Bayerischer Landtag

14.07.2004 - Akademiegespräch: Philipp Freiherr von Boeselager "Mein Weg zum 20. Juli. - Die Einsamkeit des Widerstands"

Akademiegespräch:
Philipp Freiherr von Boeselager
14.07.2004
Mein Weg zum 20. Juli. - Die Einsamkeit des Widerstands

Als Dietrich Bonhoeffer in seiner Zelle die Bilanz jener Jahre zog, beklagte er, "fast nirgends Civilcourage" gefunden zu haben. Obrigkeits-staatliche Traditionen benannte er als Ursache. Die Deutschen hätten nicht erkannt, dass die Bereitschaft zur Unterordnung missbraucht werden könnte "zum Bösen". Es war dies "Böse", das letzlich den Widerstand weniger ebenso Betroffener wie Mutiger verursachte, sobald sie es erkannt hatten und glaubten, nicht mehr zusehen zu können. Viele waren darunter, die den allgemeinen politischen Zielen des Nationalsozialismus durchaus Sympathie entgegengebracht, dessen weltanschauliche Rigidität aber übersehen oder nicht ernst genommen hatten. Nun forderte sie "der Totalitätsanspruch des Staates gegenüber dem Bürger unter Ausschluss seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen" (Graf York vor dem Volksgerichtshof) heraus. Dieses Motiv gilt für die meisten Widerstandsgruppen - ob Weiße Rose, Kreisauer Kreis oder 20. Juli. Jenseits der Erfolgsaussichten des Attentats kam es manchen darauf an, vor der Welt wenigstens ein Zeichen zu setzen. Es sind nicht viele gewesen, die rechtzeitig "Civilcourage" oder gar den Mut zum Widerstand aufgebracht haben. Einer von Ihnen ist der Referent dieses Akademiegesprächs.

Begrüßung
Landtagspräsident Alois Glück, MdL

Präsident Glück: Ich begrüße Sie alle sehr herzlich hier im Bayerischen Landtag. Ich freue mich sehr, dass Sie in so großer Zahl da sind, aber ich glaube, wir haben auch die außergewöhnliche Möglichkeit, heute durch einen Zeitzeugen ein sehr wichtiges und schmerzliches Kapitel unserer Geschichte in besonderer Weise kennen zu lernen.

Ich grüße herzlich den Koveranstalter, Herrn Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, der die Politische Akademie in Tutzing leitet und von dem die Initiative zu diesem Abend kam.

Eine ganz besondere Freude ist es mir, und ich denke auch Ihnen, den Referenten des heutigen Abends hier zu begrüßen, Philipp Freiherr von Boeselager, der als Zeitzeuge über das damalige Geschehen und den Weg dorthin berichten wird. Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind. Herzlich willkommen!

Heuer ist der 60. Jahrestag des Attentats auf Hitler, und das ist ein besonderer Anlass, sich mit diesem Sachverhalt und allem, was damit verbunden ist, in der Entstehung, im Geschehen, in der Wertung und Würdigung, mehr auseinanderzusetzen als in den vergangenen Jahren. Der 20. Juli ist ein Symbol für den Aufstand des Gewissens; es war nicht die einzige Gruppe des Widerstands, aber sie ist besonders markant. Dabei sind diejenigen, die sich zum Widerstand entschlossen haben, persönlich einen sehr schweren Weg gegangen, auch in der Erkenntnis, dass frühere Positionen vielleicht falsch waren. Sie sind aber auch einen schweren Weg gegangen, weil sie weithin nicht verstanden wurden. Und selbst nach dem Krieg haben viele in unserem Land auch innerlich nur schwer einen Zugang gefunden zu den Menschen, die sich zum Widerstand entschieden hatten, die diesen Weg gegangen waren. Und lange Zeit haben sehr viele in unserem Land eher eine innere Distanz zu ihnen gehalten.

Aber damit genug meiner Vorbemerkungen! Jetzt darf ich Herrn Prof. Oberreuter um seine Einführung bitten.

Einführung
Prof. Dr. Dr. h. c. Heinrich Oberreuter
Akademie für Politische Bildung Tutzing / Universität Passau

Herr Präsident, Herr Kardinal, verehrter Herr von Boeselager, meine Damen und Herren! Wer in die Publizistik dieser Tage blickt, gewinnt den Eindruck, der Widerstand, speziell der militärische des 20. Juli, sei nun doch im Bewusstsein der Deutschen angekommen. Nicht einmal zum 50. Jahrestag war das der Fall und noch viel weniger zuvor. Die Nachkriegsgesellschaft tat sich schwer, ein angemessenes Verhältnis zu ihm zu entwickeln.

Erst zum 40. Jahrestag waren wir soweit, grundsätzlich mit der entsprechenden Rechtsprechung des Volksgerichtshofs abgerechnet zu haben. Ein jüngerer Historiker hat soeben in einem „Spiegel“-Interview gesagt, es müssten beide Geschichten erzählt werden, die des Widerstands und die der vorausgegangenen Irrwege und Verstrickungen. In der Tat, meine Damen und Herren, denn gerade der Kontrast beider Geschichten verdeutlicht die Herausforderungen, die zum Umdenken und zum Widerstand führten. Dessen rechtfertigende Gründe offenbaren sich in seinen vordringlichsten Zielen. Der Entwurf einer nie gehaltenen Regierungserklärung nennt als erste Aufgabe, ich zitiere: „die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts“. Die Verurteilung des Angriffskriegs von Beginn an und der Frieden standen als zweites daneben, und als drittes darf man die in die Zukunft weisende Vision der Einigung Europas nennen - Europa, begriffen als eine Gemeinschaft humaner Werte.

Europa nach dem Kriege, so hatte Helmut von Moltke schon 1942 geschrieben, das sei die Frage, wie man das Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger aufrichten könne. All diese Ziele weisen auf den ethischen Grundantrieb zurück, die Freiheit und die Würde des Menschen wiederzugewinnen und eine Staatsordnung zu errichten, die beide, Freiheit und Würde, respektierte und sicherte. Die jüngere Forschung hat die normative Orientierung des Widerstands wieder entdeckt und zusätzlich ihre naturrechtlichen Wurzeln freigelegt.

Das Wesentliche, so Graf Yorck vor dem Volksgerichtshof, sei, ich zitiere: „der Totalitätsanspruch des Staates gegenüber dem Bürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen“. Freisler, der Präsident des Tribunals, sah im Anspruch auf den ganzen Menschen die einzige Gemeinsamkeit zwischen Nationalsozialismus und Christentum. Der eine Anspruch musste natürlich den anderen ausschließen. Aber Freislers Vergleich ist höchst formal, und er irrt in der Substanz. Denn der christliche Anspruch stammt nicht aus dieser Welt, er herrscht nicht in ihr und er unterwirft sich diese Welt nicht. Er bleibt ein freiheitliches, ethisch fundiertes Angebot ohne weltliche Macht.

Beim Nationalsozialismus unterdessen ist der Anspruch auf den Menschen radikal weltimmanent, ohne jegliche Bindung an vorstaatliche ethische Prinzipien, über die er sich hinwegsetzt, eine willkürliche Ideologie, die einen exklusiven Herrschaftsanspruch mit allen staatlichen Mitteln jedermann verbindlich aufzuzwingen suchte. Nicht nur die „Weiße Rose“, auch die Verschwörer des 20. Juli, die „Kreisauer“ und die meisten anderen Widerstandsgruppen, die sich im Lauf der Zeit herausbildeten, setzten jenseits des Politischen an. Zum entscheidenden Beweggrund wurde die ethische Differenz: Angriffskrieg, Verfolgung und Vernichtung des Andersdenkenden und der todbringende Rassenwahn. Ihretwegen galt Hitler als „Erzfeind der Welt“, so Ihr Freund Henning von Tresckow, als „das personifizierte Böse der Weltgeschichte“, so Stauffenbergs Adjutant von Haeften, als „das Böse an sich“, so Stauffenberg selbst, und manchem galt Hitler schlicht als „der Antichrist“, so Dietrich Bonhoeffer.

Auch auf die Gefahr der Missdeutung hin sei gesagt, dass die Demokratie in der gegebenen Situation nicht das wichtigste Problem war. Zuerst wäre es darauf angekommen, Recht und Menschenwürde wieder herzustellen, den Krieg möglichst schnell zu beenden und auch die Kriegswirtschaft abzubauen. Erst dann stellte sich die Verfassungsfrage, die denn auch in den Konzepten der Verschwörer weithin offen geblieben ist. Aber schon das personelle Spektrum und die interne Kritik machten deutlich, wie wenig die verfassungspolitischen Ziele letztendlich doch mit den ständestaatlichen Vorstellungen Goerdelers gemein gehabt hätten -, wäre das Attentat gelungen.

Wenn das große Vermächtnis des Widerstands die Erinnerung an den freiheitlichen Rechtsstaat ist, dann ist damit ohnehin eine unabdingbare Voraussetzung der Demokratie genannt, denn nur in Gestalt des Verfassungsstaats schützt sie die Rechte und Freiheiten des einzelnen vor Willkür. So ist die Gegenfrage Gerstenmaiers berechtigt. Ich zitiere: „Von welcher erhabenen Bastion kommen jene Fragen und Mutmaßungen, dass dem Bemühen der Täter, ihrem Kampf und Sterben am Ende doch die höhere Weihe fehle, weil ihnen das rechte Öl der Demokratie abgegangen sei.“ Jene Vorwürfe der unvollendeten Demokratie und des Faschismus lediglich geringerer Spielart haben aber im Wandel der Generationen in den Sechzigerjahren der Akzeptanz des 20. Juli erheblich entgegengewirkt. Und es scheint, dass wir heute zum 60. Jahrestag dabei sind, diesen Irrweg zu korrigieren, und ich freue mich besonders herzlich, dass ich jetzt das Wort an Herrn von Boeselager übergeben darf, der im Übrigen gebeten hat, am Ende seines Vortrags keinen Applaus zu spenden. Vielen Dank. - Herr von Boeselager.

Vortrag
Baron Philip Freiherr von Boeselager
Mein Weg zum 20. Juli. - Die Einsamkeit des Widerstands

Eminenz, sehr geehrter Herr Landtagspräsident, sehr verehrter Herr Professor Oberreuter, meine verehrten Damen und Herren!

Ich muss gestehen, dass ich gerne zu Ihnen nach München gekommen bin. Für uns Rheinländer hat München immer eine große Anziehungskraft. Aber es war auch umgekehrt. Mein Haus steht auf dem Boden des ehemaligen Kurfürstentums Köln und mehrere Wittelsbacher hatten wir dort als Kurfürsten, und wir sind mit denen gut gefahren. Diese Wittelsbacher haben naturgemäß Freunde aus Bayern mitgebracht, die dann selbstverständlich nette rheinische Mädchen geheiratet haben und im Lande blieben. So hat es immer enge Kontakte zwischen dem Rheinland und Bayern gegeben. Abgesehen davon, dass die Pinakothek ja auch ursprünglich aus Düsseldorf stammt. Mein Vortrag – ich bitte, das zu entschuldigen – ist zu lang. Aber es war ein langer Weg voller Skepsis über die Ablehnung zum Widerstand. Ich war nicht Offizier geworden, um mein Staatsoberhaupt zu erschießen. Ich rede ungern über diese Zeit.

Einmal sind die Überlebenden einer Tragödie niemals deren Helden. Aber außerdem war diese Zeit voller persönlicher Ängste, eine Zeit der Trauer, des Abschiedes von vielen Vorstellungen über Deutschland und über Menschen. Eine Zeit entsetzlicher Verluste an Menschen, Freunden und Geschwistern – drei Brüder von mir sind gefallen. Eine Zeit der Entleerung aller moralischen und sittlichen Werte und Kräfte, auf die ich gebaut habe, die mich lange getragen haben und die uns heute noch fehlen. Eine Zeit schließlich, in der man täglich einsamer wurde und in der es für mich dann ganz am Schluss als Regimentskommandeur nur darum gehen konnte, mit möglichst geringem Verlust die Soldaten nach Hause zu bringen. Es konnte nicht mehr darum gehen, Deutschland zu retten oder in seinen alten Grenzen zu erhalten. Ich hatte viele Soldaten aus Schlesien und Ostpreußen. Eine Vorstellung, die für mich lange unerträglich war.

Zur Erklärung meines Weges zum 20. Juli möchte ich zu Beginn darauf hinweisen, dass in meiner Heimat – im Rheinland – aus den Erfahrungen des Kulturkampfs heraus, den es hier ja nicht gab, die Luft sehr antipreußisch war. Wir waren ja erst 1815 zwangsweise zu Preußen gekommen. Beim Kulturkampf handelte es sich um die Auseinandersetzung des preußischen Staates unter Bismarck mit der katholischen Kirche. Er gipfelte in den so genannten „Maigesetzen", die beispielsweise die Anstellung von Klerikern durch die Kirche von der Erlaubnis des Staates abhängig machten. Und, um ein anderes Beispiel zu bringen, den Geistlichen unter Strafe untersagte, öffentlich zu etwas anderem als zu religiösen Fragen Stellung zu nehmen. Kanzelparagraph. Im Kulturkampf – das wissen heute die wenigsten – waren in Preußen alle katholischen Bischöfen entweder eingesperrt oder man hat ihnen zumindest die bischöfliche Gewalt entzogen. 1800 Geistliche waren eingesperrt – soviel haben die Nazis in Preußen nicht eingesperrt.

Mein Großvater Salis, der als Beamter der Regierung in Kassel an einer Fronleichnamsprozession teilgenommen hatte, wurde zum Regierungspräsidenten bestellt und er wurde zum 01.01. des kommenden Jahres nach Königsberg versetzt, damit man nicht sagen könne, dass ein preußischer Beamter den katholischen Kultus fördere. Er nahm seinen Abschied.

Mein Großonkel Boeselager musste nach England emigrieren, da er nach dem Siebziger Krieg dem Jesuitenorden beitrat, dem in Preußen anzugehören verboten war. In Fürstenberg, dem Wohnsitz meiner Frau, wurde nach dem Tode des Pfarrers eine neue Besetzung der Pfarrstelle verboten. Das ganze Dorf fuhr auf dem Gutswagen sonntags in die Nachbarpfarrei Wünneberg. Nicht weil man frommer war als heute, nein, nur um seine antipreußische Gesinnung zu zeigen. Der Urgroßvater wanderte nach Österreich aus. Sicher, unter Wilhelm II. war der Kulturkampf begraben worden, aber seine Wunden waren noch lange spürbar. Mein Großvater hat mir das alles erzählt. Man war aus den Erfahrungen des Kulturkampfes heraus dem Staat als solchem gegenüber skeptisch. Die Zeit war noch zu kurz gewesen, um sich mit Preußen wirklich zu versöhnen. Das alles hatte für die Weimarer Zeit auch schlimme Folgen, da man auch diesem Staat zurückhaltend, ja mit äußerster Skepsis gegenüberstand und so auch zuerst gegenüber den Nazis.

Bei den Reichstagswahlen im März 1933 – den letzten freien Wahlen – bekamen die Nazis im Reich im Schnitt 43,91 %, im Rheinland dagegen nur 34,72 % und in meinem Heimatkreis nur 24,1 %, also beinahe 50 % weniger als im Durchschnitt des Reiches. Wenn der Widerstand gegen Hitler etwas Positives erreicht hat, dann ist es, dass die beiden Kirchen im Kampf gegen den Antichrist zusammengerückt sind. Die Ökumene hat im Widerstand und im KZ ihren Ursprung.

Mit knapp elf Jahren kam ich ins Internat der Jesuiten in Godesberg, dem Aloisiuskolleg. Dort waren schon meine älteren Brüder. Der Rektor der Schule war ein hochdekorierter, mit dem Hohenzollernorden ausgezeichneter Offizier, Pater Rektor. Der Wahlspruch der Schule war: „Deo, Patriae, Vitae", „Für Gott, fürs Vaterland, fürs Leben!" Welche Schule würde sich heute solchen Wahlspruch noch wagen zu geben? Man lernte mehr Haltung als Wissen. Obwohl man davon auch genug lernte, und man lernte das Wichtigste: Man lernte zu lernen.

