleich nicht zu ersetzen war.“

Die Zugehörigkeit zur selben Nation erwies sich also keineswegs als große Klammer, die zur Herausbildung einer Solidargemeinschaft geführt hätte. Vielmehr beschäftigte keine andere Frage die Nachkriegsgemeinden so sehr wie die nach dem Schutz vor den „Zumutungen“ und der „Überfremdung“ durch die Flüchtlinge. Die Einheimischen verteidigten nicht nur ihre Wohnungen, in denen Zwangseinquartierungen vorgenommen wurden, sie verteidigten auch ihre Positionen als Bürgermeister, Angestellte, Handwerker oder Beamte, denn überall war auf einmal Konkurrenz. Vertriebene galten als „Polacken“, „Kaschubenpack“, „Zigeuner“, die, wären sie nur anständig gewesen, nicht vertrieben worden wären.

Flüchtlinge und Vertriebene waren die ungeliebten Fremden, auf dem Land mehr noch als in der Stadt. Fremdkörper eben, niederschlesische Protestanten in einer Umgebung von bayerischen Katholiken, Bauern mit ostpreußischem oder sudetendeutschem Dialekt in einer nordrhein-westfälischen Arbeitersiedlung, verwitwete Frauen mit drei, vier Kindern, die als Konkurrentinnen auf dem einheimischen Heiratsmarkt auftraten, der durch die Dezimierung der Männer sowieso schon kompliziert geworden war. Außerdem galten Flüchtlinge als unstete Gesellen, die in den Dörfern angeblich nicht zupackten, keine Ausdauer besaßen, ins Handwerk oder in die Industrie überwechselten, sobald sich die Gelegenheit dazu bot, kurz: all jene ungeschriebenen Gesetze nicht beachteten, aus der die Dorfgemeinschaft ihr Selbstverständnis zog. „Jeder Hof ist völlig zersetzt durch das Ferment der Flüchtlinge“, gab ein Rittergutbesitzer aus dem niedersächsischen Eversen zu Protokoll. „Sie sind familien- und arbeitsfremd und diese seelischen und geistigen Imponderabilien sprengen den geschlossenen Charakter von Dorf und Hof dauernd auseinander.“

In den Fünfzigerjahren lebten die Vorbehalte gegenüber den Vertriebenen noch einmal auf. Nun allerdings nicht mehr in Form verächtlicher Urteile über die Habenichtse, sondern als Neid angesichts der strebsamen „Häuselebauer“. Denn in fast allen Städten und Dörfern sind Siedlungen entstanden, in denen Vertriebene mit günstigen Krediten oder auch mit Teilen des Lastenausgleichs sich ihre Häuser gebaut haben. Über den angeblichen Besitz der Vertriebenen machten sich die Einheimischen lustig. Auf die Frage „Wer ist der erste Vertriebene?“ lautete die Antwort: „Der Mond. Er stammt aus dem Osten und hat einen Hof“. Soll heißen: Die Vertriebenen erschleichen sich über den Lastenausgleich zu Unrecht Entschädigung.

Die langfristigen Folgen dieser und ähnlicher, die traumatischen Erfahrungen der Flucht noch vertiefenden Ausgrenzungen sind lange nicht beachtet worden.

In den ersten Nachkriegsjahren war das Anderssein der Flüchtlingskinder nicht zu übersehen. Die so genannte „Langeoog-Studie“ - so benannt, weil sie von 1946 bis 1950 insgesamt 12.500 Kinder (und die Hälfte davon aus Vertriebenenfamilien) untersuchte, die auf der Insel zu Erholungskuren geschickt wurden -, stellte für 1946 fest: Das Untergewicht von Vertriebenenkindern betrug bis zu 20 %; das Längenwachstum blieb deutlich hinter der Norm zurück. Vertriebenenkinder waren anfällig für Krankheiten, zeigten einen eklatanten Mangel an Selbstvertrauen, waren misstrauisch, ernst, schweigsam und litten an mangelnder Konzentrationsfähigkeit, an Schlafstörungen, Alpträumen, Bettnässen, Sprachstörungen, Schwindel und Kopfschmerzen.

In der neuen Umgebung fühlten sich die Flüchtlingskinder manchmal zwar auch überlegen - es gab diesen geheimen Stolz, weil sie viel mehr durchgemacht hatten. Vor allem aber fühlten sie sich unterlegen, weil sie von der Umwelt missachtet, eingeschüchtert, ausgelacht, gemieden wurden. Deshalb taten sie alles, um sich zu integrieren. „Schon nach zwei Jahren“ – so stellte Elisabeth Pfeil, eine Soziologin fest, die 1951 die erste Studie über Flüchtlingskinder herausbrachte – „war es die Erfahrung der Schulleiter in großen Internaten, dass die Flüchtlingskinder sich in keiner Weise von den übrigen Kindern mehr unterschieden.“

Ähnlich stellte auch die „Langeoog-Studie“ fest, dass die Kinder ab 1949 kaum noch von den belastenden Eindrücken der Vergangenheit erzählten, bei einigen sogar eine Erinnerungsverweigerung auftrat. Stattdessen lernten sie den bayerischen Dialekt, um für ihren schlesischen nicht mehr als „Saupreiß’“ beschimpft zu werden; sie drängten ihre Mütter, die alte Tracht der Ungarndeutschen abzulegen, um beispielsweise in Hessen nicht mehr als „Zigeuner“ verachtet zu werden. Sie hörten auf, die alte Heimat zu erwähnen und konzentrierten sich auf Lernen und Arbeiten. Leistung zählte, nicht die Herkunft.

Da den Kindern in den Familien aber die Funktion des Bindeglieds zur Außenwelt zugewiesen wurde, gerieten sie in einen inneren Spagat: Die Schule und die neue Heimat setzten sie unter einen starken Anpassungsdruck, auch die Eltern wollten einerseits mit ihren Kindern beweisen, dass „wir aus dem Osten so gut sind wie die Einheimischen“. Andererseits aber empfanden die Eltern die Aufgabe des alten Dialekts oder die Übernahme der neuen Sitten auch als Verrat. So pendelten diese Kinder zwischen zwei Welten, zwei sich ausschließenden Anforderungen, denen sie nicht gleichzeitig genügen konnten. Sie fühlten sich innerlich oft zerrissen, obwohl sie äußerlich alle Erwartungen zu erfüllen suchten.

