Bayerischer Landtag

02.03.2012 - Landtagspräsidium unterwegs in Mittelfranken: Profilschule Inklusion in Cadolzburg als vorbildlich erlebt

- Von Heidi Wolf -

Die Volksvertretung kam zum Volk. Einen Tag lang war das Präsidium des Bayerischen Landtags unterwegs in Mittelfranken, um sich selbst ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. An der Kooperationsschule Cadolzburg und bei der Lebenshilfe Nürnberger Land bekam das Gremium mit Präsidentin Barbara Stamm an der Spitze einen kleinen Einblick, wie Inklusion funktioniert. In Cadolzburg lernen förderbedürftige Schüler gemeinsam mit Schülern aus der Regelschule. In der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber (ZAE) in Zirndorf informierten sich die Politikerinnen und Politiker, wie weit der bayerische Asylkompromiss greift und wo noch immer Defizite bestehen. Zirndorf und München sind die zwei Aufnahmeeinrichtungen in Bayern, in denen die Flüchtlinge nach ihrer Einreise bis zu drei Monate bleiben müssen. Vor ein paar Wochen war die ZAE in Zirndorf heillos überbelegt; derzeit reichen die vorhandenen Plätze aus. Allen Beteiligten aber war klar, dass sich die Situation angesichts steigender Asylbewerberzahlen von einem Tag auf den anderen wieder ändern kann. Die Firma Schaeffler in Herzogenaurach, die zu den vier innovativsten Unternehmen in Deutschland zählt, gewährte dem Landtagspräsidium einen Einblick in ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Der Besuch schloss am Abend mit einem Empfang für 500 Gäste aus allen gesellschaftlichen Gruppen im historischen Rathaussaal in Nürnberg.

Die erste Station auf dieser Tour durch Mittelfranken war die Kooperationsschule Cadolzburg. Hier arbeiten die Mittelschule und das Förderzentrum Dillenbergschule schon seit 2006 eng zusammen, haben in Eigeninitiative ein Konzept entwickelt, um die Chancengleichheit von Kindern mit Behinderung zu fördern. Der lange vernachlässigte Gang zwischen den beiden benachbarten Schulen ist seitdem zum Symbol für das neue Miteinander geworden, das sich seit September 2011 auch im Namen „Profilschule Inklusion“ ausdrückt, der einzigen in Mittelfranken. Die Kinder warteten schon gespannt auf die Gäste aus München und auf die Abgeordneten aus der Region. Bereitwillig ließen sie sich in die Hefte schauen, übersetzten unbekümmert kleine Sätze ins Englische. Drei Buben saßen vor der Tafel in einem kleinen Kreis, beantworteten halblaut Fragen der Lehrerin. Nach ein paar Minuten kam eine andere Gruppe an die Reihe, während die anderen Schülerinnen und Schüler an langen Tischen ihre Aufgaben abarbeiteten. „Ich hole mir jeweils drei oder vier Kinder an eine Station, um intensiv mit ihnen zu arbeiten, während sich die anderen selbst beschäftigen“, schilderte die Lehrerin die Unterrichtsmethode, die in der Kooperationsklasse praktiziert wird. Drei bis vier Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bekommen in der Regelklasse eine Chance.