Noch einmal zurück in die Zwanziger Jahre: Der Versailler Vertrag wurde von allen Parteien abgelehnt, weil wir unterschrieben hatten, dass die Deutschen allein schuldig waren am Krieg – das mussten wir unterschreiben, das war natürlich nicht wahr. Auch die wirtschaftliche Krise, die auch wegen des Versailles Vertrages über uns hereingestürzt war, hat Ratlosigkeit und Unwissen erzeugt. Die Arbeitslosigkeit hatte den Staat in ein Chaos gestürzt. Die wirtschaftliche Misere, in der die Masse lebte, drohte sie für radikale Parteien immer anfälliger zu machen. Da das wirtschaftlich völlig ruinierte Deutschland die hohen französischen Reparationen nicht bezahlen konnte, wollten die Franzosen statt des Geldes Naturalien in Form von Kohle holen und besetzten das Ruhrgebiet und das Rheinland im Januar 1923. Es kam zum Generalstreik, zum Boykott der nun unter französischer Regie fahrenden Bahn. Damals fuhr man im Rheinland unter keinen Umständen mit der Bahn. Wer mit der Bahn fuhr, wurde ausgejohlt. An jedem Bahnhof gab es Posten, die jedem, der den Bahnhof betrat, sagten: „Es ist verboten, du bist Deutscher, du kannst doch nicht mit der französischen Bahn fahren!" Man fuhr weite Strecken mit der Trambahn, da diese unter städtischer Regie fuhr. Man nahm heldenhaft tagelange Fahrten in Kauf, um nicht mit der französischen Regiebahn fahren zu müssen.

Die Deutschen hatten keine Kohle und froren. Sie mussten sehen, wie die Kohlen am Rhein und der Mosel entlang nach Frankreich gefahren wurden. Der Hass auf Frankreich wuchs. Bis 1928 waren großen Teile des Rheinlands auch nach der Ruhrbesetzung noch besetzt. Meine Eltern konnten nicht zur Beerdigung meiner Großmutter in die französische Zone fahren, weil mein Vater Reserveoffizier – Oberleutnant – im Ersten Weltkrieg gewesen war.

Am Aloisiuskolleg in Godesberg wurde Pater Seelen von uns gefeiert, als er beim Anblick einiger französischer Soldaten das Deutschlandlied angestimmt hatte. Das Singen und Abspielen des Deutschlandliedes war linksrheinisch verboten, und da Pater Seelen Holländer war, konnten ihm die Franzosen, die ihn festnehmen wollten, nichts tun. Wir johlten vor Freude. So wuchsen wir mit einem Hass gegen die Franzosen auf.

Dabei war die Wirtschaftslage – ich sagte es schon – katastrophal. Denn durch die Inflation 1923 war das Bürgertum verarmt und hatte kein Geld zum Kauf des Nötigsten. Durch die Weltwirtschaftskrise Anfang der Dreißiger Jahre stieg die Zahl der Arbeitslosen auf über 6 Millionen. Alles – Industrie, Handel und Landwirtschaft – war hoch verschuldet. Die innenpolitische Situation spitzte sich immer mehr zu. Die Vielzahl der politischen Parteien schwächte Deutschland nach innen und außen und die Mitte wurde zwischen den radikalen Flügeln zermahlen. Es spitzte sich immer mehr auf eine Machtübernahme durch die Kommunisten oder die Nazis zu. Wobei es den Nazis letztendlich gelang, im Januar 1933 mit demokratischer Legitimation an die Regierung zu kommen. Vorher war es so, dass man montags die Zeitung aufschlug und da stand dann drin: In Essen zwei SA-Leute von der KPD erschossen oder erstochen, und auf der anderen Seite stand: In Köln zwei Kommunisten von Nazis erstochen. Das war wie im Bürgerkrieg: Man konnte nachts nicht auf die Straße gehen. Dann kamen die Nazis. Von einem Tag auf den anderen war innenpolitisch Ruhe, und in der Wirtschaft ging es von einem Tag zum anderen aufwärts, was für jeden Einzelnen im Portemonnaie spürbar war. Die angestrebte Autarkie, also der Versuch, möglichst viel im eigenen Land zu erzeugen, führte zu einem Preisanstieg und mit dem so verdienten Geld konnten die Betriebe ihre Schulden zurückzahlen. Mit der ab 1936 stärker einsetzenden Rüstung hielt Hitler sein Versprechen, die Ketten von Versailles zu brechen. Den wirtschaftlichen Aufschwung möchte ich Ihnen mit wenigen Zahlen erläutern. In allen Industriebetrieben stieg die Beschäftigungszahl von rund 8 Millionen (1932) auf 16 Millionen (1936), die Eisenerzerzeugung stieg von 6.044.000 Tonnen (1935) dann auf 12.350.000 Tonnen (1939).

Die Arbeitnehmer, die bisher KPD oder SPD gewählt hatten, liefen scharenweise zu den Nazis, da sie mit den sozialen Leistungen von diesen überzeugt worden waren. Die Deutsche Arbeitsfront – die Nachfolgerin der Gewerkschaften – ermöglichte mit dem VW-Sparen den Erwerb eines luftgekühlten 6,5-Liter fressenden Autos für 1000 Reichsmark. Welcher Arbeiter hatte vor 1933 ein Auto? Keiner! Während vor 1933 kein Arbeiter sich einen Auslandsurlaub leisten konnte, fuhr ihn die KDF (Kraft durch Freude) für 50 Reichsmark – ein Wochenlohn – für 14 Tage mit einem Luxusschiff nach Madeira. Das soziale System, das wir heute haben, basiert weitgehend auf den sozialen Leistungen der Nazis, die damals in Europa führend waren.

Für die Bauern wurden Marktordnungen eingeführt, die einen Erlösanstieg bis 1938 um 67 % brachten. Und hiermit konnten auch diese ihre Schulden zurückzahlen. Deshalb ist die heute vielfach verbreitete Ansicht, der Nationalsozialismus sei nur schlecht gewesen, völlig unverständlich, denn es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass das gesamte Ausland Hitler politisch viel weiter entgegengekommen war als Stresemann und allen anderen Regierungen. Zahlreichende führende ausländische Politiker – Churchill, Summer Welles, Allan Dulles, viele andere - hatten sich zunächst höchst positiv über Hitler geäußert und seine Bewegung begrüßt, weil er der Gegenpol zum Kommunismus war.

Im Lande selbst gab die Parteileitung des Zentrums im Frühjahr 1933 die Parole aus, die unter Hitler stehende Front rückhaltlos zu unterstützen. Eine christliche, bäuerlich so profilierte Persönlichkeit wie der hiesige Bauernführer Dr. Georg Helm schrieb damals, 1933, an einen meiner Bekannten: „Ich sage es immer wieder und habe es meinen Freunden am 5. März, das heißt vor der letzten Wahl, gesagt: Wer in Deutschland leben und sterben will, muss alles daran setzen, dass dieser letzte Versuch zur Rettung unseres Vaterlands glückt – sonst steht ein Chaos und Bolschewismus an." Und die bayerischen Bischöfe hatten im gemeinsamen Hirtenbrief auch am 5. März erklärt: „Niemand darf jetzt aus Entmutigung und Verbitterung sich auf die Seite stellen und grollen!" Golo Mann schrieb deshalb 1982: „Damit erhielt Hitler die Zustimmung von 9/10 der Bevölkerung". Ich schildere das so ausführlich, damit Sie verstehen, weshalb damals fast alle hinter Hitler standen.

Ich war 1934 in der 11. Klasse, da wurde ich schon etwas vom Nationalsozialismus kuriert und das geschah so: Ein Freund und ich hörten, dass Hitler im Rheinhotel Dreesen, wo er immer abstieg, wenn er im Rheinland war, in Godesberg wohnte. Wir beschlossen, uns Hitler aus der Nähe anzusehen. Wir wussten nichts vom Röhmputsch und verließen ohne Erlaubnis das Internat und schlichen uns zum Hotel runter. Dort wurden wir sogleich von irgendwelchen SS-Wachen festgenommen und wegen unserer absoluten und offensichtlichen Harmlosigkeit in eine Garage gesperrt. Hinter uns knallte die Türe zu und wir saßen 24 Stunden drin. Wir bekamen in der Zeit nichts zu essen. Was aber noch schlimmer war: Wir bekamen Angst, dass die Jesuiten unser Fehlen bemerkten; das hätte unangenehme Folgen gehabt. So schlichen wir nach der Freilassung - wir waren nach dem Mittagessen runter gegangen und kamen vor dem Mittagessen wieder rauf - betröppelt ins Kolleg. Zu unserer Überraschung stellten wir fest, dass niemand unser Fehlen bemerkt hatte. Diese Stunden in der Garage haben unsere Liebe zu den Nazis nicht gestärkt.

Aber unbemerkt von der Öffentlichkeit schlug Hitler direkt nach der Machtübernahme den Weg in den Unrechtsstaat ein. Nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 – er war wohl von Göring angesteckt worden – kam im März 1933 das Ermächtigungsgesetz. Nur die Sozialdemokraten, die Schneid hatten, hatten gegen das Gesetz gestimmt. Eine ganze Menge Sozialdemokraten waren nicht zur Abstimmung gekommen, weil sie wussten, was mit den anderen passierte. Die kamen alle dann ins KZ. Nun war es Hitler möglich, ohne Genehmigung des Reichstages Gesetze zu erlassen. Auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss hatte dem Gesetz zugestimmt. Sollte man sich dagegen auflehnen? Der Reichstag war doch nur eine „Quatschbude" gewesen, ohne die Lebensumstände der deutschen Bevölkerung irgendwie verbessern zu können. Weshalb sollte er nicht ausgeschaltet werden? Und selbst der kluge Vatikan hatte dem Führer des Zentrums, dem Prälat Kaas, nahegelegt, für das Ermächtigungsgesetz zu stimmen, da ihm Hitler gesagt hatte, im Tausch dafür würde er das Reichskonkordat abschließen. Der Vatikan hoffte mit dem Reichskonkordat Hitler binden zu können und hatte deshalb das Zentrum für das Ermächtigungsgesetz stimmen lassen. Aber das Ermächtigungsgesetz war die Tür zum Unrechtsstaat.

Am 24. April 1934 war wegen des für die Nazis unbefriedigenden Ausgangs des Reichtagsbrand-Prozesses der berüchtigte Volksgerichtshof gebildet worden. Am 30. Juni 1934 hatte dann Hitler den angeblichen Röhmputsch niedergeschlagen. Bei Röhm handelte es sich um den Führer der SA, Schutzabteilung, eine paramilitärische Naziorganisation. Röhm war ein Nonvaleur, der damit kokettiert hatte, einmal Oberbefehlshaber des Heeres zu werden. Deshalb war er beim Heer höchst unbeliebt. Hitler schlug nun den angeblichen Putsch, den Röhm mit seiner SA gegen das Reich hätte führen wollen, nieder und bei dieser Gelegenheit beseitigten die Nazis viele Feinde aus allen Lagern. Unter ihnen waren die Generäle von Bredow und von Schleicher. Schleicher war vorher noch Reichskanzler gewesen. Er wurde mit seiner Frau am Schreibtisch erschossen. Die Nazis rächten sich auch an Klausener, einem prominenten Katholiken, der als Polizeireferent im preußischen Innenministerium die SA verboten hatte.

Die Reichswehr, froh, ihre Konkurrenz, Herrn Röhm, losgeworden zu sein, ließ die Morde ungesühnt. Die seinerzeit vom Chef der Heeresleitung, Generaloberst von Seeckt, zur unpolitischen Armee erzogene Reichswehr, die sich nicht in die Politik einmischen wollte, fühlte sich zu vornehm dazu und war damit zum Komplizen der Nazis geworden. Die Führer der Armee, Blomberg, Fritsch und Beck, hatten zugeschaut. Nur der spätere Feldmarschall von Witzleben, der nach dem 20. Juli 1944 umgebracht wurde, hatte damals schon gegen Hitler vorgehen wollen, aber man hatte es ihm untersagt. Der eigentliche Sieger des Röhmputsches war nicht das Heer, sondern die SS, die bis dahin als Unterabteilung der SA zugegliedert war.

Ich selbst war nach meinem Abitur und Ableistung meiner Arbeitsdienstpflicht im Herbst 1936 Soldat beim Kavallerie-Regiment 15 in Paderborn geworden.

Am 7. November 1937 richtete dann Hitler seine programmatische Rede, aus der seine kriegerischen Absichten klar hervorgingen, an den Reichskriegsminister von Blomberg, den Oberbefehlshaber des Heeres, Freiherr von Fritsch, den Chef des Generalstabs Beck und Außenminister von Neurath. Alle vier äußerten starke Bedenken gegen Hitlers Pläne. Nur ein halbes Jahr später – am 4. Februar 1938 – fielen Blomberg und Fritsch Hitler zum Opfer und Ribbentrop löste von Neurath ab. Alles erregte starken Unwillen – Sie kennen die Fritsch-Krise – im Heer. Aber die Generalität stand Gewehr bei Fuß; sie wartete ab. Sie stand den Intrigen und Machenschaften der Nazis hilflos gegenüber. Zwar hatten einige Generäle aufgemuckt, aber Beck hatte gesagt: „Offiziere meutern nicht." Derselbe Beck, der dann ein halbes Jahr später, als die kriegerischen Absichten Hitlers klar hervorgingen, als Chef des Generalstabs zurücktrat. Er wollte das nicht mitverantworten.

Im März 1938, nach dem Anschluss Österreichs, wurde mein Vetter Wilhelm Freiherr von Ketteler, der viel in meinem Elternhaus verkehrt hatte und mit meinen älteren Brüdern befreundet war, von der Gestapo in Wien in der Badewanne ertränkt. Er war damals der persönliche Referent beim Botschafter von Papen in Wien. Die Gestapo hatte ihn nach seiner Ermordung in die Donau geworfen, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Aber die Tat wurde bald ruchbar, da einer von den SD-Leuten (Sicherheitsdienst der SS) im besoffenen Zustand sich einem anderen gegenüber gerühmt hatte: „Wenn du nicht brav bist, ertrinkst auch du in der Badewanne wie dein Freund Ketteler." Da Papen allgemein bekannt war und nicht zurücktrat, glaubte man lange, dass gegen Ketteler irgendetwas Ehrenrühriges vorgelegen habe. Sonst wäre es doch unvorstellbar, dass Papen nicht zurücktrat. Papen war ursprünglich Vizekanzler Hitlers gewesen und um ihn hatte sich nach der Machtübernahme eine national-konservative Gruppe gebildet, mit Jung, Bose, Ketteler, Kageneck und Tschirschky; die drei anderen waren schon tot: Jung, Ketteler und Bose. Über Jung stand neulich auch ein Artikel in der „FAZ". Aber diese ganze Gruppe war nun zerschlagen mit dem Tod von Ketteler. Kageneck und Tschirschky flüchteten in die Schweiz. Ich nenne diese Beispiele nur, um deutlich zu machen, dass Hitler und die verbrecherische Clique, die ihn unterstützte, von Anfang an überhaupt keinen Zweifel daran ließen, dass sie bei der Ausschaltung von politischen Gegnern vor keinem Verbrechen einschließlich des Mordes zurückschreckten. Eines der vielen Verhängnisse für Deutschland war, dass sehr viele, auch in hoher Verantwortung stehende Persönlichkeiten, sich überhaupt nicht vorstellen konnten, dass die Staatsführung aus Mördern und Verbrechern bestand und sie daher eher eine Rechtfertigung und eine Entschuldigung für das Handeln der Nazis suchten. „Wenn das der Führer wüsste!" war eine Redensart, die viel gebraucht wurde. Aber der Führer wusste es nicht nur, nein, er hat es sogar angeordnet. Als dann klar wurde, dass die Nazis so handeln würden, war es zu spät.