Eine psychologische Studie von 1964 kam zu dem Ergebnis, der körperliche Entwicklungsstand der Flüchtlingskinder sei durch die Versorgungsengpässe während und nach der Flucht „vermutlich nicht dauerhaft“ beeinträchtigt worden. Diese Diagnose entsprach der damals gängigen psychologischen Lehrmeinung, dass Menschen in Extremsituationen stark belastbar seien und der Organismus praktisch unbegrenzte Ausgleichsmöglichkeiten besitze. Einige vermuteten in der Tatsache, dass Kinder scheinbar so gut mit den traumatischen Ereignissen zurechtkämen, sogar eine Spätfolge der NS-Erziehung, die das Ideal „harter“ Maskulinität gepredigt hatte.

Die Erfahrungen in der Behandlung von traumatisierten Überlebenden des Holocaust führten jedoch seit den Sechzigerjahren zu einer Korrektur der Denkweise. 1961 schrieb Walter Ritter von Baeyer, ehemaliger beratender Psychiater der Wehrmacht und von 1955 bis 1972 Leiter der Universitätsnervenklinik in Heidelberg: „Der alte Erfahrungssatz – der Kern, der bis dato herrschenden Lehre –, dass der Mensch unglaublich viel verträgt, ohne dauernden Schaden an seiner Seele zu nehmen, gilt hier nicht mehr. Davor dürfen wir nicht länger die Augen verschließen.“

Seit den Achtzigerjahren schließlich ist das „Posttraumatische Belastungssyndrom“ - PTSD – fest als Krankheitsbild beschrieben. Bei Menschen, die in Lebensgefahr geschwebt haben oder Zeuge einer lebensbedrohlichen Situation gewesen sind, können wiederkehrende Erinnerungsfetzen auftauchen, dauererregte Zustände wie Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Alpträume, als habe sich der Körper immer noch gegen die Bedrohung zu wehren. Außerdem können solche Menschen eine emotionale Abgestumpftheit entwickeln, die sie instinktiv Situationen vermeiden lässt, die an das auslösende Ereignis erinnern. Derartige Symptome zeigen sich unter Umständen noch Jahrzehnte nach dem traumatischen Vorfall. So wiesen etwa ein Drittel von norwegischen und niederländischen Veteranen des Zweiten Weltkriegs noch 45 Jahre nach Kriegsende eine partielle posttraumatische Störung auf. Bei Opfern des Holocaust ergab sich in den Achtzigerjahren, also gut 40 Jahre danach, sogar eine PTSD-Beeinträchtigung von 57 %.

Bei Vertriebenen sind Traumafolgen erstmals 1999 vom Psychologischen Institut in Hamburg bei insgesamt 270 Betroffenen untersucht worden. Am Schrecklichsten – so ergaben die Befragungen – waren Vergewaltigungen, Hinrichtungen, der Anblick von verstümmelten Toten und der Tod von Familienangehörigen erlebt worden. Zur Zeit der Befragung, 55 Jahre danach, litten noch 62 % unter wiederkehrenden belastenden Erinnerungsbildern und dem Wiedererleben traumatischer Situationen. Fast 5% zeigten ein voll ausgeprägtes, 25 % ein partielles posttraumatisches Syndrom.

Neben den Traumatisierungen lassen sich aber noch andere somatische Reaktionen auf das Erleben von Flucht und Vertreibung nachweisen. Eine Doktorarbeit aus dem Jahre 1998 stellte zum Beispiel fest, dass von 26 Patienten der Jahrgänge 1931 bis 1945 – also der „Kriegskinder“, die damals 1 bis 15 Jahre alt waren -, die wegen Herzinfarkt und anschließender Bypass-Operation in der Hamburger Universitätsklinik behandelt wurden, nur 4 keine kriegsbedingten Verluste erlitten hatten.

Weit überproportional sind Vertriebene und ihre Kinder heute auch unter den Patienten von Schmerztherapeuten und Psychoanalytikern zu finden. Zwar gibt es noch keine systematischen Untersuchungen über die Zusammenhänge zwischen chronischen Schmerzen, Beziehungsstörungen, mangelndem Selbstwertgefühl und Schädigungen während Flucht und Vertreibung, und eine kausale Abhängigkeit dürfte wahrscheinlich nur sehr schwer festzustellen sein. Doch immer mehr Analytiker versuchen, die Folgen eines so einschneidenden äußeren Erlebnisses wie des Verlustes von Heimat in der Seele nachzuweisen.

Mag der Begriff „Heimat“ manchen auch nur an Blasmusik und Trachtenverein denken lassen und Widerstand hervorrufen, so ist – meint der Berliner Psychoanalytiker Uwe Langendorf – Heimat doch der mütterliche Raum, der „dem Kind Schutz, Geborgenheit und Vertrautheit gibt und zugleich die Möglichkeit zu wachsen, sich zu entwickeln und eben diesen Raum durch Erfahrungen zu erweitern.“ Heimat sind auch die „Lebensräume mit ihren Klängen, Gerüchen“ – etwa dem Bohnerwachs, das die Mutter gebraucht hat - oder dem Braten am Sonntagmorgen -, „mit Sprache, Verhalten, die das Kind verinnerlicht und in die es einen Teil seiner ursprünglichen Bedürfnisse deponiert. Diese Heimat tragen wir ständig in uns und um uns wie die Schildkröte ihren Panzer, sie ist ein Teil von uns und wir sind Teil von ihr“. Wer die Heimat verliert, verliert mithin einen Teil seiner selbst.

Ist Rückkehr möglich, muss es nicht traumatisch sein, wenn wir die Heimat verlassen. Das beweisen Hunderttausende von Emigranten, die zum Beispiel Anfang des letzten Jahrhunderts nach Amerika gingen, um ein besseres Los zu ziehen. Geht Heimat jedoch gewaltsam und für immer verloren, werden Teile des Menschen entwurzelt.

Wie stark das Leben des Einzelnen danach aus der Bahn geriet, hing wesentlich vom Alter der Betroffenen ab. Das ergaben Befragungen im Raum Bayern in den Jahren 1992/1993. Bei jenen, die bei Kriegsende über 60 Jahre alt waren, konnten nur 2 % ihr Leben noch einigermaßen pragmatisch wieder auf die Bedingungen in der neuen Heimat ausrichten, 56 % behielten eine starke Bindung an die alte Heimat und wollten sich auch gar nicht integrieren, und über 90 % erlebten einen sozialen Abstieg. Von den jungen Menschen fühlten sich hingegen nur 13 % mit der alten Heimat verbunden, 40 % integrierten sich in das Aufnahmeland durch Schule, Beruf, Sportverein; mehr als die Hälfte stieg beruflich auf und wählte sich auch einen Einheimischen als Ehepartner.

