Bayerischer Landtag

18.03. - 08.05.2013 - Ausstellungen „Generationen – KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen“ und „Blickwinkel"

Zeitzeugen-Gespräche und Fotos gegen das Vergessen

Bild: Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (rechts) im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor. | Foto: Rolf Poss
Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (rechts) im Gespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

– Von Katja Helmö –

Zwei Foto-Dokumentationen mit den Titeln „Generationen – KZ-Überlebende und die, die nach ihnen kommen“ und „Blickwinkel – Dachauer Jugendliche in der Auseinandersetzung mit dem Ort“ sind im Ausstellungsfoyer/Westpforte des Maximilianeums zu sehen. Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet eröffnete im Beisein der Zeitzeugen Abba Naor, Ernst Grube und Karl Rom die Doppel-Ausstellung, in der eindringliche Bilder den Blick für das Holocaust-Geschehen schärfen. Schülerinnen und Schüler des Dürer-Gymnasiums aus Nürnberg hatten zuvor die Gelegenheit, mit den drei Zeitzeugen über deren Erlebnisse während der NS-Diktatur und den Wert der Erinnerungsarbeit zu sprechen.

Bild: Bilder der Ausstellung: Zu sehen sind Fotos ehemaliger KZ-Häftlinge zusammen mit jungen Menschen. | Foto: Rolf Poss
Bilder der Ausstellung: Zu sehen sind Fotos ehemaliger KZ-Häftlinge zusammen mit jungen Menschen. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Die erste Ausstellung mit dem Kurztitel „Generationen“ zeigt Fotos ehemaliger KZ-Häftlinge zusammen mit jungen Menschen, denen der Umgang mit der NS-Vergangenheit nicht gleichgültig ist. Der Fotograf Mark Mühlhaus hat dazu an Gedenkstätten in Deutschland, Österreich und Polen unzählige Male den Auslöser seiner Kamera gedrückt und Momente der Begegnung und des Dialogs zwischen ehemaligen KZ-Häftlingen und nachfolgenden Generationen festgehalten. „Der Blick der Kamera offenbart dabei Dinge, die das Auge oft nicht erkennt. Er erzählt von Betroffenen, die sich mühen, ihre schrecklichen Erfahrungen in Worte zu fassen. Und er erzählt von jungen Menschen, die den Betroffenen mit Empathie begegnen, sie auf ihrem gedanklichen Weg aus der unvorstellbaren Hölle begleiten und ihnen ein Stück jener Menschlichkeit zurückgeben, die ihnen die Nazis genommen hatten“, erklärte Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet bei der Vernissage im Landtag.

Von der passiven Annäherung zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Holocaust

Die Aufnahmen inspirierten Dachauer Jugendliche dazu, sich ebenfalls künstlerisch mit dem Ort des Grauens, dem KZ Dachau, auseinanderzusetzen. Bei einem Workshop mit dem Fotografen Mark Mühlhaus lernten Schülerinnen und Schüler des Dachauer Josef-Effner-Gymnasiums zusammen mit Bundesfreiwilligen des Max-Mannheimer-Studienzentrums und der KZ-Gedenkstätte Dachau nicht nur, wie man mit einer Spiegelreflexkamera umgeht, sondern auch, wie man Geschichten erzählt und seinen persönlichen Blickwinkel in den Fotos umsetzt. Entstanden ist daraus die zweite Fotoausstellung mit dem Titel „Blickwinkel“, die nun ebenfalls im Landtag gezeigt wird. „Mit Ihrer Erinnerungsarbeit, liebe Jugendliche, sorgen Sie dafür, dass das Gedenken lebendig bleibt. Sie begeben sich vor Ort auf die Suche nach Spuren und setzen sich dafür ein, dass das Band der Erinnerung nicht reißt“, hob Reinhold Bocklet in seiner Ansprache hervor. Helene Middelhauve, Schülerin des Dachauer Gymnasiums, bestätigte: „Aus einer zunächst passiven Annäherung ist eine aktive Auseinandersetzung mit dem Holocaust geworden.“