Neben den politischen Gegnern bekämpften die Nazis und die nationalsozialistischen Mörder von Anfang an ihre jüdischen Mitbürger in Deutschland. So hatte Goebbels am 1. April 1933 bereits folgerichtig zum Boykott der jüdischen Geschäfte aufgerufen und im gleichen Monat wurden aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums – welcher Hohn der Name schon – alle jüdischen Beamten entlassen. Wohl aus Protest gegen all diese Maßnahmen und die folgenden Schikanen erschoss am 7. November 1938 ein Jude in Paris den deutschen Botschaftsattaché von Rath. Daraufhin organisierte Goebbels die „spontane Zerstörung" von etwa 7000 jüdischen Geschäften und allen Synagogen in Deutschland. Die Juden mussten eine Milliarde Strafsteuer zahlen und 30.000 wurden verhaftet. Wir hatten, ich war damals schon Leutnant in Paderborn, von all dem in der Kristallnacht nichts bemerkt. Wir lagen außerhalb von Paderborn in Neuhaus, zehn Kilometer von Paderborn entfernt, und hatten erst in der Frühe des Tages von den Geschehnissen gehört. Man war allgemein empört. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Gespräche beim Ausritt. Am Nachmittag hatten wir eine Übung der Offiziere. Es war für uns klar, dass wenn wir am Abend zufällig durch Paderborn spazieren gegangen wären und das Pogrom erlebt hätten, wir vom Notwehrparagraph hätten Gebrauch machen müssen. Diesen Notwehrparagraph lernte jeder Soldat auswendig. Er wurde einem in der Rekrutenzeit beigebracht, wann man die Waffe, die jeder Soldat immer bei sich zu tragen hatte, wenn er die Kaserne verließ, gebrauchen durfte. Der Infanterist hatte ein Seitengewehr, der Flieger hatte einen Dolch, der Artillerist und Kavallerist hatte einen Säbel und jeder Offizier eine Pistole. Es wurde einem beigebracht, wann man diese Waffe gebrauchen durfte, und in diesem Zusammenhang spielte der Notwehrparagraph aus dem Militärstrafgesetzbuch eine entscheidende Rolle. Jeder lernte diesen Paragraph auswendig, vorher kriegte er keinen Urlaub. „Notwehr ist diejenige Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff gegen das Leben, die Ehre oder das Eigentum von sich oder einem anderen abzuwehren." Wir hätten in Notwehr handeln müssen, sonst wären wir bestraft worden. Wir glaubten damals nach der Kristallnacht, die höhere Generalität würde selbstverständlich einschreiten. Es war einfach undenkbar, dass in Deutschland Unrecht geschah, ohne dass eingeschritten wurde. Es war für uns auch sicher, dass die Staatsanwaltschaft von sich aus einschreiten würde, aber außer Vertröstungen durch unseren sehr ordentlichen Kommandeur geschah nichts. Und wir schlitterten unweigerlich in den von den Nazis von Anfang an geplanten Krieg. Heute weiß man, dass Hitler KZ-Häftlinge in polnische Uniformen gesteckt hatte und dass diese Häftlinge dann den schlesischen Sender Gleiwitz angreifen mussten, um Hitler einen Vorwand für den Krieg zu geben. Wir wussten das damals nicht. Es war unvorstellbar, dass die Reichsregierung uns belog. Nach dem Polenfeldzug hörten wir, die wir am Westwall lagen, also gegenüber der französischen Grenze, von Greueltaten der SS im ehemaligen Korridor, das heißt im Gebiet zwischen Ostpreußen und Pommern. Und als Generaloberst von Blaskowitz einschreiten wollte, wurde er daran gehindert und anschließend kaltgestellt. Es war für mich und für uns alle undenkbar, dass der Staat planmäßig Unrecht tat. Unmoralität eines einzelnen Staates, von Repräsentanten des Staates - selbstverständlich; dann wird er bestraft. Aber dass der Staat selbst Unrecht tat, das war eigentlich undenkbar. Und wir bekamen Zweifel. Man hörte das, aber man hatte es nicht erlebt. Man hörte vieles, aber man lernte bald, weder dem Radio noch der Zeitung zu trauen, noch glaubte man irgendjemand, den man nicht ganz genau kannte. Man wurde immer vorsichtiger, denn jedermann wusste genau Bescheid, je weniger er in Wirklichkeit wusste. Mit Flüsterpropaganda wurde von allen Seiten gearbeitet und dabei viel gelogen. Aber das war das erste Mal, dass wir authentisch von Übergriffen gehört hatten. Es bedrückte uns. Nach Beginn des Russlandfeldzugs 1941 hörte ich das erste Mal von den Antieuthanasiepredigten des Bischofs von Münster, Graf Galen. Ich habe sie nicht gelesen, aber der Inhalt der Predigt ging durch die ganze Wehrmacht, da die Tötung unwerten Lebens, so hieß das, uns Soldaten besonders berührte. Wir hatten ja alle Kameraden, die Kopfschüsse hatten, die also wahrscheinlich auch nach einem Lazarettaufenthalt nun unter die Rubrik „lebensunwert" fallen würden. Die Euthanasie beunruhigte die Soldaten, deshalb gingen die Predigten Galens damals durch die gesamte Wehrmacht. Sollte das der Dank des Vaterlandes sein? Das durfte nicht sein. Es gab Proteste und auf die allgemeinen Proteste hin wurde dann die Euthanasie auch nicht durchgeführt. Im Gegensatz zu Galens Predigten kam der berüchtigte Kommissarbefehl nie bei uns an. Bei diesem Befehl handelte es sich um eine Order Hitlers vom Sommer 1941, alle gefangenen sowjetischen Kommissare zu erschießen. Die Kommissare waren Politoffiziere, die es in jeder russischen Einheit gab und die für die Durchsetzung der kommunistischen Weltanschauung in der entsprechenden Einheit verantwortlich waren. Dieser berüchtigte Mordbefehl wurde von vielen Stäben einfach nicht weitergegeben.

Im Winter 1941 wurde ich als Chef einer Reiterschwadron, das war eine Kompanie, vor Moskau schwer verwundet. Da ich im Mai 1942 nur noch mit Krücken gehen konnte und nicht frontverwendungsfähig war, kam ich als persönlicher Ordonnanzoffizier zu Feldmarschall von Kluge. Kluge war damals Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront; dort gab es drei Heeresgruppen: Nord, Mitte und Süd. Von diesen war Mitte bei weitem die stärkste mit etwa 1,3 Millionen Soldaten. Und in ihrem Stab war Oberst von Tresckow, ein erbitterter Gegner Hitlers, als erster Generalstabsoffizier (Ia) tätig. Zum Heeresgruppengebiet gehörte auch ein breiter Streifen hinter der Front, das so genannte rückwärtige Heeresgebiet, und daran anschließend das Gebiet des Reichskommissariats Ost, das der SS unterstand und das bis an das Reichsgebiet ging. Der Befehlsinhaber in diesem Zwischengebiet war der SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zelewski.

Einige Tage nach meinem Dienstantritt bei Kluge erhielt ich nun eine Meldung aus diesem Bereich. Jeden Morgen um 7.00 Uhr musste ich Kluge die Meldungen vortragen, die normalen Meldungen von der Front und was sonst an Meldungen anlag. Und da war auch diese Meldung dabei aus dem rückwärtigen Gebiet, von der ich eben gesprochen habe. Dieses Gebiet war für uns interessant wegen Sprengungen an Straßen und Brücken, weil durch dieses Zwischengebiet der Nachschub rollte. In dieser Meldung, die ich Kluge vortragen musste, stand als letzter Punkt: „Fünf Zigeuner sonderbehandelt". Da ich mir unter dem Wort „sonderbehandelt" nichts vorstellen konnte, sagte ich am Schluss meines Vortrages dem Feldmarschall: „Herr Feldmarschall, als letzter Punkt steht hier: 5 Zigeuner sonderbehandelt, ich weiß aber nicht was das heißt." Kluge wusste es auch nicht und sagte: „Das werden wir klären, von dem Bach-Zelewski kommt ja in ein paar Tagen, dann hält er mir einen Vortrag, dann werden wir ihn fragen. Bitte erinnern Sie mich daran." Nach einigen Tagen kam wirklich der SS-Obergruppenführer von dem Bach-Zelewski. Am Schluss seines Berichtes fragte ihn Kluge, nachdem ich den General erinnert hatte: „Ach, sagen Sie mal, was heißt eigentlich in Ihrer Meldung das Wort „sonderbehandelt"? Sie hatten da fünf Zigeuner sonderbehandelt." Von dem Bach-Zelewski antwortete: „Die haben wir erschossen." - „Wieso erschossen? Nach einem Kriegsgerichtverfahren?" – „Nein, nein", antwortete von dem Bach-Zelewski. „Alle Juden und Zigeuner, die wir packen können, erschießen wir." Kluge und ich erschraken wirklich und Kluge sagte: „Wieso erschießen? Sie züchten ja nur Partisanen, wenn Sie die einfach so erschießen lassen ohne kriegsgerichtliches Urteil. Denken Sie an die Haager Konvention." - „Das interessiert uns nicht. Die Juden und Zigeuner sind unsere Feinde, die erschießen wir, alle!" Es gab dann noch einen lebhaften Disput zwischen den beiden. Das endete damit, dass von dem Bach-Zelewski Kluge anguckte und sagte: „Alle Feinde des Reiches erschießen wir". Das war eine absolute Drohung. Kluge warf ihn fast raus und rief sofort Halder, den Chef des Generalstabs, an und verbat sich dieses Tun der SS in diesem Bereich, weil dann dort nur Partisanen gezüchtet würden. Mit der Widerrechtlichkeit zu argumentieren, schien Kluge schon damals nicht sinnvoll. Der einzige Erfolg des ganzen Theaters war, dass wir von dieser Zeit an keine Meldung mehr von von dem Bach-Zelewski bekamen. Ich war aber sicher, dass das Morden weitergehen würde. Das war das erste Mal, dass ich authentisch gehört hatte, dass von oben der Mord an Juden und Zigeunern befohlen wurde. Das war vor dem 10. Juli 1942. Das hat mich sehr umgetrieben. Bis dahin war ich Offizier und Verteidiger meines Staates. Nun merkte ich erstmals, dass dieser Staat nicht nur rechtmäßig war, sondern dass in diesem Staat offiziell Verbrechen begangen wurden. Das hat mich sehr umgetrieben. Ich habe mich dann im Stabe immer wieder umgehört und musste feststellen, dass man von Judenerschießungen wusste. Das Vorkommando des Stabes hatte es in Borrisow erlebt. Damals hatte die lettische SS 7000 Juden erschossen. Es wurde darauf umgehend der militärische Standortkommandant von Borrisow zur Rede gestellt und befragt, wieso er so etwas habe zulassen können. Er hatte es nicht angeordnet, aber in seinem Bereich war es geschehen. Der arme Mann war überfordert, sah aber ein, dass er niemals das habe zulassen können. Mit dem Vorwurf, er habe den Tod von 7000 Juden mit zu verantworten, wollte er nicht weiterleben. Auf der Rückfahrt nach Borrisow hat er sich erschossen. Der Vorfall hatte sich 1941 ereignet. All dies erweckte Abscheu, Entsetzen und Angst. Es war klar, dass diese Verbrechen auf unser deutsches Volk hundertfach zurückschlagen würden.

Mit Tresckow hatte ich langsam eine immer engere Verbindung, weil er jeden Tag zum Lagevortrag kam und oft im Zimmer warten musste, weil Kluge noch in irgendeiner anderen Besprechung war. Man hatte ja damals besondere Antennen, mit denen man feststellte, wo der einzelne lag. Tresckow war befreundet mit Oster, dem Chef der Spionageabwehr unter Admiral Canaris, und dieser wiederum kannte gut den SS-Gruppenführer Nebe, vor dem Krieg Reichskriminalrat. Über seinen Tisch liefen alle Verbrechen, die es gab. Alles was der SD tat, alles was die Polizei tat, die Fritsch-Krise und alle diese Geschichten waren über seinen Schreibtisch gelaufen. Er wusste alles. Er war eine zwiespältige Figur, denn ihm unterstand auch eine SD-Einheit, die Menschen gemordet hatte. Aber er hasste die Nazis und berichtete deshalb Oster von den Verbrechen. Nur über die Schiene Oster-Nebe-Oster-Tresckow erfuhr ich also auch immer wieder von den Verbrechen. Eine Weile nach meiner Ankunft im Heeresgruppenstab, noch vor Stalingrad, zeichnete sich bereits die Unmöglichkeit ab, den Krieg im Osten siegreich zu beenden. Der Oberleutnant von Schlabrendorff, Ordonnanzoffizier bei Tresckow, hatte den offiziellen Auftrag, die materielle Aufrüstung der Alliierten, der Russen, Amerikaner damals schon, Engländer, Franzosen usw. zu sammeln und jeden vierten Tag dem Feldmarschall Kluge und Tresckow vorzutragen. Daraus ersah man schon 1942, dass die Panzerzahl, Flugzeugzahl usw. in einem Aufsteigen war, dass in Kürze sie etwa das Zehnfache der deutschen Produktion hatte. Außerdem wurden die Menschen, die bei uns ja schon Mangelware wurden, immer mehr, wenn die Amerikaner dazukamen. Und so rechnete Tresckow klipp und klar damit, vor Stalingrad, dass wir den Krieg verloren hätten. Es zeichnete sich, wie gesagt, die Unmöglichkeit ab, den Krieg im Osten zu beenden. Es musste nach Ansicht der Heeresgruppe nach einer politischen Lösung gesucht werden. Die andere Gelegenheit dazu bot sich, als einige vaterlandsliebende Ukrainer der Heeresgruppe das Angebot machten, mit uns gemeinsam gegen Stalin in den Krieg einzutreten, wenn dafür der Ukraine eine partielle Selbstständigkeit im Krieg und nach Kriegsende eine territoriale Selbstständigkeit zugesichert wurde. Zum gleichen Zeitpunkt hatten wir in den Heeresgruppen der Ostfront zwischen 700.000 und 1.000.000 Hilfswillige. Das heißt, bei jedem Tross von jeder Kompanie gab es russische ehemals Gefangene, die in deutschen Uniformen die Fahrzeuge führten, weil es viel zu wenig Fahrzeugführer gab. Wir hatten ja alle die schweren, gummibereiften Nachschubwagen, die in Russland sofort stecken blieben, und infolgedessen musste das, was bisher ein Fahrzeug gefahren hatte, auf fünf bis sechs Schlitten umgeladen werden. Dafür hatten wir keine Fahrer. Das machten die Hiwis, die versorgt wurden und nicht zum Kampf eingesetzt wurden, aber beim Tross waren. Das waren also im Jahr 1942 700.000 bis 1.000.000 ehemals russische Soldaten, die bei den Trossen eingesetzt waren, und 3,6 Millionen Kriegsgefangene. Tresckow, der I a der Heeresgruppe, legte Kluge nun eine Studie vor, aus der hervorging, man solle das Angebot der Ukrainer sehr sorgfältig prüfen und wenn möglich annehmen. Mit ihm und einem Teil der Kriegsgefangenen und der Hiwis, die sicherlich nach der Proklamation eines ukrainischen Staates mit uns gegen die Sowjetarmee kämpfen würden, bestünde noch berechtigte Hoffnung, den Krieg im Osten als Sieger zu beenden. Die Entscheidung musste Hitler treffen und so wurden die verständigungswilligen Ukrainer mit der Studie Tresckows, die Kluge unterschrieben hatte, ins Führerhauptquartier geleitet. Nach einer Weile erfuhren wir hintenherum, dass Hitler es abgelehnt habe, auf den Vorschlag der Heeresgruppe einzugehen. Und nicht nur das: Die Ukrainer wären als mögliche russische Elite umgebracht worden.