Obwohl die Generation der Alten zweifellos am stärksten vom dem Bruch in der Biografie betroffen war, hat aus dieser Generation kaum jemand geklagt. Flucht und Vertreibung galten als „normal“. „Das war nichts Besonderes“, sagen Ältere bis heute. Oder: „Andere haben noch Schlimmeres erlebt.“ Mit dem Hinweis auf die „Normalität“ sollten unbewusst die Erinnerungen an die Demütigungen, an die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht verhindert und Schuld- und Schamgefühle unterdrückt werden. Die erste Vertreibungsgeneration hat nicht die Hilfe von Psychiatern und später Psychologen aufgesucht. Dafür sind diese Menschen heute über-repräsentiert bei Schmerztherapeuten. Der nicht bewältigte Konflikt hat seine Spuren im Körper hinterlassen. Ich habe zum Beispiel mit mehreren Schmerztherapeuten gesprochen, die mir berichtet haben, dass eklatant nach den Bildern Anfang der Neunzigerjahre aus Jugoslawien und den Berichten über die vergewaltigten Frauen in ihren Praxen die Zahl der Frauen mit 60, 70, 75 Jahren zugenommen habe, die mit starken somatischen Beschwerden, meistens Rückenschmerzen, zu ihnen kamen und erstmal in ihrem Leben erzählt haben, dass sie vergewaltigt wurden.

In der psychotherapeutischen Praxis finden sich hingegen heute Angehörige der zweiten Generation. Beispielsweise, um jetzt einige der schon zu verallgemeinernden Anzeichen zu nennen, zeigt sich, dass viele Vertriebenenkinder noch als Erwachsene stark an ihre Eltern gebunden bleiben. In der ersten Nachkriegszeit hatten sie die oft allein stehenden Mütter schützen und stützen müssen, da sich jene den Anforderungen des Neubeginns nicht gewachsen zeigten, den Kontakt zur Umwelt scheuten und ein starkes Schamgefühl aufgrund von sozialer Deklassierung entwickelten. Manchmal drehten sich die Rollen sogar um und Töchter glaubten, die Mutter versorgen, aufmuntern und trösten zu müssen. Da diese überforderten Kinder nie wirklich Kind sein konnten, tragen sie in sich eine unerfüllte Sehnsucht nach Wärme, die sie – und sei es unbewusst durch Krankheiten oder Depressionen – bis heute nach der vermissten Geborgenheit suchen lässt.

Eine andere, nicht untypische Reaktionsweise ist die Idealisierung der Eltern, weil sie schwach waren. Die Wahrnehmung dieser Schwäche hätte Kinder jedoch in eine Verzweiflung über die reale Schutzlosigkeit stürzen oder Schuldgefühle wachrufen können, falls sie sich die Enttäuschung über die Eltern eingestanden hätten. Dazu Uwe Langendorf: „Der Sohn oder die Tochter, die den Vater verurteilt, gerät in die Nähe der Verfolger, also der Täter. Deswegen fällt es so schwer, aus dem Schatten von Opfer-Eltern herauszukommen“. Das trifft übrigens in noch viel stärkerem Maße die zweite Generation der Holocaust-Überlebenden. „Rebellion gegen Opfer-Eltern weckt Schuldgefühle. Denn eigentlich möchte das Kind wieder gut machen, was die Verfolger angerichtet haben.“

Vertriebenenkinder sind auch mehr als andere darauf bedacht, wie sie vom Umfeld, also von den Anderen wahrgenommen werden. „Bloß nicht auffallen oder den Anschein erwecken, man nehme sich etwas heraus oder man gönne sich etwas!“ galt als Maxime – als könne der, der auffalle, wieder vergewaltigt, zur Zwangsarbeit eingesetzt, geschlagen, gedemütigt und vertrieben werden. Vertreter der zweiten Generation, meint der Jurist und Psychoanalytiker Günter Jerouschek, stünden daher oft in der zweiten Reihe. Sie „werden den Kopf nicht allzu weit herausstrecken - denn hier droht dann die Kastration -, sondern sich eher im Hintergrund von Führerpersönlichkeiten bewegen. Wenn der Kompromiss nach dem Prinzip der zweiten Reihe häufig auf recht hohem karrieristischen Niveau gesucht wird, ändert dies nichts an der grundlegend fragilen und leicht irritierbaren Selbstkonstitution.“ So sind Vertriebenenkinder zwar oft erfolgreich in ihrem Beruf und steigen auf, leben aber gleichzeitig relativ zurückgezogen und lassen sich unter dem Motto: „Ich kann jederzeit wieder gehen“ im Beruf und in Beziehungen oft nur unter Vorbehalt ein – oder aber sie krallen zwanghaft fest. Wahrscheinlich kennen Sie alle Vertriebene, für die nichts wichtiger ist als die Familie oder das Haus, was sie sich unter Entsagungen anderer Freuden gebaut haben.

Schließlich ist für Vertriebenenkinder die Leistungsorientierung sehr typisch; denn Schule und Arbeitsplatz zählten zu den wenigen Feldern, auf denen Vergleich und Rivalität mit den Einheimischen möglich waren: es zählten Wissen, Können, Erfolg und nicht Herkunft oder Besitz. Wissen schien nach den Erfahrungen des Heimatverlusts außerdem die stabilste Grundversicherung für die Zukunft zu bieten. „Was du weißt“, so hörten fast alle Vertriebenenkinder von ihren Eltern, „das kann dir keiner mehr nehmen.“ Also lernten sie, wurden disziplinierte, verlässliche Arbeiter, sparten für das eigene Haus, sparten für die Zukunft der Kinder. Lebensgenuss, Reisen, Beziehungspflege aber, so die gängige Meinung, seien verzichtbar, wenn nicht gar zu verachten.

Dass diese Phänomene in letzter Zeit erstmals so recht ins Bewusstsein rücken, liegt sicher auch daran, dass viele Vertriebenenkinder sich dem Rentenalter nähern oder bereits Rentner sind. Ihr Arbeitsleben hört auf und plötzlich werden sie sich bewusst, wie weit sie mit einer überzogenen Leistungsorientierung ihr brüchiges Selbstwertgefühl zu überdecken suchten und sich in die Arbeit flüchteten, obwohl ihnen selbst berufliche Erfolge häufig nur bedingte Befriedigung verschafften. Sie haben im Leben oft viel erreicht, fühlen sich aber trotzdem nicht „satt“, spüren erst jetzt die „weißen Flecken“ in der Familienbiografie und begeben sich auf die Suche.

