Bayerischer Landtag

Ausstellungseröffnung „Psychische Erkrankungen im Blick“

Eröffnung der Ausstellung „Psychische Erkrankungen im Blick“ mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner und ihren „Machern“ – Fotografin Herlinde Koelbl (Mitte) und Priv.-Doz. Dr. med. Leonhard Schilbach | Bildarchiv Bayerischer Landtag

22.10.2019
– Isabel Winklbauer –

Mit lebensgroßen Porträts psychisch Kranker gastiert die Fotografin Herlinde Koelbl noch bis zum 15. November im Kreuzgang des Maximilianeums. Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, nahmen die Ausstellungseröffnung zum Anlass, um das Thema „Psychische Erkrankungen“ mit einer Podiumsdiskussion und Gästen aus Sport, Journalismus, Politik und Film „ins Herz der bayerischen Demokratie“ zu holen, wie Aigner sagte.

Im Gespräch: Filmproduzenten Luca Zug (li) und Alexander Spöri (2.v.re.), Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Ausschussvorsitzende Doris Rauscher (re.) | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Mitwirkende (v.li.): Prof. Dr. med Thomas Pollmächer, Priv.-Doz. Dr. med. Leonhard Schilbach, Herlinde Koelbl, Ilse Aigner, und das Filmteam von „Grau ist keine Farbe“ | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Grußwort: Prof. Dr. med. Thomas Pollmächer, President Elect, DGPPN | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Auf dem Podium: Bernhard Seidenath, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, und Doris Rauscher, Vorsitzende des Sozialausschusses | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Große Gesprächsrunde (v.li.): Bernhard Seidenath, Doris Rauscher, Christian Weber, Teresa Enke, Alexander Spöri, Peter Bechmann. Moderation: Gaby Papenburg (re.) | Bildarchiv Bayerischer Landtag
Besucher der Ausstellung im Kreuzgang des Maximilianeums | Bildarchiv Bayerischer Landtag

„Es geht um Krankheiten, die sich im Innern des Menschen verstecken“, leitete Moderatorin Gaby Papenburg den Abend ein, „man sieht sie nicht“. Doch psychische Erkrankung passiere nicht irgendwo, sagte Ilse Aigner in ihrer Eröffnungsrede, „sie findet mitten unter uns statt. Unter Kollegen, unter Freunden, nebenan, jeden Tag. Da müssen wir hinsehen, da müssen wir etwas tun.“

Unter Jugendlichen nehmen Depressionen und Angststörungen zu

Immerhin gibt es rund 4,1 Millionen Menschen mit seelischen Erkrankungen in Deutschland, und insbesondere unter Jugendlichen nehmen Depressionen, Angststörungen und verwandte Krankheiten zu. „Wir wollen mit dieser Ausstellung entstigmatisieren und sensibilisieren“, so Aigner.

Warum dies gelingt, beschrieb anschließend Professor Thomas Pollmächer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, DGPPN. „Niemand von uns ist in der Lage, an Frau Koelbls Fotos zu erkennen, welche der abgebildeten Personen psychisch krank ist und welche nicht“, beschrieb er das Konzept der Fotoschau – in der eben auch die Ärzte der Erkrankten und das sie umsorgende Fachpersonal zu sehen sind, allerdings, wie die Patienten, ohne Hinweis auf ihren Status. Aber wie dann helfen? „Erkannt werden ist eine wesentliche Voraussetzung für Anerkennung“, konstatierte Pollmächer. Er warnte aber auch: „Sachliche Aufklärung alleine schafft keine Teilhabe von Menschen mit psychischer Erkrankung, in manchen Fällen verstärkte sie die Ablehnung sogar. Für echte Teilhabe ist zusätzlich die Offenheit für die konkrete persönliche Begegnung mit diesen Menschen notwendig.“

Petition an den Landtag fordert mehr Aufklärung an Schulen

In einer großen Gesprächsrunde erörterten danach Bernhard Seidenath, die Vorsitzende des Familienausschusses Doris Rauscher, der Journalist und selbst erkrankte Peter Bechmann, die Vorsitzende der Robert-Enke-Stiftung Teresa Enke, der Süddeutsche-Zeitung-Redakteur Christian Weber und der junge Filmemacher Alexander Spöri, Produzent bei den Movie Jam Studios, wie man Betroffenen am besten helfen könne.