In unserem Ordonnanzoffizierszimmer hatten wir einen Lautsprecher und wir hatten die Aufgabe, alle Gespräche, die Kluge führte, mitzuhören. Er wollte das, damit wir genauestens orientiert waren. Die Gespräche mit Hitler waren äußerst interessant und spannungsreich. Es war ja höchst interessant festzustellen, wie psychologisch geschickt Hitler diese Gespräche führte. Wenn er sich nämlich nicht so entscheiden wollte, wie Kluge das wollte, und es deshalb zu einer gereizten Stimmung kam - Gespräche wurden ja nur geführt, wenn es um wichtige Sachen ging -, dann lenkte Hitler im letzten Moment immer ein. Er sagte dann beispielsweise: „Herr Feldmarschall, ich habe mir übrigens erlaubt, Ihrer Frau zum Geburtstag 30 gelbe Rosen zu schicken, das sind doch ihre Lieblingsblumen. Und im Übrigen müssten wir uns die Fragen, die wir besprochen haben, noch mal durch den Kopf gehen lassen. Ich will noch mal darüber schlafen. Morgen rufe ich Sie an." So umging Hitler immer eine harte Auseinandersetzung am Schluss eines Gespräches. Mehrmals hatte ich schon geglaubt, das Telefongespräch würde mit der Entlassung Kluges enden. Aber kurz vor einem Eklat bog Hitler mit ein paar persönlichen Worten die letzte Spitze wieder ab, sodass Kluge nichts sagen konnte, während Hitler die Entscheidung verschob. Hitler versicherte dann, wie ich es schon sagte, dass er Kluge nochmals anrufen würde. Er rief selbstverständlich nicht wieder an und war für Kluge auch die nächste Zeit nicht zu erreichen. Und die Entscheidung wurde dann so gefällt, wie Hitler sie ursprünglich gewollt hatte. Das habe ich mehrmals erlebt. Kluge war bei diesem Gespräch ein harter Kämpfer ohne jede Angst. Zu Kluges 60. Geburtstag, im Oktober 1942, rief plötzlich Hitler an, um Kluge zu gratulieren. Gegen Ende des Gesprächs sagte Hitler dann zu Kluge: „Herr Feldmarschall, ich habe gehört, Sie wollen einen neuen Kuhstall in Böhne", das war das Gut seiner Frau bei Rathenow, „bauen. In Anbetracht Ihrer Verdienste um das deutsche Volk schenke ich Ihnen für 250.000 Reichsmark Bezugsscheine für Baumaterial." Damit verabschiedete sich Hitler. Man konnte damals 1942 ohne Sondergenehmigung keinerlei Baumaterial kaufen. Hitler hatte Kluge deshalb die Bezugsscheine und das Geld geschenkt. Mit den Worten „Auf Wiedersehen, Herr Feldmarschall!" und „Heil, mein Führer!" als Kluges Antwort war das Gespräch beendet. Mir hatte es den Atem verschlagen. Kluge klingelte auch schon und ich ging zu ihm rein. Ich merkte gleich, dass ihm nicht angenehm war, dass ich dieses Gespräch mitgehört hatte. Wir kannten uns ja schon sehr gut. Von morgens 7.00 Uhr bis abends 11.00 Uhr waren wir eigentlich ununterbrochen zusammen. Kluge begann das Gespräch: „Boeselager, haben Sie gehört, was der Führer am Schluss gesagt hat?" Ich bejahte. „Was halten Sie von dem Geschenk?" Ich antwortete, damals 25 Jahre alt, so aus dem Bauch heraus: „Herr Feldmarschall, ich kann mich nicht erinnern, je gehört zu haben, dass ein preußischer Feldmarschall oder ein General im Krieg eine Dotation bekommen hätte. Nach einem gewonnen Krieg selbstverständlich, aber nicht während des Krieges. Ich würde das Geld dem Deutschen Roten Kreuz geben." Mit etwas schlechtem Gefühl ging ich weg. Ob mein Rat wohl richtig war? Ob er wohl von Kluge befolgt wurde?

Da ich sicher war, dass Kluge auf dieses Gespräch zurückkommen würde - wir waren ja immer zusammen und ich war gewissermaßen sein Echo -, wollte ich mir bei Tresckow, meinem väterlichem Freund, Rat holen. Tresckow - das war ein Weg von 200 bis 300 Metern - war ein charismatischer Offizier mit ungewöhnlicher Ausstrahlung, ein großartiger Mann. Preuße durch und durch, aber nicht ein Preuße, wie er heute immer wieder dargestellt wird, sondern einer von denen, deren Parole war: Ich diene. Ich diene aus einer christlichen Haltung heraus. Diese ganzen Gruppen waren Pietisten. Sie dienten dem Staat, dem dienten sie. Als Preuße - Preußen, das war eine Idee! - als Preuße war man als Adeliger Infanterist. Für einen Adligen war es das größte Vorrecht, im 1. Garderegiment zu Fuß zu dienen. Das Wort „Zurück" gab es nicht. Es war eine Weltanschauung. Die Tradition dieser preußischen Infanterie-Garderegimenter hatte in der Reichswehr das Infanterie-Regiment Nr. 9 übernommen. Und es ist kein Zufall, dass aus diesem Regiment mehr Widerstandskämpfer hervorgegangen sind als aus jedem anderen. Sein letzter Adjutant war der ehemalige Bundespräsident von Weizsäcker. Ich erzählte Tresckow den Inhalt des Gesprächs zwischen Kluge und Hitler und fragte ihn, ob ich Kluge richtig beraten hätte. Ich vermutete eben, wie ich schon sagte, dass Kluge sicher auf das Telefongespräch zurückkommen würde, und wollte mir bei Tresckow Rat holen. Er war mir ein väterlicher Freund und ich wusste, dass ich mit ihm darüber sprechen konnte, ohne meine Schweigepflicht, die ich selbstverständlich als Ordonnanzoffizier hatte, zu verletzen. Zu meinem Erstaunen wollte Tresckow von mir die Erlaubnis haben, in einem Gespräch mit Kluge das Telefonat mit Hitler zu erwähnen. Daraufhin gab es einen lebhaften Disput zwischen Tresckow und mir. Am Schluss sagte ich ihm: „Herr Oberst, ich bin persönlicher Ordonnanzoffizier des Feldmarschalls, das ist eine absolute Vertrauensstellung. Herr Oberst dürfen von dem Gespräch zwischen uns keinen Gebrauch machen. Ich bin nur zu Ihnen gekommen, um mir einen Rat zu holen. Nicht zu meinem Vorgesetzten. Mein Vorgesetzter ist allein der Feldmarschall." Als Tresckow sah, dass es mir ernst war, begründete er seine Bitte, indem er sagte: „Der Feldmarschall darf sich nicht vom Führer abhängig machen. Wir brauchen ihn im Kampf gegen Hitler." Mit diesem Satz hatte sich Tresckow offenbart und mich in den Kreis seiner Widerstandsgruppe hereingenommen. Von dieser Stunde an gehörte ich zur Widerstandsgruppe Tresckows. Ich war dann abends bei den Gesprächen oft dabei, die begannen, wenn der offizielle Dienst ab 11.00 Uhr abends vorbei war und der Nachtdienst begann. Nach 2.00 Uhr war ein Leutnant am Telefon erreichbar, sei es für Rückfragen aus dem Führerhauptquartier, von Hitler oder von den Armeen, wenn besondere Meldungen kamen. Das machte normalerweise ein Leutnant oder Oberleutnant und wenn am nächsten Tag bei Kluge nichts Besonderes los war, dann machte ich oft diesen Dienst, um die anderen Offiziere zu entlasten. Bei diesen Gesprächen abends drehte es sich nicht um die Frage, ob ein Attentat erlaubt sei, sondern wie es zu geschehen hätte und dergleichen mehr. Neben Kluge waren die beeindruckendsten Männer im Stabe der Heeresgruppe Mitte die Angehörigen dieser so genannten I a-Staffel. Diesen Offizieren hat Fabian von Schlabrendorff, der als Ordonnanzoffizier von Tresckow zu dieser Staffel gehörte, in seinem Buch „Begegnungen in fünf Jahrzehnten" ein Denkmal gesetzt. Schlabrendorff selbst war Christ und Preuße der alten Schule. Sein Vater war General gewesen. Schon vor Kriegsbeginn war er ein erbitterter Gegner Hitlers. Er hatte mit seiner überragenden Intelligenz schon früh das Verbrecherische an Hitler durchschaut. Schlabrendorff machte es seinen Freunden nicht leicht. Er war verschlossen und konnte aufbrausend sein. Sein ätzender Spott konnte vernichten. So hatten wir besprochen, dass man eigentlich einen neuen Staat nicht beginnen kann mit einem Mord, sondern dass man Hitler festnehmen sollte und aburteilen. Dann sagte er: „Ja, ja, aber vergesst bitte nicht, die roten Roben aus Leipzig zu holen. Ohne die roten Roben kann das Gericht nicht tagen." Damit war die Sache ad absurdum geführt. Er war verschlossen und konnte aufbrausend sein. Doch all dies wurde, wenn man ihn näher kannte, durch seine Toleranz, sein immer waches Interesse an Mitmenschen und seine Demut vor Gott wettgemacht. Darüber hinaus hatte er nach seiner Festnahme am 20. Juli in seiner Haftzeit eine Treue und Tapferkeit gezeigt, die vielen seiner Freunde, so auch meinem Bruder und mir, das Leben gerettet hat. Er war und blieb sein ganzes Leben sich selbst und seinem Herrgott treu. Im Laufe dieser Gespräche lernte ich eben Menschen kennen, deren Wertvorstellungen vorbildlich waren. Ihrer zu gedenken würde der heutigen Generation helfen. Ein Großteil dieser Offiziere ist nach dem 20. Juli entweder umgebracht worden oder hat sich selbst umgebracht. Musst du da mitmachen? Oder darf man sich drücken? Hat man Recht mit seiner Beurteilung Hitlers oder hat man Unrecht? Das waren drängende Fragen. Um den einmal gefassten Beschluss - Tresckow hatte mich gefragt: „Machen Sie mit, um das Schwein abzuschießen?" - zu untermauern, suchte man immer wieder neue Begründungen. Der Eid, den ich auf Hitler geschworen hatte und der bei vielen Soldaten ein ernstes Hindernis war, gegen Hitler vorzugehen, war dies bei mir nicht. Ich war sicher, dass der Eid eine zweiseitige Bindung sei und dass Hitler ihn unzählige Male gebrochen hatte. Mir war auch klar, dass Hitler Deutschland militärisch in den Abgrund führen würde und dass er ein Verbrecher war. Aber Mord bleibt Mord. Und ich hoffe selbstverständlich, dass je ernster der einzelne die Entscheidung nimmt, sie auch eine umso größere Last ist. Letztlich kann eine Entscheidung im Glauben und in der Hoffnung nur gefällt werden, dass sie nach ehrlicher Prüfung vor Gott verantwortbar ist. Bonhoeffer nannte das „das Wagnis der eigenen Verantwortung".

Wie unverantwortlich die höchste Führung war, möchte ich an einem kleinen Beispiel zeigen. Wenn es die Lage erforderte, kam es zu persönlichen Gesprächen von Kluge mit Hitler. Es musste allerdings schon etwas Besonderes los sein. Dann wurde die Besprechung rechtzeitig terminiert und Kluge flog in das jeweilige Hauptquartier. Dies lag im Frühjahr/Frühsommer 1942 in der Ukraine. Die Gespräche wurden bestens und genauestens vorbereitet und mit einem Sack voller Argumente flog man los. Bei einem meiner Besuche ging es darum, ob die 9. Armee, die in einer sehr ungünstigen Stellung lag, nämlich gerade dort, wo der russische Vormarsch 1941/42 im Winter hatte aufgehalten werden können, in eine günstigere Stellung zurückgenommen werden könnte. Die Heeresgruppe erhoffte sich erstmals wieder Reserven bilden zu können und umschichtig die Frontdivisionen, die seit Kriegsbeginn ständig im Einsatz waren, zur Auffrischung herausziehen zu können. Für mich persönlich ging es darum, ob meine alte Schwadron, dazu viele Freunde und Bekannte vom sechsten Korps, aus der Gefahr der Einkesselung heraus kämen oder nicht. Damals war es das erste Mal, dass ich als Ordonnanzoffizier nicht an der Besprechung bei Hitler teilnahm und auch nicht mit Hitler zusammen nach der Besprechung aß, sondern an der Tafel Bormanns. Er war der Chef der Parteikanzlei des Führers, aber in Wirklichkeit war er der mächtigste Mann nach Hitler. Über seinen Schreibtisch liefen alle Vorkommnisse. An seinem Mittagstisch aßen die Vertreter aller Ministerien. Er war Hausherr. Bormann war eine widerliche Type. Er sah roh und gewalttätig aus. Ein brutaler Mann. Während des Essens ging das Gespräch über mich, den jungen Oberleutnant, der am Ende saß, hinweg. Ich war äußerst interessiert zu hören und zu sehen, wie es im Führerhauptquartier in dieser Abteilung zuging. Und sehr bald richtete der Vertreter des Auswärtigen Amtes in seiner fabelhaften Uniform die Frage an Bormann, was man im folgenden Falle tun solle: Der Erzherzog Joseph, ein österreichischer Generalfeldmarschall, würde 70 Jahre. Solle man ihm ein Glückwunschtelegramm schicken? Er mache aber darauf aufmerksam, dass der Feldmarschall mit einer katholischen Wittelsbacherin verheiratet sei. Dass die Habsburger katholisch waren, schien er nicht zu wissen, sonst hätte er nicht auf die katholische Frau hinweisen müssen. Darauf entschied Bormann: „Der kriegt kein Telegramm." Als wir dann zum Nachtisch kamen, beschwerten sich einige Herren, dass im Führerhauptquartier zu dieser Zeit, in der es doch noch Erdbeeren gebe, Kirschen serviert würden, bei denen man die Steine ausspucken müsste. Und den Höhepunkt bildete am Schluss ein Gespräch, in dem festgelegt wurde, wer von den anwesenden Herren sich in der Nacht um die „Damen" der KDF-Gruppe, einem Ballett, kümmern sollte, die im Führerhauptquartier gerade gastierten. Das war das Führerhauptquartier! Ich war entsetzt und wütend. Bei uns im Heeresgruppenstab wäre in keiner Abteilung ein so niedriges Niveau überhaupt denkbar gewesen, geschweige denn wenn Gäste da waren. Ich war erregt und wütend, stand auf und ging aus dem Esszimmer hinaus. Draußen steckte ich mir eine Zigarette an, um mich zu beruhigen. Da kam auch schon eine Ordonnanz heraus und sagte mir: „Sie sollen zum Reichsleiter kommen." Bormann fragte mich, weshalb ich das Essen verlassen hätte. Ich antwortete ihm, dass ich mir als Oberleutnant und Ordonnanzoffizier des Feldmarschalls von Kluge unter dem Führerhauptquartier etwas ganz anderes vorgestellt hätte. Wir wären in großen Sorgen um die 9. Armee hergekommen, und hier drehte sich das Gespräch darum, ob man Erdbeeren oder Kirschen kriegt. Und das im Führerhauptquartier, wo doch die Sorgen sicherlich größer seien als bei einer einzelnen Heeresgruppe. Daraufhin brüllte Bormann irgendetwas und ein SS-Mann kam, schnappte mich und steckte mich nebenan in ein kleines Zimmer. Ich holte mir aber zuerst meine Zigarette und wartete auf die Dinge, die da kommen würden. Die kamen nach einer Weile, als ich draußen Kluge „Boeselager! Boeselager!" rufen hörte. Der Posten vor meiner Tür sagte ihm irgendetwas und dann riss Kluge die Tür auf und ich sagte: „Hier." „Was machen Sie denn da?", fragte Kluge und als ich es ihm erklären wollte, sagte er: „Ne, ne, hinterher im Flugzeug." Wir stiegen in das Auto, das uns zum Flugzeug brachte. Dort meldete ich Kluge, was geschehen war. Er sagte: „Ja, ja. Ich habe Sie diesmal rausgeholt, das nächste Mal halten Sie gefälligst den Schnabel. Recht haben Sie." Für mich war es eine zutiefst deprimierende Erfahrung, wie gleichgültig den braunen Herren im Führerhauptquartier der Krieg und das Schicksal der Soldaten an der Front war.

Tresckow suchte lange Zeit für seine Attentatspläne eine Einheit, auf die man sich absolut verlassen könne, und für diese Einheit auch noch einen entsprechenden Kommandeur. Letzteres war fast noch schwieriger, da die Offiziere immer wieder hin- und herversetzt wurden oder durch Verwundung ausfielen. Mein Bruder Georg war damals schon ein hochdekorierter Offizier. Er war in der ganzen Armee bekannt, weil er als einer der ersten im Frankreichfeldzug das Ritterkreuz und in Russland ganz am Anfang schon das Eichenlaub bekommen hatte. Er schien mir für Tresckows Attentatspläne besonders geeignet. Und ich hatte das Tresckow erzählt. Durch einen Zufall kam mein Bruder, der nach Erhalt des Eichenlaubs Ausbilder bei der deutschen Militärmission in Rumänien war, auf der Durchreise in unser Hauptquartier. Er wollte seine alte Schwadron, die an der Front lag, in seinem Urlaub besuchen und ich hatte Kluge gefragt, ob er mit der Kuriermaschine kommen dürfe. Kluge war sehr überrascht darüber, dass einer in seinem Urlaub seine alte Einheit besuchte und sagte: „Ja, das ist ein toller Kerl, lassen Sie ihn herkommen, er kann auch bei uns wohnen."