Im Unterschied zu ihrer Elterngeneration ist diese Generation allerdings schon nicht mehr dazu erzogen worden, die Zähne zusammenbeißen zu müssen. Das Individuum muss sich nicht mehr um jeden Preis als stark, hart und als Herr der Situation beweisen. Jemand, der sich mit seinen beschämenden, demütigenden Erlebnissen auseinandersetzt, muss heute nicht mehr die Missbilligung seines Umfelds fürchten. Es wird nicht mehr als Schwäche, sondern vielleicht sogar als Stärke empfunden, wenn jemand endlich zulassen kann und will, was ihn noch vor Jahren seelisch überfordert hätte.

So wollen viele Vertriebenenkindern endlich in ihre Biografie an Wissen, an Gefühlen integrieren, was ihre Eltern noch aus dem Familiengedächtnis zu löschen suchten.

IV.

Mit Flucht und Vertreibung der Deutschen 1944 bis 1949 ist ein Thema in die öffentliche Debatte zurückgekehrt, das jahrzehntelang, zumindest ab Ende der Sechzigerjahre, als anstößig und rückwärtsgewandt, ja als revanchistisch verpönt war, zumindest im Mainstream. Wer sich nicht vor der politisch-moralischen Verantwortung für die Verbrechen des NS-Regimes scheue und die Aussöhnung mit den Nachbarn anstrebe, so hieß es, dürfe über Deutsche als Opfer nicht reden. Die Vertreibung aus den Ostgebieten und den deutschen Siedlungsgebieten in Mitteleuropa galt als gerechte Strafe für die Untaten des Hitler-Regimes.

Seit Anfang der Neunzigerjahre ist diese Frontstellung jedoch aufgeweicht. Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Fall des Eisernen Vorhangs gerieten der Osten und Südosten Europas wieder mehr ins Blickfeld. Der Krieg in Jugoslawien schließlich mit den täglich neuen Bildern von flüchtenden Albanern, Kroaten, Serben und Muslimen hat uns mit der unbequemen Frage konfrontiert, warum wir den Eltern, Großeltern und Nachbarn aus Pommern, Ostpreußen, dem Sudetenland oder dem Baltikum nach wie vor jenes Mitgefühl verweigerten, das wir den Flüchtlingen aus Jugoslawien so selbstverständlich entgegen brachten. Waren unsere Empathie und unser Mitgefühl gegenüber menschlichen Leiden selektiv?

Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung hat in Deutschland mehrere Phasen durchlaufen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Erzählungen über die Schicksale der Vertriebenen im Westen des Landes nicht nur geduldet, sondern sogar gepflegt, denn im beginnenden Kalten Krieg ließ sich mit den Erfahrungen von überrollten Flüchtlingstrecks, gewalttätigen und raubenden Rotarmisten eindringlich begründen, warum sich das christliche Europa gegen die „barbarischen Rotarmisten“ und die „bolschewistische Gefahr“ schlechthin zusammenzuschließen und zu rüsten habe. Die Vertriebenen passten genauso gut wie Kriegsgefangene, Ausgebombte, vergewaltigte Frauen, kriegsversehrte Soldaten und angeblich zu Unrecht aufgrund von Entnazifizierungsmaßnahmen Deklassierte oder Bestrafte in ein Selbstbild, in dem sich ganz Westdeutschland als Opfer begreifen wollte.

In den Sechzigerjahren änderte sich – zumindest im Westen des Landes – diese Situation radikal. Hatten sich die Väter und Mütter bis dahin als Opfer der Umstände und der Alliierten gesehen, nahmen die Nachgeborenen sie nur noch pauschal und verächtlich als Täter und Mitläufer wahr. Von einigen literarischen Ausnahmen abgesehen – etwa den Romanen „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz, der Ende der Siebzigerjahre erschien, oder auch „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf – wurden die Themen Flucht und Vertreibung in den Siebziger- und Achtzigerjahren vom linken und liberalen Milieu gemieden und diskreditiert. Jenen, die über das Leid der Deutschen redeten, wurde pauschal unterstellt, sie wollten die Schuld der Deutschen leugnen und hegten revanchistische Intentionen. Zwar stellte das Bundesverfassungsgericht zur Interpretation der Ostverträge noch Anfang der Siebzigerjahre fest, dass die Gebiete östlich von Oder und Neiße nicht aus der Zugehörigkeit von Deutschland entlassen und endgültig der Sowjetunion und Polen unterstellt worden seien. Faktisch aber ging das sozialdemokratische Lager seit dem Warschauer Vertrag von 1970 von einer Anerkennung der polnischen Westgrenze aus und übernahm die Sicht der Opfer der Deutschen. So stimmten beispielsweise die deutschen Wissenschaftler in der deutsch-polnischen Schulbuchkommission der Benutzung des Begriffs „Bevölkerungstransfer“ statt Vertreibung zu und ließen die „wilden“ Vertreibungen in Polen vom Juni 1945, also noch vor dem Potsdamer Abkommen, genauso unerwähnt wie die inhumanen Praktiken bei der Durchführung der organisierten Zwangsaussiedlungen.

Als politisch korrekt galt nur noch der Gebrauch polnischer Ortsnamen wie „Wroclaw“ und „Szczecin“, während das deutsche „Breslau“ und „Stettin“ als Ausdruck revanchistischer Gesinnung erschienen. Dieser Streit ging bis vor einigen Jahren erbittert weiter. Der einen selektiven Wahrnehmung folgte so die nächste selektive Wahrnehmung.

In den letzten Jahren beginnen wir uns nun allerdings auch von diesem Geschichtsbild zu lösen, und wir sperren uns nicht mehr davor, die Spuren der „großen Geschichte“ bis hinein in die „kleinen“ Familiengeschichten zu verfolgen. Wir erleben augenblicklich eine Flut von Autobiographien, in denen Menschen, die 50, 60, 70 Jahre alt sind, versuchen nachzuvollziehen, wie der Krieg und wie die Vertreibung in ihrer Familie gewirkt haben. Ich nenne nur Wibke Bruhns, die neben dem Widerstand des Vaters gegen Hitler auch den Antisemitismus in ihrer Familie beschreibt, also auch die Schattenseiten, und Thomas Medicus, der in der eigenen Familie nicht nur die Vertreibung aus Pommern in Erinnerung ruft, sondern auch die Tätigkeit des Großvaters bei der Verfolgung von Partisanen in Italien.