Spöris Film „Grau ist keine Farbe“ war den Gästen zum Auftankt der Veranstaltung gezeigt worden, und er bezieht sich vor allem auf den immensen Mangel an Hilfsangeboten und schulischer Aufklärung, dem sich Jugendliche gegenübersehen. „In den letzten Jahren wird Suizid totgeschwiegen“, kritisierte Spöri, „aber wenn man gute Aufklärung betreibt, gibt es auch keine Nachahmer.“ Mit seinen Studiokollegen hat Spöri – bis vor Kurzem noch Gymnasiast – sogar eine Petition an den Landtag eingereicht, in der die Unterzeichner unter anderem eine bessere Bildung für Lehrer zum Thema psychische Erkrankungen sowie mehr Aufklärung in der Schule fordern. Diese Petition wurde in einer Plenarsitzung des Landtags auch gewürdigt. „Der Fuß ist in der Tür. Jetzt heißt es dranbleiben“, freute sich dazu Doris Rauscher. „Wir müssen an den Punkt kommen, wo die Schüler wieder als Mensch wahrgenommen werden, nicht als zu Unterrichtende, aus denen man ein Maximum an Leistung herausholen muss.“

Ausbau von Krisendiensten seit Inkrafttreten
des Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetzes (Psych KHG)

Ihr Kollege Bernhard Seidenath verwies, seinerseits, in Sachen „politisches Engagement“ auf das Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz (Psych KHG), das der Landtag zum Ende der vergangenen Legislaturperiode verabschiedet hat. „Derzeit werden viele Krisendienste ausgebaut“, meldete er zufrieden – musste sich aber Kritik von Peter Bechmann anhören, der darauf verwies, dass der erste Entwurf des Psych KHG psychisch Kranke mit Straftätern gleichgesetzt hatte. „Es besteht noch viel zu sehr die Haltung, man müsse die Bevölkerung vor psychisch Kranken schützen“, warf Bechmann ein.

Teresa Enke, Ehefrau des 2009 durch Suizid verstorbenen Nationalfußballspielers Robert Enke, brachte Zuversicht in die Runde, indem sie von den guten Phasen ihres Mannes berichtete. „Robert hatte zwei Depressionen überstanden, war lange Zeit gesund, bevor die dritte Depression kam“, erzählte sie. „Die Krankheit ist heilbar. Deshalb ist es wichtig, dass Vereine, Institutionen und Unternehmen Kontakte bereithalten, an die sich Erkrankte wenden können.“

„Krisen gehören zum Leben“

SZ-Redakteur Christian Weber wiederum hatte den Mut, die unpopuläre Warnung auszusprechen, man dürfe auch nicht überdiagnostizieren. „Krisen gehören zum Leben“, sagte er, „man muss nicht jeden Oberschüler bitten, in sich eine Depression zu entdecken.“ Für Therapeuten seien außerdem leicht Erkrankte die angenehmeren Patienten, weshalb man die gerne schaffe, wogegen den wirklich schwer Erkrankten dadurch Behandlungskapazitäten verloren gingen.

Herlinde Koelbl schließlich, die Grande Dame der Fotografie und „Chronistin unserer Zeit“, wie Ilse Aigner sie nannte, beschrieb, was an der gezeigten Ausstellung für sie wichtig ist: „Der menschliche Blick. Und der war von den Erkrankten gar nicht leicht zu bekommen. Ich musste ihre Nähe ganz langsam suchen.“ Psychische Erkrankung sei in der Tat eine „Störung sozialer Interaktion“, präzisierte dazu Leonhard Schilbach, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum Düsseldorf. Er hatte Koelbl die Türen für ihr Fotoprojekt geöffnet und lobte: „Es ist sehr angenehm, wenn jemand dazu einmal einen anderen Blickwinkel einnimmt, so wie Frau Koelbl.“

Nach einem Schlusswort von Landtags-Vizepräsident Alexander Hold gingen Bühnen- und Saalgäste durch die Ausstellung und staunten dabei nicht schlecht: Einige der Fotografierten spazierten unter ihnen herum und standen auch für Gespräche zur Verfügung.

Die Bilder der Ausstellung sind noch bis zum 15. November im Kreuzgang des Maximilianeums zu sehen | Bildarchiv Bayerischer Landtag

Ausstellungsdauer:
Donnerstag, 10.10.2019, bis Freitag, 15.11.2019, im Kreuzgang des Bayerischen Landtags

Öffnungszeiten:
Montag bis Donnerstag von 9.00 bis 16.00 Uhr und Freitag von 9.00 bis 13.00 Uhr

Größere Besuchergruppen werden gebeten, sich vorher anzumelden; Informationen dazu unter Ihr Besuch im Landtag

Wir möchten darauf hinweisen, dass in wenigen Ausnahmefällen beim Zugang zur Ausstellung aus parlamentarischen Gründen oder wegen eines erhöhten Besucheraufkommens mit Wartezeiten zu rechnen ist.

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