Bild: Berichteten von ihren Erlebnissen: die Zeitzeugen Abba Naor (3.v.r.), Karl Rom (2.v.r.) und Ernst Grube (r.). | Foto: Rolf Poss
Berichteten von ihren Erlebnissen: die Zeitzeugen Abba Naor (3.v.r.), Karl Rom (2.v.r.) und Ernst Grube (r.). | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Zeitzeugen – noch haben sie eine Stimme, noch finden sie Gehör

Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, rückte in seinem Grußwort die Zeitzeugen in den Mittelpunkt. Diese hätten noch eine Stimme. Und noch fänden sie Gehör. Doch wie solle es weitergehen, wenn die Überlebenden nicht mehr da sind und die Weitergabe der Erinnerung ohne sie auskommen müsse, fragte Dr. Jörg Skriebeleit. Als Antwort darauf zitierte er aus dem „Vermächtnis der Überlebenden Deutscher Konzentrationslager“ vom Januar 2009, in dem die Überlebenden die jungen Menschen bitten, „unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Faschismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen“.

Mit dem gleichen Anliegen hatten sich zuvor in einer Gesprächsrunde die drei Holocaust-Überlebenden Abba Naor, Ernst Grube und Karl Rom auch an die Schülerinnen und Schülern des Dürer-Gymnasiums aus Nürnberg gewandt. An dem Gespräch nahmen auch die Abgeordneten Johanna Werner-Muggendorfer (SPD) und Theresa Schopper (Bündnis 90/Die Grünen) teil. Mit bewegenden Worten berichteten die Zeitzeugen von ihren Erlebnissen während der NS-Dikatur. Abba Naor hat in den Konzentrationslagern Kaunas, Stutthof und Dachau unvorstellbar Schreckliches erlebt und erlitten. Ernst Grube kam als Kind in ein jüdisches Kinderheim und überlebte das Konzentrationslager Theresienstadt. Karl Rom kam aus dem jüdischen Ghetto in Kaunas ins Dachauer Außenlager Kaufering, um unter menschenunwürdigen Bedingungen in den Bunkerbauwerken des „Kommandos Kaufering“ zu arbeiten. „Jedes Mal erzählen, heißt auch, das jedes Mal wieder neu zu durchleben“, erklärte Abba Naor. Auf die Frage des Schülers Jan Halbig, woher die Überlebenden die Kraft für die schmerzvolle Gedenkarbeit nähmen, antwortete Abba Naor den Jugendlichen: „Ihr gebt uns die Kraft. Wir haben die Pflicht zu erzählen, solange wir die Kraft haben, zu erzählen.“

Eröffnete die beiden Foto-Ausstellungen: Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet. | Foto: Rolf Poss
Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, zitierte aus dem Vermächtnis der Überlebenden Deutscher Konzentrationslager. | Foto: Rolf Poss
Nutzten die Gelegenheit, zuzuhören und den Zeitzeugen Fragen zu stellen: Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte des Dürer-Gymnasiums aus Nürnberg. | Foto: Rolf Poss
Helene Middelhauve, Schülerin des Josef-Effner-Gymnasiums in Dachau, berichtete, wie es zum Projekt Blickwinkel kam. | Foto: Rolf Poss
Gemeinsam gegen das Vergessen: Mitwirkende und Besucher der Ausstellung, die Erster Landtagsvizepräsident Reinhold Bocklet (vorne, Mitte) am 18. März 2013 im Maximilianeum eröffnete. | Foto: Rolf Poss
Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, im Interview mit BR-Landtagskorrespondent Rudi Erhard. | Foto: Rolf Poss
Bild: Nach der Ausstellungseröffnung: Gedränge vor den Exponaten. | Foto: Rolf Poss
Nach der Ausstellungseröffnung: Gedränge vor den Exponaten. | © Bildarchiv Bayerischer Landtag

Die Ausstellung über die Gedenkarbeit ist bis zum 08. Mai 2013 im Ausstellungsfoyer an der Westpforte des Maximilianeums zu sehen.

Öffnungszeiten im Maximilianeum: jeweils Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr und Freitag von 9 bis 13 Uhr. An den Wochenenden sowie an Feiertagen ist geschlossen. Verkehrsverbindung Linien U4 / U5 Station Max-Weber-Platz oder Tram Linie 19, Haltestelle Maximilianeum.

Der Eintritt ist frei.

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