Im Laufe eines Gesprächs mit Feldmarschall von Kluge fragte dieser ihn dann nach dem Schicksal seiner alten Schwadron. Und am Beispiel dieser Schwadron wurde von meinem Bruder das Schicksal der meisten Reiterschwadrone geschildert, die, nachdem jetzt eine durchlaufende Frontlinie war, für die Aufklärung nicht mehr eingesetzt werden konnten und als Melder bei den Divisionen verschlissen wurden. Mein Bruder schlug Kluge vor, die Reste der alten, hervorragend ausgebildeten Reiterschwadronen aus diesen Infanteriedivisionen herauszuziehen und aus ihnen einen Reserveverband mit motorisierten Kleinfahrzeugen zu machen. Dann hätte man einen Verband, der jederzeit an allen Brennpunkten der Front im Bereich der Heeresgruppe eingesetzt werden könnte. Damit verfüge die Heeresgruppe dann wirklich über einen Teil Reserve, die auch zu jedem Wetter, auch in der Schlammperiode und bei hohem Schnee, eingesetzt werden könnte. Und die alten Schwadronen der Friedensregimenter würden auch zweckentsprechend eingesetzt.

Kluge überlegte sich Georgs Vorschlag und sagte am nächsten Vormittag zu ihm: „Ich habe mir Ihren Vorschlag heute Nacht überlegt. Ich bin einverstanden. Gehen Sie zu Tresckow und regeln Sie mit ihm alle Einzelheiten." Kluge wusste nichts von meinem Gespräch mit Tresckow, dem ich vor der Ankunft meines Bruders nochmals gesagt hatte, dass er mit meinem Bruder denjenigen finden würde, den er für seine Attentatspläne suchte. Georg ging nun zu Tresckow. Die beiden waren sich sofort einig. Es entstand und bestand von Stund an ein ungeheueres Vertrauen. Das war die Geburtsstunde des Kavallerieregiments Mitte, der späteren dritten Kavalleriebrigade bzw. dritten Kavalleriedivision.

Die Aufstellung begann am 1. Januar 1943. Bis zum März 1943 waren die ersten vier bis fünf Schwadronen zusammen. Wir lagen ganz in der Nähe des Heeresgruppenstabes, um als solche immer als Reserve vom Heeresgruppenstab eingesetzt zu werden und auch zu Tresckows Verfügung zu sein. Bei ihm waren ganz ausgezeichnete Offiziere bei diesen Schwadronen, mit denen man den Teufel aus der Hölle holen konnte. Anfang März wurde auch klar, dass Tresckows alter Wunsch, Hitler zur Heeresgruppe zu locken, in Erfüllung gehen würde. Schon lange war besprochen worden, dass Hitler möglichst bei einem Frontbesuch getötet werden solle, da dann mit größter Sicherheit die Chance bestand, Hitlers Sicherheitskordon auszuspielen.

Es war besprochen und bis in alle Einzelheiten durchexerziert, dass Hitler und Himmler, der mitkommen sollte, im Offiziercasino durch ein Pistolenattentat getötet werden sollten. Tresckow war es geglückt, Hitler zu uns zu locken, um das berühmte Unternehmen „Zitadelle" vorzubereiten. Bei diesem Unternehmen handelte es sich um den letzten großen Angriff der Heeresgruppe Mitte mit der Heeresgruppe Süd gegen die Russen. Das Unternehmen wurde vom Stab der Heeresgruppe und von allen Armeeoberbefehlshabern abgelehnt. Hitler bestand darauf. Deshalb hatte Tresckow es fertig gebracht, Schmundt, dem Heeresadjudanten bei Hitler, klarzumachen, dass Hitler persönlich kommen müsse, um die Armeeoberbefehlshaber zu überzeugen, dass dieser Angriff sinnvoll war. Als nun feststand, dass er am 13. März kam, wurde eben dieses Attentat geplant. An dem Attentat sollten Offiziere des Führungsstabes der Heeresgruppe, Tresckow, Kleist, Oertzen usw., und von der Abteilung vom Regiment meines Bruders teilnehmen.

Von den neun Offizieren wusste jeder, wo er sitzen sollte. Jeder wusste, auf wen er schießen sollte. Kluge hatte ich eingeweiht. Ich hatte ihm gesagt, ich könnte mir vorstellen, dass der Führer nicht auf seinen zwei Beinen das Heeresgruppenhauptquartier verließe. „Kann sein, kann sein." Er wusste also Bescheid. Als Kluge erfuhr, dass Himmler nicht mitkam, verbot Kluge am Abend vor der Ankunft Hitlers das Attentat. Er fürchtete einen Bürgerkrieg zwischen Heer und SS. Obwohl das Attentat genauestens vorgeplant war - jeder wusste, wo er reinkommen sollte, wo er im Halbkreis um Hitler und Himmler herum sitzen sollte - , wurde es im letzten Moment abgesagt.

Bei uns allen war die Enttäuschung nach Hitlers Heimflug groß und ich spüre in meiner Erinnerung noch die gespannte Atmosphäre, als Hitler aus der Baracke von Kluge, wo die Besprechung vorher war, nun mit seinem Gefolge in das Casino ging. Ich ging kurz hinter ihm mit dem Oberstleutnant Brand und unterhielt mich ganz harmlos mit ihm, was mir sehr schwer fiel, weil ich wusste, dass an sich in zehn Minuten Hitler tot gewesen wäre. So war es geplant.

Anschließend - das wusste ich damals nicht - gab Tresckow dem Oberstleutnant Brand ein Paket mit zwei Bomben mit, die als Cognacflaschen deklariert waren und die Brand dem General Stieff mitbringen sollte. Tresckow sagte zu Brand, der im Gefolge von Hitler war, er habe eine Wette gegen Stieff verloren und er bäte ihn, die beiden Cognacflaschen Stieff zu übermitteln. Brand nahm diese beiden Pullen arglos mit und steckte sie in den Bagageraum unter das Flugzeug. Wir wussten nicht, dass die Zünder versagten, wenn gewisse Kältegrade vorhanden waren, und die beiden Bomben, die über Minsk explodieren sollten, explodierten leider nicht. So scheiterte auch dieses Attentat, denn das wäre ein Attentat gewesen, an dem nicht das Heer die Schuld gehabt hätte, wie bei einem Pistolenattentat, sondern das wäre dann ein technischer Unfall gewesen.

Tresckow war aber hartnäckig und nachdem feststand, dass Hitler das Zeughaus im März besuchen würde, um dort die von der Heeresgruppe Mitte erbeuteten Waffen sich vorführen zu lassen, sprach er mit Gersdorff, das war der I c der Heeresgruppe, also der Feindnachrichtenoffizier der Heeresgruppe, der Hitler durch die Ausstellung führen und ihm die einzelnen Waffen erklären sollte, ob er nicht ein Selbstmordattentat durchführen könnte.

Gersdorff erklärte sich bereit. Es war für diese Führung eine halbe Stunde vorgesehen. Gersdorff zündete diese Bombe. Nach zehn Minuten verließ Hitler fluchtartig das Zeughaus und Gersdorff hatte gerade noch Mühe aufs Klo zu gehen und die Bombe wieder zu entschärfen, die auf 20 Minuten eingestellt war. So waren im März 1943 drei Attentatsversuche auf Hitler gescheitert.

Anschließend übernahm ich die erste Abteilung des Kavallerieregiments Mitte, dessen Kommandeur mein Bruder war. Wir waren zum Versuchstrupptenteil gemacht worden, um schnellstens mit modernsten Waffen ausgerüstet werden zu können. Wir sollten ja offiziell Heeresgruppenreserve werden, aber Tresckow hatte uns auch für andere Zwecke vorgesehen. Zur Tarnung sollten wir auch verschiedene Sprengstoffe in ihrer Wirkung vergleichen und erproben. Da ich als Leutnant in Höxter bei Paderborn eine Pionierausbildung erhalten hatte, wurde meine Abteilung mit diesen Sprengstoffversuchen beauftragt. Für diesen Zweck bekamen wir russischen, polnischen, ungarischen, italienischen, französischen, dänischen, belgischen und englischen Sprengstoff zugeteilt. Normalerweise gab´s an der Ostfront nur deutschen, polnischen, französischen und russischen Sprengstoff.

Bei diesem Versuch schnitt der englische Sprengstoff am besten ab. Und ich meldete das und meldete auch, dass die Zünder genauestens arbeiten. Man konnte sie genauestens auf zehn, zwanzig und dreißig Minuten einstellen. Und die Zünder waren unhörbar. Sie zischten nicht, während die meisten anderen zischten oder einen Ton von sich gaben.

Kurze Zeit, nachdem ich die Abteilung übernommen hatte, kam der Chef unserer Panzerkompanie zu mir. Ich kannte ihn schon aus dem Frankreichfeldzug. Er trat völlig verstört in mein Zimmer und sagte mir, er sei zwei Tage im Urlauberzug aus Deutschland mit SD-Leuten (Sicherheitsdienst der SS) gefahren, die sich gebrüstet hätten, im Bereich der Heeresgruppe Süd 250.000 Juden umgebracht zu haben. Nun seien sie in den Bereich der Heeresgruppe Mitte versetzt worden, um auch diese „judenrein" zu machen. Die SD-Leute hätten viel Alkohol bei sich gehabt und wären deshalb nachher bereit gewesen, das alles in allen Einzelheiten zu schildern, wie sie es gemacht haben. Ich möchte das hier nicht schildern, weil es so grauenhaft war. Heute wissen wir um diese Geschehnisse. Damals wussten wir das im Einzelnen nicht.

Der Hauptmann war ganz erschüttert, wie sie sich mit grauenhaften Einzelheiten gebrüstet hatten und kam zu mir, um sich auszukotzen. Ich rief meinen Bruder an und sagte ihm: „Ich muss sofort zu Kluge!" Er fragte: „Was ist denn los?" Ich sagte ihm: „Herr Major, das hat nichts mit dem Regiment zu tun. Ich melde es hinterher." „Gut, fahr!", antwortete er und hatte schon aus meiner offiziellen Anrede gemerkt, dass da etwas Wichtiges im Gange war.

Ich bin dann zu Kluge gefahren und wurde auch sofort vorgelassen, weil ich ja noch kurz vorher bei ihm Ordonnanzoffizier gewesen war, und meldete ihm alles, was der Hauptmann mir gesagt hatte. Ich kannte, wie gesagt, den Hauptmann schon aus dem Frankreichfeldzug. Und Kluge entließ mich mit den Worten: „Gehen Sie sofort zu Tresckow, das muss unterbunden werden." Ich ging zu Tresckow und berichtete ihm den Vorgang.

Die Heeresgruppe glaubte meiner Meldung und Tresckow ließ einen Befehl an alle Ortskommandanturen herausgeben, in dem das Sammeln und Versammeln russischer Zivilisten verboten wurde. Wann und wo immer das geschehe, sei sofort der Heeresgruppe Meldung zu erstatten.

Soweit ich weiß, sind daraufhin im Bereich der Heeresgruppe Mitte keine Juden erschossen worden. Bei meinem Besuch 1985 im Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem wurde mir das bestätigt. Aber ich und wir alle wussten wieder einmal, was hinter dem Rücken der deutschen Soldaten geschah.

General Stieff, ein Freund Tresckows, ein alter Gegner Hitlers, war Chef der Organisations-Abteilung im Oberkommando des Heeres und hatte uns bei der Aufstellung des Regiments tatkräftig geholfen. Stieff besann sich wohl eines Tages, dass wir englischen Sprengstoff hätten. Jedenfalls bekam ich von meinem Bruder den Auftrag, einen Teil des Sprengstoffs Stieff in meinem Privatkoffer persönlich zu überbringen. Ich packte den Sprengstoff mit den entsprechenden Zündern in meinen Koffer und flog mit der Kuriermaschine zum OKH. Es war abgemacht, dass Stieff mir einen Offizier mit einem Auto ans Flugzeug schicken würde, da ich wegen meines lädierten Beines - ich war mal wieder verwundet worden - den schweren Koffer schlecht schleppen konnte. Als ich aus der Maschine stieg, war kein Mensch da, um mich abzuholen. Also ging ich mühsam mit dem Koffer über den großen Platz. Mehrmals kam ein Gefreiter oder ein Unteroffizier, um mir den Koffer abzunehmen. Aber ich glaubte, jeder müsse merken, dass er schwerer als ein normaler Wäschekoffer sei und hatte Angst, dass das bemerkt würde. Als ich über den halben Platz gegangen war, kam schließlich das Auto und brachte mich zu Stieff.

Dieser war gerade in einer Besprechung und so ging ich in der Wartezeit ins WOKI, das Tag und Nacht durchlaufende Kino im Oberkommando des Heeres. Das war allgemeine Sitte, dass man möglichst wenig gesehen wurde, und wenn man im WOKI saß, sah einen keiner. Es wurde „Das Bad auf der Tenne" gegeben. Aber ich habe nicht sonderlich auf die Humoreske Acht gegeben, sondern immer wieder aufgepasst, dass keiner von den ständig wechselnden Zuschauern an meinen Koffer stieß.

Endlich kam jemand und rief mich zu Stieff hinein. Wir beide gingen in ein kleines Kartenzimmer, das man abschließen konnte, und ich übergab den Sprengstoff in meinem Koffer Stieff und erklärte ihm zuerst die Verwendung der Bomben, weil er keine Ahnung hatte als Oberst i. G., wie man die Zündung einschraubte und einstellte. Wir übten das mehrmals. Das Ganze dauerte ungefähr dreiviertel Stunden und dann überließ ich ihm den Koffer und verließ mit vielen Grüßen von meinem Bruder das OKH.

Nach dem Krieg habe ich das weitere Schicksaal meines Koffers erfahren: Stieff fuhr kurze Zeit nach der Kofferübergabe in den Urlaub und übergab dem Adjutanten des Generals der Osttruppen, General Köstring, dem damaligen Oberleutnant Hans, „Johnnie" genannt, Herwarth von Bittenfeld den Koffer zur Aufbewahrung. Herwarth war nach dem Krieg deutscher Botschafter in London und Staatssekretär bei Bundespräsident Lübke. Herwarth versteckte den Koffer unter seinem Bett.

Köstring und er wohnten damals in der „Jägerhöhe" direkt neben dem OKH. Das war ein Gästehaus, eine Baracke, in dem die banat-deutschen Mädchen, die dort putzten, heute die linke Seite vom Gang putzten und morgen die Zimmer auf der rechten Seite. Wenn Herwarths Zimmer geputzt wurde, schob er den Koffer unter Köstrings Bett, der auf der anderen Gangseite wohnte, und am Abend holte er sich den Koffer zurück. Herwarth hatte Köstring das gesagt, was Stieff ihm bei der Kofferübergabe gesagt hatte: „Schauen Sie nicht in den Koffer, der Inhalt ist zu heiß für Sie!" So lag der Koffer mehrere Monate unter den beiden Betten und wechselte jeden Abend.

Kurz vor dem 20. Juli 1944 erbat sich Stieff den Koffer und nahm in Gegenwart von Herwarth zwei Bomben mit den entsprechenden Zündern heraus und gab den Rest Herwarth wieder zur Aufbewahrung. Herwarth hat diesen Koffer dann am Abend des 20. Juli direkt neben der „Jägerhöhe" verbuddelt und uns beiden genau geschildert, wo das war. Als ich mit meiner Frau in den 80er Jahren von Warschau aus dort hingefahren bin, habe ich nach meinem Koffer gesucht. Ich habe ihn nicht gefunden. Ich habe auch die restlichen Bomben nicht gefunden, obwohl Herwarth uns das ziemlich genau beschrieben hat. Aber es war immerhin 40 Jahre her.

Kurz vor dem 20. Juli erbat sich also Stieff den Koffer und nahm zwei Bomben raus. In der Zwischenzeit war Tresckow, der beim Stab der Heeresgruppe Mitte I a gewesen war, Chef des Stabes der 2. Armee geworden, der südlichsten Armee der Heeresgruppe Mitte. Und kurz vor seiner Versetzung hatte er noch das zu einer Brigade vergrößerte Kavallerie-Regiment Mitte zur 2. Armee verlegt, um seine Brigade in der Nähe zu haben.