Schuld und Leiden, so die Erkenntnis, bilden eine untrennbare Einheit unserer jüngsten Geschichte, und so lange der gewaltsame Heimatverlust eines Fünftels der Bevölkerung ausgeklammert blieb, war die Aufarbeitung nicht abgeschlossen. „Wie ist es um die Nachkommen der Vertriebenen bestellt,“ fragte denn auch der Schriftsteller Reinhard Jirgl, dessen Mutter und Großmutter aus dem Sudetenland stammten und dann in der DDR lebten, „denen ihre Herkunft oftmals unerschließbar bleiben musste?“

Seit 1989 ist Deutschland nicht nur wieder vereint. Die neue, gesamtdeutsche Grenze an Oder und Neiße und im Erzgebirge wurde durchlässiger und Zehntausende Kinder und Enkel von Vertriebenen besuchten die Geburtsorte ihrer Eltern und Großeltern in Riga, Königsberg, in Schlesien, im Sudetenland oder in Ungarn. Mit der Friedenskirche in Schweidnitz, der Breslauer Jahrhunderthalle oder den Bildern von Lyonel Feininger vom pommerschen Ostseestrand wurde das östliche Europa wieder als Teil auch deutscher Kulturgeschichte wahrgenommen, und Schriftsteller und Künstler wie Adalbert Stifter aus Oberplan, Gerhart Hauptmann, dessen Haus in Agnetendorf heute eine Begegnungsstätte geworden ist, wie Rainer Maria Rilke aus Prag oder Uwe Johnson, dessen Verbundenheit mit der Ostsee keineswegs aus Güstrow oder Mecklenburg stammt, sondern aus Kammin in Hinterpommern, - auf alle sie schauen wir noch einmal in anderem Licht. Wer heute nach Auschwitz fährt, muss auf einen Besuch der Heimat seiner Eltern in Schlesien oder Ostpreußen nicht mehr verzichten. Und wer sich der Verantwortung stellt, die aus der Verwicklung seiner Väter oder Großväter in das NS-Regime resultiert, darf sich auch zur Trauer über den Verlust ihrer Heimat bekennen. Denn – so schreibt die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann – „man wird die Leidensgeschichten in deutschen Familiengedächtnissen nicht mit der Bemerkung aus der Welt schaffen können, dass sie politisch nicht korrekt sind. Es gibt so etwas wie ein Menschenrecht auf die eigene Erinnerung, das man mit Zensur und Tabuisierung schwerlich außer Kraft setzen kann. In einer Nation gibt es höchst divergierende Erinnerungen und Gruppenerfahrungen, und die Frage ist nicht, wie man alle diese Erinnerungen auf ein Master-Narrativ verpflichtet, sondern wie man sie in einen allgemein verbindlichen Gesamtrahmen integriert“, also historisch einordnet.

Insofern findet augenblicklich nicht – wie der Historiker Norbert Frei behauptet – der Kampf zwischen jenen statt, die politisch, historisch und moralisch korrekt handeln, weil sie das Schwergewicht nach wie vor auf die Untersuchung der objektivierbaren Fakten des Dritten Reiches legen, und jenen anderen – alten Revanchisten und neuen Abtrünnigen –, die politisch, historisch und moralisch unkorrekt handeln, weil sie den Nachdruck auf die (Familien)-Biographien, auf das Subjektive lenken. Historische Analysen und Strukturanalysen sollen nicht durch die Erinnerung von Zeitzeugen ersetzt, sondern ergänzt werden. Dadurch droht auch kein Rückfall in das Deutungsmuster der Fünfzigerjahre, sondern eine Überwindung der beiden bisher vorherrschenden Interpretationsmuster, die sich trotz politischer Gegensätzlichkeit in ihrer dichotomischen Trennung von Gut und Böse glichen.

Noch massiver allerdings als aus der eigenen Gesellschaft schlagen uns Kritik und Empörung über den augenblicklichen Wandel im kollektiven Selbstbildnis vieler Deutscher aus den Nachbarländern entgegen.

Solange sich die Deutschen ausschließlich als Tätervolk begriffen und Polen und Tschechen als Opfervölker, ergänzten sich ihre Selbstbilder. Seitdem sich die Deutschen auch als Opfer sehen, kommen aus Polen und Tschechien die irritierten und aggressiven Nachfragen: Soll die Geschichte auf den Kopf gestellt werden? Wollen sich Deutsche etwa nach den Juden als die größten Opfer des Zweiten Weltkriegs stilisieren? Sollen Polen und Tschechen etwa als Täter angeprangert werden? Die Veränderung des deutschen Selbstbildnisses setzt Aggressionen frei in diesen Völkern, da sie als Nötigung zur Reflexion und Korrektur des eigenen Selbstbildes und als Anklage empfunden werden. Und sie führt – zumindest vorübergehend – zum Rückzug auf verhärtete Positionen, wie es deutlich in der Verabschiedung des so genannten „Beneš-Gesetzes“ zum Ausdruck kam, in dem sich das tschechische Parlament trotzig mit einem einzigen Satz zu Ministerpräsident Edvard Beneš bekannte, dessen Dekrete 1945 die Basis zur Vertreibung der Sudetendeutschen und Ungarn bildeten.

Noch heftiger war die Ablehnung auf den Meinungswandel in Deutschland in Polen, und zwar in einer sehr großen Breite. Bei ehemaligen KZ-Insassen wie Wladyslaw Bartoszewski; bei Überlebenden des Holocaust wie Marek Edelman, dem letzten Überlebenden des Warschauer Gettoaufstandes, aber auch bei einem großen Teil der Presse und in der gesamten politischen Klasse.

Stein des Anstoßes war der Plan zur Gründung des Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin. Die Wochenzeitung „Wprost“ zeigte auf einem Titelblatt Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, die in SS-Uniform triumphierend auf Kanzler Schröder reitet: als habe Deutschland die Vertriebenen 50 Jahre als trojanisches Pferd aufgepäppelt, um sie jetzt wieder gegen Osten in Einsatz zu bringen. Ich zitiere Bartoszewski: „Wenn Deutsche in Güterwagen nach Deutschland gebracht wurden, in denen zuvor Polen aus Kasachstan oder von irgendeinem anderen Ort aus der damaligen Sowjetunion deportiert worden waren, dann ist das in meinen Augen nicht als besondere Art der Unterdrückung zu bewerten. Denn es wurde nicht in unmenschlicher Absicht so gehandelt, sondern weil der Zustand der von den Deutschen ruinierten Wirtschaft nichts anderes zuließ.“

Dem polnischen Schriftsteller Stefan Chwin erscheint die Vertreibung von Schlesiern und Masuren nach Westdeutschland sogar „ein Glückstreffer im Lotto“: Denn aus der „roten“, d.h. kommunistischen Zone, „kamen sie in eine zivilisierte Welt - und einem Teil von ihnen ging es nach dem Krieg sogar besser als vor dem Krieg in der pommerschen, schlesischen oder masurschen Heimat.“ Seine Bitterkeit beruht darauf, dass sein Vater aus dem litauischen Wilna wieder in ein „rotes Land“, nämlich in das kommunistisch-polnische Danzig, vertrieben wurde.

