Bayerischer Landtag

09.03.2010 - Akademiegespräch: Fritz Schösser "Gewerkschaften heute - Aktuelle Bedeutung und Zukunftsperspektiven"

Einen kompetenteren Referenten für das Thema des 38. Akademiegesprächs der Akademie für politische Bildung Tutzing hätte deren Direktor, Prof. Heinrich Oberreuter, kaum finden können: Fritz Schösser, bis vor wenigen Wochen Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Bayern, bot zum Thema „Gewerkschaften heute“ einen engagierten, streitbaren und zum Nachdenken anregenden Vortrag. Schülerinnen und Schüler der Realschule im niederbayerischen Eggenfelden waren begeistert vom Redetalent Schössers.

Bild: Fritz Schösser, früherer Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Bayern, referierte beim 38. Akademiegespräch über die aktuelle Situation der Gewerkschaften. | Foto: Akademie für politische Bildung Tutzing
Fritz Schösser, früherer Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Bayern, referierte beim 38. Akademiegespräch über die aktuelle Situation der Gewerkschaften. | © Akademie für politische Bildung Tutzing

Nachdem Oberreuter in einer kurzen Einführung die Aktualität des Themas vor dem Hintergrund der laufenden Sozialstaatsdebatte angesprochen hatte, skizzierte er die Probleme der Gewerkschaften zu Anfang des 21. Jahrhunderts: Als „Kinder der Industriegesellschaft“ liefen sie Gefahr mit deren Verschwinden ebenso unterzugehen. Andererseits seien sie „Träger des Wohlfahrtsstaates“ in Deutschland und dieser wiederum die wesentliche Basis der Legitimität der demokratischen Ordnung – gerade in der heutigen Zeit.

Zuvor schon hatte die Hausherrin, Landtagspräsidentin Barbara Stamm, den Referenten Schösser gleichsam zu Hause begrüßt, fand die Veranstaltung doch im Saal des ehemaligen Bayerischen Senats statt, dessen Mitglied Schösser 1992 bis 1994 war, bevor er dann in den Landtag gewählt wurde (1994 bis 1998). Stamm begrüßte also einen politischen Weggefährten, der – wiewohl im parteipolitisch anderen Lager – mit ihr gemeinsam einiges bewegt habe. Dabei sei Schösser, so die Präsidentin, „immer fair und menschlich anständig“ im Umgang gewesen.

Schösser – ein Gewerkschafter mit Herzblut

Der anschließende Vortrag zeigte, dass Schösser nach wie vor ein Gewerkschafter mit Herzblut ist: In einem rhetorischen Parforceritt durch die Thematik analysierte der Referent zunächst die frühere Rolle der Gewerkschaften im bundesdeutschen Gemeinwesen, um danach intensiv die Frage ihrer aktuellen Situation zu reflektieren. Eine zentrale These seines Rückblicks in die bundesrepublikanische Geschichte seit 1949 dabei: Gewerkschaften seien nie „reine Lobbyorganisationen“ gewesen, sondern hätten – zum Beispiel über ihre Integrations- oder Bildungsangebote – eine substantielle Mitarbeitsfunktion im und am demokratischen Gemeinwesen erfüllt.

Provokant leitete Schösser dann zur Analyse der gegenwärtigen Situation der Gewerkschaften über: Die Marktwirtschaft, so der Referent, sei aktuell „nicht frei und immer weniger sozial“. Die soziale Verfassung der Bundesrepublik sei einem Erodierungsprozess ausgesetzt, der – nach Meinung Schössers – seit den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts andauere und in dem die Gewerkschaften und deren zentrale Forderungen – etwa in der Tarifpolitik oder hinsichtlich der Humanisierung der Arbeitswelt – zu Unrecht in Rechtfertigungszwänge kämen. Schließlich hätten die Errungenschaften in der Lohn- und Urlaubspolitik, so der Referent exemplarisch, zu ganz neuen volkswirtschaftlichen Märkten und also zu Wachstum beigetragen (zum Beispiel im Tourismus). Vor diesem Hintergrund beklagte der frühere Chef des DGB-Bayern auch, dass vom früheren Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite vielfach durch eine „Entpersonalisierung“ der Unternehmerseite wenig geblieben sei.

Die Frage nach der Zukunft der Gewerkschaften, die Schösser schließlich stellte, sieht er im Kern abhängig von der Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Gegenwärtig halte die Entwicklung des Arbeitsmarktes eine Vielzahl großer Problemfelder für die Gewerkschaften bereit: Die Erodierung der sogenannten „Normalarbeitsverhältnisse“ (zum Beispiel Leiharbeit), die Partikularinteressen einzelner Berufsgruppen (Lokführer, Piloten), die Gewerkschaftsferne einer Angestelltenschicht mit höherem Bildungsniveau, der Mindestlohnbereich oder die stark abnehmende Tarifbindung seien Herausforderungen, auf die die Gewerkschaften Antworten finden müssten. Noch fehle eine zeitgemäße Fortschreibung einer gewerkschaftlichen Gesellschaftsutopie. Allerdings zeige sich immer mehr, dass „Wachstum kein Wert an sich“ sei.

Gewerkschaften – „wenn es sie nicht gäbe, müssten wir sie heute Abend zusammen gründen"

Mit konkreten Vorschlägen – auch vor dem Hintergrund der globalisierten Situation der Arbeitswelt – schloss Schösser seine Ausführungen und belegte damit die Notwendigkeit von Gewerkschaften im 20. Jahrhundert: Eine obligatorische Zweidrittelmehrheit im Betriebsrat etwa für Betriebsverlagerungen in andere Länder könne verhindern, dass rentable Unternehmen nur um einer (noch) höheren Rendite willen verschwänden. Haben also die Gewerkschaften Zukunft? „Wenn es sie nicht gäbe, müssten wir sie heute Abend zusammen gründen“, so das Schlussfazit Schössers.

Eine rege und verständlicherweise kontroverse Diskussion schloss sich an. /schmi

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