Mein Bruder war im Herbst 1943 mit mir verwundet worden und humpelte in den Wochen vor dem 20. Juli beim Armeestab bei Tresckow herum.

Kluge, der im Herbst 1943 mit dem Auto schwer verunglückt war, wurde Anfang Juli 1944 Oberbefehlshaber West mit dem Sitz in Paris. Ihm unterstand damit die gesamte Westfront. Das war schon nach der geglückten Landung.

Das geplante Attentat stand dicht bevor und es war für Tresckow und die Verschwörer von entscheidender Bedeutung zu wissen, wie nun Kluge zu einem Attentat stünde und ob er vielleicht sogar im Westen nach der geglückten Invasion zu kapitulieren bereit wäre, um damit das Kriegsende zu beschleunigen.

Mein Bruder wurde von Tresckow zu Kluge geschickt mit dem Auftrag, das alles zu klären.

Und jetzt eine kleine Humoreske: Um Georgs Flug nach Paris zu tarnen, wurde unser gemeinsames Rennpferd, das in Berlin stand, „Lord Wagram", nach Paris gebracht, nach Longchamps, um dort zu laufen. Auf dem dienstlichen Ausweis meines Bruders stand „Besuch des Rennens in Longchamps". Als Eichenlaubträger konnte man das. Es stand da nicht „Besuch beim OB West". Das wäre zu gefährlich gewesen. Es stand da „Besuch des Rennens in Longchamps". Damit hatte mein Bruder die Möglichkeit und einen Grund nach Paris zu fahren. So etwas war 1944 noch möglich.

Mein Bruder sollte Kluge nahelegen zu kapitulieren, da sonst - das war Tresckows Beurteilung der Lage - der Krieg sich noch über ein Jahr hinschleppen würde und Deutschland den Russen preisgegeben würde. Mein Bruder erklärte sich bereit, zu Kapitulationsverhandlungen nach London zu fliegen. Kluge lehnte das Angebot meines Bruders ab mit der Begründung, er habe keinen zuverlässigen Piloten, der meinen Bruder nach England fliegen könne, und außerdem sei eine Kapitulation nicht erforderlich, da die gesamte Westfront in Kürze zusammenbrechen würde.

Verbittert über Kluge fuhr mein Bruder zurück. Er hatte von ihm mehr Entschlussfähigkeit und mehr Tapferkeit erwartet.

Anfang Juli hatte mir mein Bruder gesagt, das Attentat im Führerhauptquartier stünde kurz bevor. Ich muss dann noch ergänzen: In der Zwischenzeit waren von der Heeresgruppe, die vier Armeen hatte, die drei nördlichen Armeen zerschlagen worden. Völlig zerschlagen. Nur die südlichste Armee, die 2. Armee, bei der Tresckow Chef war, war etwas später angegriffen worden und ging nun als wandernder Kessel zurück. Wir waren also im harten Einsatz. Mein Bruder, der bei Tresckow herumhumpelte, sagte mir also, das Attentat im Führerhauptquartier stünde kurz bevor und ich solle zur Sicherung der neuen Regierung in Berlin 1200 Mann – also sechs Schwadronen - aus der Front vorsichtig herausziehen, die dann unter meiner Führung nach Berlin geflogen werden sollten.

Er selbst werde nach dem Attentat einen Verband führen, der aus diesem Regiment und einem anderen Regiment bestehen sollte. Auch das sollte nach Berlin geflogen werden. Er bleibe aber bis zum Attentat beim Stabe der 2. Armee, bei Tresckow. Tresckow sollte nach dem Attentat Polizeikommissar in Berlin werden, um den Umsturz in Berlin abzusichern.

Um den 14. oder 15. Juli herum wies mein Bruder mich an, die Verlegung vorzubereiten.

Er hatte mich schon Wochen vorher darauf hingewiesen, dass wir im Ernstfall mit 1000 Mann nach Berlin fliegen sollten, und einen Treffpunkt ausgemacht. Dieser lag etwa 140 km westlich Brest-Litowsk. Wir lagen damals noch 80 km östlich von Brest-Litowsk. Wir sollten uns dort versammeln und von dort aus mit Lkws zu einem Feldflugplatz gefahren werden und von dem Feldflugplatz aus dann nach Berlin-Tempelhof fliegen. Wir hatten Karten von Berlin. Und ich sollte das Reichssicherheitshauptamt Teil 1 in der Prinz-Albert-Straße und am Wilhelmplatz das Reichssicherheitshauptamt Teil 2 sowie Goebbels, Dietrich und Himmler im Reichssicherheitshauptamt 1, wenn er doch dort wäre, erwischen.

Ich löste deshalb bereits am 15. Juli einen Teil meiner Abteilung aus der Front heraus. Wir gingen damals hinhaltenden Widerstand leistend zurück. Das heißt die Front war kurz und dünn besetzt mit einer Schwadron. Wir markierten aber Verteidigung, so dass die Russen richtig aufmarschieren mussten. Die zweite Schwadron war schon irgendwo drei Kilometer dahinter in Stellung und die vierte Schwadron verminte dazwischen die Straßen, Brücken usw. Und wenn der Russe richtig angriff, dann haute die vordere Schwadron ab, ließ sich also nicht totschlagen in der Verteidigung, sondern ging wieder in eine weitere Stellung. So verzögerten wir den Vormarsch der Russen, so dass die Infanterie ganz gemütlich (sage ich jetzt, es war natürlich nicht gemütlich) nach Westen marschieren konnte.

Es war ein so genannter hinhaltender Widerstand. Das ist eine Kampfart, die besonders für die Kavallerie geeignet ist, weil wir mit den Pferden dann immer weiter schnell im Trab zurückreiten konnten, aber eine ganz schwierig zu führende Kampfart, die leicht in Flucht ausartet. Aber dadurch waren immer wieder einzelne Schwadronen unterwegs und es waren alle gewohnt, dass da irgendwo Schwadronen durch die Gegend ritten. Das waren die, die in die nächste oder übernächste Stellung ritten, oder die erkundeten. So hatte ich eben schon eine Schwadron rechtzeitig am 15. Juli nach hinten nach Konopka geschickt. Am 18. Juli bekam ich plötzlich den Befehl von meinem Bruder: „Auf nach Berlin!"

Das war das Stichwort, das Attentat geht jetzt los. Jetzt ab nach Berlin! Das war aber zufällig auch derselbe Tag, an dem die Infanterie in die feste Stellung bei Brest-Litowsk kam. Da war eine Stellung ausgebaut, so dass wir dann sowieso hinter die Linie der Infanterie gezogen wurden als Reserve, nur dass wir nicht so weit geritten wären, wie das in der Planung von uns, von meinem Bruder und Tresckow, vorgesehen war.

Wir ritten also nicht nur kurz hinter die Front, sondern wir ritten von Brest-Litowsk aus 200 km in einem 36-Stunden-Ritt, zu dem Sammelort, zu dem die Lkws kommen sollten, um uns abzuholen.

Ich möchte noch etwas ergänzen, was ich versäumt habe. Nach dem Attentatsversuch vom 13. April, bei dem Kluge verboten hatte, Hitler zu erschießen, wenn wir nicht Himmler miterschießen würden, wurde festgestellt, dass man nun den Umsturz planen musste, selbst wenn Himmler am Leben bliebe.

Dazu wurde das Unternehmen Walküre umgespult. Walküre war der Deckname für die Niederschlagung eines Fremdarbeiteraufstands in Deutschland. Es gab sehr viele Fremdarbeiter überall und es war ja möglich, dass diese plötzlich einen Aufstand machten. Dafür war Walküre ursprünglich gedacht. Nun wurde von Tresckow und Oerzen, der dazu von Tresckow herangezogen wurde, Walküre umgespult. In allen Wehrkreisen wurden ein Offizier und ein Zivilist gesucht, die zum Widerstand irgendwie gehörten, und die im Falle Walküre den Befehl in den Wehrkreisen übernahmen. Es gab 20 Wehrkreise damals und in 17 Wehrkreisen waren bis zum 20. Juli diese Leute bestimmt.

Erst dann konnte auch das Attentat wirklich sinnvoll durchgeführt werden, wenn Walküre vorbereitet war. Denn sonst war es damals so, dass im Reich mehr SS vorhanden war als Soldaten. Die SS wurde im Reich vergrößert von 60.000 Mann bei Beginn des Krieges auf 900.000 Mann am Schluss des Krieges. Im Anfang waren das die so genannten Totenkopfverbände. Reine Verbrecher. Am Schluss des Krieges waren das zum Großteil harmlose Leute. Ungarndeutsche, Rumänendeutsche. Man wurde am Schluss auch eingezogen, wenn man blonde Haare hatte und blaue Augen. Man musste sehr genau unterscheiden und hingucken. SS ist nicht gleich SS. Die Totenkopfverbände, die anfangs des Krieges die Divisionen stellten, das waren alles Verbrecher. Ich sage das so genau, weil damals eben im Reich mehr SS aufgestellt wurde als draußen.

Walküre musste genau geplant werden. Jeder musste wissen, welche SS-Einheiten er in seinem Wehrkreis hatte. Das war alles vorbereitet bis kurz vor dem 20. Juli. Dann sollte das Attentat erfolgen.

Ich sagte Ihnen: Auf meinem letzten Gefechtsstab, bitte schalten Sie wieder zurück, erreichte mich am 18. Juli, einige Stunden vor dem Abmarsch der Berlinschwadronen, der Befehl meines Bruders: „Auf nach Berlin!" Ich fuhr, nachdem die letzte Schwadrone aus der Front herausgezogen war, in der Nacht den nach Westen reitenden Schwadronen nach und hatte sie in der Nacht zum 19. Juli schnell erreicht.

Weiter ging es im Gewaltritt den ganzen Tag und die ganze Nacht nach Westen. Ich begleitete die Abteilung teils im Sattel, teils erkundete ich mit dem Auto die Wege. Mein Bruder war zu uns gestoßen und schleuste die ersten drei Schwadronen mit einigen Schwierigkeiten durch Brest-Litowsk hindurch, da die Stadt zum festen Platz ernannt worden war.

Damit hatte der Festungskommandant das Recht, alle Soldaten, die in der Stadt waren, zu behalten. Ich leitete deshalb die restlichen Schwadronen um Brest-Litowsk herum, damit nicht die Gefahr bestand, dass der Festungskommandant sie festhielt. Nur wenige der Schwadronschefs wussten, dass wir in Berlin eingesetzt werden sollten. Wir sollten ja dort erst nach einem geglückten Attentat eingreifen. Dann wäre der an Hitler bindende Eid hinfällig gewesen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die Reiter uns dann bedingungslos gefolgt wären. Es war viel zu gefährlich, die Offiziere über das unbedingt Erforderliche hinaus einzuweihen. Die Rache der Nazis wäre furchtbar geworden. Natürlich haben einige etwas gerochen.

Lassen wir einen Zeitzeugen zu Wort kommen, den Chef der damaligen 6. Schwadron, Rittmeister Frevert-Niedermein, später Generalmajor der Bundeswehr. Er war in die Verschwörung nicht eingeweiht und schreibt über diesen Ritt: „Mit meiner Schwadron hatte ich am Morgen des 18. Juli als Nachspitze der II. Abteilung den Kanal bei Horedes, das war etwa 70 km östlich von Brest-Litowsk, überschritten. Überraschend erhielt ich den Befehl, einen kurz zuvor empfangenen Einsatzbefehl nicht auszuführen. Vielmehr hatte ich mit meiner Schwadron nach nur wenigen Stunden der Auffrischung und Erholung sowie personeller und materieller Verstärkung noch am gleichen Nachmittag einen Marsch in Richtung Westen anzutreten. Der Auftrag lautete: zügiger Marsch in Richtung Brest-Litowsk ohne verzögernde Halte.

Auch am Abend und in der Nacht vom 19./20. Juli wurde der Marsch mit weithin nur kürzesten Versorgungshalten fortgesetzt. Übermüdete Reiter rutschten mehrfach in dieser zweiten Nacht - sogar im Trabe eingeschlafen - aus dem Sattel, nach 200 km und 36 Stunden im Einsatz. So erreichten wir am 20. Juli gegen 15.00 Uhr den Ort Lachowka.

Befehle zur Umgliederung und zur Vorbereitung auf einen Lkw-Transport folgten. Wir hatten damit eine erheblich größere Kampf- und Einsatzstärke als sonst, weil die Schwadronen aufgefüllt waren. Erst später erfuhren wir, dass der Lkw-Transport von Lachowka aus zum Feldflughafen vorgesehen war. Von dort sollte dann der Flug nach Berlin erfolgen."

Ich selbst war nun nach der letzten Schwadron, die da vorne an der Front ostwärts Brest-Litowsk eingesetzt war, wie ich Ihnen geschildert hatte, mit dem Auto, zum Teil zu Pferde, den Schwadronen nachgeritten und war irgendwann am Spätnachmittag des 20. Juli am Sammelort, wo die Lkws uns aufladen sollten. Da kam der Obergefreite Rettel, der Melder meines Bruders, und gab mir einen Zettel mit der Aufschrift: „Alles in die alten Löcher." Das war das Deckwort für „Attentat nicht ausgeführt." Jetzt galt es den Ritt nach Westen wieder abzubrechen und so rasch wie möglich wieder ostwärts zu reiten, möglichst ohne dass unser Sonderritt aufgefallen war.

Es muss den Offizieren schon merkwürdig vorgekommen sein: Erst ritt man in einem Höllentempo nach Westen, dann hieß es plötzlich „Halt, kehrtmachen!", und alles stürmte wieder nach Osten. Es war schon auf dem Hinweg verdächtig gewesen, dass man auf meinen Befehl hin in Brest-Litowsk über das Kopfsteinpflaster traben musste, was sonst zur Schonung der Pferde strengstens verboten war. Als die Schwadronen meinen Bruder an einer Straßenecke stehen sahen, parierten sie deshalb aus Angst vor einem Rüffel zum Schritt durch. Aber mein Bruder rief ihnen zu: „Vorwärts, vorwärts!". Das hatte es noch nie geben. Da musste etwas Merkwürdiges los sein.

Am Abend hörte man von dem missglückten Attentat und ritt gleichzeitig wieder gen Osten zurück. Hatte das nichts miteinander zu tun? Manche ahnten etwas, aber alle hielten den Mund.

Wir ritten wieder zur Front. Ich ritt an der Spitze der Schwadronen. Schweigend trabten wir in die beginnende Nacht. Man hörte nur das Knirschen der Sättel und das Knarren des Zaumzeugs. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die Zukunft stand schwarz und drohend vor mir.

Henning von Tresckow tötete sich mit einer Gewehrgranate am 21. Juli an der Front und Fabian von Schlabrendorff vermittelte uns folgende Worte Tresckows aus der Nacht vor seinem Tode: „Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben."

Mein Bruder übernahm kurz nach dem 20. Juli die Brigade als Kommandeur. Ich wurde versetzt zur Nachbarbrigade und übernahm das Reiterregiment 41. Die erste Zeit nach dem Attentat war deprimierend und zermürbend. Täglich hörte man von Verhaftungen und Selbstmorden Beteiligter und Freunde.

Mein Bruder fiel im August bei den letzten harten Kämpfen an der ostpreußischen Grenze. Erst die Verleihung der „Schwerter zum Eichenlaub des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes" an ihn und seine Beförderung noch nach seinem Tode zum Oberst und die Nennung von mir im Wehrmachtsbericht ließen bei mir die Hoffnung wachsen, dass die Nazis von unserer Beteiligung nichts wussten. Viele, die von unserer Beteiligung wussten, hatten Selbstmord verübt. Tresckow, Schulze-Büttger, Oertzen, Voss. Die anderen hatten geschwiegen wie Stieff und Schlabrendorff. Letzteren hatte man noch wegen uns schwer gefoltert, aber er hatte trotz aller Folterungen durchgehalten. Und nur deshalb kann ich heute hier vor Ihnen stehen und Ihnen von dem Mut all dieser Männer und Frauen berichten.

