Bayerischer Landtag

10.05.2011 - Akademiegespräch: Prof. Dr. Udo Steinbach "Arabien im Umbruch - Von der Revolte zur neuen Ordnung"

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Logo Akademie für politische Bildung Tutzing | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

– Von Katja Helmö –

Was mit der Selbstverbrennung eines jungen Mannes in Tunesien begann, ist zum Flächenbrand für eine ganze Region geworden: Die Arabische Welt – von Tunesien über Ägypten, Bahrain, Jemen, Syrien bis hin zum revolutionär geschüttelten Libyen – befindet sich in einem großen politischen Umbruch.

„Um den Prozessen in der arabischen Welt eine positive Entwicklung zu geben, muss Europa sich öffnen und eine inklusive Sicht auf den Mittelmeerraum entwickeln“, forderte Prof. Dr. Udo Steinbach am Dienstag abend beim 43. Akademiegespräch im Bayerischen Landtag. In seinem Vortrag zum Thema „Arabien im Umbruch – Von der Revolte zur neuen Ordnung?“ warb der bekannte deutsche Nahost-Experte und profunde Kenner der arabischen Welt für einen vorurteilslosen Dialog und die Integration der beiden Kulturräume: „Die Chancen liegen in der Komplementarität von Europäern und Arabern“, sagte Steinbach. Die Kulturen könnten einander ergänzen – zum beiderseitigen Nutzen.

Bild: Eröffnete das 43. Akademiegespräch: Landtagspräsidentin Barbara Stamm. | Foto: Bildarchiv Bayerischer Landtag
Eröffnete das 43. Akademiegespräch: Landtagspräsidentin Barbara Stamm. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Führt Arabiens Weg von der Revolte zu einer neuen Ordnung? Und daraus folgernd: Wie könnte sich seine Zukunft gestalten, insbesondere auch im Hinblick auf die Beziehungen zu Europa? Mit Prof. Dr. Udo Steinbach war einer der versiertesten deutschen Kenner der arabischen Welt sowie der islamischen Politik und Gesellschaft in den Bayerischen Landtag gekommen, um beim Akademiegespräch Antworten auf diese Fragen zu skizzieren.

Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, Direktor der Akademie für Politische Bildung Tutzing, eröffneten das 43. Akademiegespräch im vollbesetzten Senatssaal: „Wir erleben zurzeit eine beispiellose Welle der Revolte in der arabischen Welt. Das Ausmaß der Proteste legt nahe, dass es in der arabisch-islamischen Welt ein Zurück nicht geben wird“, sagte Barbara Stamm.

Aus Sicht von Prof. Oberreuter ist es noch fraglich, ob die „Arabellion“ auch tatsächlich in eine neue Ordnung nach dem Vorbild europäischer Demokratien münden werde. Zu groß seien die Ungewissheiten und Unsicherheiten hinsichtlich der inneren Strukturen, der Wahlprozesse und der politischen Kräfte.

Wie die Revolten im Einzelnen verlaufen werden und mit welchem Ergebnis vermochte auch der Islamwissenschaftler und Referent des Abends nicht vorauszusagen. „Insgesamt stehen wir am Anfang eines Prozesses, der die Zukunft Europas im 21. Jahrhundert essenziell betreffen und noch Jahre dauern wird“, sagte Prof. Steinbach. Richtung und Ende des Wandels, der auch von Bürgerkriegen begleitet werde, seien unklar. Zwar könnten die alten Machthaber noch versuchen, die Uhren zurückzudrehen; die Zeit aber, so Steinbach, könne nicht zurückgedreht werden. Die Kluft zwischen den Menschen, die eine Neuordnung wollten, und den alten Regimes sei zu groß geworden.

Steinbach erblickt in den Revolten, unabhängig von der Sequenz aktueller Medienberichte, eine tiefgreifende historische Zäsur und den in der Geschichte nunmehr dritten Versuch der arabischen Welt, selbstbestimmte Strukturen sowie Freiheit zu erlangen.

Fremdbestimmung, Fallstricke und Frustration

Zum ersten Mal hätten die Araber bereits zwischen 1916 und 1919 den Traum von Selbstbestimmung geträumt, als sie angesichts der Überreste des im Ersten Weltkriegs zerfallenen Osmanischen Reiches auf legitimierte Strukturen hofften. Diese erste arabische Revolution, so Steinbach, sei jedoch fehlgeschlagen, weil die europäischen Mächte damals das osmanische Zerfallsprodukt neokolonial in Mandatsgebiete aufteilten. Auch die zweite arabische Revolution schlug, wie der 67-jährige Islamwissenschaftler ausführte, fehl. Sie begann 1952, als in Ägypten Gamal Abdel Nasser an die Macht kam und mit seinem panarabischen Nationalismus die Initialzündung für neue Unabhängigkeitsbewegungen gab. Dieser Prozess habe sich aber letztlich in den Fallstricken des Ost-West-Konflikts, sozialistischer Gesellschaftsexperimente, Klientelpolitik sowie widerstreitender Nationalismen verheddert. Die arabischen Systeme verfestigten sich bald alle zu Diktaturen. Und auch wo der Sozialismus ausgerufen wurde, wäre dieser auf faktischen Staatskapitalismus zum Zwecke der Selbstbereicherung privilegierter Schichten hinausgelaufen, führte der Referent aus.

