Bayerischer Landtag

15.03.2011 - Akademiegespräch: Ulrich Wilhelm: "Wandlungsprozesse: Demokratie und Medien"

Gegen das Gerede von einer Epoche des „Postjournalismus“ wandte sich der neue Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, beim 42. Akademiegespräch im Bayerischen Landtag. Die klassischen Medien hätten im Internetzeitalter zwar ihr Deutungsmonopol verloren, der Qualitätsjournalismus sei deswegen jedoch kein Auslaufmodell.

Bild: Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Akademiedirektor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter und BR-Intendant Ulrich Wilhelm (rechts) beim 42. Akademiegespräch im Bayerischen Landtag. | Foto: Akademie für Politische Bildung Tutzing
Landtagspräsidentin Barbara Stamm mit Akademiedirektor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter und BR-Intendant Ulrich Wilhelm (rechts) beim 42. Akademiegespräch im Bayerischen Landtag. | © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Landtagspräsidentin Barbara Stamm und Prof. Dr. Heinrich Oberreuter, Direktor der Akademie für Politische Bildung Tutzing, eröffneten das Akademiegespräch im vollbesetzten Senatssaal. „Demokratie braucht informierte, urteilsfähige Bürger. Dazu bedarf es eines verantwortungsvollen Journalismus, der Orientierung gibt, Wesentliches von Unwesentlichem trennt, Fakten prüft und Zusammenhänge darlegt“, betonte die Landtagspräsidentin.

Heinrich Oberreuter kritisierte die zunehmende Inszenierung von politischen Ereignissen. Vielfach zwängen heute die Medien der Politik ihre eigene Tagesordnung regelrecht auf, die „Rückkehr der höfischen Öffentlichkeitsarbeit“ habe Einzug gehalten.

Bild: Referent des 42. Akademiegesprächs: Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks. | Foto: Akademie für Politische Bildung Tutzing
Referent des 42. Akademiegesprächs: Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks. | © Akademie für Politische Bildung Tutzing

Eine „Regierungserklärung“ wolle er bewusst nicht abgeben, sagte der neue Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR) Ulrich Wilhelm gleich zu Beginn des Akademiegesprächs im Bayerischen Landtag. Zunächst komme es darauf an, die Mitarbeiter des BR einzubeziehen. Dazu seien noch viele Gespräche im Sender nötig. Anwesende Journalisten des BR bestätigten denn auch, dass „der neue Intendant zur Zeit sehr viel in den Redaktionen unterwegs sei, viel zuhöre und sich notiere“.

Tatsächlich ist der Handlungsbedarf für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk groß auf seinem Weg in die Online-Welt der digitalen Medien und des interaktiven Internets. Verkrustungen des manchmal schwerfälligen Apparats im föderalen Senderverbund der ARD werden von der Medienkritik beklagt, das junge und jugendliche Publikum schaut immer weniger fern. Und wenn überhaupt, dann am wenigsten ARD und ZDF. In Ostdeutschland liegen die öffentlich-rechtlichen Anstalten bei der Nutzung in allen Altersgruppen hinter den privat-kommerziellen Anbietern RTL und Pro7.

Wilhelm sieht denn auch die „temporeichen Umwälzungen bei Produktion, Nutzung und Programmvermehrung“. Er sorgt sich um den „sozialen Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält“: „Wir müssen ihn suchen, denn ohne gemeinsame Ideen gibt es keine funktionierende Gesellschaft.“ Die Nachmittagsprogramme mit ihren Gerichts- und Krawalltalkshows jedenfalls würden diesen Ansprüchen nicht genügen. Und auch wenn Dschungelcamps, Castingshows für Superstars und Top-Models sehr gute Quoten bringen würden, könne dies für den gebührenfinanzierten Rundfunk kein Maßstab sein.

Immerhin würden Menschen mit einem hohen politischen Interesse zu zwei Dritteln die öffentlich-rechtlichen Sender bevorzugen. Bei weniger politisch Interessierten – und das werden immer mehr – lägen allerdings die Privatsender vorn. Man müsse sich die Frage stellen, wie man Interesse an Politik wecken könne, sagte der frühere Sprecher von Bundeskanzlerin Merkel. Er habe Verständnis für Leute, die nach einem anstrengenden Arbeitstag und einer immer größer werdenden Unübersichtlichkeit der Weltprobleme aus dieser Realität in die Unterhaltung flüchten. Unterhaltung müsse sein, aber auch dafür gebe es Qualitätsmerkmale. „Und die müssen wir liefern. Ich bin überzeugt, dass Qualität ihre Kunden findet“, sagte Wilhelm.