Eine Besonderheit in Cadolzburg ist die Tandemklasse. Zwölf Regelschüler und – schülerinnen und neun Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden von einer Lehrkraft aus der Mittelschule und einer Sonderpädagogin gemeinsam unterrichtet. „Wir profitieren unglaublich voneinander, können die Kompetenzen der Kolleginnen und Kollegen im Förderzentrum voll nutzen“, berichteten Dr. Norbert Autenrieth von der Mittelschule Cadolzburg, seine Stellvertreterin Birgit Lämmermann und Jutta Weber, die Konrektorin des Förderzentrums. Sie konnten eine beachtliche Erfolgsbilanz vorlegen: Im vergangenen Schuljahr verließ nur ein einziger Schüler die Schule ohne Abschluss; alle bekamen einen Ausbildungsplatz. Auf der Suche nach dem richtigen Beruf werden sie professionell begleitet. Im Rahmen des Projekts „Schülercoaching“ stehen Ehrenamtliche den Kinern und Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite. Sämtliche Vereine aus den Gemeinden, die zum Schulverband gehören, bestreiten das Ganztagsangebot. Als Beispiel wurde hier die Ausbildung der Jugendfeuerwehr genannt. „Die Leute waren der Inklusionsschule gegenüber sehr aufgeschlossen“, berichtete Dr. Norbert Autenrieth. Seine Bilanz: „Hier klappt es wunderbar, weil alle an einem Strang ziehen.“ Man sei dankbar für den Inklusionsbeschluss des Landtags, der letzten Endes die Anerkennung als „Profilschule Inklusion“ gebracht habe.

Die Mitglieder des Präsidiums zeigten sich von dem Angebot beeindruckt, das den einzelnen Schüler in den Mittelpunkt stellt. Allerdings seien in Zukunft noch mehr unkonventionelle Lösungen notwendig, um gerade den Inklusionsschulen das Leben zu erleichtern. Das beginne bei den Investitionen für Baumaßnahmen und reiche bis zu den Transportkosten.

Mehr Geld für Asylsozialarbeit

In der Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf schilderten Regierungspräsident Dr. Thomas Bauer und Leiter Werner Staritz die Probleme, die vor allem bei Überbelegung entstehen. „In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir am Limit gearbeitet“, berichtete Staritz. Im Januar 2012 lebten noch 680 Menschen in der Einrichtung; in den vergangenen vier Wochen sei die Zahl auf 380 gesunken. „Das ist aber nur eine Momentaufnahme“, betonte Staritz, der sich sicher ist, dass angesichts der weltweiten Entwicklung die Zahl der Flüchtlinge in der nächsten Zeit wieder ansteigen werde. Die Einrichtung brauche dringend mehr Personal, um die anstehenden Aufgaben zu bewältigen. In den vergangenen Jahren sei die Mitarbeiterzahl um ein Drittel gekürzt worden, schilderte Staritz das Dilemma. Als positiv wurde die Entscheidung des Haushaltsauschusses im Bayerischen Landtag gewertet, die Gelder für die Asylsozialarbeit von bisher 1,4 Millionen Euro auf künftig 2,6 Millionen Euro zu erhöhen.

Ein großes Manko sei, dass in den Gemeinschaftsunterkünften keinerlei Kinderbetreuung und auch sonst wenig Betreuung stattfänden, erfuhren die Mitglieder der Delegation. In diese Unterkünfte wechseln die Flüchtlinge nach ihrer Zeit in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung. Landtagspräsidentin Barbara Stamm erhofft sich gerade in diesem Punkt vom bayerischen Asylkompromiss wesentliche Erleichterungen: Dieser Kompromiss sieht vor, dass Familien und alleinstehende Eltern mit Kindern aus den Gemeinschaftsunterkünften in eigene Wohnungen umziehen dürfen, sobald ihr Asylverfahren abgeschlossen ist. Elf Prozent der Asylbewerber könnten derzeit dieses Angebot nutzen – tun es aber nicht, weil sie keine Privatwohnungen finden. „Hier sind vor allem die gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften gefragt“, betonte Landtagspräsidentin Barbara Stamm. Ihr Versprechen an die Flüchtlinge: „Wir wollen im Landtag dazu beitragen, der Würde der Menschen gerecht zu werden.“

Die Mitglieder des Präsidiums machten in Zirndorf auch einen Rundgang durch den Kindergarten, der an fünf Tagen wenigstens für zweieinhalb Stunden geöffnet ist, um ein bisschen Abwechslung in den Alltag zu bringen. Caritas und evangelische Kirche machten das möglich; die Rummelsberger Dienste kümmerten sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Erfolgsmeldungen bei Schaeffler