Die Überschrift der nun dritten arabischen Revolution heiße „Frustration“, sagte Steinbach. Ein Mann übergießt sich in Tunesien mit Benzin, zündet sich an. Die dadurch entstandenen Unruhen weiteten sich – begünstigt durch die freien und neuen Medien – über einen Volksaufstand zu einer Revolution hin aus: Arbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven für junge Leute und Armut als Antrieb. „Diese Menschen haben nichts zu verlieren“, betonte der Islamwissenschaftler. Angesichts der Frustration bildeten sich solidarische Gemeinschaften, die sich gegen die Regime ihrer Länder auflehnen. Dabei handele es sich um Bewegungen, die alle Schichten, alle Religionen und Konfessionen umfassen und ein breites Spektrum der Bevölkerung repräsentierten. Allerdings, so Steinbach, seien vielfach keine politischen Führungspersönlichkeiten und keine demokratischen Strukturen vorhanden. „Kräfte, die in ein parlamentarisches System einmünden, sind nicht da“, analysierte der Fachmann.

Bild: Nach seinem engagierten Vortrag beantwortete Prof. Dr. Udo Steinbach (links) Fragen aus dem Publikum. Akademie-Direktor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter moderierte das Gespräch. | Foto: Bildarchiv Bayerischer Landtag
Nach seinem engagierten Vortrag beantwortete Prof. Dr. Udo Steinbach (links) Fragen aus dem Publikum. Akademie-Direktor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter moderierte das Gespräch. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Zur Rolle des Westens im Nahen und Mittleren Osten machte Steinbach seine Meinung unmissverständlich klar: „Auswärtige Einmischungen waren bislang immer verhängnisvoll.“ Der Westen könne die Reformkräfte stärken, sollte aber eine weitreichende Einmischung vermeiden. Das gelte auch für Libyen, wo es um die Verhinderung einer humanitären Katastrophe geht, nicht aber darum, dem Land in neokolonialer Manier den Entwicklungsweg vorzuschreiben.

Schluss mit Arroganz und Klischees

Überhaupt warnte der Islamwissenschaftler vor europäischer Arroganz. Auch dürften die Europäer nicht nur angstvoll auf Flüchtlingsströme oder vermeintliche Terrorgefahren starren: „Die neuen Gesellschaften in der arabischen Welt brauchen Europa“, betonte Prof. Steinbach und verwies in diesem Zusammenhang auf die Rolle der Frauen, die im arabischen Aufbruch unübersehbar eine große Bedeutung hätten.

Die Europäer seien aufgerufen, Klischees über Bord zu werfen und mit den Menschen in der arabischen Welt in einen vorurteilslosen Dialog einzutreten. „Die Europäer müssen auf die Kulturen auf der anderen Seite des Mittelmeeres offen zugehen, um den politischen Prozessen dort eine positive Entwicklung zu geben“, forderte Steinbach. Der Wissenschaftler gab zu, dass diese neue inklusive Sicht des Mittelmeerraumes für die Europäer schon eine gewisse Herausforderung darstellt, gelte es dabei doch auch, die eigene Identität zu klären.

Steinbachs Vision der zukünftigen europäisch-arabischen Nachbarschaft definiert das Mittelmeer als „mare nostrum“, also einen gemeinsamen geografischen Raum rund um das Mittelmeer, in dem Grundwerte geteilt, zugleich aber religiöse, kulturelle und politische Pluralität akzeptiert würden. Europäer und Araber könnten dabei voneinander lernen und einander ergänzen – zum beiderseitigen Nutzen.

Prof. Dr. Udo Steinbach, 1943 in Pethau/Zittau geboren, übersiedelte 1954 mit seiner Familie nach Düsseldorf. Nach seinem Abitur leistete er 1963 bis 1965 seinen Wehrdienst und wirkte später in der Attache-Reserve, zuletzt als Oberst d.R. an der Deutschen Botschaft in Almaty, Kasachstan. 1965 bis 1970 studierte er an den Universitäten Freiburg i. Br. und Basel Islamwissenschaften und Klassische Philologie. 1970 wurde er promoviert.

Von 1971 bis 1973 leitete Udo Steinbach das Nahostreferat der Stiftung Wissenschaft und Politik, 1975 die türkische Redaktion der Deutschen Welle. Von 1976 bis 2006 war er Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg, wo er 2007 auch das GIGA-Institut für Nahoststudien leitete. 1991 ernannte ihn die Universität Hamburg zum Honorarprofessor. Nach seiner Pensionierung 2008 lehrt er am Centrum für Nah- und Mittelost-Studien an der Philipps-Universität Marburg.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen der Nahe Osten im internationalen System, die Erscheinungsformen des politischen Islam und insbesondere der politische und gesellschaftliche Wandel in der Arabischen Welt, der Türkei, Iran, Afghanistan und Pakistan.

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