Ganz abgesehen davon, dass ein Drittel der deutschen Vertriebenen in der Sowjetisch Besetzten Zone, also in der späteren DDR landete, verraten diese Äußerungen neben einem gewissen Neid auf ein besseres Schicksal auch die Weigerung, sich mit der Vielschichtigkeit von Geschichte auseinanderzusetzen und sich um Empathie mit Individuen zu bemühen, die Angehörige der „Nation der Täter“ sind. Mitgefühl mit einem Deutschen steht in Polen immer noch unter dem Verdacht des nationalen Verrats. Als könne kein guter Pole sein, wer sich in den Schmerz eines Deutschen einfühlt. Als könne es keinen unschuldigen Deutschen geben, weil jeder mit der Schuld des NS-Regimes belastet wird. Als liege weiter nur die Rettung darin, die alten gestanzten Selbstbilder zu erhalten, in denen die einen nur Opfer und rein und die anderen nur Täter und böse sind.

Deutschland, so die Botschaft vieler Politiker und Publizisten, habe offensichtlich nicht abgelassen von seinem „Drang nach Osten“, über den jedes polnische Kind in der Schule gelernt hat, dass er von den Kreuzrittern über Friedrich II., Bismarck, Hitler, Adenauer bis in die Neuzeit reicht. Jeder Pole über Dreißig kennt das berühmt-berüchtigte Bild von Kanzler Konrad Adenauer im Mantel der Kreuzritter und die Filmausschnitte mit den „Hupkas und Czajas“ unter Plakaten wie „Schlesien bleibt unser“. Deutschland, so empfinden viele ältere Polen bis heute, sei der Erbfeind der polnischen Nation geblieben, eine arrogante Macht, die im vereinigten Europa wieder um Vormachtstellung kämpfe und nach wie vor revanchistische Ansprüche hege.

Scheinbar bestätigt in der Richtigkeit ihrer Interpretation fanden sich die Verfechter eines solchen antideutschen Kurses durch das Vorhaben der „Preußischen Treuhand“, die nach dem Beispiel der Jewish Claims Conference „individuelle private Vermögensansprüche gegenüber den Vertreiberstaaten“, geltend machen wollen. Im Gegenzug erklärte das polnische Parlament im September 2004 ohne eine einzige Gegenstimme, seinerseits mit Reparationsforderungen gegenüber Deutschland für die Zerstörungen ihrer Städte zu antworten, und neuerdings will eine „Polnische Treuhand“ vor deutschen Gerichten auf Entschädigung für die Zwangsaussiedlung aus Gdingen und dem Reichsgau Warthegau gleich nach Kriegsausbruch klagen, als Polen umgesiedelt wurden, um Platz zu schaffen für die Volksdeutschen aus dem Baltikum, Bessarabien oder Wolhynien.

Mögen bei Angehörigen der älteren Generation in Polen Emotionen hoch drängen, die begründet sind in Ereignissen der Kriegszeit – ein Zeitkollaps insofern, wie er typisch ist nach traumatischen Erfahrungen –, so instrumentalisieren die politischen Parteien und ein Teil der Publizisten das deutsche Feindbild allerdings im aktuellen politischen Kampf, um die notwendige Korrektur im Selbstbild, d.h. die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten zu umgehen. Zwar muss, wer Sturm sät, damit rechnen, dass er Wind erntet. Insofern sind die Rachegefühle von Tschechen und Polen gegenüber den Deutschen bei Kriegsende erklärbar gewesen. Aber sind sie auch zu rechtfertigen? Polen und Tschechen haben nicht nur vollzogen, was ihnen von den Alliierten in Potsdam diktiert wurde. Es gab „wilde Vertreibungen“ in der Tschechoslowakei und Polen vor Potsdam; es gab Internierungslager, Zwangsarbeit und Enteignungen von Deutschen in ihren ehemaligen Siedlungsgebieten, die keine Siegermacht verlangt hat, und es gab im kommunistischen Polen und in der kommunistischen Tschechoslowakei eine Unterdrückung der deutschen Minderheitenkultur, die erst mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 endete. Für diese und andere Repressionen tragen allein diese Staaten die Verantwortung. Das kleinere Übel der Vertreibung, schrieb deswegen der Literaturwissenschaftler Jan Jozef Lipski schon in den Siebziger Jahren, sei durch das größere Übel des vorher gegangenen Krieges nicht zu rechtfertigen.

Gott sei Dank – das zeigt sich jetzt nach zwei Jahren scharfer Auseinandersetzung – hat die antideutsche Stimmungsmache von Politikern und Publizisten in der polnischen Bevölkerung kaum verfangen. Kontakte zwischen alten und neuen Bewohnern in Schlesien, Ostpreußen sind dadurch nicht oder nur unwesentlich beeinträchtigt worden; das Interesse der neuen Bewohner an der Entdeckung auch der deutschen Geschichte ihrer Gebiete hat sich ebenso wenig verringert wie das Interesse der Söhne und Töchter von Vertriebenen an der Entdeckung ihrer alten Familienwurzeln in eben demselben Land.

Das stimmt hoffnungsfroh, auch wenn die Spannungen auf politischer Ebene weiter bestehen und wir dringend nach Lösungen zur Behebung der Reibungen zu suchen haben.

Was wäre zu tun?

Ich denke, wir sollten aufhören, uns weiter um geronnene Geschichtsbilder zu streiten oder moralische Genugtuung durch Auseinandersetzungen vor Gerichten zu erwarten. Selbst wer vor Gericht gewinnen und materiell entschädigt werden sollte, wird sein Trauma des Heimatverlustes damit nicht automatisch beseitigen. Es wird die Gesellschaften nur weiter auseinander treiben, wenn Deutsche vor polnischen, europäischen und notfalls sogar amerikanischen Gerichten ihre Ansprüche auf Rückgabe ihrer verlorenen Häuser oder entsprechende Entschädigungen geltend machen und wenn die Polen im Gegenzug eine Wiedergutmachung für erlittene Kriegsschäden einzuklagen versuchen.