Bei der Schaeffler AG in Herzogenaurach hörten die Mitglieder des Präsidiums viele Erfolgsmeldungen. Der Maschinenbaukonzern mit rund 74 000 Mitarbeitern an 180 Standorten in 50 Ländern gehört inzwischen wieder zu den vier innovativsten Unternehmen in Deutschland und meldet jährlich 1 600 Patente an, berichtete Professor Peter Pleus, Bereichsvorstand Automotive. Derzeit arbeite man unter anderem an CO²-Reduzierung und Reibungsoptimierung. Wo Schaeffler derzeit die Nase vorn hat, erfuhren die Mitglieder der Delegation bei einer Führung durch das Forschungs- und Entwicklungszentrum. Der Konzern, der in den Jahren 2008 und 2009 vor dem Hintergrund der Finanz- und Wirtschaftskrise mit der Übernahme des Reifenherstellers Continental in Existenznöte geraten war, ist wieder in der Erfolgsspur nach dem Motto „Wir bewegen die Welt.“

Positive Berichte gab es auch von der Lebenshilfe Nürnberger Land, die in Lauf an der Pegnitz angesiedelt ist. Der Verein gehört mit 22 Einrichtungen, 770 Arbeitsplätzen und einer Bilanzsumme von 30 Millionen Euro zu den TOP 3 in Bayern, informierte Fachbereichsleiter Norbert Hanke. Seit über 20 Jahren kümmere sich die Lebenshilfe um die Inklusion von Kindern mit Behinderung, habe deshalb integrative Kindergärten in Röthenbach und Hersbruck geschaffen. Wie erfolgreich Frühförderung verlaufen kann, machte Ergotherapeut Bernd Mirbach am Beispiel eines Buben deutlich, der inzwischen einen Regelkindergarten besucht. Mirbach begleitet ihn einmal pro Woche, beobachtet Fortschritte und Defizite, um die Umwelt für das Kind möglichst passend zu machen. Vor drei Jahren habe man auch erfolgreich mit der Reittherapie für auffällige Kinder begonnen und eine eigene Reitanlage gebaut. Die Erfolge seien phantastisch. „Trotzdem schreiben wir rote Zahlen, mussten eine Stelle schließen und das darf einfach nicht sein“, sagte Vorstandsvorsitzender Gerhard John. Das große Problem seien die gesetzlichen Krankenkassen, welche die medizinisch-therapeutischen Leistungen nur ungenügend finanzierten. Verhandlungen auf höchster Ebene seien bisher ergebnislos verlaufen. Die Bitte an das Landtagspräsidium: Jeder und jede soll an seiner bzw. ihrer Stelle schieben und vor allem auf die AOK einwirken!

Der Abend endete schließlich mit einem Empfang im historischen Rathaussaal in Nürnberg. Über 500 Gäste – vor allem Ehrenamtliche - nutzten die Chance, mit den Mitgliedern des Landtagspräsidiums ins Gespräch zu kommen. Diese nahmen wertvolle Anregungen für ihre Arbeit im Landtag mit.

Mitglieder des Präsidiums und Abgeordnete aus der Region beim Besuch der Kooperationsschule Cadolzburg. | Foto: Rolf Poss
Die Delegation auf dem Weg zur Zentralen Aufnahmeeinrichtung für Asylbewerber in Zirndorf. | Foto: Rolf Poss
Bei einem Arbeitsessen im Gasthof Rottner wurden u.a. ehrenamtliches Engagement, Familienpolitik, Bildung und Infrastruktur erörtert. | Foto: Rolf Poss
Rundgang durch die Abteilung Forschung und Entwicklung der Firma Schäffler | Foto: Rolf Poss
Die Frühförderung wird in einem praktischen Beispiel vorgestellt | Foto: Rolf Poss
Landtagspräsidentin Barbara Stamm begrüßte die Gäste beim Abendempfang im Historischen Rathaussaal in Nürnberg | Foto: Rolf Poss
Abendempfang im Historischen Rathaussaal in Nürnberg | Foto: Rolf Poss
 
 
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