Journalismus kein Auslaufmodell

Auch wenn der Qualitätsjournalismus sich in allen Medien unter Druck befinde, sei er kein Auslaufmodell, betonte der gelernte Journalist Wilhelm. Professionelle Journalisten hätten zwar die alleinige Deutungshoheit im Internet-Zeitalter eingebüßt: „Die Zeit, in der sich Journalisten als Vierte Macht gerieren konnten, ist vorbei.“ Das alte Sender-Empfänger-Modell sei auf den Kopf gestellt worden und jeder könne im Internet weltweit seine Meinung verbreiten – unabhängig von Druck- und Vertriebskosten. „Aber gerade in der immer komplexer werdenden Welt werden wir als Lotsen gebraucht“, sagte Wilhelm, der fünf Jahre Sprecher der Bayerischen Staatsregierung unter Edmund Stoiber war.

Einfluss der PR

Er konstatierte den Personalabbau in Redaktionen – auch bei Qualitätsmedien: „Das geht zu Lasten der Recherche.“ Dagegen stünden die wachsenden Apparate der Public Relations in Politik, Wirtschaft und Verbänden: „Diese Armada trifft auf ausgedünnte Redaktionen.“ Und so bestünde die Gefahr, dass Inhalte der politischen PR direkt, ungefiltert, unkontrolliert und für das Publikum nicht erkennbar in die Medien gelangen. Die Konvergenz der Medien in der Online-Welt habe praktisch jeden Redaktionsschluss aufgehoben. Rund um die Uhr werde gesendet: „Tagesschau und Spiegel-online spielen auf dem gleichen Feld. Themen und Sondersendungen jagen sich. Sie werden schnell versendet. Es fehlt die Nachhaltigkeit“, klagte Wilhelm.

Region und Heimat

Der neue Intendant des BR, der seit Februar 2011 im Amt ist, sieht eine Entfremdung vieler Menschen von der Politik und (unter Berufung auf den Sozialwissenschaftler Bernhard von Mutius) damit eine „Gefährdung unserer Demokratie: Das Denken der Menschen hält nicht mehr Schritt mit den Entwicklungen.“ In einer solchen Situation müssten Politik und Medien gemeinsam Orientierungen vermitteln, ohne dabei einzuengen. Die Medien müssten wieder das Wurzelgeflecht bilden, aus dem die Gesellschaft erwachse. Politik müsse erfahrbar gemacht werden: „Was hat Politik mit meinem Leben und meiner Zukunft zu tun?“ Deswegen werde der Bayerische Rundfunk mit Heimatbezogenheit seine regionale Kompetenz ausweiten: „Wir müssen den Wunsch unseres Publikums nach Erklärung und Überschaubarkeit erfüllen“, sagte Wilhelm. Dazu müssten alle Qualitätsmedien – Rundfunk und Zeitungen – gemeinsam handeln und an einem Strang ziehen. Auch und gerade im Internet.

„Es gibt keine Epoche des Postjournalismus. Damit werde ich mich nicht abfinden“, sagte Wilhelm. „Für umfassende Information durch professionelle Journalisten gibt es in einer freien Gesellschaft keinen Ersatz!“

Akademie für Politische Bildung Tutzing, Michael Schröder

Ulrich Wilhelm, 1961 in München geboren, hat 1983 die Deutsche Journalistenschule mit dem Redakteursdiplom abgeschlossen. Er studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Passau und München. Während des Studiums arbeitete er als freier Journalist, zuletzt in der Chefredaktion des Bayerischen Rundfunks.

1991 trat der Volljurist in den Staatsdienst ein, zunächst im Bayerischen Staatsministerium des Innern. 1993 wechselte er in die Bayerische Staatskanzlei und wurde 1999 Pressesprecher des Ministerpräsidenten und der Bayerischen Staatsregierung. 2004 wurde Wilhelm Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst. 2005 holte Bundeskanzlerin Angela Merkel Wilhelm als Regierungssprecher und Staatssekretär an die Spitze des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung nach Berlin.

Im Mai 2010 wählte ihn der Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks mit 40 von 44 Stimmen zum Intendanten. Ulrich Wilhelm legte seine Regierungsämter nieder. Im Februar 2011 hat er sein Amt als Intendant des BR angetreten.

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