Stattdessen sollten wir uns mit den Folgen der Vergangenheit für die Menschen auseinandersetzen und uns dabei dem Leid und den Verletzungen auf allen Seiten stellen. Das ist einerseits eine intellektuelle Anstrengung, denn es setzt eine ungleich größere Kenntnis über die anderen voraus, als wir sie derzeit besitzen. Das ist vor allem aber, denke ich, eine emotionale Herausforderung, denn es setzt die Bereitschaft voraus, auch Personen zuzuhören, die wir zu unserer „Gegenseite“ zählen und denen wir pauschal Untaten anlasten, die im Namen ihrer Nation begangen wurden.

Die Deutschen hätten beispielsweise endlich zu lernen, dass neben den Juden auch Opfer unter anderen Nationen existierten. Der Aufstand im Warschauer Getto 1943 beispielsweise ist vielen Deutschen geläufig, aber wer kennt den Warschauer Aufstand vom Herbst 1944, bei dem fast 200.000 Menschen umkamen?

Die Polen und Tschechen hätten meiner Ansicht nach die Differenz zwischen der Wirklichkeit in Deutschland und ihren phantasierten Ängsten wahrzunehmen. Es gibt in Deutschland augenblicklich keine revanchistische Gefahr. Umgekehrt: Aufgewachsen mit dem moralischen Imperativ, sich der Verantwortung für die Verbrechen der NS-Zeit zu stellen, erlauben sich viele Angehörige der zweiten und dritten Generation in Deutschland die Auseinandersetzung mit dem deutschen Leiden nur deshalb, weil sie sich den Fragen deutscher Schuld gestellt haben.

Gerade unter den Vertriebenenkindern finden sich viele, die regelmäßig Kontakte zu Juden, Polen oder Tschechen aufgebaut haben, die Klassenreisen nach Israel, Polen oder die Tschechische Republik organisieren, Deutschunterricht in Oberschlesien geben oder sogar nach Galizien fahren, aus Empathie für die Polen, die umgesiedelt wurden und heute in Schlesien sitzen.

Wenn wir endlich anfangen, einander wirklich zuzuhören und dem Leid des anderen Aufmerksamkeit zu schenken, werden sich Gemeinsamkeiten in den Erfahrungen ergeben, die ein Mitgefühl ermöglichen, das weder Verrat an der eigenen Nation noch Verlust der eigenen Identität bedeutet. Und dieses Mitgefühl könnte uns davor beschützen, die Loyalität gegenüber der Nation höher zu bewerten als die Loyalität und das Mitgefühl gegenüber dem Mitmenschen – gleichgültig, welcher Nation er angehört. Dieses Mitgefühl könnte helfen, die Richtschnur des Schriftstellers Ralph Giordano zu übernehmen: Die Humanitas ist unteilbar.

Auszüge aus der Diskussion

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter

(Akademie für Politische Bildung Tutzing/Universität Passau)

Das ist ein schönes Wort: „Die Humanitas ist unteilbar“, so bedrückend letztendlich die Bestandsaufnahme ist, die aber auch nicht ohne Hoffnung war, wenn man sich von den Makro-Interpretationen, von der großen Geschichte, auf die menschliche Ebene herab begibt, von der Sie uns ja auch mitgeteilt haben, dass sie nicht nur erfahrungs- und leiderfüllt ist, sondern dass auf ihr auch Begegnungen und damit hoffnungsfrohe Ansätze festzustellen sind, die leider Gottes auf der politischen Ebene durch die Verstimmungen der letzten Zeit zurückgedrängt worden sind. Ich erinnere mich an eine Konferenz in Warschau, auf der wir uns zum ersten Mal begegnet sind, als ein polnischer Parlamentsabgeordneter ernsthaft behauptet hat, es sei für einen Polen eine Zumutung, mit Deutschen überhaupt an einem Tisch zu sitzen und mit ihnen zu diskutieren. Und dies war immerhin doch fast 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass wir in derlei Fahrwasser ein Stück weit zurücktreiben, finde ich zumindest unerfreulich. Aber ich will einen Ihrer Sätze doch ins Gedächtnis heben, bevor wir mit Ihnen diskutieren. Das war die Aussage: „Erinnerung kann nicht zensiert werden“. „Erinnerung kann nicht zensiert werden, darf nicht zensiert werden“ und „Humanitas ist unteilbar“ - das sind, glaube ich, die Eckpunkte, die dieses Thema für uns zusammenhalten und aus denen wir die Kraft schöpfen müssen für einen realistischen und vernünftigen Umgang mit diesen Fragen.

Diesen vernünftigen Umgang werden wir brauchen, wenn wir in Europa in Zukunft gut miteinander auskommen wollen. Wir müssen auch akzeptieren, dass wir es in Europa bei aller Integrations- euphorie immer mit Nationalstaaten und mit Nationalgeschichten und mit nationalen Erzählungen dieser Geschichte, mit nationalen Mentalitäten und politischen Kulturen zu tun haben werden. Umso wichtiger ist es, eine Basis zu finden, auf der diese Individualitäten und Differenzierungen miteinander ins Gespräch kommen können.

Da ist für uns Deutsche natürlich das wichtig, was ich vor einem Jahr, als ich zum ersten Mal in meiner Geburtsstadt gewesen bin, erfahren habe: dass Breslau mit seiner Schönheit und Auschwitz mit seiner unsäglichen Bedrückung für uns die Kehrseiten derselben Medaille sind. Von dieser Interpretation werden wir nicht loskommen, aber wir müssen auch darum bitten, dass Andere die Teile der geschichtlichen Verantwortung übernehmen, die für ihr kollektives Gedächtnis eben auch unangenehm sind.

Meine Damen und Herren, ich darf Sie bitten, Ihre Fragen an die Referentin zu stellen.

Diskussionsteilnehmer weist darauf hin, dass die Vertriebenen dankbar waren für die Aufnahme in ihrer neuen Heimat. Er äußert die Erwartung an die tschechische Seite, die ausgestreckte Hand der Vertriebenen zu ergreifen und einzugestehen, dass auch sie Unrecht begangen habe. Er betont, dass die Vertriebenen in ihrer alten Heimat den Wiederaufbau von Kirchen fördern und finanziell unterstützen.

Diskussionsteilnehmer bittet die Referentin um ihre Einschätzung, wie sich die Einstellung der Enkelgeneration zur Vertreibung ihrer Großeltern weiterentwickeln wird. Er gibt außerdem zu bedenken, dass die Tschechen gegenwärtig hauptsächlich noch damit beschäftigt seien, den Übergang vom Kommunismus zur Demokratie aufzuarbeiten und zu bewältigen. Die Vertriebenenfrage sei für sie abgeschlossen.