Auszüge aus der Diskussion

Redigierte Abschrift eines Mitschnittes (von den Rednern nicht autorisiert)

Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Oberreuter
(Akademie für Politische Bildung Tutzing/Universität Passau)

Herr von Boeselager, vielen Dank für diesen eindrucksvollen Bericht eines Zeitzeugen, der uns vieles, was wir aus der Geschichte kennen, erfahrbarer und in zahlreichen Facetten, die natürlich nur der kennen kann, der dabei gewesen ist, deutlicher gemacht hat. Wir verstehen sehr vieles besser, als wir es bisher verstanden haben. Sie haben uns versucht zu zeigen, warum der Nationalsozialismus so viel Zustimmung gefunden hat. Sie haben uns aber auch gezeigt, wie frühzeitig klar geworden ist, dass es sich um ein verbrecherisches Regime gehandelt hat, und Sie haben uns dann sehr facettenreich Motive und Handlungsweisen von mutigen Widerständlern gezeigt. Persönlich fasziniert hat mich Ihr Bild von Kluge, das am Anfang positiver war als ich es aus der Geschichte kenne, und das am Ende wieder so war, wie man es aus der Geschichte kennt. Aber meine Damen und Herren, Sie haben nun die Chance an Herrn von Boeselager Fragen zu stellen. Ich darf Sie herzlich bitten, die Gelegenheit wahrzunehmen.

Frage aus dem Publikum

Freiherr von Boeselager, ich bin sehr beeindruckt, wie alle anderen auch. Ich möchte Sie fragen, wie haben Sie das empfunden nach dem Krieg, dass nicht nur diesen höchst tapferen Männern des 20. Juli letztlich, wie es Herr Dr. Oberreuter vorhin schon gesagt hat, mit Skepsis begegnet worden ist, sondern im Gegenteil sogar noch viele alte Nazis wieder in hohe Stellungen eingerückt sind? Ich denke zum Beispiel, dass ein fürchterlicher Globke Staatssekretär bei Adenauer werden konnte, dass die Witwe Freisler zum Beispiel die Pension eines bayerischen Oberregierungsrats empfangen durfte und all diese Dinge. Die Witwe Göring musste nur 30 % des zusammengeraubten Vermögens zurückgeben. Es sind fürchterliche Dinge passiert. Ein Justizminister Schlegelberger wurde Innenminister in Schleswig-Holstein. Ich könnte jetzt eine Stunde darüber reden, aber das will ich gar nicht. Wie haben Sie das empfunden, dass man 40 Jahre gebraucht hat, bis man endlich einmal den Tätern, abgesehen von KZ-Aufsehern, die natürlich dann verurteilt worden sind, ein bisschen zu Leibe gerückt ist und über die Untaten erst jetzt nach 60 Jahren redet?

Frhr. v. Boeselager

Ich danke sehr. Dazu will ich zweierlei sagen. Erstens: Von den Verbrechen Hitlers, von denen ich wusste über die Achse Tresckow – Oster-Nebe, wusste der Soldat nichts, wusste der normale General nichts.

Man wusste wohl, dass es denen im KZ nicht gut gehen wird, die werden Munition machen für uns und werden nicht gut behandelt werden, aber eine Vergasung war nicht vorstellbar. Ich behaupte und möchte gerne auch dafür den Beweis antreten, dass von meinem Regiment, das ich am Schluss des Krieges gehabt habe, keiner von den Verbrechen etwas wusste. Nicht dass ich meinen Soldaten nicht getraut hätte, aber warum sollte ich denen das erzählen? Sie hätten doch nichts ändern können.

Ich bin überzeugt, die Masse der Deutschen wusste von den Verbrechen nichts, man ahnte nur einiges. Von den Verbrechen als solches wusste man nichts.

Zweitens: Man glaubte bis zum Schluss an Hitler. Man glaubte an die Vergeltung. Man glaubte, dass der Sieg doch möglich war, sonst war es doch unmöglich, dass wir weiterkämpften. Es gibt eine Allensbacher Umfrage aus den Fünfzigerjahren, in der gefragt wurde: Wie war es mit den Nazis? – Es war ganz gut. Nur das mit den Juden hätten sie sein lassen müssen.

Herr von Hohenstätt hat ja die Männer des Widerstandes aus der Armee ausgestoßen. Das waren Verräter. Und das war das Bild, das die Soldaten hatten. „Mein Sohn ist an der Front und diese Verräter fallen meinem Sohn und meinen Freunden in den Rücken, die irgendwo in Russland oder weiß der Teufel irgendwo kämpfen.“ Das war das Bild zum Ende des Krieges. Und das glaubten viele. Das sagte ich Ihnen ja eingangs. Man konnte sich nicht vorstellen, dass die Führung als solches so verbrecherisch, so verlogen war, wie sie wirklich war. Das möchte ich ganz klipp und klar hier heute sagen. Und deshalb ist natürlich, abgesehen davon, dass die kleinen Nazis Nazis blieben, ein Großteil früherer Nazis übernommen worden. Das waren eben viele und ich möchte noch etwas sagen: Aus dem Widerstand ist ja kein Mensch am Leben geblieben. Von meinen Freunden war Schlabrendorff der einzige aus der Heeresgruppe Mitte. Von den 50 Soldaten, die eng mit dem Widerstand zu tun hatten, lebt keiner mehr.

Und als ich nach Hause kam, war bei uns zu Hause linksrheinisch alles kaputt. Aufbauen war das Wesentliche. Die Parole war, das kaputte Deutschland aufzubauen. Ob das nun ein Nazi war oder ein Kommunist, der das neue Dach deckte, war völlig egal. Hauptsache, das Dach wurde wieder neu gedeckt. Diese ganzen Fragen waren vorbei und interessierten im Moment nicht.

Meine Frau - wir haben 1948 geheiratet - hat 1949 erfahren, dass ich zum Widerstand gehört habe. Es war uninteressant. Wir haben aufgebaut. Unsere Aufgabe war aufzubauen.

Ich habe sofort nach dem Krieg studiert, weil ich etwas lernen wollte, denn ich wusste zu wenig. Es war klar, dass ich nicht mehr Soldat werde, auch als ich gefragt wurde beim Aufbau der Bundeswehr. Ich habe versucht, mit aufzubauen mit jedem, der dazu bereit war, ob der einmal PG gewesen war oder nicht. Es war mir ganz egal, Hauptsache er packt jetzt an.

Ich glaube, das wird die Meinung von allen gewesen sein. Aber wir waren vom Widerstand nur eine Handvoll, die übrig geblieben waren. Natürlich war es grauenvoll, dass die Witwen von Tresckow und alle anderen keine Pensionen bekamen bis 1948 und dass die Kinder von denen als Verräter galten. Sie wurden in der Schule angesprochen, „Euer Vater, das war auch so ein Verräter.“ Grauenvoll. Aber damit musste man fertig werden.

Jetzt darf ich Ihnen noch etwas sagen. Die Chancen, dass das Attentat glückt, standen fifty-fifty. Stauffenberg war ein unglaublicher Kerl. Unglaublich mutig. Mit dieser körperlichen Verletzung, mit nur drei Fingern so ein Attentat durchzuführen. Er hätte gar keine Pistole ziehen können, um Hitler zu erschießen. Und was die wenigsten wissen: Er alleine konnte Walküre auslösen. Ein paar mal vorher war schon Walküre-Falschalarm gewesen. Der Generaloberst Framm hat dann verlangt, dass nur mit seiner Unterschrift Walküre rausgehen kann, sodass er das Attentat durchführen und nach Berlin fliehen musste, um dort die Unterschrift zu leisten. Ohne Walküre konnte der Umsturz nicht glücken.

Der Stauffenberg war ein unglaublich tapferer Mann, aber die Chance, dass es ihm nach dem Attentat glückte, aus den Sperrkreisen herauszukommen, stand fifty-fifty von vorn herein. Aber wenn das Attentat geglückt wäre, das war uns damals klar - das haben wir so im Spaß gesagt - , dann wären wir auch umgebracht worden. Denn dann würden die Ostpreußen und Schlesier sagen: Wenn der Hitler noch gelebt hätte, dann hätten wir den Krieg gewonnen und dann säßen wir heute noch in Ostpreußen, in Pommern und in Schlesien. Und wenn das Attentat nicht glückte, wären wir auch umgebracht worden.

Es spielte aber letztlich keine Rolle mehr. Das klingt vielleicht merkwürdig, wenn ich das sage, aber der Tod war einem damals ja sehr nahe. Wir wussten von den Verbrechen der Nazis. 10.000 am Tag werden umgebracht in KZs usw. und Sie werden dann gefragt von einem Tresckow: „Machst du mit, den Kerl, dieses Schwein umzubringen?“, dann blieb einem, wenn man nachts gut schlafen wollte, gar keine andere Antwort übrig. Dann war es klar, dass man „ja“ sagte.

Ich habe auch versucht, Ihnen klarzumachen, dass das ein schwerer Entschluss war. Aber wenn der Entschluss gefasst war, dann war es klar, dass man dazu stand. Uns war klar, ganz egal wie die Sache ausgeht: Du wirst dabei wahrscheinlich nicht lebend herauskommen. Aber es muss gemacht werden, um den Verbrecher zu stoppen. Es ging nicht mehr darum, den Krieg zu gewinnen.

Ich möchte das noch einmal sagen, das habe ich vielleicht nicht gesagt. 1938 ist Tresckow zum Widerstand gestoßen, nach der Kristallnacht. Da war klar, dass Hitler ein Verbrecher war. Und bis 1939 hat man versucht, den Krieg zu verhindern. Oster und Tresckow war klar, dass der Krieg Deutschland vernichten würde. Mal hat er die Gruppe Heinz, den damaligen Major Heinz, in einem Stoßtrupp in die Reichskanzlei gebracht, als die Sudetenkrise damals schwelte, weil die Franzosen und Engländer den Tschechen eine Garantie gegeben hatten. Damit war klar, wenn Hitler die Tschechei besetzt, gibt es Krieg. Und das wollen wir verhindern. Deshalb war der Stoßtrupp Heinz in die Reichskanzlei 1938 geschickt worden, um Hitler umzubringen.

Nachdem die Engländer zugestimmt hatten, war es unmöglich, einen Hitler, der siegreich war, der solch einen außenpolitischen Erfolg hatte, umzubringen. Bis 1942, solange der Krieg noch ganz gut für Deutschland stand, musste Hitler abgesetzt und umgebracht werden, um einen vernünftigen Frieden zu bringen. Diese Soldaten und Offiziere waren Patrioten. Die wollten Deutschland retten. Und dann stellten sich langsam die ganzen Verbrechen heraus, die ja zum Ende des Krieges immer mehr zunahmen.

Es war klar, Deutschland ist nicht mehr zu retten, sondern Casablanca war gewesen und man hatte versucht, auf diplomatischem Wege über Schweden und über England, bei der anglikanischen Kirche und über den Prälat Miller bzw. Kaas und den CSU-Müller, den Sie alle hier gekannt haben, sowie über den Vatikan rauszubekommen und zu erreichen, dass bei einem Umsturz die neue Regierung bessere Friedensbedingungen bekäme als Hitler, besser als Casablanca. Nachdem alle Alliierten das abgelehnt hatten, war klar, dass Deutschland nicht zu retten war, sodass Ostpreußen, Schlesien und Pommern verloren wurden.

Es ging nicht mehr darum, das Reich zu retten, ein unerträglicher Zustand für uns Offiziere, sondern nun ging es nur darum, die Verbrechen zu stoppen und zwar 10.000 Mann am Tag, die im KZ umgebracht wurden. Da blieb einem nichts anderes übrig, auch wenn man wusste, dass es einem wahrscheinlich den Kopf kostet. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war: „Hast du Recht, hast du Unrecht mit deiner Beurteilung der ganzen Lage?“ Aber ich habe Gott sei Dank Tresckow und andere Leute kennen gelernt, auf die ich mich absolut verlassen konnte, die eine unglaubliche Ausstrahlung hatten, wie auch der Stauffenberg. Ich dachte, wenn die mitmachen, dann kannst du auch mitmachen.

Frage aus dem Publikum

Herr von Boeselager, ich habe vor Jahrzehnten von einem ehemaligen Soldaten gehört, dass 90 % der jüngeren Offiziere froh waren, dass das Attentat fehlgeschlagen ist. War das auch Ihr Eindruck damals von Ihren jüngeren Kameraden gewesen?

Frhr. v. Boeselager

Ich kann das nicht beurteilen.

Frage aus dem Publikum

Oder waren es 50 % in Wirklichkeit?

Frhr. v. Boeselager

Das kann ich nicht beurteilen. Die Soldaten, die ich kannte - nun waren wir bei der Kavallerie -, das waren alles Bauern. Die Reiter waren ja meistens Bauernsöhne und die Kavalleristen waren vielleicht sehr konservativ. Bei uns war es schon so, dass gemuckt wurde - der scheiß Krieg und der scheiß Hitler -, so unter der Decke. Ich glaube nicht, dass die etwas dagegen gehabt hätten, wenn Hitler umgebracht worden wäre. Und bei dem Ritt nach Berlin hätten sie bestimmt mitgemacht. Davon bin ich fest überzeugt. Das hing vor allem damit zusammen, dass wir eine verschworene Einheit waren in diesem Regiment.

Aber ich kann das nicht beurteilen, das kann ich nicht sagen. Es gab natürlich viele junge Offiziere, die in der HJ usw. groß geworden waren und keine religiöse Erziehung kannten, und auch deshalb mehr zu den Nazis neigten.

Ich sage, das ist der Unterschied zu heute. Damals war der religiöse Hintergrund ja viel größer als heute und damals spielte das christliche Gewissen bei jedem eine große Rolle, jedenfalls bei 40 bis 50 % ganz sicher noch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die unbedingt für Hitler waren, denn jeder wusste schon, dass da irgendetwas nicht in Ordnung war.

Frage aus dem Publikum

Herr von Boeselager, meine Hochachtung und mein Respekt vor Ihrer Lebensleistung. Ich bin Vater, gelernter Lehrer und Schulberater und Sie haben Dietrich Bonhoeffer zitiert, der gesagt hat - als Lebensbilanz - , es habe wenig Zivilcourage gegeben. Und ich möchte und muss sagen, Zivilcourage, das fängt ja im Kleinen an. Es gibt meines Erachtens wenig Zivilcourage. Was würden Sie aufgrund Ihres Lebens, Ihrer Lebenserfahrung, Ihrer Kriegserfahrungen uns als Eltern, als Erzieher und Lehrer mitgeben? Wie können wir unsere Kinder, unsere Jugend zu mutigen Menschen erziehen, die einmal mehr Zivilcourage haben?

Frhr. v. Boeselager

Ich halte für das Wichtigste das christliche Gewissen und dass ich jeden Abend, so wie ich das nicht nur bei den Jesuiten, sondern vorher schon bei meinen Eltern gelernt habe, eine Gewissenserforschung betreibe. Das macht ja jeder in irgendeiner Form. Wie war das heute? Wenn man das ernst nimmt, dann konnte man an solchen Sachen nicht vorbeisehen und dann zwingt sich irgendwo eine Lösung auf.

Man sagt mir immer, ich wäre sehr mutig gewesen. Nein, ich bin gar nicht mutig gewesen. Ich bin per Zufall zur Heeresgruppe Mitte gekommen. Man kann das auch Fügung nennen. Ich bin per Zufall mit Tresckow zusammen gekommen. Man kann das Fügung nennen. Ich habe da Menschen kennen gelernt, die mir klar gemacht haben, was für Verbrecher Hitler und die Nazis waren. Dann blieb einem gar nichts übrig, wenn man nachts gut schlafen wollte, als zu sagen: Ich mach’ mit.

Also ich meine, das Wichtigste ist das christliche Gewissen und dass man das schon ein bisschen strapaziert. Und das sage ich auch: Ich bin ein bisschen besorgt, wenn ich sehe, dass bei uns nur 40 % zur Wahl gehen.

Wenn heute wieder einer käme, der an die sechs Millionen Arbeitslosen, die wir haben mit ABM usw., in kürzester Zeit beseitigen würde, wie Herr Hitler, dann bin ich nicht sicher, was die 50 oder 60 %, die jetzt nicht wählen, dann wählen würden.

Ich weiß nur aus den Rundfragen, dass das christliche Fundament sehr viel dünner geworden ist. Und ich habe eben gesagt, ich hoffe, ich habe das verständlich gesagt, dass damals das Offizierskorps erzogen war nach dem Motto „Ich dien!“. Ich habe das Gefühl, heute gilt das Motto: „Ich verdien’.“ Damals gab es noch eine Ehre.

