Bayerischer Landtag

29.06.2010 - Akademiegespräch: Wolfgang Huber "Staat - Gesellschaft - Kirche: Zum Gestaltungspotential der Religiosität in Europa"

„Wir müssen mit dem Islam im Geist von Klarheit und guter Nachbarschaft koexistieren. Wir müssen aber auch darauf beharren, dass der Islam die Unterscheidung zwischen Religion und Politik respektiert. Er muss sich den Geist von Religionsfreiheit und Toleranz innerlich aneignen.“ Mit deutlichen Worten umriss Wolfgang Huber beim 39. Akademiegespräch seine Position zum Dialog mit dem Islam und den neuen Herausforderungen, denen sich die christlichen Kirchen angesichts der Migration gegenüber sehen.

Bild: Prof. Dr. Wolfgang Huber (li.), ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und Akademiedirektor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter beim Akademiegespräch der Politischen Akademie Tutzing im Bayerischen Landtag. | Foto: Michael Schröder
Prof. Dr. Wolfgang Huber (li.), ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und Akademiedirektor Prof. Dr. Heinrich Oberreuter beim Akademiegespräch der Politischen Akademie Tutzing im Bayerischen Landtag. | © Akademie für politische Bildung

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und frühere Bischof von Berlin-Brandenburg sprach beim Akademiegespräch im Bayerischen Landtag, einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Akademie für Politische Bildung Tutzing.

Eingangs wies Akademiedirektor und Moderator Heinrich Oberreuter darauf hin, dass in Europa Religiosität in der Gefahr sei, „auszurinnen“: „Europa heiße heute, dass sich Christlichkeit im Säkularen auflöse“. Die Gesellschaft steuere auf einen „Wertrelativismus“ hin: „Die christlichen Milieus werden kleiner, aber die werden gläubiger“, sagte Oberreuter. Es gehe darum, diese Minderheiten zu stabilisieren, ja, sie vielleicht sogar anwachsen zu lassen.

Konflikt zwischen Laizismusr und staatlicher Neutralität

Hubers Vortrag fiel auf den Vorabend einer Verhandlung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, bei dem abermals über die Zulässigkeit von Kruzifixen in italienischen Klassenzimmern verhandelt werden sollte. Im November 2009 hatte das Gericht christliche Symbole in staatlichen Schulen in Italien für unvereinbar mit der Menschenrechtskonvention erklärt. In diesem Urteil sah Huber die gefährliche Tendenz, generell religiöse Symbole aus dem öffentlichen Raum zu verbannen und wagte ein „Gedankenexperiment“: „Man stelle sich vor, alle Kirchen, Klöster, Wegkreuze und auch Einrichtungen der Diakonie sowie christliche Schulen müssten verschwinden!“ Für Huber unvorstellbar. Dies, so Huber, bedeute allerdings keineswegs einen Monopolanspruch der christlichen Kirchen. Er sah vielmehr einen Konflikt heraufziehen zwischen Laizismus hier und staatlicher Neutralität dort.

Aus der Sicht Hubers gibt es derzeit keinen Grund, die deutsche Gesellschaft als „säkular“ zu bezeichnen: „Die säkulare Option ist eine Haltung, die Respekt verdient. Sie ist wichtig in der pluralen Gesellschaft. Aber auch sie darf keinen Alleinvertretungsanspruch erheben“, sagt der Berliner Alt-Bischof.

Man könne den Kirchen nicht abverlangen, dass sie auf ihren herausgehobenen Status als öffentlich-rechtliche Körperschaften verzichten, nur weil Muslime darauf aus ihrem Selbstverständnis keinen Wert legten, fuhr Huber fort. Gleichzeitig sprach er sich für Toleranz gegenüber dem Tragen des Kopftuchs aus. Das gelte aber nicht in gleichem Maße für beamtete Lehrerinnen. Zur Debatte über ein Burka-Verbot in Frankreich sagte Huber: „Freie Menschen zeigen ihr Gesicht!“

Verständnis zeigte der frühere Bischof für die niedersächsische Ministerin Aygul Özkan. Die Muslima hatte bei ihrer Vereidigung die religiöse Beteuerung „So wahr mir Gott helfe“ angefügt. „Die Kritik der Kirche daran hat mich verwundert“, erklärte Huber. Dies sei ihr selbstverständliches Recht. Egal, ob man den Gott der Christen, der Juden oder der Muslime meine. „Dass Gott einer ist, schließt Differenzen im Gottesverständnis nicht aus“.

Huber sprach sich auch für die Zulassung von Lehrstühlen für islamische Theologie aus: „Unter eigenständiger Mitverantwortung der islamischen Verbände können wir hier gemeinsam etwas Gutes bewegen. Es gibt dafür nirgends in Europa bessere Voraussetzungen als in Deutschland“, sagte Huber.

„Europa braucht die Kirchen“

Der Referent bedauerte es, dass es nicht gelungen sei, eine christliche Formel in die Präambel der EU-Verfassung zu schreiben: „ Der Bezug auf die Verantwortung vor Gott und den Menschen bringt die Wertgebundenheit und die soziale Dimension der EU zum Ausdruck.“ Leider gebe es keine Präambel, so Huber. Unabhängig von solchen Entwicklungen dürften die Kirchen in ihrer europäischen Verantwortung nicht nachlassen. Sie müssten darauf drängen, dass sich die Wirtschaftsgemeinschaft zu einem sozialen Europa weiter entwickelt: „Europa braucht die Kirchen“, sagte Huber.

Zur christlichen Ökumene meinte der Referent, dass die Vielfalt einen Reichtum darstelle, nicht nur eine historische Last. Die Kirchen müssten allerdings bei bleibender Verschiedenheit den gemeinsamen Glauben kräftig herausstellen und zusammen für die gleiche Würde aller Menschen „beherzt eintreten“. Es gebe keinen Grund zu „Verzagtheit und Resignation“. Angesichts der Fortschritte und Herausforderungen durch Wissenschaft und Technik gerade im Bereich der Medizin und Biologie sowie des Missbrauchs wirtschaftlicher Macht und einem „Mangel an weitsichtiger und sachgemäßer politischer Regulierung“ seien die Kirchen gefordert. Sie müssten sich auf ihren Auftrag konzentrieren, sich deutlich nach außen zu orientieren – „hin zu den Menschen, die zwar fragen, denen aber die Antwort des christlichen Glaubens fremd geworden ist“.

Michael Schröder, Akademie für politische Bildung Tutzing

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