Diskussionsteilnehmer betont aus eigenem Erleben als Flüchtlingskind die positiven Erfahrungen bei der Integration in einem niederbayerischen Dorf und äußert seine Dankbarkeit für die vielen Bürgermeister, die sich für die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen eingesetzt haben, obwohl ihre Dörfer nach dem Krieg dadurch doppelt so viele Einwohner hatten wie zuvor.

Frau Dr. Helga Hirsch:

Ich finde es sehr erfreulich, wenn Betroffene positive Beispiele der Integration von Flüchtlingen einbringen. Es gibt eben wie immer im Leben gute und schlechte Seiten desselben Phänomens. In der wissenschaftlichen Literatur wie auch in meinen eigenen Gesprächen bin ich jedoch überwiegend mit bitteren Erfahrungen konfrontiert worden – bis hinein in die Gegenwart, wenn etwa eine Kleinstadt bei ihrer 700-Jahrfeier die Leistungen der Vertriebenen für ihre Gemeinschaft nicht zu honorieren bereit war. Gerade in kleineren Orten scheuen sich viele Flüchtlinge und Vertriebene bis heute, über ihre Ausgrenzungen und Kränkungen zu berichten, weil sie niemanden verletzen wollen, mit dem sie im Alltag ständig zusammentreffen. Ich vermute, dass bei Älteren noch viel Groll im Herzen angestaut ist.

Was den Umgang mit unseren Nachbarstaaten anbetrifft: Hier erwarte ich einen Fortschritt in der nächsten Zeit nicht primär über die politische und juristische, sondern über die gesellschaftliche, zwischenmenschliche Ebene. Es hat wenig Sinn, Druck auf Warschau oder Prag auszuüben – etwa die Aufhebung der Vertreibungsdekrete zu fordern. Was passiert, wenn Deutsche gegenüber Polen und Tschechen auf ihren tatsächlichen oder vermuteten Rechten bestehen, haben wir nach der Forderung der „Preußischen Treuhand“ auf Rückgabe bzw. Entschädigung verlorenen Eigentums erlebt. Der polnische Sejm hat im Gegenzug einstimmig mit Reparationsforderungen für die Zerstörung von Posen, Warschau etc. im Zeiten Weltkrieg gedroht und in mehreren polnischen Städten hat sich eine „Polnische Treuhand“ gegründet, die nun ihrerseits Entschädigung für den Verlust des Eigentums durch die Zwangsumsiedlungen nach Ausbruch des Krieges einklagen will. Druck erzeugt offenkundig Gegendruck und führt zur Verhärtung der Positionen.

Viel mehr verspreche ich mir von den Kontakten auf gesellschaftlicher Ebene, von Begegnungen, die uns mit der Geschichte und den Biografien unserer Nachbarn vertraut machen. Vorstellbar wäre eine gleichzeitig in Polen und Deutschland ausgestrahlte Fernsehsendung, in der sich beispielsweise ehemalige und heutige Breslauer ihre Biografien erzählen. Wie viele Deutsche wissen denn, dass in Breslau ebenfalls Vertriebene leben – Zwangsausgesiedelte, die Lemberg und andere Gebieten in der heutigen Ukraine verlassen mussten, weil das Gebiet an die Sowjetunion fiel? Und wie viele Polen wissen, unter welch dramatischen Bedingungen Deutsche im Januar 1945 aus der Stadt geflüchtet sind oder in der „Festung Breslau“ überdauert haben?

Oberste Richtlinie für solche Begegnungen müsste allerdings sein, dass jeder seine Geschichte erzählen kann, ohne dass sie von den anderen Teilnehmern begutachtet wird. Leiden darf nicht gegeneinander aufgerechnet werden, weder das der Kollektive noch das der Individuen. Das Leiden des Individuums darf auch nicht in Anhängigkeit von der Schuld oder Unschuld seiner Nation gesehen werden. Wenn wir augenblicklich in Deutschland mit einer wahren Erinnerungsflut von „Kriegskinder“ konfrontiert sind – den 60-70jährigen, die noch unter dem Krieg litten, ohne Einfluss auf ihn gehabt zu haben – dann hängt das sicherlich mit der Tatsache zusammen, dass sich diese Menschen die Erinnerung an eigene schmerzhafte Erlebnisse jahrzehntelang nicht gestattet haben, weil sie sich als Erben der „Täternation“ moralisch nicht dazu befugt sahen.

Doch das Unmaß an Gewalt hat seine Spuren in den Seelen und Körpern hinterlassen – bei den Kindern der Täter ebenso wie bei den Kindern der Opfer. Nur wenn diese Folgen bewusst gemacht werden, können wir einer Übertragung unbewältigter Konflikte noch auf die Enkel-Generation vorbeugen. Wer den eigenen Schmerz zulassen kann und in seinem Schmerz auch von den Anderen wahrgenommen wird, braucht nicht in eine Opferkonkurrenz zu treten. Vielmehr wird er fähig zur Empathie, die ihn im Anderen, der Ähnliches oder Schlimmeres erlebt hat, sich selbst erkennen lässt. Insofern führt die Beschäftigung mit dem Individuellen zur Begegnung mit dem Anderen, dem Universalen – über den nationalen Rahmen hinaus. Denn das Individuum ist weit mehr als der Teil oder Repräsentant seiner jeweiligen Nation, die ihm von den anderen unterscheidet. In seinem Menschsein ist es auch gleich mit Anderen, die ihn seine ethnozentrischen Grenzen überwinden lässt.

Prof. Dr. Heinrich Oberreuter:

Ich glaube, dass dieser Ansatz, den Sie uns überraschenderweise dargetan haben –dieser individual-psychologische Zugang mit den traumatischen Fernwirkungen von Erlebnissen, die im aktuellen Bewusstsein vielleicht gar nicht vorhanden sind –, dass der uns doch viele Erkenntnisse gebracht hat, und ich glaube auch, dass die Ebene, die Sie uns am Schluss empfohlen haben, nämlich von den großen politischen Diskussionen und Erwartungen Abstand zu nehmen und die kleinen Menschen die Dinge in die Hand nehmen zu lassen, in der Tat die Strategie ist, die uns weiterführt.

Ich habe allen Anlass Ihnen, Frau Hirsch, herzlich zu danken für dieses umfassende und in seinen Dimensionen wirklich überraschende Referat. Vielen Dank und noch gute Gespräche!

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