Wenn ich heute die Zeitung aufschlage und sehe, was bei Mannesmann passiert, dass heute der CDU-Stadtrat in Essen in einen Korruptionsfall verwickelt ist und morgen der SPD-Stadtrat in Köln, das wäre früher in der Form nicht möglich gewesen, weil man noch eine Ehre hatte, und die versuchte man schon zu halten und zu verteidigen. Wenn einer so etwas gemacht hätte, es wäre aus und vorbei gewesen. Heute hat man Pech, wenn man erwischt wird.

Ich sagte Ihnen ja, die Nazis haben die ethischen Werte zu Tode geritten. Vaterlandsliebe, Mut, Tapferkeit, Ehrlichkeit, das ist kaputt gemacht worden von den Nazis und es wird lange dauern, bis das wieder da ist. Aber ein Gemeinwesen ohne diese Tugenden kann nicht auf Dauer bestehen. Das ist meine feste Überzeugung.

Frage aus dem Publikum

Herr von Boeselager, ich hätte noch eine Frage zur Person Kluge. Warum glauben Sie denn, dass er seine Haltung geändert hat?

Frhr. v. Boeselager

Herr Kluge war Soldat. Ich habe das oft genug erlebt, wenn er gesagt hat, wir fahren in die und die Kompanie, dann war ein Angriff auf die Kompanie, dann fuhr er unter allen Umständen dahin. Ich habe ihn öfters zurückhalten müssen, weil wir unterschreiben mussten, dass wir für die Sicherheit des Feldmarschalls verantwortlich sind. Aber als Politiker? Das war nichts. Und es gab die berühmte Geschichte von Seeckt. Nach dem ersten Weltkrieg hatten die monarchistischen Regimenter den damaligen Staat gerettet. Ebert und Noske gegen die Kommunisten Rosa Luxemburg und Liebknecht, die heute noch ihre Denkmäler im Osten in Berlin haben. Aber die neue sozialdemokratische Regierung hat diesen Regimentern und der Reichswehr am Anfang nie getraut, weil sie immer das Gefühl hatten, die wollen übermorgen die Monarchie.

Und damit die Soldaten aus dem Parteikonflikt rauskamen, hat Seeckt veranlasst, dass die Soldaten nicht wählen durften. Die durften weder einer Partei beitreten noch hatten sie das aktive Wahlrecht, um zu verhindern, dass sie sich in den Parteikram einmischten und verschlissen wurden.

Und das war der Grund, weshalb viele Soldaten, auch hohe Generäle, mit denen ich gesprochen habe, gesagt haben: „Was da hinten passiert, das interessiert mich nicht, das geht mich nichts an. Dafür sind die Politiker verantwortlich.“ Dabei ist es selbstverständlich, dass ein General, der dem Namen nach General ist, für alles verantwortlich ist in seinem Bereich, soweit er kann. Aber sie haben sich darunter versteckt: „Von Politik verstehe ich nichts, das macht der Hitler. Vom Militärischen, da sage ich Ihnen Bescheid.“

Und so war es auch bei Kluge. Kluge wollte nie als Verräter in die Geschichte eingehen. Sie müssen sich überlegen, das waren Offiziere, das war etwas anderes als heute. Als Offizier als Verräter in die Geschichte einzugehen, das war etwas Schlimmes. Das wollte er nicht. Diesen Sprung hat er nicht gemacht. Als Offizier musste man, wenn man im Widerstand war, seine Ehre opfern. Und es war keine ehrenvolle Sache, da eine Bombe zu werfen. Zu schießen, das ist ehrenvoll. Aber eine Bombe zu werfen, ist nicht ehrenvoll. Und so etwas zu tun wie zur Kapitulation zu überreden oder den Feind ins Land zu lassen um den Krieg zu beenden, das war bestimmt nicht mit der Ehre des Offiziers zu vereinbaren.

Aber man hatte die Pflicht das zu tun, so ist meine Auffassung. Ich sage immer wieder: Es gab zwei Gründe für den Widerstand. Erstens, das Gewissen, das war das Entscheidende, und zweitens der Patriotismus. Wir wollten Deutschland so wiederhergestellt haben, wie wir es kannten, mit dem Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum und möglichst in alten Grenzen.

Es ist alles missglückt. Aber das ist nicht unsere Schuld. Ich denke, der liebe Gott hat es so gewollt. Ich kann es nicht ändern.

Frage aus dem Publikum

Ich frage mich, ob Hitler, unabhängig von seinen Verbrechen, ob man die kannte oder nicht, nicht einfach abstoßend wirken musste, wie er redete. Ich stelle die Frage deswegen, weil ich eine alte Tante habe, die ist 92 Jahre, eine ganz einfache Frau, keinerlei akademische Bildung, kein bestimmtes Ethos, christlich-katholisch. Von der habe ich gehört, dass sie von Anfang an, ich muss sagen im Gegensatz zu meinen Eltern, die keine Nazis waren, von Anfang an gegen die Nazis eingestellt war. Ich hatte Gelegenheit, sie danach zu fragen, und sie hat mir einfach gesagt: „Der Hitler im Radio, wenn er geredet hat, der hat so gebellt“, und das war für sie ein Grund, diesem Menschen zu misstrauen und ihn nicht zu wählen und soweit ihr das als ganz einfache Frau in einem Gebirgsort in Schlesien möglich war, passiven Widerstand zu leisten.

Sie hat sich ewig geweigert, eine Nazifahne aus dem Fenster zu hängen, und dann hat sie das karikiert, indem sie so eine lange Fahne gekauft hat, dass sie bis in den Misthaufen hinunter hing. Und sie hat ihre Söhne nicht in die Hitlerjugend geschickt und hat gesagt: „Die brauch ich zur Arbeit auf meinem kleinen Bauernhof.“ Deswegen meine Frage. Hat der Hitler nicht eventuell auch auf Sie von Anfang an abstoßend gewirkt, wie er agiert hat? Ich meine, man hört immer von diesem Massenphänomen, aber diese Erzählung von meiner alten verehrungswürdigen Tante, die hat mich zu diesen Überlegungen gebracht.

Frhr. v. Boeselager

Ich kann Ihnen dazu nur sagen, dass ich, wie gesagt, als Unterprimaner ins Dreesen gegangen bin, um mir Herrn Hitler anzusehen. Ich habe mich um Politik nicht viel gekümmert, mir war Fußball danach viel wichtiger als Politik. Dann wurde ich Soldat. Die Kavallerie musste um halb fünf aufstehen und es ging bis abends um zehn. Da haben wir uns als Rekruten nicht viel um Politik gekümmert. Später bei Kluge habe ich Hitler mehrmals gesehen und da gibt es den berühmten Spruch bei der Kavallerie: „Leutnants stets verbrecherlich, finden alles lächerlich.“

Das heißt, die finden alles etwas leichter, es ist nicht so ernst, und wenn sie als Ordonnanzoffizier hinter dem Feldmarschall hergingen, dann wussten sie ganz genau: In der Tasche trugen sie die ganzen Argumente für die Unterhaltung, die jetzt kommt, und guckten beide sehr kritisch an und hofften, dass ihr Chef, der Kluge, seine Meinung so vertrat, wie sie das hofften: gut, spontan usw. Mir hatte Hitler nie einen besonderen Eindruck gemacht, muss ich gestehen. Weder böse noch gut, psychologisch äußest geschickt und technisch war er unglaublich begabt. Woher er das konnte, weiß ich nicht, er hatte ja gar keine Bildung. Aber er wusste über die Panzer besser Bescheid als die Panzersoldaten und über die U-Boote, weshalb die was machten und warum die englischen Flieger besser waren als die in Deutschland. Das wusste er besser als die deutschen Flieger.

Er hat die Leute überzeugt, wenn sie hinfuhren, um einen Orden zu bekommen, und sie wurden aufgeheizt von Tresckow: „Sag ihm das und das.“ Was sie auch sagen wollten, die kamen völlig bekehrt zurück, weil der Hitler sie nicht ideologisch überzeugt hatte, sondern mit der Kenntnis über ihre Waffen. Nein, ich kann nicht sagen, dass der Hitler mich überzeugt hat oder dass er mit abgestoßen hat, ich habe ihm kritisch gegenüber gestanden von Anfang an.

Mein Vater ist 1934 in die Partei gegangen, weil das Dorf ihn gebeten hatte. Er ist 1937 ausgetreten, als die Nazis die Kreuze aus den Schulen wegnahmen. Also, wir waren von zu Hause aus skeptisch. Aber ich kann nicht sagen, dass ich je auf die Idee zum Widerstand gekommen wäre. Das ist ganz langsam erst gewachsen. Ich sagte ja, ich bin nicht Offizier geworden, um mein Staatsoberhaupt zu erschießen. Das stand auch außerhalb jeglicher Möglichkeit.

Und die Schreierei? Ja, es gibt auch heute noch einige, die schreien. Ich meine, sie sind gar nicht so weit weg hier in Bayern. Also, das ist kein Gesichtspunkt für mich gewesen.

Für mich war der Gesichtspunkt daher, dass er ein schlechter Soldat war. Er führte militärisch schlecht, das konnte man nachweisen, und er war, was ich immer mehr entdeckte, ein Verbrecher. Und das war entscheidend.

Prof. Dr. Oberreuter

Ich hatte den Verdacht, dass der Präsident jetzt sein Parlament verteidigen müsste, aber ganz so ernst haben Sie das mit den bayerischen Schreihälsen auch nicht gemeint.

Nachdem ich keine weitere Frage sehe, erlaube ich mir jetzt eine und sage, das ist die letzte Frage. Sie haben vorhin sehr deutlich die These aufgestellt: Über das Ob eines Attentats haben wir uns nicht unterhalten, sondern nur über das Wie. Nun weiß man auf der anderen Seite, dass es auch sehr viele Diskussionen gegeben hat über die Rechtfertigung des Attentats. Man weiß, dass auch unter Offizieren darüber gesprochen worden ist, dass, wenn es denn geglückt sei und wenn man das System verändert hätte, dass dann das Attentat gesühnt werden müsse. Man würde sich quasi selbst vor Gericht stellen. Hier wiederum weiß ich auf der einen Seite, dass Freiherr von Moltke mir sagte, Helmut von Moltke sei nie mit dem Attentat einverstanden gewesen.

Da kommt jetzt der Zivilwiderstand mit ins Gespräch. Eugen Gerstenmaier, der Helmut von Moltke als letzter im Gefängnis gesehen hat, sagte mir, im Gefängnis und auf dem Gang zur Vollstreckung des Todesurteils habe Helmut von Moltke das Attentat gebilligt. Ist es so gewesen, dass speziell in der Heeresgruppe Mitte unter von Tresckow das eigentlich kein riesiger Diskussionsgegenstand gewesen war und anderswo schon?

Frhr. v. Boeselager

Als ich zur Tresckow-Gruppe stieß, war die Frage, ob ein Attentat, überwunden. Es war klar, dass. Es war nur die Frage wie. Und zwar wurde erst einmal ein Angriff auf das Führerhauptquartier geprüft. Dann wurde genau untersucht, wie viele Sperrkreise da waren, wie viele Pionierbataillone und die Minen und und und. Es war klar, es musste ein großer Trupp einer starken Division ankommen, um das Führerhauptquartier zu stürmen. Das war unmöglich, ohne dass das bemerkt wurde, infolgedessen schied diese Situation aus.

Dann wurde ein Attentat im Führerhauptquartier geplant. Aber, da war keiner, der das wagte. Deshalb lockte man ihn heraus, und deshalb kam er schließlich am 13. April über Tresckow und Schmundt zur Heeresgruppe Mitte. Das war das Optimale, was man immer erstrebt hatte. Und danach kam er nicht mehr heraus.

Hitler hat ja das Führerhauptquartier nicht mehr verlassen. Deshalb musste jemand gefunden werden, der den Schneid hatte, das Attentat durchzuführen. Und das war schließlich am Schluss der für das Attentat körperlich völlig ungeeignete Stauffenberg.

Aber die Frage ob spielte überhaupt keine Rolle mehr. Ich sagte das ja, man hat das mal so angespielt und der Schlabrendorff hat das lächerlich gemacht, indem er gesagt hat: Wenn hier der Gerichtshof zusammentritt, dann holt die roten Roben aus Leipzig, ohne die kann das Gericht nicht tagen. Er hat sich damit lächerlich gemacht. Es war ja auch lächerlich. Denn es war klar, wie das Gericht geurteilt hätte, nachdem wir von diesen Untaten wussten.

Es musste der eidfreie Zustand hergestellt werden, damit die Soldaten mitmachten. Da musste er umgebracht werden. Was anderes gab es nicht. Aber das war kein Problem mehr zu meiner Zeit. Ich habe mir selbst natürlich schon Gedanken gemacht. Das habe ich Ihnen ja hoffentlich versucht klarzumachen, dass die Entscheidung nicht so einfach war. Ich wäre froh gewesen, wenn ich am Nordpol gewesen wäre und da eine Kompanie gehabt hätte und mit der ganzen Sache nichts zu tun gehabt hätte.

Aber ich war gefragt worden und hatte „ja“ gesagt, damit war die Sache klar. Habe ich damit die Frage beantwortet?

Frage aus dem Publikum

Ich habe mir überlegt, wie ich reagiert hätte in dieser Situation, und ich denke, ich wäre nicht fertig geworden mit der Angst vor einem Misslingen des Attentats und vor der Rache der Nazis danach. Also, wie sind Sie umgegangen mit Ihrer Angst?

Frhr. v. Boeselager

Wie jeder mit seiner Angst umgeht. Man holt sich eine Flasche Cognac und macht ein paar ordentliche Schlucke und dann ist es vorbei.

Prof. Dr. Oberreuter

Ich könnte mir vorstellen, dass das für eine junge Dame nicht der richtige Rat ist, Herr von Boeselager.

Frhr. v. Boeselager

Ich wusste auch nicht, dass Sie ein Attentat planen.

Prof. Dr. Oberreuter

Meine Damen und Herren, ich glaube, wir haben in der Diskussion noch zusätzlich gelernt, dass es wichtig ist, die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und auch die Wertorientierungen mit einzubeziehen, um die richtigen Urteile zu fällen für diese Zeit.

Es ist ja immer sehr ernüchternd festzustellen, dass die Einstellung zu Leben und Tod eine ganz andere war, nicht nur bei den Militärs.

Auch wenn man bei den Geschwistern Scholl nachliest, stellt man sehr deutlich fest, dass der Tod als ganz normale Begleiterscheinung auch eines jungen Lebens in der damaligen Zeit akzeptiert worden ist, und dass man von daher auch sein Leben eingerichtet hat. Man hat ihn nicht in der gleichen Weise behandelt und auch gefürchtet wie heute, weil man eigentlich damit rechnen musste, dass er einen ereilt, an der Front oder auch anderswo.

Die andere Frage ist natürlich gerade für die Offiziere die gewesen, die heute für uns schwer nachvollziehbar ist. Sie haben das noch einmal gesagt am Ende, mit dem eidfreien Zustand. Die starke Orientierung am Staat, das starke Vertrauen, wie auch Bonhoeffer gesagt hat, in eine Obrigkeit, der man, wie Sie herausgearbeitet haben, Unrecht nicht zugetraut hat. Und Bonhoeffer hat ja dann auch geschrieben: Dass das freie Vertrauen missbraucht werden könnte, das wir in eine Obrigkeit investiert haben, das hatten sich die Deutschen eigentlich nicht vorgestellt. Damit, meine Damen und Herren, waren sie natürlich auch auf den Ernstfall nicht vorbereitet. Manche Nichtakademiker übrigens besser als manche Akademiker. Auch das gehört zur Wahrheit der zeitgeschichtlichen Urteilsfähigkeit.

Das - Verzeihung – gesunde Volksempfinden war in der Tat gelegentlich auch das gläubige Volksempfinden und dieses war in der Tat resistenter als mancher hochgezüchtete Intellektuelle in dieser Situation. Aber das ist ein eigenes Kapitel.

Ich habe zum Schluss nur noch sehr herzlich zu danken für diese eindrucksvolle Schilderung, die wir erleben durften, und für Ihre Bereitschaft, Ihre Erlebnisse mit uns zu teilen, und ich gehe davon aus, dass der Herr Präsident mir gestattet, den Dank auch im Namen des Hauses auszusprechen. Herzlichen Dank, Baron von Boeselager!

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